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Inside Radioaktiver Frankenstein-Klon
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Jürgen Wimmer über die filmische Wissenschaftsrezeption.
Für das fehlgeschlagene Experiment bietet die Science Fiction die dankbarsten Szenarien. Dagegen ist ganz grundsätzlich nichts einzuwenden, da gelungene Experimente in dramaturgischer Hinsicht ziemlich langweilig sind. Am Anfang steht der „mad scientist“ als Einzelgänger. Die klassischen Vertreter sind Dr. Jekyll und Dr. Frankenstein. Ihr Frevel ist im Kontext der literarischen Vorlagen aus dem 19. Jahrhundert zu sehen und besteht darin, dass sie sich „gegen die Schöpfung versündigen“, eine Sicht, die heutigen Wissenschaftsfeinden allerdings auch nicht so ganz fremd ist. In den klassischen Verfilmungen von 1931 entsprechen weder Jekyll (Frederic March) noch Frankenstein (Colin Clive) äußerlich dem Klischee des wirrköpfigen, zerstreuten Zausels. Beide sind stattliche junge Männer, die kurz vor der Heirat mit ausgesprochen liebenswerten Hollywood-Geschöpfen stehen. Und beide sind keineswegs von Natur aus böse. Der eine, Frankenstein, möchte künstliches Leben erschaffen – für Strenggläubige nicht nur vergangener Tage ein kaum duldbares Ansinnen. Dass sein Experiment in die Katastrophe umschlägt, ist letztlich nicht seine Schuld: Sein depperter Gehilfe Fritz (Dwight Frye) klaut zuerst das falsche Gehirn (nämlich das eines Schwerverbrechers) und treibt später durch Quälereien das kindlich naive Monster (Boris Karloff) zum Amoklauf. Trotz seines frevelhaften Tuns bleiben die Sympathien beim Wissenschaftler Frankenstein, der folgerichtig auch ohne Strafe davonkommt. Daran ändert auch die vorzügliche Fortsetzung Frankensteins Braut (1935) nichts. Strebt Frankenstein vornehmlich nach wissenschaftlichem Ruhm, waren die Ambitionen von Jekyll immer schon handfester. Der strenge Verhaltenskodex des viktorianischen Zeitalters verbietet es ihm, vor der Hochzeit seine fleischlichen Gelüste auszuleben, also versucht er, Körper wie Seele in Gut und Böse zu trennen. Fortan tobt er sich als Mr. Hyde unerkannt im Nachtleben aus. Am Scheitern des genialen, doch übereilt durchgeführten Experiments sind letztlich nur die Normen der prüden Gesellschaft schuld. Noch deutlicher wird das in Jean Renoirs Paraphrase Das Testament des Dr. Cordelier (1959), wo ein grotesker Monsieur Opale seinem Alter Ego endlich jenen sadistischen Peitschen-Sex in schmierigen Etablissements verschafft, bei dem sich der angesehene Arzt Cordelier niemals erwischen lassen dürfte. Besonders aufschlussreich ist Der Unsichtbare (1933). Auch Claude Rains mimt in der Titelrolle keinesfalls ein Scheusal. Seine Allmachtsfantasien sind die bedauerliche Nebenwirkung der Droge, die ihn unsichtbar macht. Er scheitert ebenfalls an der Spießigkeit seiner Umwelt, wenn er in einem Landgasthof ständig gestört wird, wo er doch nur in aller Ruhe ein Gegenmittel entwickeln will. Ganz anders dagegen ist die moderne Interpretation von Paul Verhoeven Hollow Man (2000). Der von Kevin Bacon gespielte Wissenschaftler ist von vornherein ein Mistkerl, der später lediglich zu einem noch größeren Mistkerl wird. Es liegt keinerlei Tragik mehr in dieser Figur. Mit dem Zweiten Weltkrieg verschwand der „mad scientist“ im Stil der 30er-Jahre: Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, Symbole schlechthin für fehlgeleitete Wissenschaft, zogen an der Science Fiction nicht spurlos vorbei. In den 50er-Jahren gingen die Filmemacher mit Nuklearwaffen trotzdem erstaunlich naiv um. In Kampf der Welten (1953) beobachten die Menschen aus der Nähe unbeschadet eine atomare Explosion (die auch sonst ohne Wirkung bleibt). Kaum ein paar Meter entfernt sind gar die Zuschauer in Ed Woods Die Rache des Würgers (1955), wenn sich Bela Lugosi und der ihn verspeisende Gummi-Octopus in einen lustigen Atompilz verwandeln. Die riesigen mutierten Ameisen in Formicula (1954) sind das Ergebnis eines Kernwaffentests. Etwas anders sieht es in Japan aus: Dort zertrampelte der von Atombomben aufgescheuchte radioaktive Drache Godzilla (1954) alle möglichen Städte, doch darin spiegelt sich nicht allein die Warnung vor dem Missbrauch der Atomkraft. Godzilla ist in einem traditionell an Naturkatastrophen nicht gerade armen Land auch personifiziertes Erdbeben und wandelnder Vulkan; das Monster symbolisiert auch die Unbezähmbarkeit der Natur. Im Übrigen zeigen die 50er-Jahre eine wahre Invasion von „mad scientists“. Dabei haben auch sie oft noch das Wohl der Menschheit im Auge. Professor Deemer (Leo G. Carroll) entwickelt in Jack Arnolds Tarantula (1955) ein hochwirksames Nahrungspräparat, um den Hunger in der Welt zu beseitigen. Löblich, doch leider ist das Zeug so wirksam, dass es eine Spinne auf Wohnblockgröße aufbläst. Der Professor selbst wird Opfer eines (hier allerdings unfreiwilligen) Selbstversuchs, wie er für jene Zeit typisch ist, siehe auch Die Fliege (1958) oder Der Mann mit den Röntgenaugen (1963). Neben diesen eher tragischen Gestalten setzt sich zunehmend auch der rein geisteskranke Spinner mit Welteroberungsplänen durch: Spätestens seit den James-Bond-Filmen ist dieser Typ in der Filmgeschichte fest verankert. Sympathisch ist der Wissenschaftler meist nur dann, wenn er ein weltfremder Trottel ist, zum Beispiel in Jerry Lewis’ amüsanter Jekyll-Umkehrung Der verrückte Professor (1963). Ernst genommen wird der Forscher erst, wenn sich seine dramaturgische Funktion nicht auf aktive Forschung, sondern auf das Mahnen und Warnen beschränkt. Dann hat er auch das Recht, einmal nicht trottelig zu erscheinen. Beispiele dafür sind der Chaostheoretiker (Jeff Goldblum) in Jurassic Park (1993) oder der mutige Familienvater (Dennis Quaid) in The Day After Tomorrow (2004). Als echter Held im klassischen Hollywood-Stil präsentiert sich der Wissenschaftler höchst selten; eine Ausnahme ist Rod Taylor in Die Zeitmaschine (1960): Er bekommt am Ende sogar die Blondine ab. Gelegt haben sich inzwischen die Vorbehalte gegen Computer; kein Wunder in einer Zeit, da beinahe jeder solch ein Gerät sein Eigen nennt und um dessen grundsätzliche Harmlosigkeit weiß (abgesehen von der bekannten Fähigkeit, Nerven zu zerrütten). Interessanterweise wurde die Bedeutung von Computern für das Alltagsleben in der Science Fiction grundsätzlich unterschätzt. In der britischen TV-Serie UFO (1970) gibt es zwar eine permanent bewohnte Mondbasis, aber Commander Straker hantiert mit einem vorsintflutlichen Rechenschieber herum. Filme jener Zeit unterstellen Super-Computern gern unerwünschtes Eigenleben, so in Colossus (1970) und natürlich Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (1968). Nur gelegentlich dürfen Rechner heute noch durchdrehen, so in dem militaristischen Propaganda-Dummstück Stealth (2005), wo ein computergesteuerter Jet-Pilot den Schwarzen Peter dafür übernimmt, dass Unschuldige und Zivilisten in Grund und Boden gebombt werden. In den letzten zwei, drei Jahrzehnten sind an die Stelle der verrückten Wissenschaftler zunehmend Konzerne (oder das Militär) getreten. Das ist nur logisch. H. G. Wells echauffierte sich völlig zu Recht schon 1927 heftig über Fritz Langs Metropolis. Einerseits müssen dort, in einer hypertechnisierten Zukunftsstadt, versklavte Arbeiter stumpfsinnigste Aufgaben durchführen, die selbst mit den Mitteln der 20er-Jahre leicht zu automatisieren gewesen wären; andererseits haust Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge, auch bekannt als „Dr. Mabuse“) in einer Hütte, die innen wie außen eher ins frühe 19. Jahrhundert gehört. Dort bastelt er sich mal eben einen künstlichen Menschen zusammen, also im Grunde ein Milliarden-Dollar-Projekt. Heute sind deshalb meist Konzerne an Rotwangs Stelle getreten und verfolgen rein wirtschaftliche Interessen. In Michael Bays Die Insel (2005) werden menschliche Klone als lebende Ersatzteillager für reiche Privatkunden gezüchtet. Das Remake von Die Frauen von Stepford (2004) zeigt in den Zustand der Prä-Emanzipation zurückversetzte Roboter-Ehefrauen, deren Busen über Fernbedienung beliebig aufblähbar sind. So weit gehen frustrierte Gatten, wenn sie sich im Verein zusammenschließen. Nach dem Gipfel der Macht greift ein Konzern in Der Manchurian Kandidat (2004): Dort soll mittels Hirnimplantat ein zukünftiger US-Präsident auf Linie gebracht werden. Nicht zu vergessen ist natürlich die Terminator-Trilogie mit Arnold Schwarzenegger: Schon in Teil eins von 1984 trägt eine Szenekneipe den schönen Namen „Tech noir“. Diese Technik führt schließlich zur „Rebellion der Maschinen“ (Untertitel von Teil drei, 2003), was mit Atomkrieg und fast vollständiger Ausrottung der Menschheit endet. Je pessimistischer die Perspektive, desto besser. Das kommt nicht von ungefähr. Science Fiction wird vor allem dann von der Filmkritik ernst genommen, wenn Technik als böse dargestellt wird. Über Alien 3 faselt Sascha Mamczak beispielsweise: „David Fincher räumt auf mit der alten Technikgläubigkeit und dem Zwang zum positiven Ende“ (Science Fiction Media). Noch gründlicher räumt Gudrun Pausewang auf, und zwar in ihrem mehrfach preisgekrönten, nichtsdestotrotz heftig umstrittenen Roman Die Wolke, verfilmt 2006 zum 20. Tschernobyl-Jahrestag: Vor dem Hintergrund einer Teenagerliebe verseucht ein nicht näher bezeichneter Störfall in einem AKW weite Landstriche. Wie das Unglück eigentlich geschieht, ist egal; technische Recherche ist für Jugendbuchautorinnen viel zu langweilig, und außerdem steht man da sowieso drüber. Auf epilog.de steht gar: „Der Film hält sich nicht mit längst bekannten technischen Einzelheiten auf. Es gibt keine Bilder vom Kernkraftwerk, sondern nur ein paar Stimmen aus der Steuerungszentrale … Das ist gut so“ (Arno Behrend). Natürlich, man braucht keine Ahnung zu haben; Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Zwar sind in den meisten SF-Filmen die gezeigten Experimente physikalisch vollkommen unmöglich, naturwissenschaftliche Details werden fast grundsätzlich ausgespart, aber das ist auch das gute Recht der Science Fiction, sofern es um Spaß und ein wenig Nervenkitzel geht. Anders sieht das aus, wenn, wie in Die Wolke, der Anspruch erhoben wird, irgendwie aufrütteln zu wollen. Dann muss die Frage nach der Sachkenntnis schon erlaubt sein. Was auf die fabulöse Atomkatastrophe folgt, wird im Branchenblatt Blickpunkt: Film so zusammengefasst: „Chaos, Panik, Anarchie greifen um sich. 38.000 Menschen in unmittelbarer Nähe des AKWs sterben sofort, ein paar Kilometer weiter sind Tausende kontaminiert, darunter auch Hannah, die in radioaktiven Regen gerät. Und die Politiker beschwichtigen weiter“ (mk). Damit die echten Politiker nicht in diesen Verdacht geraten, wurde der Film vorsichtshalber mit insgesamt 2.145.600 Euro Steuergeldern gefördert, von der Drehbuchphase bis zum Verleih. Viel Geld für ein bisschen Panikmache.
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