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Ist Fernsehen gut
für Kinder?


von Wendy Earle

 

 

Heft 90: Übersicht
 




Ist Fernsehen gut für Kinder?

 

Von Wendy Earle.



„Die bloße Menge an Zeit, die junge Menschen mit der Mediennutzung verbringen – durchschnittlich 6 ½ Stunden am Tag – macht deutlich, dass man das Potenzial der Medien, sich auf praktisch jeden Aspekt des Lebens junger Menschen auszuwirken, nicht mehr ignorieren kann.“ (Victoria Rideout et al: Generation M: media in the lives of 8–18 year-olds, The Kaiser Family Foundation, März 2005)

Der Einfluss der Medien auf Kinder ist, seit das Fernsehen in den 50er-Jahren weite Verbreitung fand, eines der vorrangigen Themen öffentlicher Debatten. Victoria Rideout u.a. schrieben dazu: „Ohne Frage, die junge Generation ist wirklich die Mediengeneration, widmet sie doch durchschnittlich mehr als ein Viertel jedes Tages den Medien. So, wie sich die Medienabspielgeräte immer leichter mitnehmen lassen und wie sie immer weiter in die Lebensbereiche junger Menschen vordringen, so werden Medienbotschaften immer allgegenwärtiger. Alles, was derart viel Raum im Leben junger Menschen einnimmt, verdient unsere volle Aufmerksamkeit.“ (1) An diesen scheinbar neutralen Aussagen hängt eine ganze Menge Ballast. Grundsätzlich werden die Medien nicht in einem neutralen Licht betrachtet, sondern als problematisch angesehen. Den Medien wird die Schuld an Fettleibigkeit, gewalttätigem und asozialem Verhalten, schlechten Schulleistungen und vielem mehr zugeschoben. Vor allem das Fernsehen, ein passives Medium, das zum „Sichzurücklehnen“ einlädt und zu dem praktisch jedes Kind in der entwickelten Welt von Geburt an Zugang hat, ist häufig Zielscheibe der Kritik.

Bis vor Kurzem nahmen die Sendeanstalten dem Kinderfernsehen gegenüber mehr oder weniger eine Laissez-faire-Haltung ein. Die Bestimmungen der öffentlichen Rundfunkanstalten schreiben einen Mindestanteil an Programmen für Bildung und Kinder vor. Doch im Großen und Ganzen haben die Sender den Verantwortlichen innerhalb von (für gewöhnlich) recht engen Budgets freie Hand in der Programmgestaltung für Kinder gelassen. In der Vergangenheit ignorierten die Sender tendenziell den Medienaufruhr um den Einfluss des Fernsehens auf Kinder, zumindest nahmen sie Berichte über die schädlichen Folgen des Fernsehens nicht gerade allzu ernst. Sie ignorierten grundsätzlich solche Kritiker, die ihnen den Vorwurf machten, Qualität zugunsten von Kommerz preiszugeben und die Programmgestaltung am kleinsten gemeinsamen Nenner auszurichten, die Zuschauerzahlen und Werbeeinnahmen maximieren zu wollen und zu viel Werbung und Produkt-Placement zuzulassen.

Neuerdings ist jedoch das Engagement für das Wohl der Kinder zur Richtgröße geworden, an der sich Sendeanstalten messen lassen müssen. Wie verantwortungsvoll sind sie? Wie engagiert sind sie beim Schutz gefährdeter Zuschauergruppen, wie zum Beispiel Kindern? Die Sender sind in die Defensive gegangen, wenn es um ihre angebliche Rolle bei der Unterminierung des Wohlbefindens von Kindern geht, weil sie Werbespots für zuckerhaltige Getränke und Fast Food während der Sendezeit für Kinderprogramme zuließen. So kündigte die britische Food Standards Agency im Juli 2004 Pläne an, nach denen Sendeanstalten, Prominente und Zeichentrickfiguren angehalten werden sollen, Kindern gesünderes Essen nahezubringen. (2) Mit der Begründung, „die Medien haben eine Rolle dabei zu übernehmen, die Verbesserung der Ernährung und der körperlichen Fitness von Kindern zu fördern“, empfahl die British Medical Association, dass „Prominente und Figuren aus dem Kinderfernsehen nur gesunde Produkte unterstützen sollen, die den von der Food Standards Agency festgeschriebenen Nährwertempfehlungen entsprechen“. (3) Als Reaktion darauf hat die BBC die Richtlinien für die Verwendung von Figuren ihrer Kindersendungen zur Bewerbung von Nahrungsmitteln überarbeitet, um sicherzustellen, dass die beworbenen Artikel hinsichtlich ihrer Nährwerteigenschaften nicht zu beanstanden sind: „Indem die Verwendung von Figuren aus dem Kinderfernsehen für die Bewerbung von Marken kontrolliert wird, übernimmt die BBC eine Vorreiterrolle bei der Beeinflussung der Essgewohnheiten von Kindern und bei der Förderung einer gesunden Ernährung.“ (4)

Dafür, dass Fernsehen für Kinder in irgendeiner Weise schädlich sei, gibt es heute nicht mehr Hinweise als früher. Die kritische Überprüfung von Forschungsergebnissen zu möglichen Verbindungen zwischen Fernsehkonsum und Fettleibigkeit sowohl aus Großbritannien als auch aus den USA zeigt auf, dass verlässliche Beweise fehlen. So ergab eine 2004 in den USA durchgeführte ausführliche Untersuchung der Fachliteratur, dass die Forschungsergebnisse bestenfalls ohne Aussagekraft und widersprüchlich waren. (5) Kritiker haben auf Mängel bei Konzeption und Durchführung von Forschungsprojekten zum Medieneinfluss hingewiesen. In seinem Forschungsüberblick zu Forschungsarbeiten zu den Effekten von Werbung kam Jeffrey Goldstein 1998 zu folgendem Schluss: „Es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass Werbung die Werte von Kindern, ihr Verhältnis zu den Dingen, ihre Essgewohnheiten, den Tabak- und Alkoholkonsum, Geschlechterrollen, ethnische Stereotype, Gewalt oder Sozialisation beeinflusst oder dass sie überhaupt irgendwelche langfristigen Effekte hat.“ (6)

Brian Young zeigte 2004 auf, wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse fehlinterpretiert wurden, um in der Debatte um Fettleibigkeit die Ziele engagierter Organisationen zu unterstützen. (7) In seinem Forschungsüberblick zum Einfluss von Mediengewalt auf Kinder übt Jonathan L. Freedman (2002) beißende Kritik. Er kam zu dem Schluss, dass die Ergebnisse weit davon entfernt seien, die Hypothese zu bestätigen, und widersprach der Annahme, dass es eine Kausalverbindung zwischen Mediengewalt und aggressivem Verhalten gebe. Er nahm die Ergebnisse einer Vielzahl verschiedener Studien auseinander, in der eine große Bandbreite an Methoden angewandt wurden, u.a. Befragungen, Laborexperimente, Feldstudien, Langzeitstudien, Vergleichsstudien (mit und ohne Fernsehen). Sein Befund war eindeutig: Die Beweislage für durch Medien verursachtes gewalttätiges Verhalten sei „schwach und widersprüchlich“, vielmehr gebe es „mehr Ergebnisse, die dagegen sprechen als dafür“. (8)

Dennoch bestimmt das Vorsorgeprinzip in zunehmendem Maße die Einstellungen in Bezug auf den Zugang von Kindern zu den Medien. Das wird beispielhaft dargelegt in einer von Andrea M. Hargrave und Sonia Livingstone 2006 veröffentlichten ausführlichen Übersicht von Forschungsergebnissen. Während sie klar herausstellten, dass es keine eindeutigen Belege für einen durch Werbung oder gewaltsame Inhalte hervorgerufenen Schaden gibt, betonten sie „die komplexen und vielfältigen Arten, in denen die verschiedenen Medien auf unterschiedliche, aber grundsätzliche Weise in die meisten oder sogar alle Aspekte unseres Alltags eingebettet sind, was die Behauptung, sie hätten keinen Einfluss, ob positiv oder negativ, unplausibel scheinen lässt“. (9) Der Schutz-Impuls ist so stark, dass Forscher, selbst wenn sie erkennen, dass die Beweislage nicht ausreicht, um die Schädlichkeit von Medien zu behaupten, darauf bestehen, dass es Grund zur Besorgnis geben müsse. Während Hargrave und Livingstone die Leser ermahnten, von keiner direkten kausalen Verbindung auszugehen (weil die Forschung diese Annahme nicht unterstützt), hielten sie uns doch dazu an, angesichts der Möglichkeit negativer Einflüsse wachsam zu sein.

Hargrave und Livingstone kamen zu dem Schluss, dass weiter geforscht werden müsse, um zu verstehen, wie Individuen und Gruppen von den Medien beeinflusst werden, wobei jedoch die Komplexität des Prozesses zu beachten sei. Das Problem ist jedoch nicht der Mangel an Studien. Vielmehr ist es unmöglich zu beweisen, dass die Medien keine schädliche Auswirkungen auf Kinder und junge Menschen haben. Für die selbsternannten Wächter über das Wohlergehen von Kindern bedeutet das, davon auszugehen, dass die Medien manche Kinder schädigen müssten, zumindest zeitweise, auf irgendeine Art, auch wenn man dies nicht messen und nicht vorhersagen könne.

Kein Zweifel, die Medien haben einen Einfluss auf das, was wir wissen und wie wir über die Welt denken, und es mag sein, dass sie unsere Haltungen und Annahmen beeinflussen. Doch indem diesem Einfluss ein negativer oder positiver Wert zugeschrieben wird, begründen Kommentatoren und Forscher die Regulierung und Kontrolle der Medien. Die Medien würden dann Kräften unterworfen, die diktieren, was ein positiver oder ein negativer Einfluss sei. Aber wer soll darüber befinden, was gut oder schlecht ist? Und auf welcher Grundlage? Wer ist dazu berechtigt, sich zum Schiedsrichter darüber aufzuschwingen, was gut und was schlecht für uns ist? Es ist das Recht eines jeden Erwachsenen, für sich selbst zu entscheiden. Dieses Recht sollten wir bis zum Äußersten verteidigen. Was die Kinder angeht, so sollten wir auf ihre Eltern vertrauen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Die Fernsehanstalten sollten die Verantwortung dafür übernehmen, uns mit den Sendungen zu versorgen, die wir sehen möchten, und sie sollten es nicht zulassen, sich zum Werkzeug einer staatlich-finanzierten Sozialtechnologie im Namen des Schutzes „verletzlicher Erwachsener“ und Kinder machen zu lassen.

Aus dem Englischen übersetzt von Christine Zureich.

 

 

 


 

Wendy Earle ist verantwortliche Herausgeberin für den Bereich Bildung am British Film Institute.



 

Anmerkungen

(1) Victoria Rideout / Donald F. Roberts / Ulla G. Foehr: Generation M: media in the lives of 8–18 year-olds, The Kaiser Family Foundation, 3/05, www.kff.org/entmedia/upload/Executive- Summary-
Generation-M-Media-in-the-Lives-of-8-18-
Year-olds.pdf
.
(2) Pressemitteilung der Food Standards Agency: „Foods Standards Agency agrees action on promotion of foods to children“, 6.7.04, www.food.gov.uk/news/pressreleases/2004/jul/boardpromojuly.
(3) British Medial Association (BMA): „Childhood obesity“, 1/06, www.bma.org.uk/ap.nsf/Content/ChildObesity.
(4) International Business Leaders Forum (IBLF): „BBC tackles obesity issue through children’s programming and food“, 3.12.05, www.iblf.org/resources/general.jsp?id=123739.
(5) Kaiser Family Foundation: „The role of media in childhood obesity“, 2/04, www.kff.org/entmedia/upload/The-Role-
Of-Media-in-Childhood-Obesity.pdf
.
(6) Jeffrey Goldstein: „Children and advertising – the research“ in: European Commission Commercial Communications Newsletter, 13.7.98, http://ec.europa.eu/internal_market/comcom/
newsletter/ edition13/page04_en.htm
.
(7) Brian Young: „Does advertising to children make them fat? A sceptical gaze at irreconcilable differences“, Arbeitspapier, vorgestellt in der Veranstaltung „Children as Consumers: Public Policies, Moral Dilemmas, Academic Perspectives“, The Royal Society, London, 20.2.04.
(8) Jonathan L. Freedman: Media Violence and its Effect on Aggression, University of Toronto Press 2004.
(9) Andrea M Hargrave / Sonia Livingstone: Harm and Offence in Media Content: A Review of the Evidence, Intellect Books, Bristol 2006, Buchauszug unter: https://www.lse.ac.uk/collections/pressAndInformationOffice/
PDF/Harm_and_Offence_summary.pdf
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