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NOVO 84

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Ein Krieg auf der Suche
nach seinem Sinn


von Brendan O’Neill
und Sabine Reul


 
 
 
 
 
 
 
 

Im aktuellen Libanonkonflikt geht es weniger um territoriale und machtpolitische Ziele im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr um die Suche nach Selbstvergewisserung und internationale Anerkennung.

 

Israel und Libanon, wo reale Bomben fallen und Menschen sterben, werden zur tragischen Kulisse medialer Rivalität um die bestmögliche Präsentation der eigenen Sache.

 

Heft 84: Übersicht
 




Ein Krieg auf der Suche nach seinem Sinn

 

Die militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und den Milizen der Hisbollah im Libanon ist mit gewohnten Vorstellungen über Kriegsführung im nun bald 60 Jahre währenden Nahostkonflikt nicht mehr zu fassen. Prägend für diesen Krieg ist der Einsatz militärischer Mittel in einem neuartigen Kampf um Anerkennung. Von Brendan O’Neill und Sabine Reul.



Der Krieg auf dem Gebiet zwischen Beirut und der nordisraelischen Küstenstadt Haifa forderte bis Mitte August auf libanesischer Seite etwa 1000, auf israelischer etwa 100 Menschenleben. Dieses Blutvergießen und die schweren Zerstörungen im Libanon sind umso tragischer, als die politischen Ziele, um die hier gekämpft wird, schwer bestimmbar sind. Wohl mangelt es nicht an Deutungen des Konflikts, die ihn in den Rahmen gewohnter Denkschablonen zu pressen suchen – und mit zunehmender Ferne vom Kriegsschauplatz immer apokalyptischere Formen annehmen.
Manchen überhitzten Gemütern in Europa galt er schon als Beginn des Dritten Weltkriegs. Andere betrachteten ihn, je nach Standort, als Teil eines „islamischen“ Komplotts zur Zerstörung Israels unter Beteiligung Syriens und Irans, oder umgekehrt als perfide Verschwörung der USA und Israels gegen die arabische Welt. Solche Deutungen zeigen, dass manche – in Deutschland vor allem Alt- oder Noch-Linke – zu ihrer eigenen Selbstvergewisserung wohl dämonischer Weltbilder ebenso bedürfen wie anderenorts manch ein Islamist.
Dazu meinte jüngst André Glucksmann in der französischen Tageszeitung Le Figaro, jeder Nahostkonflikt gelte Denkern und Schreibern im Westen heute als „Generalprobe für den jüngsten Tag“: „Man muss den nebelhaften Krieg der Kulturen beschwören, um daran zu glauben. Und wer sich darauf einrichtet, findet sich damit ab, eine self fulfilling prophecy.“(1) Die Lage im Nahen Osten ist wahrlich chaotisch und für die Betroffenen vor Ort katastrophal genug. Weiterer Anheizung durch Bedrohungsfantasien und Schuldzuweisungen desorientierter Intellektueller fern vom Ort der Zerstörung bedarf sie gewiss nicht.
Auf dieser Ebene erweist sich der Konflikt in Nahost, den viele gerne als „Stellvertreterkrieg“ zwischen Iran und den USA bewerten, als ein Stellvertreterkrieg etwas anderer Art. Da stehen sich, so Mick Hume im britischen Online-Magazin Spiked, „rivalisierende Flügel der westlichen Medien- und Politiklandschaft gegenüber, die ihre ganz eigenen 'Kulturkriege' in den Nahen Ostern exportieren“.(2)

Dabei sind die realen Ursachen des Konflikts vor dem Hintergrund der aktuellen Lage recht nahe liegend. Die Zerrissenheit des Nahen Ostens ist Erbe des Kolonialismus, der Schrecken des 20. Jahrhunderts – vor allem des Holocausts, und schließlich des Kalten Krieges, in dem Israel in die Rolle des westlichen Brückenkopfs in der arabischen Welt gedrängt wurde. Doch während der anhaltende Konflikt zwischen Israel, seinen arabischen Nachbarn und den Palästinensern in den letzten 60 Jahren oft deutlich zerstörerischere Formen annahm als im aktuellen Libanonkrieg, verfügten seine Kontrahenten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges über relativ klar definierte politische Positionen und gefestigte Bindungen zu ihren jeweiligen Anhängern und Verbündeten.
Die weltpolitischen Veränderungen der letzten 20 Jahre haben diese Konstellation aufgebrochen. Dabei hat der aktuelle Krieg im Irak, der antiwestliche Strömungen in der Region angeheizt hat, sicher eine katalysierende Rolle gespielt. Folglich befinden sich die Akteure auf allen Seiten auf der Suche nach neuen Anhaltspunkten für die Behauptung von Interessen und Legitimität. Daher rührt die Neuartigkeit des aktuellen Libanonkonflikts. Hier geht es weniger um territoriale und machtpolitische Ziele im herkömmlichen Sinne wie in jedem anderen Nahostkonflikt zuvor, sondern vielmehr um die Suche nach Selbstvergewisserung und internationaler Anerkennung.
Zwar hat die israelische Regierung die Befreiung der im Juli von Hisbollah-Milizen entführten israelischen Soldaten und die Schaffung einer 13 Meilen breiten Sicherheitszone im südlichen Libanon zum Schutz gegen Raketenangriffe der Hisbollah als Kriegsziele benannt. Die Hisbollah wiederum behauptete, einen legitimen Kampf für die Befreiung arabischer Gefangener aus israelischen Gefängnissen und die Rückgabe der von Israel im Sechstagekrieg von 1967 annektierten Enklave der Schebaa-Farmen zu führen. Doch dies sind Fragen, um die zwischen beiden Seiten schon seit Jahren mit relativ limitiertem Einsatz von Gewalt gerungen wird. Sie erklären nicht den plötzlichen Umschlag von der gewohnten Politik gezielter Nadelstiche zwischen Israel und der Hisbollah, der in den sechs Jahren seit dem israelischen Abzug aus dem Libanon insgesamt etwa 50 Kämpfer und Zivilisten auf beiden Seiten zum Opfer fielen, zu der großflächigen militärischen Eskalation seit Mitte Juli.(3)

Weder Israel noch die Hisbollah wollen einander effektiv „besiegen“. Israels Premierminister Ehud Olmert versicherte schon zu Beginn des Konflikts, Israel habe keinerlei Interesse an libanesischen Territorien, und hob hervor, es gebe gar keinen Konflikt zwischen Israel und dem Libanon: „Wir haben beide dasselbe Ziel: das Recht auf ein einfaches, ruhiges und sicheres Leben.“(4) Die Hisbollah wiederum bedient sich zwar gelegentlich anti-israelischer Rhetorik und behauptet, Israel vernichten und die Palästinenser befreien zu wollen. Doch jeder halbwegs aufmerksame Beobachter weiß, dass die Organisation – die zudem in den letzten Jahren in der libanesischen Gesellschaft immer stärker an Bedeutung verloren hat – nicht über die Mittel verfügt, solche Ziele zu erreichen. Sie will das auch nicht wirklich. Die Hisbollah hat sich in den letzten Jahren verstärkt der politischen Mitte zugewendet: Ihr politischer Flügel verfügt über 14 Sitze im libanesischen Parlament sowie über zwei Kabinettsmitglieder und trat in den letzten Jahren mit sozial- und selbst umweltpolitischen Positionen mehr in Erscheinung als mit Drohgebärden gegenüber Israel.

Auch wenn Israels Wunsch, israelisches Staatsgebiet gegen Terrorangriffe zu sichern, zweifellos ein ernstes Anliegen ist, hat dieser Krieg im Wesentlichen den Charakter eines Kampfes um Anerkennung, indem es vornehmlich darum geht, Sinn und Legitimität der eigenen Sache zu behaupten. Sowohl Israel als auch die Hisbollah haben Gewalt primär für die Zwecke der Selbstdarstellung gegenüber der internationalen Staatenwelt eingesetzt, von der man externe Unterstützung für die Rechtmäßigkeit der eigenen Position und somit auch eine Stärkung nach innen erhofft.

Dementsprechend spielen die Medien in diesem Konflikt eine herausragende Rolle. Die Kriegsgegner haben alles daran gesetzt, im internationalen Scheinwerferlicht jeweils ein möglichst positives Bild abzugeben. Während die Hisbollah durch ihren eigenen TV-Sender Al-Manar einen sehr professionellen Medienkrieg führt, berichteten westliche Zeitungen, der PR-Berater des israelischen Ministerpräsidenten habe geprahlt, „die Israelis seien viermal so oft von der ausländischen Presse interviewt worden wie Sprecher der Palästinenser und Libanesen.“(5) Folglich wird in den Cafés und Straßen im Nahen Osten wie auch weltweit in zahllosen Blogs über die Glaubhaftigkeit der Bilder und Berichte über den Krieg fast intensiver gestritten als über Verlauf und Bedeutung der militärischen Auseinandersetzung selbst. Da werden Israel und Libanon, wo reale Bomben fallen und Menschen sterben, zur tragischen Kulisse medialer Rivalität um die bestmögliche Präsentation der eigenen Sache.

Die Eskalation im Libanon ist die Folge des Versuchs beider Kriegsparteien, sich durch militärisches Handeln einen Weg aus widersprüchlichen Lagen zu bahnen und neue Autorität in der internationalen Arena zu erlangen. Insofern ähnelt dieser Konflikt weit mehr, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, den „humanitären Interventionen“ westlicher Staaten seit den 90er-Jahren, in denen Krieg ebenfalls nicht um konventioneller territorialer oder strategischer Ziele willen geführt wird, sondern um eine „Mission“ und moralische Überlegenheit zu markieren.

Gleichzeitig ist der Einfluss internationaler Spannungen auf den Krisenschauplatz Israel-Libanon unübersehbar. In dem Maße, wie sich Hisbollah durch die radikale Rhetorik Irans unter Präsident Ahmadineschad und die zunehmenden Probleme der amerikanischen Besatzungsmacht im Irak zum Beschuss Israels animiert gefühlt haben mag, hat die israelische Regierung offenbar darauf vertraut, mit einer Militäraktion im Sinne des amerikanischen Antiterrorkrieges auf westliches Wohlwollen bauen zu können. Es ist folglich wenig überraschend, dass der Libanonkonflikt nun auch zum Brennpunkt des zunehmend labilen Verhältnisses zwischen Europa und Amerika wird. Die USA und Großbritannien wollten die israelische Offensive im Libanon als Bestandteil des Antiterrorkrieges verstanden wissen und waren bestrebt, eine neutrale Beschlussfassung der Vereinten Nationen dementsprechend anhaltend zu verhindern. Frankreich und Deutschland hingegen warfen ihr Gewicht in die Waagschale, um eine diplomatische Lösung des Konflikts unter Einbeziehung Syriens und anderer Nachbarstaaten zu ermöglichen. Dass sich das nicht zuletzt in Anbetracht des Leidens der Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet auf den ersten Blick als die sympathischere und vernünftigere Haltung darstellt, ist eine Sache; die andere ist die Gefahr, die diese innerwestliche Kontroverse birgt.
Die USA haben sich mit ihrer Antiterrorpolitik, insbesondere auf dem Kriegsschauplatz Irak, offenkundig in eine sehr missliche Lage gebracht. Im Irak wie auch in Afghanistan ist eine Stabilisierung nicht in Sicht; die Zunahme des Antiamerikanismus in islamischen Ländern ist ungebrochen; die Position der moderaten arabischen Regierungen ist entsprechend geschwächt; und in Amerika selbst greifen Unzufriedenheit und Zynismus gegenüber der Regierung Bush immer mehr Raum. Die USA haben keinerlei strategisches Interesse an einer Fortsetzung der Besetzung Iraks und würden sich lieber heute als morgen zurückziehen. Doch das verbieten derzeit die potenziellen Folgen vor Ort ebenso wie der Autoritätsverlust, den dies für die westliche Führungsmacht unweigerlich mit sich bringen würde.
Auch im Verhältnis zum Iran hat die intransigente Haltung der USA nur für zusätzliche Spannungen gesorgt und eine neue Konfliktzone eröffnet, die auch die Auseinandersetzung im Libanon beeinflusst hat und nun ihre Beilegung zusätzlich erschwert. Dass George Bush und Condoleeza Rice der Vermittlungstätigkeit der UN, Frankreichs und Deutschlands ungewohnt wohlwollend begegnen, ist daher ebenso wenig überraschend wie die Tatsache, dass deren diplomatische Bemühungen im Nahen Osten selbst vergleichsweise positiv aufgenommen werden.
Doch da wären große Vorbehalte eher wünschenswert. Den Ländern des Nahen Ostens eröffnet sich, so unwahrscheinlich das angesichts der militärischen Auseinandersetzung auch scheinen mag, zum ersten Mal seit 60 Jahren zumindest eine Chance, durch unabhängiges Suchen nach Lösungen für ihre Konflikte ihre Region in eine bessere Zukunft zu führen. Es wäre mehr als tragisch, wenn sie nun zum Austragungsort der neuen innerwestlichen Konflikte des 21. Jahrhunderts würde. Einmischung von außen – ob aus Amerika oder Europa – verspricht keine positiven Ergebnisse. Das lehren uns sowohl die Geschichte des Nahen Ostens als auch die destruktiven Ergebnisse westlicher Interventionspolitik seit den 90er-Jahren, vom Balkan bis in den Irak.

 

 

 


 

Brendan O’Neill ist stellvertretender Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Sp!ked (www-spiked-online.com). Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin der Textbüro Reul GmbH in Frankfurt am Main (www.textbuero-reul.de). Der Text basiert auf Brendan O’Neills Artikel „Israel-Lebanon: the War for Recognition“ (veröffentlicht in Sp!ked) und wurde von Sabine Reul überarbeitet und ergänzt.



 

Anmerkungen

(1) in: Le Figaro, 8.8.06, deutsch in: www.perlentaucher.de.
(2) Mick Hume: „A proxy war of a different sort“ in: www.spiked-online.com, 2.8.06.
(3) Dazu u.a. A.R. Norton: „Will we soon miss the Shebaa standoff?“ in: The Daily Star, 11.8.06, www.dailystar.com.
(4) Pressemitteilung des israelisches Außenministeriums: „Prime Minister Ehud Olmert addresses meeting of heads of local authorities“, 31.7.06, www.mfa.gov.il.
(5) „Unfriendly fire from all sides“ in: The Guardian, 31.7.06.

 

 



 



   
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