Inhalt
ZUR
SACHE
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Ein gutes Gesundheitswesen muss man wollen
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Sabine Beppler-Spahl:
Bildung ist mehr als Berufstraining
Frank Furedi:
Das Ende Europas?
Sabine Reul:
Der verwaltete Mensch
Kai Rogusch:
Terrorabwehr auf Kosten der Freiheit?
David Chandler:
Warum hasst Gordon Brown Politik?
[Heft S.18]
Phil Mullan:
Eine demente Annäherung an die alternde Gesellschaft
[Heft S.20]
Kenan Malik:
EINSPRUCH: Diverse Unterschiede, eine Gleichheit
[Heft S.23]
Mark Khazar:
BATTLE IN PRINT: Die Welt retten, ohne sie sehen zu dürfen?
WELTGESCHEHEN
Philipp Cunliffe:
Der Einfall der Friedenshüter in Darfur
[Heft S.26]
Barbara Off:
Klimaschutz als Entwicklungspolitik?
WIRTSCHAFT
Matthias Heitmann:
CSR als unternehmerische Kernkompetenz?
Daniel Ben-Ami:
Versteckter Angriff auf den Wohlstand
Mick Hume:
Der Tatterich der Kapitalmärkte
[Heft S.34]
Henryk Grossman:
FUNDSTÜCK: Die Wirtschaftskrise verstehen
[Heft S.36]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Dirk Maxeiner:
Geschäfte mit heißer Luft
[Heft S.44]
Edgar Dahl:
Prometheus oder Frankenstein?
Lee Silver:
Von Menschen und Tieren und beidem zugleich
Thilo Spahl:
Wein, Bier, Fadenwürmer, Schokolade und die Sache mit den Radikalenfängern
Thomas Deichmann:
Bienensterben durch zügellosen Fortschritt?
Edgar Gärtner:
Deutsche Energiepolitik auf dem Weg nach nirgendwo
Ludwig Lindner:
Energie speichern – aber wie?
Ulrike Gonder:
Säuglinge gemästet!
[Heft S.73]
MEDIEN UND
KULTUR
Bernd Muggenthaler:
„Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit?“
Jürgen Wimmer:
Emotionale Unterbelichtung
Susanne Ahrens:
Stressprüfungen für Arbeit
[Heft S.78]
Karo Voormann:
Kreuzberg – Home of the Bürgerini
[Heft S.80]
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
FROHE BOTSCHAFT
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
[Heft S.13]
POSTEINGANG
[Heft S.40]
BLOG FROM LONDON
Tessa Mayes:
Die „Kampagnenjournalismus-Leugner“
[Heft S.41]
MITTENDRIN
Die NOVO-Macher
[Heft S.42]
HÖRSAAL
Tony Gilland:
Die Wurzeln des IPCC
POSITION
Brendan O’Neill:
Die gelbe Gefahr im Kinderzimmer
NEUE WELT
von James Woudhuysen:
Der „Umweltfußabdruck“ der mobilen Kommunikation
[Heft S.64]
BÜCHER
von Sabine Rothemann:
„Mach nur einen Plan, sei ein großes Licht“
[Heft S.76]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Peinliche Prominenz
[Heft S.82]
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Von Menschen und Tieren und beidem zugleich
Lee Silver über Chimären und neue Fragen zur Definition des Menschseins.
Seit über 30 Jahren vermischen Wissenschaftler embryonale Zellen verschiedener Spezies, um Chimären zu schaffen. Sie beherrschen diesen Prozess inzwischen sehr gut. Sie wissen, dass die embryonalen Zellen nicht verschmelzen. Stattdessen können sich die zwei Arten von Zellen teilen und gemeinsam wachsen, um einen chimären Organismus zu formen. Zufällig entstehen manche Organe oder Organteile hauptsächlich aus Zellen der einen Spezies, andere Teile entstammen der anderen, und wieder andere sind eine recht gleichmäßige Mischung.
Im Februar 1984 erschien ein bemerkenswertes Tier – teils Ziege, teils Schaf – auf der Titelseite des Wissenschaftsmagazins Nature. (1) Die „Schiege“ (englisch „geep“) hatte einen ziemlich ziegenartigen Kopf, der Rest des Körpers hatte sowohl Teile der Ziege als auch des Schafes. Ihr Schöpfer, Steen Willadsen, beschrieb die Schiege so: „Das Tier verhielt sich wie eine Ziege, aber roch nicht richtig nach Ziege und bevorzugte die Gesellschaft von Schafen. Seine Schafzellen waren männlich, aber das Geschlecht der Ziegenzellen war unbekannt. Es erwies sich in vielen Paarungen mit Auen [weiblichen Schafen] als fruchtbar, jedoch bisher nicht mit Geißen [weiblichen Ziegen].“ (2) Die Schiege wurde der Bezeichnung „Chimäre“, womit in der griechischen Mythologie ein Monster aus Löwe, Ziege und Schlange bezeichnet wurde, voll gerecht. (3)
Die Leichtigkeit, mit der Zellen von recht verschiedenen Arten bei der Entwicklung eines gemeinsamen Organismus kooperieren und funktionieren, ermutigte biomedizinische Forscher zu der Überlegung, ob nicht menschliche Stammzellen, in das Gehirn von Tieren eingefügt, ein Modell sein könnten, um neue, zellbasierte Behandlungsmethoden für neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, die Alzheimersche Krankheit oder Morbus Parkinson zu erforschen. Evan Snyder von der Harvard Medical School fand heraus, dass gehirnspezifische menschliche Stammzellen sich, wenn man sie direkt in fötales Hirngewebe von Affen implantierte, teilten und zu normalen Nervenzellen innerhalb der Großhirnrinde entwickelten, dem Teil des Gehirns, in dem das bewusste Denken verortet ist. (4) Wenig später begann Irving Weissman, Professor an der Stanford Universität, damit, menschliche neuronale Stammzellen ins Gehirn von neugeborenen Mäusen zu injizieren. Während die Mäuse wuchsen und sich entwickelten, wurden die menschlichen Zellen in allen Bereichen des Gehirns, einschließlich der Großhirnrinde, eingebaut. (5) Einige Tiere wurden mit Gehirnen, die bis zu 25 Prozent menschlich waren, über ein Jahr alt. Obwohl sich diese Tiere nach wie vor wie Mäuse verhielten, nutzten sie, zumindest für einen Teil ihres Denkens, ganz klar menschliche Neuronen. Eine Tatsache, die komplizierte philosophische Fragen aufwirft, auf die ich gleich noch zurückkommen werde.
Tier-Mensch-Chimären bieten auch eine Strategie, um technische Schwierigkeiten zweier Ansätze zu überwinden, die bisher von Transplantationsforschern unabhängig voneinander verfolgt werden: die Stammzellforschung und die Xenotransplantation. Jeder der Ansätze hat seine spezifischen Vor- und Nachteile. Tiere dazu zu bringen, ihre eigenen, gut funktionierenden Herzen oder Nieren für die Xenotransplantation wachsen zu lassen, ist leicht. Aber die Organabstoßung durch den menschlichen Körper zu verhindern, ist schwer. Andersherum sind Stammzellklone vollständig mit der Person kompatibel, aus deren Zellen sie gezüchtet wurden, aber ob sie im Labor in funktionierende Herzen oder Nieren verwandelt werden können, ist noch unbekannt. Wenn man jedoch beide Ansätze vereinte und Organe aus menschlichen Zellen in Tieren wachsen ließe, würden die Vorteile kombiniert, und die Nachteile fielen weg. Auf dem Weg dorthin wurden bereits Fortschritte erzielt.
Yair Reisner vom Weizmann-Institut in Israel hat spezielle Zellen im frühen menschlichen Fötus identifiziert, die dazu bestimmt sind, die Nieren zu bilden, und hat diese Zellen in Mäuse verpflanzt. Die unbestimmten Nierenstammzellen haben sich vermehrt und zu miniaturisierten, aber voll funktionsfähigen Varianten rein menschlicher Nieren entwickelt, die sogar Urin ausschieden. (6) Alan Flake von der Kinderklinik in Philadephia und Esmail Zanjani von der Universität von Nevada haben menschliche Stammzellen in frühe Schaf-Föten im Mutterleib transplantiert.(79 Nach der Geburt wies eine Vielzahl von Schafgeweben, darunter Blut, Knorpel, Muskeln und Herz, deutliche menschliche Anteile auf. In den extremsten Fällen hatten einige gesunde Lämmer eine Leber, die bis zu 40 Prozent menschlich war. (8) Doch selbst wenn ein gewünschtes Organ zu 95 Prozent menschlich wäre, würde der verbleibende tierische Anteil bei einer Transplantation noch immer zu einer Immunabstoßung durch den Patienten führen.
Um deutlich besser als eine normale Xenotransplantation zu sein, muss die kombinierte Stammzell-Xenotransplantation so weit entwickelt werden, dass ein gewünschtes Organ verlässlich zu 100 Prozent menschlich ist. Dieses Ziel könnte durch die Nutzung spezieller, genetisch veränderter Schweine oder Schafe erreicht werden, die eine Mutation auf einem Gen tragen, das benötigt wird, damit sich bestimmte fötale Zellen in der vorgesehenen Weise entwickeln. Erlaubte man den mutierten Tierföten, sich selbst weiterzuentwickeln, würde das Tier wegen des Fehlens eines lebenswichtigen Organs sterben. Wenn jedoch normale menschliche Stammzellen in den mutierten Tierembryo gemischt würden, könnten die menschlichen Zellen den Defekt im Tierfötus ausgleichen und das entsprechende Organ bilden. Schließlich könnte mit gentechnischen Eingriffen sowohl für menschliche als auch tierische Stammzellen gesteuert werden, zu welchen Geweben oder Organen sie sich in einem kombinierten Fötus in der Gebärmutter des Tieres entwickeln. Eine solche Strategie, die Stammzellen, Gentechnik und chimäre Organismen kombiniert, könnte Tiere mit vollständig humanen Organen hervorbringen, die perfekt zu dem Patienten passen, von dem die verwendeten Stammzellen stammen.
Fast niemand betrachtet es als ethisch bedenklich, menschliche Herzen im Labor zu züchten, und zum Verdruss von Tierrechtsaktivisten, die die Xenotransplantation ablehnen, wären fast alle Menschen mit geschädigtem Herzen bereit, ein tierisches Spenderherz zu empfangen, wenn sie sich darauf verlassen könnten, dass die Prozedur sicher wäre. So müsste auch die Kombination von beidem – menschliche Herzen, gezüchtet in Tieren – von den meisten Menschen akzeptiert werden. Tatsächlich können nur wenige Menschen ein humanes Herz von einem Schweineherz unterscheiden.
Ich habe absichtlich die chimären Schweine als Tiere bezeichnet. Denn als solche werden sie wohl wahrgenommen, solange der Prozess der Vermenschlichung auf innere Organe beschränkt bleibt. Wenn das Wesen wie ein Schwein aussieht und sich wie ein Schwein verhält, werden wir kein Problem damit haben, es als Schwein zu bezeichnen. Doch wie weit kann die Vermenschlichung von Tieren gehen, bevor wir einen Widerwillen verspüren, wie etwa gegenüber der Idee, kopflose menschliche Körper zu züchten?
Mäuse und Affen mit menschlichen Gehirnen und Kindern
Molekularbiologen haben viele der Gene identifiziert, die für die normale Entwicklung von individuellen Geweben oder Organen bei allen Säugetieren, einschließlich der Menschen, verantwortlich sind. Um ihre Bedeutung und Funktion besser zu verstehen, wird mithilfe der Gentechnik in Mäuseembryonen jeweils eines dieser Gene ausgeschaltet, um zu beobachten, wie sich das auf die Entwicklung der Tiere auswirkt. Erstaunlicherweise können sich Mäuseembryonen, denen ein Gen, das für die Entwicklung fast des gesamten Kopfes und Gehirns (einschließlich aller Bereiche für das Empfindungsvermögen) notwendig ist, sich relativ weit zu kopflosen Föten entwickeln, wie auf dem Titelbild von Nature abgebildet. (9) Wenn man menschliche embryonale Stammzellen in einem frühen Stadium in einen solchen mutierten Mäuseembryo hineinmischen würde und es dem Embryo erlaubte, sich im Mutterleib weiterzuentwickeln, dann könnte ein Tier entstehen, das ein kleines Gehirn aufwiese, das komplett aus menschlichen Zellen bestünde.
Das Ergebnis eines solchen Gedankenexperiments erinnert an den Science-Fiction-Klassiker Die Fliege von 1958. Der Film handelt von einem Wissenschaftler, der eine Maschine zur Teleportation erfindet, die Materie in einer Kammer auflöst und dann die Information in eine andere Kammer beamt, wo der Körper sich wieder materialisiert. Der Wissenschaftler beschließt, die Maschine an sich selbst zu testen, wird aber auf seiner Reise, ohne es zu wissen, von einer Stubenfliege begleitet. Bei der Wiederentstehung vertauscht die Maschine die Köpfe von Mensch und Fliege. Das Wesen im menschlichen Körper – das seinen riesigen Fliegenkopf verbergen muss – ist verzweifelt auf der Suche nach seinem Gegenstück, um den Prozess rückgängig machen zu können. Die Fliege mit dem Mini-Menschenkopf ist jedoch schon weit weg auf einer Parkbank und ruft mit fast lautloser Stimme „Hilfe, helft mir!“, bevor sie von einer Zeitung platt geschlagen wird und unerkannt stirbt. Am Ende des Films wissen wir, was der Wissenschaftler nicht weiß: dass er den Rest des Lebens in seiner dehumanisierten Verfassung zubringen muss. Dies ist seine Strafe für den Versuch, Mutter Natur herauszufordern.
Natürlich ist das Geschehen im Film wissenschaftlich und philosophisch in vieler Hinsicht absurd. Insbesondere kann auch ein Gehirn im Mäuseformat, das aus menschlichen Zellen besteht, nichts hervorbringen, was auch nur entfernt menschlichem Bewusstsein ähnelte. Nichtsdestotrotz könnte die Maus durchaus ein Empfindungsvermögen und ein Bewusstsein wie das anderer Mäuse aufweisen. Diese Möglichkeit führt zu der folgenden kniffligen Frage: Wenn man nicht an einen menschlichen Geist oder eine Seele glaubt, so wird die Anwesenheit eines empfindungsfähigen menschlichen Gehirns in einem lebenden, atmenden, sich selbst ernährenden Organismus typischerweise als klarer biologischer Nachweis dafür gewertet, dass es sich um ein menschliches Wesen handelt. Diese Logik würde uns zu etwas Absurden zwingen, nämlich, der gerade beschriebenen chimären Maus alle menschlichen Rechte zuzugestehen, über die jeder von uns verfügt.
Doch folgen wir unserer Intuition und entscheiden, dass diese spezielle Maus kein menschliches Wesen ist, so müssen wir folgern, dass die bloße Anwesenheit eines vollständig humanen, lebenden Gehirns nicht ausreicht, um einen Organismus als menschlich zu betrachten. Es stellt sich die Frage, ob es ein nicht-theologisches, den Menschen definierendes, biologisches Merkmal gibt, das wir stattdessen verwenden können.
Das eine Merkmal, das jeder Leser dieses Textes zusätzlich zum Besitz eines menschlichen Gehirns aufweist, sind menschliche biologische Eltern. Vielleicht könnten wir eine tragfähige Definition des Menschseins erhalten, indem wir das Vorhandensein menschlicher biologischer Eltern zur sowohl notwendigen als auch hinreichenden Bedingung erklärten.
Doch auch diese Definition kann den bizarren Folgen einer weiteren hypothetischen Maus-Mensch-Chimäre nicht standhalten. Das Problem besteht darin, dass eine chimäre Maus, die aus einem Embryo entstanden ist, der menschliche Stammzellen enthielt, neben Mausei- und -samenzellen auch vollständig menschliche Eizellen oder Spermien produzieren könnte (je nachdem, ob sie männlich oder weiblich wäre). Eine natürliche Paarung zwischen solchen Hybridmäusen würde neben vollständig murinen auch zu vollständig menschlichen Embryonen führen. (10) (Keimzellen von Mensch und Maus können sich nicht gegenseitig befruchten, sodass keine hybriden Embryonen entstehen könnten.) Entnähme man einer gerade schwanger gewordenen Maus einen solchen menschlichen Embryo und implantierte ihn einer Frau, könnte er sich zu einem normalen Kind entwickeln, dessen genetische Eltern Mäuse wären (außer man bezeichnete die teilweise menschliche Zellen aufweisenden kleinen Nager als Menschen). Man könnte meinen, die Menschen, von denen die embryonalen Stammzellen stammen, die in die Mäuseembryonen eingebracht worden waren, seien als die Eltern des Kindes zu betrachten. Doch in genetischer Sicht sind diese vier Personen (jeweils zwei für einen im Reagenzglas gezeugten Embryo, aus dem die Zelllinien gewonnen wurden, die in den einen bzw. anderen der beiden Mäuseembryonen Eingang fanden) die Großeltern, nicht die Eltern. Die Eltern sind die kleinen Tierchen – vielleicht auch im Besitz humaner Gehirne –, die im Vollzug des Geschlechtsaktes die „natürliche“ Zeugung eines menschlichen Embryos bewirkten, der das Potenzial hat, sich zu einem komplett normalen menschlichen Kind zu entwickeln.
Es ist schwer, sich Mäuse als biologische Eltern von Menschen vorzustellen, da Mäuse ja so eindeutig nichtmenschlich sind. Aber was, wenn man menschliche embryonale Stammzellen in der gleichen Weise in Gorillaembryonen einbrächte und diesen gestattete, sich zu ausgewachsenen chimären Affen zu entwickeln? Diese könnten sich paaren und einen vollständig menschlichen Embryo zeugen. Wenn das Weibchen diesen austrüge, das Kind zur Welt brächte und – ohne jede menschliche Hilfe – aufzöge, könnte es dann mit größerem Recht als die Maus als biologische Mutter bezeichnet werden?
Die meisten Menschen finden Gedankenexperimente und Fragen dieser Art beunruhigend, wenn nicht gar abscheuerregend, weil sie an dem tief sitzenden Instinkt rühren, andere Wesen als ganz oder gar nicht, nicht aber als teilweise menschlich zu kategorisieren. In vollem Bewusstsein dieser typisch menschlichen Reaktion hofften die Anti-Biotech-Aktivisten Jeremy Rifkin und Stuart Newman, diese zu einer kompletten gesellschaftliche Zurückweisung jeglicher biotechnologischer Experimente, bei denen eine kleine Zahl menschlicher Gene oder Zellen in sich entwickelnde Tiere eingebracht wird, ausbauen zu können. Als Publicity-Aktion beantragten sie ein Patent auf eine Halb-Mensch-halb-Tier-Chimäre und erklärten mit ironischem Unterton, dass klinische „Studien, die menschliche/nicht-menschliche Chimären nutzten, Menschen keinem Risiko aussetzten und auch zu einer Verringerung der Zahl der für die Studien nötigen Versuchstiere führen würden“. Der damalige Präsident des US-Patentamtes, Bruce Lehmann, war nicht erfreut. „Patente auf Monster wird es nicht geben, zumindest nicht, solange ich Präsident bin“, sagte er gegenüber der Washington Post. Und woran erkennt er Monster? „Ich bin mir recht sicher, dass wir es wissen, wenn wir eines von diesen [Monstern] sehen“, erklärte er zuversichtlich und paraphrasierte so die lapidare und viel belächelte Definition von Pornografie des Richters am obersten Gerichtshof, Steward Potter: „I know it when I see it.“ (11)
Gebildete Menschen mögen in intellektuellen Erwägungen zum Schluss kommen, das Menschsein sei in erster Linie an einen menschlichen Geist gekoppelt. Aber zunächst ist unser Bauchurteil rein visuell begründet. Wenn Wissenschaftler tatsächlich für den legitimen Zweck der Transplantation Tiere erschaffen sollten, die äußerlich menschliche Merkmale, etwa Arme, Beine, Hände, aufwiesen, dann käme es letztlich nicht darauf an, ob sich die Gliedmaßen aus genetisch veränderten Schweinezellen oder aus menschlichen Zellen entwickelt hätten. Die meisten Menschen würden eine solche Kreatur als verstümmelten Menschen betrachten. Die oberflächliche Unterscheidung, die wir zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen treffen, fußt nicht auf Rationalität. Es ist eher eine emotionale Reaktion, die auf einer tief sitzenden, oft unbewussten, instinktiven Assoziation von menschlichem Aussehen und menschlichem Geist beruht.
Biowissenschaftler sind heute der Ansicht, dass die ethischen Fragen, die von Tier-Mensch-Chimären aufgeworfen werden, ein Scheingefecht darstellen. Sie sind der Überzeugung, dass bisher in der Biotechnologie nichts unternommen wurde, was die Grenzen des Menschseins verwischen könnte, und dass von ethischen Forschern auch nie dergleichen durchgeführt werden wird. Ja, sagen sie, wir haben lebende Bestandteile von Tieren in lebende Menschen verpflanzt und menschliche Bestandteile in Tiere. Aber diese Experimente, ausgeführt mit dem Ziel, der menschlichen Gesundheit zu dienen, haben keinen Einfluss auf die Identität der Spezies. Es ist wahr, sagen sie, dass in strikt biologischer Sichtweise diese Menschen und Tiere Chimären sind. Doch Menschen sind nicht weniger Menschen, wenn sich aus therapeutischen Gründen tierische Gene, Zellen oder Organe in ihrem Körper befinden. Und Mäuse und Schweine mit einigen menschlichen Genen, Zellen, Geweben oder Organen sind weiter schlicht Mäuse und Schweine. Eine Mischung von menschlichen und nichtmenschlichen Stammzellen in einer Petrischale ist nur ein Gewebe, kein Mensch oder Tier. Heute ist dies alles wahr. Doch die Macht der Biotechnologie entfaltet sich schnell und führt kontinuierlich zu neuen, zuvor nicht erahnten Anwendungen. Ich zweifle nicht daran, dass sich irgendwann in der Zukunft Wissenschaft und Gesellschaft in unscharfe Gebiete vorwagen, in denen wir gezwungen sein werden, eine vollkommen willkürliche Linie zwischen menschlichen und anderen Wesen zu ziehen.
Aus dem Englischen übersetzt von Thilo Spahl.
Lee M. Silver ist Professor für Molekularbiologie und Public Affairs an der Woodrow Wilson School of Public Affairs, Princeton University in New Jersey. Er ist Autor von Remaking Eden: How Genetic Engineering and Cloning Will Transform the American Family, das in 16 Sprachen übersetzt wurde (deutscher Titel: Das geklonte Paradies. Künstliche Zeugung und Lebensdesign im neuen Jahrtausend, Droemer 1998). Der vorliegende Text ist eine auszugsweise Übersetzung aus seinem neuen Buch Challenging Nature. The Clash of Science and Spirituality at the New Frontiers of Life (Harper Collins, New York, 2006). In Novo88 arbeitete Silver in seinem Artikel „Der Zusammenstoß von Biotechnologie und post-christlicher Religiosität“ überraschende Übereinstimmungen zwischen christlichen Fundamentalisten und radikalen Gentechnikgegnern heraus.
Anmerkungen
(1) C. B. Fehilly / S. M. Willadsen / E. M. Tucker: „Interspecific Chimaerism between sheep and goat“ in: Nature Nr. 307/84, S. 634–636.
(2) Bild und Zitat in C. R. Austin / R. V. Short: Reproduction in Mammals, Book 5, Manipulating Reproduction, Cambridge University Press, 1986, S. 37.
(3) Thomas Bulfinch: The Age of Fable: Or Stories of Gods and Heroes, 3. Aufl., Boston, 1855.
(4) Václav Ourednik u.a.: „Segregation of Human Neural Stem Cells in the Developing Primate Forebrain“ in: Science Nr. 293/01, S. 1820–1824.
(5) S. Tamaki u.a.: „Engraftment of Sorted / Expanded Human Central Nervous System Stem Cells from Fetal Brain“ in: Journal of Neuroscience Research, Nr. 69/02, S. 976–986.
(6) B. Dekel u.a. : „Human and Porcine Early Kidney Precursors as a New Source for Transplantation“ in: Nature Medicine, Nr. 903, S. 53–60.
(7) G. Almeida-Porada u.a.: „Differentiative Potential of Human Metanephric Mesenchymal Cells“ in: Experimental Hematology, Nr. 30/02, S. 1454–1462; K. W. Liechty u.a.: „Human Mesenchymal Stem Cells Engraft and Demonstrate Site-Specific Differentiation after in Utero Transplantation in Sheep“ in: Nature Medicine, Nr. 6/00, S. 1282–1286.
(8) Sylvia Pagán Westphal: „Organs from Sheep-Human Chimeras“ in: New Scientist, 3.12.03, S. 4.
(9) Shawlot / Behringer: „Requirement for LimI in Head-Organizer Function“.
(10) Nicolas Wade: „Stem Cell Mixing May Form a Human-Mouse Hybrid“ in: New York Times, 27.11.02, S. A21.
(11) Jacobelis v. Ohio: Appeal from the Supreme Court of Ohio, 1964.
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