Inhalt
ZUR
SACHE
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Interkultureller Dialog: Kulturzoo statt Demokratie?
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Sabine Beppler-Spahl:
Entspannte Kindererziehung
Matthias Heitmann:
Von Natur aus gedopt!
Alexander Horn :
Wie dynamisch ist die deutsche Wirtschaft wirklich?
ERNÄHRUNG
Daniel Ben-Ami:
Wer hat Angst vor dicken Amis?
Matthias Heitmann:
Die dürre Republik
Thilo Spahl:
Die Kinder sind gesund
Thomas Deichmann:
Vor Greenpeace in die Knie gehen?
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Emily Hill:
Kampf gegen Malaria: Kolonialmethoden statt Chemokeule
Gerhard Flachowsky:
Hysterie um die „Methanbombe Milchkuh“
[Heft S.32]
Lutz Niemann:
Strahlend wie das Matterhorn
[Heft S.34]
Günter Keil:
Mega, Mikro, Giga, Gaga, Nano – Pisa
[Heft S.36]
Edgar Dahl:
Babys nach Maß?
Thomas Deichmann:
Wissenschaftsresistente Öko-Berater
WELTGESCHEHEN
Frank Furedi:
HÖRSAAL: Das Einzige, vor dem wir uns fürchten sollten, ist die Kultur der Angst selbst
Christopher J. Bickerton:
BÜCHER: Ohne Souveränität keine demokratische Kontrolle
[Heft S.48]
Kurt Gritsch:
„Ruhig, aber instabil“
[Heft S.50]
MEDIEN UND
KULTUR
Niels Höpfner:
FUNDSTÜCK: Kleine Anleitung zum Reiseglück
[Heft S.52]
George Brock:
BATTLE IN PRINT: Der Aufstieg des „Bürgerjournalismus“
Jürgen Wimmer:
Zweierlei Maß
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
POSITION
von Horst Meier:
Höchststrafe – was sonst?!
[Heft S.10]
POSTEINGANG
MITTENDRIN
Tillmann Prüfer:
Emission impossible
[Heft S.30]
EINSPRUCH
von Gunnar Sohn:
Auf dem Weg in den Hausmeisterstaat
[Heft S.41]
LONDONBLOG
von Tessa Mayes:
Kaffeeklatsch gegen Regierungskrise
[Heft S.51]
GRÄTSCHE
von Schwerhöribert Fastblinder:
Sommermärchen? Ausgeträumt!
[Heft S.56]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Braunschweiger Provinzposse
[Heft S.58]
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Wie dynamisch ist die deutsche Wirtschaft wirklich?
Alexander Horn bezweifelt, dass Deutschland nach jahrelanger Stagnation auf einen stabilen Wachstumskurs eingeschwenkt ist.
Die deutschen Wirtschaftsdaten der letzten Monate sind teils ungläubig, zumeist jedoch euphorisch begrüßt worden. Die Zeit zeigte sich fest davon überzeugt, dass nun eine Trendwende eingeläutet sei: „Dieser Aufschwung ist anders als frühere“, denn nach diesem Boom werde die Arbeitslosigkeit deutlich niedriger sein als nach dem letzten Aufschwung. (1) In der Financial Times Deutschland bemängelte Thomas Fricke die Fehlprognosen der Wirtschaftsforscher. Er sieht Deutschland nun, nachdem „Wirtschaft und Verbraucher … ein halbes Dutzend Schocks zu verkraften hatten, die es anderswo nicht gab“, auf einem stabilen Wachstumskurs. Schon seit 2001 hätte Deutschland sogar „jährlich locker ein bis zwei Prozentpunkte“ stärker wachsen können, wäre nicht noch dazu eine rot-grüne Regierung am Werke gewesen, die „heillos herumreformierte“. (2)
In der Tat ist der aktuelle wirtschaftliche Aufschwung in Anbetracht der Stagnation der letzten Jahre beeindruckend. Getrieben von dem seit 2003 steigenden Warenexport sind 2004 die Investitionen der deutschen Wirtschaft deutlich gewachsen. Besonders beflügelt hat dies den Maschinenbau, der selbst gut drei Viertel seiner Erzeugnisse exportiert. Der mit etwa 800.000 Beschäftigten überaus wichtige Industriezweig erlebt nun das dritte Boomjahr in Folge und den kräftigsten Aufschwung seit Ende der 60er-Jahre.
Im Zuge dieser positiven Entwicklungen ist die offizielle Arbeitslosigkeit mit 3,8 Mio. auf den niedrigsten Stand seit November 1991 gefallen – Anfang 2006 lag die Zahl noch bei mehr als 5 Mio. Die Euphorie kennt in Anbetracht dieser Zahlen kaum Grenzen, denn die Versuchung ist allerorts groß, die positive Entwicklung für sich zu reklamieren.
Die Prognosen der Wirtschaftsforscher waren in den letzten Jahren dagegen eher düster und ließen eine solch positive Entwicklung kaum erwarten. Deutschland sei nicht in der Lage, ein durchschnittliches Wachstum von mehr als 1,5 Prozent zu erreichen, hieß es vor nicht allzu langer Zeit. Da jedoch erst ab einem Wachstum von eineinhalb bis zwei Prozent mit einem Beschäftigungszuwachs in der Wirtschaft gerechnet wurde, sahen die Experten kaum eine Chance, die „strukturell“ bedingte Sockelarbeitslosigkeit nachhaltig zu reduzieren. Strukturelle Reformen und insbesondere Maßnahmen zur Senkung der hohen Lohnkosten werden von ihnen nach wie vor als Lösung für die Arbeitsmarktprobleme gefordert. Zwar haben die Wirtschaftsforscher ihre Prognosen in den letzten Monaten nach oben revidiert, und vieles spricht dafür, dass der Aufschwung – wenn auch nur mit einem Wirtschaftswachstum von knapp drei Prozent – noch eine Weile andauert. Allerdings warnen sie, wie etwa der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, vor zu viel Optimismus: „Weil sich das BIP in der Vergangenheit über mehrere Jahre noch schwächer als das niedrige Potenzial entwickelt hatte, entstand eine negative Output-Lücke. Wenn die sich jetzt schließt, muss die Zunahme des BIP notwendig über der Wachstumsrate des Produktionspotenzials liegen.“ (3)
Realitätssinn oder Zweckpessimismus, um weiterhin für Reformen am Sozialstaat und eine Senkung der Lohnkosten zu werben? Anders gefragt: Ist Deutschland nun, nach jahrelanger Stagnation, doch auf einen neuen Wachstumskurs eingeschwenkt? Leider spricht nichts für ein derartiges Szenario. Den Wirtschaftsforschern, die Deutschland aufgrund des sogar im europäischen Vergleich sehr schwachen Wachstums gerne als Sonderfall und „Sanierungsfall“ bezeichnen, ist mit dem Verweis auf die hohen Lohnkosten und den überbordenden Sozialstaat als Krisenursache aber auch nicht recht zu geben.
Drift statt Dynamik
Die Probleme der deutschen Wirtschaft sind keinesfalls „hausgemacht“ oder speziell „deutsch“. Deutschland hat – ähnlich wie Japan – unter den hoch entwickelten Volkswirtschaften zwar sicherlich etwas andere Probleme als Länder, in denen der Anteil des verarbeitenden Gewerbes niedriger ist. Weitere Unterschiede ließen sich anführen. Bedeutend ist aber, dass in allen hoch entwickelten, reiferen Volkswirtschaften seit mehr als zwei Jahrzehnten die gleichen Stagnationstendenzen zu beobachten sind wie in Deutschland. Die Ursachen dafür sind allerorts weitgehend identisch.
Ihren Ausdruck findet diese Entwicklung in den veränderten jährlichen Wachstumsraten des BIP. In Deutschland ist der Wert von gut acht Prozent in den 50er-Jahren auf nur noch ein Prozent in diesem Jahrzehnt gesunken (siehe Grafik). Im selben Trend liegen auch die Länder der Euro-Zone, die USA und Japan. Asien (einschließlich China) und Osteuropa hingegen entwickeln sich sehr dynamisch. Diese Regionen sind für das seit Anfang der 90er-Jahre leicht ansteigende Weltwirtschaftswachstum verantwortlich.
Auffällig ist, dass die für die Marktwirtschaft typischen Konjunkturzyklen immer flacher verlaufen. Statt scharfer Rezessionen und anschließend dynamischen Aufschwungphasen erreichten seit Anfang der 90er-Jahre alle entwickelten Volkswirtschaften (mit Ausnahme Japans und Deutschlands) durchweg ein positives, wenn auch mit jährlich weniger als zwei Prozent marginales Wirtschaftswachstum (siehe Grafik). Die reiferen Volkswirtschaften „driften“ gewissermaßen bei durchschnittlich sehr geringem Wachstum.
Bei den früher üblichen dynamischen Zyklen hingegen konnte ein insgesamt wesentlich höheres Wirtschaftswachstum erreicht werden. Das Fehlen ausgeprägter Wirtschaftszyklen stellt ein weithin unterschätztes Problem dar und verweist auf die Ursache für die niedrigen Wachstumsraten.
Flache Wirtschaftszyklen
Rezessionen haben für die Funktionsweise der Marktwirtschaft eine entscheidende Funktion, denn sie erzwingen durch Kapitalvernichtung eine Bereinigung des Kapitalstocks. Durch Konkurse wird das Überleben nur der produktivsten Unternehmen bewirkt. Im folgenden Aufschwung bieten sich ihnen deutlich verbesserte Gewinnchancen. Die produktiveren Unternehmen können das entwertete Kapital bankrotter Unternehmen übernehmen und daraus, oder einfach durch die Entwicklung der eigenen Kapazitäten, vom größeren Marktanteil profitieren. Mit ihrer Expansion treiben sie nicht nur ihre eigenen Gewinne und das Wirtschaftswachstum voran, sondern sie befördern durch bessere und kostengünstigere Produkte auch den gesellschaftlichen Fortschritt. Die für die Marktwirtschaft so wichtige und reinigende – wenn auch gefürchtete – Krise hat der konservative Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter bereits zu Anfang des letzten Jahrhunderts erkannt und diesen Prozess liebevoll als „schöpferische Zerstörung“ analysiert.
Neue Krisenmechanismen
In den reiferen Volkswirtschaften sind in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend Mechanismen etabliert worden, die die Ausschläge des Krisenzyklus minimieren. Die Unternehmen haben – unterstützt durch wirtschaftspolitische Maßnahmen – alternative Wege gefunden, um Unternehmenskrisen zu meistern und damit anstehende Rezessionen abzuschwächen. Zu dieser Entwicklung haben wesentlich beigetragen: die Auflösung der Interessensgegensätze zwischen Kapital und Arbeit, die Restrukturierung der Wirtschaft aufgrund der marktwirtschaftlichen Öffnung Osteuropas und Asiens, die zunehmend interventionistische Rolle des Staates und das in den Unternehmen gestiegene Risikobewusstsein.
Politik der „runden Tische“
Klassenkonflikte, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch den Fortbestand des Kapitalismus infrage stellten, führten nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 80er-Jahre hinein zu mitunter heftigen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern. Heute hingegen werden sowohl auf betrieblicher als auch auf gesellschaftspolitischer Ebene nur selten scharfe Auseinandersetzungen geführt. Betriebsräte begreifen sich heute als „Co-Manager“, die im Interesse der Sicherung von Arbeitsplätzen „unternehmerische“ Lösungen mitgestalten. Unternehmensinterne Restrukturierungen, Flexibilisierungen und Lohnkürzungen sowie Kürzungen bei Sozialleistungen sind unter dem Paradigma der Ich-AG, in dem jeder Einzelne unternehmerisch denken muss, alternativlos. Folglich wurden diese Maßnahmen zur Kostensenkung vor allem in den vergangen zwei Jahrzehnten intensiv genutzt. Unternehmenskritik entfacht sich praktisch nur noch an „Exzessen“, wie etwa den gegenüber dem sinkenden Reallohniveau „unmoralisch hohen Managergehältern“. Diese Entwicklung hat unterm Strich den wirtschaftlichen Spielraum der Unternehmen erweitert. Unproduktiveren Unternehmen erlaubt sie, im Markt fortzubestehen. Unternehmenszusammenbrüche können durch diese Krisenmechanismen weitgehend vermieden werden, und die Wirtschaft vermeidet den Absturz in eine Rezession.
Öffnung des Ostblocks
Die marktwirtschaftliche Öffnung des ehemaligen Ostblocks bewirkte wirtschaftliche Umstrukturierungen und Kostensenkungen. Auch dies spielt eine wichtige Rolle als Krisenmechanismus. Insbesondere der deutschen Wirtschaft ist es gut gelungen, die osteuropäischen Länder als kostengünstige Lieferanten für einfachere Produktionskomponenten aufzubauen oder bei reiferen und durchaus komplexen Technologien die gesamte Fertigung zu verlagern. (4) Diese Entwicklung brachte der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, provokativ mit dem Begriff „Basar-Ökonomie Deutschland“ auf den Punkt. (5) Deutsche Unternehmen verlagern immer mehr Teile der Wertschöpfungskette ins Ausland, produzieren dort selbst oder lassen produzieren. Häufig wird nur noch der Vertrieb oder die Endmontage in Deutschland belassen. (6) Den Unternehmen gelingt es so, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu behaupten. In der Folge boomen Deutschlands Exporte. Die Arbeitnehmer würden dabei aufgrund zu hoher Lohnkosten allerdings auf der Strecke bleiben, meint Sinn.
Neuere Forschungsergebnisse zu den Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland deuten darauf hin, dass das Kostenargument zwar weiterhin der wichtigste Treiber zur Auslandsinvestition im verarbeitenden Gewerbe, die Erschließung fremder Märkte aber für die Gesamtheit der Unternehmen inzwischen das Hauptmotiv darstellt. Die aufgrund der Auslandsaktivitäten gestärkte Wettbewerbsfähigkeit wiederum bewirkt positive Impulse auf dem deutschen Arbeitsmarkt. (7)
Staatliche Interventionen
Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftliche Intervention des Staates in den letzten Jahrzehnten in allen hoch entwickelten Ländern verstärkt hat. Dies hat vielen Unternehmen zusätzliche Spielräume eröffnet, um gravierende wirtschaftliche Probleme zu vermeiden. Auch in Großbritannien und in den USA ist dies festzustellen, obwohl dort während der Ära Thatcher und Reagan dem Staatsinterventionismus der Kampf angesagt worden war. In den USA spielen die steigenden Staatsausgaben eine wichtige Rolle, um die Konjunktur am Laufen zu halten. Die Politik befördert die Zahlungsbilanz dadurch in schwindelerregende Defizite. In Deutschland sind zwar die öffentlichen Investitionen seit Anfang der 90er-Jahre gesunken, und auch Public Private Partnerships haben, anders als in den USA und Großbritannien, noch keine große Bedeutung erlangt. Die wachsende staatliche Intervention manifestiert sich in Deutschland vielmehr über im Zuge der Wiedervereinigung massiv aufgeblähte Staatshaushalte. Die Unternehmen haben hierdurch entweder direkt durch Subventionen und Finanzhilfen oder einfach durch die Markterweiterung profitieren können.
Gewinnsteigerung durch Sparprogramme
Insgesamt haben diese Krisenmechanismen es auch schwächeren Unternehmen ermöglicht, im Markt zu bleiben. Die stotternden Volkswirtschaften wurden vor einer heftigen Rezession bewahrt. Unternehmen konnten die möglich gewordenen Kosteneinsparungen zur Gewinnsteigerung nutzen. Dies lässt sich an der Quote der Eigenmittel erkennen, die in der deutschen Wirtschaft von 1994 bis 2004 von 16 auf 23 Prozent deutlich gestiegen ist. (8) Die vollen Kassen der Aktiengesellschaften zeigen den gleichen Trend. Im Jahr 2004 wiesen die im europäischen Aktienindex Stoxx gelisteten Unternehmen liquide Mittel von rund 260 Mrd. Euro aus. Drei Jahre zuvor waren es nur 110 Mrd. Euro. Die Tendenz ist weiter steigend – auch in den USA.
Risikobewusstsein hemmt Investitionen
Die hohen liquiden Mittel, die weltweit in den Unternehmen gehortet und zunehmend mit Aktienrückkäufen oder durch hohe Dividendenzahlungen an die Anteilseigner ausgeschüttet werden, weisen auf ein weiteres gravierendes Problem hin: Vor allem in den USA und in Europa „fehlen lohnende Investitionsmöglichkeiten“, lässt sich einstimmig aus der Finanzwelt vernehmen. (9)
Aktienrückkäufe sind beliebt, um risikolos die Rendite des Kapitals zur erhöhen. Wie leicht sich auf diesem Weg hohe Renditen erzielen lassen, rechnete jüngst ein Portfoliomanager bei Julius Bär vor: Bei einer Aktie von BMW, die noch 2005 bei etwa dem Zehnfachen des Jahresgewinns notierte, erhöht sich durch den Rückkauf von zehn Prozent der Aktien der Gewinn der verbleibenden Aktien um zehn Prozent. „Eine Investition in das operative Geschäft, die eine gleich große und vor allem dauerhafte Erhöhung des Gewinns brächte, wäre weitaus teurer“, meinte der Experte. (10) Hinzuzufügen ist: Risikoreicher wäre die Investition sicherlich auch.
Das schwächelnde Investitionsverhalten bestätigt der Blick auf die Statistiken: Die Investitionen der Unternehmen stagnieren, und der Anteil der Bruttoanlageinvestitionen am BIP ist rückläufig (siehe Grafik). Auch die steigenden Auslandsinvestitionen kompensieren das schwache Investitionsverhalten nicht. Zwar sind die Investitionen in den 90er-Jahren sehr dynamisch gestiegen – auf einen Bestand von knapp 600 Mrd. EUR bis zum Jahr 2000. Seitdem sind sie mit etwa 25 Mrd. EUR jährlich aber eher moderat gewachsen. (11)
Nicht besser sieht es mit den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in den Unternehmen aus, die von 1995 bis 2000 von 1,4 Prozent des BIP auf etwa 1,7 Prozent stiegen, seither aber auf diesem Niveau verharren. (12) Die in den Unternehmen angehäuften Gewinne werden offenbar immer weniger für Forschung, Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien verwendet, sondern lieber an die Eigentümer weitergereicht.
Für das vorsichtige Investitionsverhalten ist Unsicherheit in den Unternehmen ein maßgeblicher Faktor. Neben Banken und Versicherungen sind viele Unternehmen inzwischen dazu übergegangen, ein umfassendes Risikomanagement zu etablieren, um gegen die vermeintlich steigenden Risiken besser gewappnet zu sein. Unsicherheit, meint nicht nur der ehemalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, sei in den letzten beiden Jahrzehnten die „bestimmende Charakteristik“ des wirtschaftlichen Umfeldes geworden. (13)
Diese Wahrnehmung scheint der realen wirtschaftlichen Entwicklung zu widersprechen, da sie im gleichen Zeitraum von weniger schroffen zyklischen Schwankungen und einer kaum dynamischen Entwicklung geprägt ist. Es ist jedoch nicht verwunderlich, dass die Unternehmen in einem Umfeld, das verstärkt Unsicherheiten zu bergen scheint, konservativer mit ihren Ressourcen umgehen.
Auch die vor allem in Europa und in den USA immer stärker regulierende Rolle des Staates stellt einen gewichtigen Hemmschuh für unternehmerische Initiative und Risikobereitschaft dar. Immer neue Umweltregularien, wie bspw. die aktuell diskutierten Vorschriften zur Reduktion des CO2-Ausstoßes von PKWs, die Einschränkungen im Forschungs- und Entwicklungsbereich durch Gesetze und Verordnungen wie im Bereich der Grünen Gentechnik, oder die wachsende Verhaltensregulierung wie jüngste Vorstöße zur „gesunden Ernährung“, verursachen Unsicherheit und Zusatzkosten in Form von neuen Herstellernachweisen und dergleichem. Sie binden zudem Managementkapazitäten und verursachen ein Klima der Risikoscheu. (14)
Sowohl das übersteigerte Risikoempfinden in den Unternehmen als auch die Regulierung durch den Staat tragen zur Schwächung von Wachstum und Fortschritt bei. Die Faktoren leisten einen gehörigen Anteil daran, dass die Wirtschaft nur langsam weiterdriftet.
Die Gefahr dieser Entwicklungen besteht darin, dass die Möglichkeiten für Wachstum und gesellschaftlichen Fortschritt zunehmend eingeschränkt werden. Das produktive Potenzial der Gesellschaft wird, auch durch die resultierende Arbeitslosigkeit, vergeudet. Es ist zwar – wie auch im aktuellen Aufschwung – möglich, dass die Wirtschaft zügig wächst. Unter dem Strich aber bleibt ein großes Potenzial zur Lösung gesellschaftlicher Probleme ungenutzt.
Alexander Horn ist freier Wirtschaftspublizist. In Novo88 beschrieb er in seinem Artikel „Das Unternehmen als Risikofaktor“ die staatlich sanktionierte Zerstörung des Unternehmergeistes (www.novo-magazin.de/88/novo8824.htm).
Anmerkungen
(1) Kolja Rudzio: „Schmierstoff für die Jobmaschine“ in: Die Zeit, 25.5.07, www.zeit.de/2007/22/Jobs.
(2) Thomas Fricke: „Wo der Aufschwung herkommt“ in: Financial Times Deutschland, 1.6.07, S. 30, www.ftd.de/meinung/leitartikel/207176.html.
(3) „Spielräume nicht genutzt“, Interview mit Bert Rürup in: FAZ, 15.5.07, S. 10, http://faz.eu/s/Rub050436A85B3A4C64819D7E1B05B60928/
Doc~E29F64A7963C049869CB6FC9667F4926E~ATpl~
Ecommon~Scontent.html.
(4) Bernhard Dachs / Bernd Ebersberger / Steffen Kinkel / Bruno R. Waser: „Offshoring of production – a European perspective“ in: Fraunhofer Institut ISI, European Manufacturing Survey, 5/06, http://publica.fraunhofer.de/eprints/N-48975.pdf.
(5) Hans-Werner Sinn: Die Basar-Ökonomie. Deutschland: Exportweltmeister oder Schlusslicht?, Econ 2005.
(6) Aus einer Analyse der Deutschen Bundesbank geht hervor, dass sich durch die Direktinvestitionen aller deutschen Unternehmen im Ausland die Anzahl der Beschäftigen innerhalb der letzten 15 Jahre auf inzwischen 4,5 Mio. verdoppelt hat. 57 Prozent der Beschäftigen entfallen auf das verarbeitende Gewerbe. Quelle: Monatsbericht September 2006, Deutsche Bundesbank, S.45–61.
(7) „Unternehmen planen mehr Auslandsinvestitionen“ in: FAZ 4.6.07, S.21.
(8) Unternehmensbilanzstatistik Deutsche Bundesbank, www.bundesbank.de/statistik/statistik_wirtschaftsdaten_
jahresabschluss.php.
(9) Heino Reent: „Volle Kassen treiben die Aktienrückkäufe“ in: Welt Online, 12.6.05, www.welt.de/print-wams/article128945/Volle_Kassen_treiben_
Aktienrueckkaeufe.html.
(10) ebd.
(11) Deutsche Bundesbank, Monatsbericht 9/06, S. 45–61.
(12) Stifterverband der deutschen Wirtschaft, Forschung und Entwicklung 1/06, S. 15.
(13) Anmerkungen von Alan Greenspan auf einer Veranstaltung der American Economic Association, 3.1.04.
(14) Alexander Horn: „Das Unternehmen als Risikofaktor“ in: Novo 88, www.novo-magazin.de/88/novo8824.htm.
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