Inhalt
ZUR
SACHE
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Die Linke: Auferstanden aus Ruinen...
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Mick Hume:
Rauchen verboten: die vernebelte Gesellschaft
Chris Bickerton:
EU: Operation geglückt – Demokratie tot!
BILDUNG UND
ERZIEHUNG
Boris Kotchoubey:
HÖRSAAL: Hochschulpolitik: Sozialismus mit ökonomischem Antlitz
Frank Furedi:
Bildung – Spielplatz für Aktivisten und Moralisten
Josef Kraus:
Bildung statt PISA!
Hubert Markl:
Die Grundlagen der Kreativität
[Heft S.21]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
James Woudhuysen:
Rachel Carson: schlimmer als Stalin?
Ulrike Gonder:
Deutschland soll abspecken
[Heft S.27]
WELTGESCHEHEN
Brendan O’Neill:
Gaza in der Falle des Friedensprozesses
Helmuth Wackerling:
Der Krieg als Selbstzweck
[Heft S.34]
Brendan O’Neill:
Autobomben und explosiver Nihilismus
[Heft S.38]
Germinal Civikov:
Wesley Clark darf kein Zeuge sein
MEDIEN UND
KULTUR
Carl Wiemer:
Freundliche Übernahme im Literaturbetrieb
Melanie Arns:
Die Wahrheit über das Deutsche Literaturinstitut Leipzig
[Heft S.52]
Matthias Heitmann:
Doping freigeben!
Jürgen Wimmer:
Hollywood-Pornos
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
BÜCHER
von Edgar Gärter:
Öko-Nihilismus
[Heft S.28]
MITTENDRIN
Tillmann Prüfer:
Grün, grün, grün sind alle meine Kleider ...
[Heft S.30]
EINSPRUCH
Peter Köpf:
Der Konservative trägt heute Rot
BÜCHER
von Wolfgang Müller:
Ein Wandel – wohin?
[Heft S.44]
BATTLE IN PRINT
Wendy Earle:
Ist Fernsehen gut für Kinder?
POSITION
von David Harnasch:
Der Neid des Höhlenmenschen
[Heft S.48]
FUNDSTÜCK
von Michael Bross:
Der Brssmchl oder Wie uns das Finanzamt zweimal beraubt
[Heft S.56]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Unter den Achseln blond
[Heft S.58]
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Rauchen verboten: die vernebelte Gesellschaft
Der Wald der Antiraucherschilder, der Großbritannien überzieht, steht sinnbildlich für die Ägide des früheren Premierministers Tony Blair. Das auch in Deutschland um sich greifende Rauchverbot weist den Weg in einen sich therapeutisch definierenden Staat. Von Mick Hume
Der Nebel des Krieges hebt sich, der lange Kampf um die Rauchverbote ist vorüber, der Widerstand gegen die Verbannung der Raucher aus öffentlichen Orten ist erloschen. Doch bevor wir uns dem flächendeckenden Verbot fügen und uns unserem üblichen Tagewerk widmen, sollten wir noch einmal innehalten und reflektieren, was die Rauchverbote über die Gesellschaft aussagen, in der wir leben.
Das europaweit sich immer weiter ausbreitende Rauchverbot bedeutet eine beispiellose Beschränkung unserer persönlichen Gewohnheiten durch staatliche Regeln. Regierungen früherer Zeiten hätten solcherlei nicht einmal erwogen. Hier verfestigt sich eine Politik, die sich mehr und mehr der Regulation der persönlichen Lebensführung widmet und sich zur selben Zeit von ihrer ursprünglichen Aufgabe abwendet, so etwas wie eine „gute Gesellschaft“ zu bauen. Zugleich zeigt die öffentliche Reaktion auf die Antirauchergesetze, wie stark die Bereitschaft der Bürger gestiegen ist, das offizielle „Organisieren“ ihrer persönlichen Handlungsfreiheit zu akzeptieren. Viele Menschen stehen dieser Intervention des therapeutischen Staates heute aufgeschlossen gegenüber und sehen das Verhalten ihrer Mitmenschen als Problem, dem durch staatliche Schutznormen Einhalt zu gebieten ist.
Das Rauchverbot ist eine typische Maßnahme gegenwärtiger westlicher Politik: kleinlich und dennoch weitreichend. New Labours Ehrgeiz etwa, eine sozialistische Gesellschaft zu erschaffen, ist dermaßen geschrumpft, dass das Bestreben, eine Bushaltestelle „rauchfrei“ zu machen, heute als zukunftsweisende Politik deklariert werden kann. Doch zur gleichen Zeit markiert das Rauchverbot einen großen Schritt hin zu einer flächendeckenden Auferlegung gesellschaftlicher Konformität. Das reflektiert sich auch in der sich ausbreitenden Sprache politischer Orthodoxie; das Wort „rauchfrei“, das die Autoritäten erfunden haben, um ein Verbot wie auch seine Folgen zu beschreiben, scheint dem orwellschen Neusprech entlehnt zu sein.
Wie auch bei anderen Maßnahmen dieser Tage, so handelt es sich bei dem Antirauchergesetz um ein unnötiges Gesetz; es ist weniger eine praktische Maßnahme, mit der man ernsthafte Probleme angeht, als vielmehr eine politisch-moralische Intervention, die darauf ausgerichtet ist, die breitere öffentliche Meinung auf eine Weise zu formen, wie es traditionelle Politik heute nicht mehr vermag. Wenn das Rauchen für den Raucher selbst sicher nicht gesundheitsfördernd ist, so ist es ebenfalls wahr, dass es keine stichhaltigen Beweise dafür gibt, das „Passivrauchen“ ernsthafte Gesundheitsprobleme verursacht. Die Gesundheitseiferer haben das Thema eines angeblich gesundheitsschädlichen Passivrauchens aufgegriffen, um diejenigen Raucher vor sich her zu treiben, die sich von Gesundheitswarnungen und Belehrungen nicht zum Aufhören bewegen lassen.
In diesem Sinne handelt es sich beim Rauchverbot nicht um eine Operation des ausufernden Wohlfahrtsstaates, den Wirtschaftsliberale vielfach beschwören; vielmehr wirkt hier der neuartige „therapeutische Staat“, der seine Aufgabe darin sieht, einer unwissenden Öffentlichkeit den Weg zu neuer Rechtschaffenheit zu weisen.
Viele Menschen scheinen es heute zu begrüßen, dass das Rauchen auf eine Weise verboten wird, die man sich noch vor einem Jahrzehnt verbeten hätte. Selbst auch viele derjenigen, die noch rauchen, scheinen sich dem Verbot als einer an sich „guten Sache“ bereitwillig zu fügen. Wo einst die Menschen auf ihrem Recht beharrten, die Angelegenheiten des Rauchens unter sich selbst auszumachen, lassen sich heute nur allzu viele auf die Raucherpolizei ein.
Diese fügsame Reaktion auf das Rauchverbot spiegelt den Umstand wider, dass unsere Gesellschaft von dem zentralen Wert der Gesundheit besessen zu sein scheint – einer „Gesundheit“, die man heute verstärkt zum eigentlichen Lebensmittelpunkt aufwertet und nicht bloß als eine von mehreren Voraussetzungen für ein erfülltes Leben ansieht. Die endlosen Gesundheitswarnungen und Mahnungen zugunsten eines „Gesundheitsbewusstseins“ haben zu einem weit verbreiteten Selbstbild der eigenen Verletzlichkeit beigetragen. Selbst diejenigen unter uns, die ihr Benehmen nicht wie vorgeschrieben ändern, sind sich heutzutage mehr und mehr ihrer „Sünden“ bewusst und akzeptieren einen dringenden „Handlungsbedarf“.
Doch hierbei handelt es sich nicht um eine Öffentlichkeit, die sich von einer Regierung „irreführen“ lässt. Vielmehr geht es hier um ein viel grundlegenderes Problem in unserer Gesellschaft verletzlicher, misstrauischer Individuen, in der sich viele herkömmliche Verbindungen zwischen Bürgern und Gemeinschaften aufgelöst haben, ohne durch neue ersetzt zu werden.
Das Thema „Passivrauchen“ ist zu einem Symbol dieses zerbröselnden Lebenszusammenhangs geworden, zu einer Art Metapher für die Geisteshaltung atomisierter Bürger, die den fremd gewordenen Mitmenschen und sein Benehmen als ein Problem für das eigene Leben ansehen. Es ist nicht nur der Zigarettenrauch, der heute als vergiftet angesehen wird – die Gefahr wird auf „die anderen“ insgesamt übertragen.
Diese Verinnerlichung der eigenen Verletzlichkeit ist der Grund dafür, dass das Rauchverbot heute ohne ernsthafte Kritik akzeptiert wird. Dies erklärt auch, warum sich der kleinliche Autoritarismus ohne nennenswerten Widerstand in unser Privatleben einschleicht und warum sich die Bürger nun sagen lassen müssen, dass sie keine öffentliche Unterstützung zu erwarten hätten oder keine Kinder adoptieren sollten, wenn sie immer noch in ihren eigenen Wohnungen rauchen sollten.
In Zeiten der Regentschaften Gordon Browns und Angela Merkels finden wir uns in Gesellschaften wieder, in denen uns Schilder an jeder Weggabelung ermahnen, nicht zu rauchen. In solchen Gesellschaften verkriechen sich die geächteten Raucher wie räudige Hunde in einer „Raucherecke“ und verabreden sich vielleicht obendrein zu einer Suchttherapie. Wo bleiben die Bürgerrechtler, die sonst fortlaufend vor ausufernden Anti-Terror-Gesetzen warnen und die „Zivilgesellschaft“ beschwören?
Wie man doch einst über große Männer sagte: „Si monumentum requiris, circumspice“ – „Suchst du sein Monument, so schau dich um!“ Nach der Implementierung der Antirauchergesetze werden wir die Monumente Tony Blairs oder Angela Merkels an vielen öffentlichen Orten sehen können.
Aus dem Englischen übersetzt von Kai Rogusch.
Mick Hume ist „Editor-at-large“ des britischen Novo-Partnermagazins Sp!ked, in dem dieser Artikel unter dem Titel „Seeing through the smoking ban “ erschien. In Novo87 beschrieb er in seinem Artikel „Mitgehangen, mitgefangen: der Westen nach Saddam“ die westlichen Reaktionen auf die Hinrichtung von Saddam Hussein.
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