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NOVO 91/92

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Die gelbe Gefahr
im Kinderzimmer


von Brendan O’Neill

 

 

 

 

 

 

 

Heute gelten Chinesen als Umweltverschmutzer, in der Vergangenheit galten sie als „Quelle physischer, rassischer und sozialer Verunreinigung“.

 

Heft 91/92: Übersicht
 




Die gelbe Gefahr im Kinderzimmer

 

Die Hysterie um giftiges Spielzeug „made in China“ ist zur Metapher für westliche Ängste geworden. Von Brendan O’Neill



Der freiwillige Rückruf von 19 Mio. Artikeln „made in China“ des Spielwaren-Giganten Mattel hat zusätzlich zu den Behauptungen, dass im Westen giftige chinesische Zahnpasta und Hundenahrung zum Verkauf angeboten würden, für hysterische Schlagzeilen gesorgt. Macht uns China krank? In der Tat genügen einige Spielsachen und verschiedene andere Produkte aus China nicht den strengen westlichen Sicherheitsstandards. Sie sind aber weit davon entfernt, tödlich zu sein. Sie sind noch nicht einmal besonders giftig. Stattdessen ist das „Gift-Spielzeug“-Drama zu einer ziemlich giftigen Metapher für die gegenwärtigen Ängste des Westens vor China, vor seinem scheinbar räuberischen Wirtschaftswachstum und seinen merkwürdigen, undurchsichtigen Sitten geworden. Alte Ängste vor der „gelben Gefahr“, die den reinen und rechtschaffenen Westen verseucht, werden in der Berichterstattung über die Gift-Spielzeug-Geschichte einmal mehr aufgewärmt.

Die gute Nachricht ist: Chinesisches Spielzeug bringt unsere Kinder nicht um. Anfang August rief Mattel 1,5 Mio. Artikel mit bleihaltiger Farbe zurück. Kurz darauf wurden dann 18,2 Mio. Barbie-, Polly-Pocket-, Doggie-Day-Care- und Batman-Artikel zurückgerufen, weil ihre Magneten sich lösen und, wenn von kleinen Kindern verschluckt, sich gegenseitig anziehen und dabei Darmperforationen verursachen könnten.

Der Rückruf jedoch war, wie Mattel selbst sagte, freiwillig, und „es seien keine Fälle von Schäden bei Kindern bekannt geworden“. (1) Darüber hinaus ist es für Kinder grundsätzlich ungefährlich, mit Spielsachen zu spielen, die Farben auf Bleibasis enthalten. Wie ein sachkundiger Toxikologe aus Kanada gegenüber aufgebrachten Eltern, die im Sog der Rückrufaktionen die Hausarztpraxen stürmten, um eine eventuelle Spielzeugvergiftung ihrer Kinder festzustellen, betonte: „Ein mit Blei kontaminiertes Spielzeug in seinen Händen zu halten oder einen Spielzeuglaster herumzuschieben, stellt kein Risiko dar.“ Offenbar ist es das ständige Herumlutschen an und In-den-Mund-Stecken solcher Spielsachen über mehrere Tage hinweg, das gefährlich ist. Kinder lutschen oft an ihren Spielsachen, aber nicht „über mehrere Tage hinweg“. Ein Leitfaden für „gefährliches Spielzeug“ der Zeitschrift Time stellte klar, dass „Blei nicht inhaliert oder über die Haut absorbiert werden kann, sodass ein Kind die Farbe von einem Spielzeug herunterkauen und dann eine entscheidende Menge davon essen müsste, bevor es krank werden würde“. (2)

Hohe Bleiwerte können bei Kindern physische Krankheiten einschließlich Durchfall und Übelkeit hervorrufen sowie Berichten zufolge auch die geistige Entwicklung von Kindern und ihren IQ-Wert beeinträchtigen. Doch die Antwort auf die Frage, worin eine „Bleivergiftung“ besteht, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ganz entscheidend verändert. Heute gilt es in den USA als Bleivergiftung, wenn bei Kindern mehr als zehn Mikrogramm pro Milliliter im Körper festgestellt werden; 1990 wurde die gleiche Menge noch nur als „bedenklicher Wert“ eingestuft. Vor 30 Jahren, bevor die USA Blei aus Farben für den Wohnbereich und aus Benzin verbannt hatten, wurden gar Bleikonzentrationen von 80 Mikrogramm pro Milliliter für unschädlich gehalten. Wie ein amerikanischer Zeitungskolumnist bemerkte, hat der hohe Wert früher akzeptabler Bleimengen „keine Generation von Kretins hervorgebracht“. (3) Heute könnte ein Kind vermutlich ein paar chinesische Spielsachen komplett verschlucken und hätte dennoch nur einen Bleiwert, der für die Generation seiner Eltern als unbedenklich galt.

Auch die Geschichten von den chinesischen Spielwaren, die mit ihren losen Magneten eine besonders perfide Gefahr für Kinder darstellen, entspringen dem Reich der Gruselmärchen. Berichten zufolge sollen in den USA seit 2005 86 Verletzungen und ein Todesfall auf Magneten in Spielzeug zurückgehen. Es ist eine tragische und größtenteils unvermeidliche Tatsache des Lebens, dass Kinder gelegentlich durch ihre Spielsachen verletzt, sehr selten auch getötet werden. Es mag sein, dass es im Laufe der letzten beiden Jahre 86 Verletzungen durch Magneten gab, aber jährlich passieren in den USA rund 250.000 Verletzungen durch Spielwaren aller Art. Im Jahr 2005, als ein amerikanisches Kind auf tragische Weise durch einen Darmverschluss wegen verschluckter Magneten ums Leben kam, erstickten sechs amerikanische Kinder an Bällen (diesen altmodischsten aller Spielzeuge), drei starben an den Folgen eines Dreiradunfalls, eines starb aufgrund von Atemwegsproblemen durch das Aufblasen von Luftballons, und neun weitere kamen durch verschiedene andere Unfälle mit Spielsachen ums Leben. Insgesamt gab es 2005 in Amerika 20 Todesfälle durch Spielzeug. (5) Sollten wir auch alle Bälle und Dreiräder aus den Spielzeuggeschäften zurückrufen?

Die Rolle des westlichen Irrationalismus als Antriebsfeder in der Giftspielzeug-Hysterie tritt bei der jüngsten Rückrufaktion deutlich zutage. Toys-‘R’-Us-Filialen in den USA haben Vinyl-Lätzchen aus China aus ihren Regalen genommen, weil sie winzige Spuren von Blei enthielten. Tests mit diesen Lätzchen, die von der US-amerikanischen Bundesbehörde für Verbraucherschutz durchgeführt wurden, ergaben, dass ein Kleinkind das Lätzchen täglich 2500 Mal anfassen oder ablutschen müsste, um sich in die Nähe eines gefährlichen Bleiwertes zu bringen – ein reichlich unwahrscheinliches Szenario. (6) In den letzten zehn Jahren haben in den USA und in Europa einige ziemlich überreizte Kampagnen gegen die Verwendung von Vinyl in Kinderprodukten stattgefunden, oft angeführt von Umweltschützern, die Vinyl als das „schmutzige Plastik“ bezeichnen, weil das darin enthaltene Blei „ausbluten“ und „Kinder vergiften“ könnte. (7) Tatsächlich hat sich Vinyl als unbedenklich erwiesen. Wie Bill Durodié, Autor von Poisonous Dummies: European Risk Regulation After BSE, es ausdrückt: „[Umweltgruppen] haben einigen unglückseligen Erfolg darin gehabt, ungerechtfertige Ängste und Unsicherheiten über die Verwendung von Vinyl und ihm verwandte Stoffe zu provozieren, deren Vorteile in den meisten Fällen die Risiken bei ihrer Herstellung, Verwendung und Entsorgung bei Weitem übersteigen.“ (8)

Die eigentlich Agenda hinter den Giftspielzeug-Schlagzeilen handelt weniger von chinesischer Rücksichtslosigkeit als von westlicher Übervorsicht. Die generalisierte Angst der westlichen Gesellschaft vor dem, was unsere Kinder anfassen, womit sie spielen und worauf sie herumkauen, hat sich wie ein Geschwür an die neuen Ängste in Bezug auf China geheftet. In der Giftsspielzeug-Panik zeigt sich eine unheilige Allianz zwischen zwei imaginären Gefahren: der Gefahr, die das Leben ganz allgemein für unsere Kinder bringt, und der „gelben Gefahr“ aus Fernost.
Ohne Zweifel, China geht den einfachsten Weg und nimmt bei der Herstellung der riesigen Mengen an Konsumgütern Risiken in Kauf. Wie in allen Entwicklungsländern zählen im China der Gegenwart Produktionssteigerungen mehr als Sicherheitsbelange. Aber allen narzisstischen Ängsten westlicher Konsumgesellschaften, durch chinesisches Giftspielzeug vergiftet zu werden, zum Trotz: Diejenigen, die wohl am meisten unter den Folgen des chinesischen Kurses leiden, sind die chinesischen Arbeiter, deren Löhne und Arbeitsbedingungen immer noch eine Menge zu wünschen übrig lassen.

Tatsächlich hat, während keine Fälle von Schädigungen westlicher Kinder durch die bleihaltigen Spielwaren aus China bekannt geworden sind, die irrationale Hysterie einen Todesfall in China verursacht: Zhang Shuhong, Mitbesitzer der Lee Der Toy Company, des Herstellers einiger der fraglichen Spielwaren, hat sich Mitte August das Leben genommen, nachdem ihm infolge des Mattel-Rückrufs die chinesische Regierung Shuhong die Exportlizenz entzogen hatte, was verheerende Auswirkungen auf Lee Ders Geschäft hatte und dazu führte, dass 1000 Arbeiter ihre Stelle verloren.

Die hitzige Debatte liefert uns einen kleinen Einblick in den Konflikt zweier Seiten dieser Welt, die sehr unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen: Da ist zum einen China, dessen Priorität im Wirtschaftswachstum und in der schnellen und billigen Herstellung liegt; und da sind Amerika und Europa, wo in den letzten Jahren Sicherheit – insbesondere die von Kindern – zum Ordnungsprinzip des ganzen Lebens geworden ist. China bewegt sich schnell vorwärts und nimmt dabei einige Risiken in Kauf; Amerika und Europa werden immer träger und haben das Ausschalten von Risiken zu einem Hauptziel erklärt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, fängt die Giftspielzeug-Debatte eine seit Langem gültige Wahrheit über die Ängste des Westens vor China ein: Diese sind eher von Zweifel und Unaufrichtigkeit im Westen motiviert als von irgendeiner schrecklichen Bedrohung aus dem Osten.

Die Angst vor der „gelben Gefahr“ hat eine lange Tradition. Heute werden die Chinesen als Umweltverschmutzer gesehen; in der Vergangenheit galten sie, wie der amerikanische Schriftsteller Jess Nevins anmerkt, als „Quelle physischer, rassischer und sozialer Verunreinigung“. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die westlichen Kommentare voller irrationaler Ängste davor, die Chinesen könnten den Gen-Pool der weißen Rasse mit ihren minderwertigen Qualitäten verunreinigen oder westliche Gesellschaften mit ihren merkwürdigen kulturellen Gewohnheiten verseuchen. Es gab, in den Worten Nevins, eine „westliche Angst davor, dass die vermeintlich schrankenlosen chinesischen Horden weiße Länder überrennen könnten“. (9) Heute betrachtet die westliche Welt, durchtränkt von einer modernen Kultur der Angst, China als eine außer Kontrolle geratene, umweltverpestende Bestie am Horizont. Wir können in der Giftspielzeug-Debatte die lähmende Risiko-Abwendung westlicher Gesellschaften erkennen, wenn versucht wird, jegliches Produkt mit auch nur einer Spur von Blei oder den gefürchteten „schmutzigen Kunststoffen“ darin zurückzuhalten. Wir können die fieberhafte und erstickende Besessenheit westlicher Gesellschaften erkennen, wenn Experten die Eltern ermahnen, alle in China hergestellten Spielwaren hinauszuwerfen, und wenn Eltern die Gesundheitszentren stürmen, um ihre Kinder testen zu lassen.

Es ist an der Zeit, diese kindische Angst abzulegen und das Wachstum Chinas und dessen Vorteile für die Menschheit zu begrüßen, anstatt darin die Quelle von Vergiftung und Verschmutzung zu sehen.

Aus dem Englischen übersetzt von Christine Zureich.

 

 

 


 

Brendan O’Neill ist Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Sp!ked, in dem dieser Artikel zuerst unter dem Titel „Toxic toys: is China poisoning YOUR child?“ erschien. In Novo90 argumentierte er in seinem Artikel „Gaza in der Falle des Friedensprozesses“, dass die internationale Staatengemeinschaft mit ihrem multikulturalistischen Politikansatz zur Verschlechterung der Situation im Nahen Osten beiträgt.



 

Anmerkungen

(1) Ana Monteiro: „Major toy recall hits SA“ in: Fin 24 New Zealand, 15.8.07, www.fin24.co.za/articles/default/display_
article.aspx?Nav=ns&ArticleID=1518-1786_2165187
.
(2) Katie Rooney: „Troubles in the toy chest“ in: Time, 15.8.07, www.time.com/time/nation/article/0,8599,1653116,00.html.
(3) Melanie Scarborough: „Where were you in ’72? “ in: National Examiner, 23.8.07, www.examiner.com/a-895553~
Melanie_Scarborough__Where_were_you_in__72_.html
.
(4) Momerandum der US Consumer Product Safety Commission: „Reported toy-related deaths to children 0-14 calendar year 2005“, Oktober 2006, www.cpsc.gov/library/toymemo05.pdf.
(5) ebd.
(6) Christopher Zinn: „The downside of the $39 DVD player“ in: ABC News, 22.8.07, www.abc.net.au/news/stories/2007/08/22/2011526.htm.
(7) „Cotton or vinyl? Concern over baby bibs“ in: ABC Local News, 15.8.07, http://abclocal.go.com/kfsn/story?section=7on_your_side&id=5571030.
(8) Bill Durodié: „Poisonous Propaganda: An Anti-Vinyl Agenda“, CEI publications, Juni 2000, download unter http://downloads.heartland.org/23153s.pdf.
(9) Jess Nevins: On Yellow Peril thrillers, Violet Books, 2001.

 

 



 



   
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