
Startseite
BLOCK 1
1. Informationen über den Aufruf und die Initiative "Für das Freie Wort"
2. Kurze Zusammenfassung des Artikels von Thomas Deichmann
3. Ausführlichere Zusammenfassung des Artikels von Deichmann und der Entwicklungen im Rechtsstreit ITN gegen LM.
4. Stellungnahme des LM-Herausgebers Mick Hume zur Klage von ITN
5. Eckdaten des Rechtsstreits ITN vs. LM
BLOCK 2
6. Das Original von Deichmann und seine weiterführenden Texte in Novo
7. Die Kontroverse in Deutschland
8. Autoren kommentieren den Fall in Novo
9. Analysen von Deichmann im Ausland
10. Dokumentation des Rechtsstreits auf der LM-Website
11. Sympathisanten und Gegenstimmen in Großbritannien
12. Internationale Resonanz
13. Publikationsorte des Artikels von Deichmann

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Britische Verleumdungsgesetze:
Zensur zum Mieten
Mit einer Gerichtsklage reagierte ITN auf die Veröffentlichung
eines Artikels von Thomas Deichmann im britischen Magazin LM. Der Nachrichtensender
berief sich dabei auf das Verleumdungsgesetz. Das zeigt, wie diejenigen, die über
das nötige Kleingeld verfügen, sich bei den Gerichten Immunität gegen jede Kritik
erkaufen können. Helen Searls and Daniel Lloyd sprachen mit Dan Mills von der
"McLibel"-Unterstützungskampagne. Sie fanden heraus, weshalb die Briten
wegen ihrer Verleumdungsgesetze von den Reichen und Mächtigen überall auf der
Welt beneidet werden.
Für Ende Mai wird damit gerechnet, dass Richter Bell das endgültige Urteil
im längsten Prozess der englischen Rechtsgeschichte spricht. Nach 25 Monaten der
Vernehmung und acht Wochen Plädoyers, muss er darüber befinden, ob Helen Steel
und Dave Morris von London Greenpeace (ein Vegetarierkollektiv, das nichts
mit Greenpeace International zu tun hat) McDonalds in ihrem sechsseitigen
Infoblatt mit dem Titel "Was bei McDonalds faul ist? Alles, was sie nicht
wissen sollen" verleumdeten.
Dan Mills gab seinen Job als Anwalt auf, um ganz für die "McLibel"-Unterstützungskampagne
zu arbeiten, als der Prozess gerade anfing. Er hatte keine Ahnung, worauf er sich
da einließ:
"Wir brauchten jemanden, der die Koordination des Büros übernahm. Ich
arbeitete damals in einer Anwaltskanzlei und war damit nicht sonderlich zufrieden.
Als mein Vertrag endete, erklärte ich mich bereit, ganztags für die Kampagne zu
arbeiten. Mein ganzes Leben wurde damit in Beschlag genommen. Der Prozess sollte
eigentlich nur drei Monate dauern. Niemand ahnte, dass er sich so lange hinziehen
würde."
Dan Mills glaubt, dass das Gericht und McDonalds annahmen, der Fall würde den
gleichen Verlauf nehmen wie die meisten ähnlichen Fälle und die Kläger würden
leichtes Spiel haben: "McDonalds zeigte sich sehr arrogant. Selbst nachdem
der Prozess schon eine ganze Weile lief, dachten sie noch, sie könnten einen glatten
Durchmarsch machen."
Die Angeklagten mussten sich selbst verteidigen, da niemand Geld hatte und
es bei Verleumdungsfällen keine Rechtshilfe gibt. "McDonalds nahm schlicht
an, dass sie bald von selbst aufgeben würden."
Der "McLibel"-Prozeß ist nicht nur wegen seiner Länge bemerkenswert.
Was immer man vom umstrittenen Infoblatt denken mag, der Fall eignet sich hervorragend,
um aufzuzeigen, wie das britische Verleumdungsgesetz von den Reichen und Mächtigen
genutzt wird, um Kritiker mundtot zu machen. Statt auf die Kritik zu antworten,
die in besagtem Infoblatt vorgebracht wurde, benutzte McDonalds die Justiz, um
seine Kritiker einzuschüchtern – und das nicht zum ersten Mal. Schon bevor
irgendwer den Begriff "McLibel" prägte, hatte McDonalds den Ruf, jeden
zu verklagen, der der Firma irgendwie in die Quere kam.
"McDonalds war mit seinen Verleumdungsklagen eine ganze Zeit lang äußerst
erfolgreich", sagt Dan Mills: "Jeder, der es in den 80ern wagte, die
Firma zu kritisieren, wurde entweder mit einer Verleumdungsklage bedroht oder
tatsächlich verklagt. Dies erwies sich als sehr effektive Methode, Menschen zum
Schweigen zu bringen. Jeder entschuldigte sich, gab nach oder blieb bei dem Versuch,
den Prozess zu führen, auf der Strecke, denn das Gesetz bevorteilt ganz eindeutig
den Kläger", so der Rechtsexperte weiter.
"Es ist ein wahres Glücksspiel, in einem solchen Fall die Verteidigung
zu übernehmen. Organisationen wie die BBC oder der Guardian müssen den
Schaden einschätzen, den sie davontragen können. Die meisten Zeitungen wie der
Guardian können sich nur auf zwei oder drei Verleumdungsklagen im Jahr
einlassen und müssen sich gut überlegen, auf welche. Sie entschieden, sich zurückzuziehen.
McDonalds verbreitete gehörig Angst, sodass zunächst niemand wagte, irgendetwas
darüber zu schreiben. Jeder wusste, wie streitsüchtig sie waren – etwa wie
Robert Maxwell. So waren sie bis heute sehr erfolgreich mit ihren Androhungen
und Verweisen auf das Verleumdungsgesetz."
Als Anwalt zweifelt Dan Mills nicht an der Ungerechtigkeit des Libel-Gesetzes:
"Ich denke, die meisten Anwälte würden zustimmen, dass es äußerst hart und
repressiv ist. Die gesamte Beweislast fällt auf den Angeklagten. Es gibt keine
Rechtshilfe für die Verteidigung. Damit wird es zum Vorrecht der Reichen und Mächtigen."
Mills weist darauf hin, dass die britische Verleumdungsgesetzgebung weithin
als die repressivste innerhalb der westlichen Staaten gilt: "Man muss sich
nur die Fälle anschauen, wo die vermeintliche Verleumdung hauptsächlich im Ausland
erfolgte, aber weil ein paar Hefte des Magazins oder der Zeitung in Großbritannien
verkauft wurden, dennoch hier geklagt wird. Viele solcher Verleumdungsprozesse
werden nur deshalb in Großbritannien geführt, weil die Kläger wissen, dass hier
ihre Chance zu gewinnen, weit größer ist als anderswo."
"Libel" heißt so viel wie schriftliche Verleumdung, und das umstrittene
Schriftstück wird hierzulande auch als Schmähschrift bezeichnet. "Slander"
ist der britische Rechtsbegriff für eine mündliche Beleidigung oder Verleumdung.
"Libel" fällt somit wie "Slander" unter das britische Verleumdungsgesetz.
Rechtsgrundlage für Verleumdungsklagen bietet also dieses Gesetz – der so
genannte "Defamation Act" (auf Deutsch Diffamierungsgesetz). Auf dem
Papier sieht dieser "Defamation Act" durchaus fair aus. Auf das Gesetz
kann sich jeder berufen, der der Meinung ist, seinem Ruf sei durch Äußerungen
anderer geschadet worden. Ursprünglich wurde der Act als zivilisiertere Alternative
zum Duell mit Pistole und Degen eingeführt. Die Kläger müssen im Prozess nachweisen,
dass die Äußerungen des Angeklagten geeignet sind, ihrem Ruf bei rechtschaffenen
Mitgliedern der Öffentlichkeit Schaden zuzufügen. Verlage, Rundfunksender und
Schriftsteller können ihre Äußerungen verteidigen, indem sie nachweisen, dass
sie gerechtfertigt waren, entweder weil sie der Wahrheit entsprechen, oder weil
sie einen angemessenen Kommentar auf Basis wahrer Fakten darstellen.
Beschäftigt man sich mit der Sache allerdings etwas genauer, erkennt man, wie
undemokratisch die Gesetzgebung hier ist. Ebenso wie das Duell Vorrecht des Adels
war, so folgt auch die Verleumdungsgesetzgebung dem Interesse der heutigen Eliten.
Auf dem Papier erscheinen alle gleichberechtigt, doch in der Praxis sieht es anders
aus.
Zunächst einmal entstehen hohe Kosten. Verleumdungsfälle sind berüchtigt für
ihre Komplexität. Bevor die Sache überhaupt vor Gericht geht, kann es zu einer
ganzen Reihe von Vorab-Vernehmungen kommen, um Details zu klären. Der "McLibel"-Prozeß
begann erst nach 28 derartigen Vernehmungen. Jeder Schritt erfordert hierbei teure
Anwälte; die wenigsten Menschen können es sich daher leisten, solch einen Fall
überhaupt bis zur Hauptverhandlung vor Gericht zu bringen. Wenn man so weit ist,
kommt ein weiterer Kostenfaktor hinzu. Verleumdungsklagen können nämlich nur vor
einem Hohen Gerichtshof ("High Court") verhandelt werden. Dies hat auch
zur Folge, dass nur einige wenige, sehr teure Spezialanwälte diese Fälle übernehmen.
McDonalds, so wird berichtet, zahlte seinen Anwälten 6500 Pfund für jeden Gerichtstag.
Wenn diese Summe stimmt, kostete der Prozess allein McDonalds über 2 Millionen
Pfund. Die Angeklagten dagegen, eine Gastronomieangestellte und ein Gärtner, waren
gezwungen, sich selbst zu verteidigen, da sie kein Geld für Experten hatten. Der
"McLibel"-Fall mag untypisch sein, doch nach Schätzungen eines Anwalts
dürfte sich kaum ein Verleumdungsprozess mit weniger als 200.000 Pfund Kosten
auf jeder Seite führen lassen.
Diese immense Kostenlast auf der Seite des Angeklagten führt dazu, dass nur
wenige Fälle tatsächlich vor Gericht kommen. In den meisten Fällen genügt es,
dass der Beschwerdeführer eine gerichtliche Klage veranlasst oder auch nur per
Brief Klage androht, und die Sache wird in wenigen Wochen außergerichtlich geregelt.
Wer es sich leisten kann, bringt auf diese Weise seine Kritiker sehr schnell dazu,
einen Rückzieher zu machen, sich zu entschuldigen, die Kosten des vermeintlichen
Schadens zu übernehmen und zu versprechen, die beanstandeten Äußerungen niemals
zu wiederholen.
Doch es sind nicht allein die Kosten, weswegen das Verleumdungsgesetz ungerecht
ist. Im Gegensatz zu anderen Fällen liegt in einem solchen Prozess wegen schriftlicher
Verleumdung die Beweislast weitgehend beim Angeklagten. Der Kläger muss nur plausibel
machen, dass die Äußerungen geeignet sind, seinen guten Ruf zu schädigen. Er muss
noch nicht einmal einen tatsächlichen Schaden nachweisen. Der Angeklagte dagegen
muss nachweisen, dass sämtliche Äußerungen voll und ganz der Wahrheit entsprechen.
Oft befindet sich wichtiges Beweismaterial dabei in den Händen des Klägers, und
es ist ihm überlassen, ob er es freigibt oder nicht. Wenn es den Angeklagten nicht
gelingt, den Nachweis der Wahrheit für ihre Äußerungen gegenüber dem Gericht zu
erbringen, verlieren sie den Prozess – selbst wenn jedes einzelne geschriebene
Wort wahr ist. Kein Wunder also, dass der größte Teil der Fälle, die vor Gericht
kommen, vom Kläger gewonnen wird.
Die britischen Libel-Gesetze spielen eine unrühmliche Rolle, wenn es darum
geht, öffentliche Diskussion und Kritik zu unterdrücken. Die meisten Verleumdungsfälle
scheinen sich um das Sexualleben irgendwelcher Berühmtheiten zu drehen. Wenn es
um nicht mehr als diese ginge, bräuchte man sich um diese Gesetze nicht weiter
zu kümmern. Als Spielregeln für den frivolen Zeitvertreib der Superreichen wären
sie zwar unfair, aber belanglos. Der "Defamation Act" zielt jedoch nicht
nur darauf, den guten Ruf von Privatpersonen zu schützen. Er kann ebenfalls von
Personen des öffentlichen Lebens und den meisten Institutionen benutzt werden,
um offene Kritik an ihnen zu verhindern und zu bestrafen. Dies ist ein besonderes
Kennzeichen der britischen Rechtsprechung, das dazu beiträgt, dass die Reichen
und Mächtigen überall auf der Welt neidisch gen England schauen.
McDonalds und nun auch ITN stehen in der unrühmlichen Tradition von prominenten
Einzelpersonen und Organisationen, die Verleumdungsgesetze ausnutzten, um ihr
schmutziges Geschirr vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Ein gutes Beispiel ist
COPEX – ein Unternehmen, das die "Covert Operations Procurement Exhibition"
organisiert. Dies ist eine Art Messe, auf der sich die Polizei- und Geheimdienstchefs
der Welt ihre High-Tech-Unterdrückungs- und Überwachungsausrüstung kaufen. COPEX
hat unter anderem ein Schulmädchen und einen Rentner verklagt, weil sie einen
Brief an den Messe-Chef schrieben, in dem sie Kritik daran äußerten, dass gefährliche
Waren an Unterdrückerregimes verkauft würden.
In den USA ist die Rechtslage anders. Hier kann eine kritisierte Person des
öffentlichen Lebens (beispielsweise ein Politiker) nur dann wegen Verleumdung
vor Gericht gehen, wenn sie zuvor den Nachweis erbringt, dass die besagten Äußerungen
in böswilliger Absicht gemacht wurden. In Großbritannien dagegen sind einzig staatliche
Organisationen nicht in der Lage, auf Verleumdung zu klagen. Jede andere Person
oder Institution kann das Gesetz benutzen, um sich gegen Kritik zu immunisieren.
Selbst Polizisten ist es erlaubt, die öffentliche Debatte über ihr Vorgehen zu
unterbinden. Der Polizeiverband hat ein siebenstelliges Budget für solche Fälle
zur Verfügung und hat in weniger als drei Jahren 95 Verleumdungsklagen angestrengt.
Wie ein Kritiker der Libel-Gesetze bemerkt, "erklärt dies, weshalb die Öffentlichkeit
ganz selten erfährt, welcher Polizeidienststelle ein krimineller Polizist angehört.
Die Zeitungen würden riskieren, von den unschuldigen Kollegen derselben Dienststelle
verklagt zu werden" (George Monibot, Guardian, 29.4.1996).
Der erst 1996 neu erlassene "Defamation Act" macht die Sache noch
undemokratischer: Bevor diese Gesetzesänderung in Kraft trat, war es zumindest
für Mitglieder des Parlaments nicht so einfach, auf Verleumdung zu klagen. Denn
die parlamentarische Immunität schützt sie vor Strafverfolgung im Hinblick darauf,
was sie im Parlament tun. Diese Immunität ermöglicht es Parlamentariern, sich
frank und frei zu äußern, ohne eine Klage befürchten zu müssen. Umgekehrt bedeutet
sie aber auch: Sie können nicht so einfach klagen, wenn sie für ihre Äußerungen
angegriffen werden. Nach dem neuen Gesetz können Parlamentarier nun auf ihre Immunität
verzichten, wenn sie eine Verleumdungsklage führen wollen. Dies ermöglichte dem
Tory-Abgeordneten Neil Hamilton, den Guardian zu verklagen, der in einem
Artikel behauptet hatte, er würde Geld für parlamentarische Anfragen nehmen. Am
Ende brach der Fall zusammen. Doch dies ist keineswegs Anlass zu jubeln, denn
das neue Gesetz ist nach wie vor in Kraft und vergrößert die Gefahr für die Medien,
wegen kritischer Berichte über Politiker verklagt zu werden.
Der "Defamation Act" ist ein Angriff auf die Redefreiheit und das
demokratische Prinzip einer offenen Debatte. Er wird heute mehr und mehr dazu
benutzt, jene mundtot zu machen, die es wagen, sich kritisch zu äußern. Seit 1992
ist die Zahl der Klagen wegen Verleumdung um 66% angestiegen. Mehr noch: Die Libel-Gesetze
greifen die Redefreiheit dort an, wo es wirklich darauf ankommt; denn sie können
auch in Fällen benutzt werden, wo es um Fragen des öffentlichen Interesses geht.
ITNs Entscheidung, das Magazin LM zu verklagen, ist Indiz für eine weitere
bedenkliche Entwicklung: die Anwendung der Verleumdungsgesetzgebung zur Einschränkung
der Pressefreiheit nicht nur durch McDonalds oder COPEX, sondern durch eine große
Nachrichtenorganisation, die sich selbst dafür rühmt, die Wahrheit zu berichten.
Eine Gerichtsverhandlung mag gegenüber dem Pistolenduell als Fortschritt erscheinen.
Indes sollten in einer modernen Demokratie Fragen der Ehre und des guten Rufs
auf eine noch viel direktere Art und Weise ausgetragen werden: als vollständige,
öffentliche und argumentative Auseinandersetzung. Beide Seiten sollten ihren Disput
vor dem Gericht der öffentlichen Meinung austragen. Und der mit den überzeugenden
Argumenten, nicht der mit den teuersten Anwälten, möge gewinnen.
aus: Novo, Nr.28, Mai/Juni 1997, S.29f
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