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Die Vorstellung, dass das Wirtschaftswachstum gedrosselt werden müsse, ist angesichts von Milliarden Menschen, die nach wie vor in bitterer Armut leben, tragisch, meint Daniel Ben-Ami.
Eines der erstaunlichsten Phänomene unserer Zeit ist die Art und Weise, wie der Umweltschutz die Wirtschaftswissenschaften beeinflusst und wie wenig dies wahrgenommen wird. Produktion und Konsum werden heute grundlegend anders betrachtet als in den Jahren, bevor der Umweltschutz zu einem Thema wurde. Zahlreiche Vorstellungen von Umweltschützern werden unkritisch übernommen. Der Ökologismus ist zu einem wichtigen Bestandteil der etablierten Meinung geworden und hat seinen Einfluss weit über die Grenzen grüner Parteien oder Organisationen ausgeweitet. Diese Entwicklung beeinflusst nicht nur unsere Einstellung, sondern hat auch ganz praktische Konsequenzen. In einer Welt, in der Milliarden von Menschen noch immer in bitterer Armut leben, ist die allgemein akzeptierte Meinung, dass das wirtschaftliche Wachstum gedrosselt werden müsse, tragisch. Gemäß den jüngsten Zahlen der Weltbank lebten im Jahr 2001 insgesamt 2,7 Milliarden Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag, 1,1 Milliarden sogar mit weniger als einem Dollar.(1) Die Debatte über die globale Erwärmung ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Umweltschutz unser Handeln und Denken beeinflusst. Fast jeder glaubt, der Klimawandel zwinge uns, die Emission von Treibhausgasen einzudämmen. Dies ist jedoch ohne eine Drosselung des Wirtschaftswachstums kaum möglich. Eine sich hieraus ergebende wirtschaftliche Stagnation hätte jedoch zur Folge, dass ein Großteil der Weltbevölkerung weiterhin in Armut leben müsste. Nur selten wird darüber diskutiert, wie man das Ziel eines bewussten Umgangs mit der globalen Erwärmung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum erreichen kann. Im weiteren Verlauf dieses Artikels soll dargestellt werden, dass wirtschaftliches Wachstum kein Problem, sondern im Gegenteil eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir lernen, mit den Auswirkungen des Klimawandels fertig zu werden. Es gibt zwei immer wiederkehrende Themen, die die Haltung von Umweltschützern zur Wirtschaft charakterisieren. Da ist zum einen das verbissene Pochen auf vermeintlich notwendige Einschränkungen. Ökologisten setzen voraus, dass unserer wirtschaftlichen Aktivität strenge Grenzen gesetzt werden müssen. Solche Prämissen ignorieren oder verleugnen die kreativen Fähigkeiten der Menschen. Eine dynamische Wirtschaft verursacht in der Tat häufig Probleme; sie legt jedoch gleichzeitig die Grundlage für die Überwindung dieser Probleme. Zum anderen wird die Debatte seit einiger Zeit von dem „Vorsorgeprinzip“ geprägt. Diesem zufolge wird angenommen, dass die Menschheit mit wirtschaftlichem Fortschritt vorsichtig umgehen müsse, da dieser ansonsten in der Zukunft schädliche und unerwünschte Folgen hervorrufen könnte. Diese Ängste finden ihren Ausdruck in dem Begriff „Nachhaltigkeit“. Die Verfechter des Vorsorgeprinzips unterscheiden sich von frühen Umweltschützern darin, dass sie dem Menschen durchaus kreative Fähigkeiten zusprechen. Sie sehen in dieser Kreativität jedoch kein positives Attribut, sondern vielmehr die Ursache zahlreicher Probleme. Hinter beiden Vorstellungen verbirgt sich eine misanthropische Weltsicht. Der Ökologismus kann als Angriff auf eine der zentralen Prämissen der Aufklärung verstanden werden. Diese besagt, dass Fortschritt in der zunehmenden Kontrolle des Menschen über die Natur besteht. Umweltschützer pochen dagegen darauf, dass der Mensch sich selber nur als einen Teil der Welt und der Natur betrachten dürfe. In der Praxis bedeutet dies, dass sich die Menschheit mit Armut, Krankheit und Naturkatastrophen abfinden soll. Über den Unterschied zwischen Naturkontrolle und Naturzerstörung herrscht bei Umweltschützern große Verwirrung. Die Natur beherrschen und kontrollieren bedeutet, sie so zu verändern, dass sie den menschlichen Bedürfnissen gerecht wird. Dies soll heißen, dass Medikamente entwickelt werden, um Krankheiten zu heilen, dass Dämme gegen Fluten gebaut oder dass Elektrizität gewonnen wird. Dies ist nicht gleichbedeutend mit der Zerstörung des Regenwaldes oder mit der Ausrottung von Arten. Wenngleich im Zuge wirtschaftlichen Wachstums auch immer wieder ökologische Schäden angerichtet wurden, so zielt dennoch die wirtschaftliche Entwicklung darauf ab, dem Menschen zu nutzen und nicht darauf, die Umwelt zu zerstören. Es ist zudem wichtig, daran zu erinnern, dass reichere Gesellschaften eher in der Lage sind, die Umwelt im Interesse des Menschen zu schützen als arme. Natürliche Wachstumsgrenzen? In den vergangenen Jahrzehnten stießen die Überlegungen von Malthus bezüglich natürlicher Grenzen auf breite Resonanz. Zuvor war man im Allgemeinen von den großen Vorteilen der Industrialisierung überzeugt. Die Aussicht auf weiteres Wachstum löste statt Ängste Hoffnungen aus. Doch in den 60er-Jahren trat eine neue Schicht von Intellektuellen in den Vordergrund, die durch die Ideen von Malthus beeinflusst war. Einige der neuen Mahner unterstützten Malthus explizit, während andere eher mittelbar Thesen kolportierten. Oft wurde argumentiert, Malthus habe im Prinzip Recht gehabt, jedoch den falschen Zeitpunkt für seinen Aufsatz gewählt. Andere glaubten, seine Ideen etwas differenzieren zu müssen, damit sie wieder relevant würden. Allen gemein war, dass sie, ganz im Sinne von Malthus, von den Grenzen der Ökonomie sprachen. Einer der bedeutendsten amerikanischen Ökonomen des späten 20. Jahrhunderts war Kenneth Boulding. Er nutzte die Metapher „Raumschiff Erde“, um auf natürliche Grenzen hinzuweisen. Doch anders als in Science-Fiction Werken wie „Star Trek“ war sein Weltraumfahrzeug nicht darauf aus, irdische Grenzen zu überwinden. Für ihn war die Erde ein statischer Ort, in dem die natürlichen Ressourcen immer knapper wurden. Manche Umweltschützer versuchten, ihr Grenzendenken mit konkreten Daten und Fakten zu untermauern. In Limits to Growth wurde behauptet, die Goldreserven der Welt gingen in neun Jahren zur Neige, während die Reserven an Quecksilber in 13, Gas in 22, Erdöl in 20, Silber in 13 und Zink in 18 Jahren aufgebraucht seien.(3) Rückblickend wissen wir, dass diese Vorhersagen abgrundtief falsch waren. Doch die Unterstützer des Berichts behaupten nach wie vor, der Hinweis auf eine generelle Rohstoffbegrenzung sei richtig gewesen. Man habe sich lediglich bei den Zeitangaben geirrt. Auch das Konzept des „natürlichen Kapitals“ geht von einer Ressourcenknappheit aus. Vertreter dieses Konzepts setzen sich dafür ein, natürliche Ressourcen als eine Form von Kapital zu sehen. Unter Kapital verstehen sie Wohlstand und nicht, wie in der klassischen Ökonomie üblich, die Grundlage für die Erwirtschaftung von Gewinnen. Für herkömmliche Ökonomen ist beispielsweise Eisenerz ein von der Natur kostenlos zur Verfügung gestelltes Material. Der Wert dieses Materials ergibt sich aus den jährlichen Erlösen, die die Bergbauindustrie aus diesem Material erzielt. Umweltschützer halten dagegen, das Material sei nicht kostenlos verfügbar, da es der Umwelt entzogen und diese somit belastet werde. Der Reichtum eines Eisenerz produzierenden Staates reduziere sich proportional zum Abbau des Materials. Doch dieses Konzept führt, wenn zu Ende gedacht, zu seltsamen Ergebnissen. So müsste eine vollkommen unberührte Landschaft, in der kein Mensch lebt, besonders wohlhabend sein. Im Gegensatz hierzu wäre ein hoch industrialisiertes Land durch den großen Verlust an natürlichem Kapital bitterarm, mithin die Antarktis reicher als die USA. Der Wert von Rohstoffen kann jedoch niemals losgelöst von der menschlichen Arbeit bestimmt werden, die notwendig ist, um diese zu gewinnen. Für technologisch wenig entwickelte Gesellschaften haben Bauxit oder Uran keinerlei Wert, da sie nicht genutzt werden können. Erst in einer Gesellschaft, die Aluminium herstellt oder die Atomkraft nutzt, werden diese Stoffe plötzlich wertvoll. Ein weiteres Konzept, das ebenfalls auf der Vorstellung natürlicher Grenzen beruht, ist das der so genannten Belastungsgrenze (carrying capacity). Die Belastungsgrenze wird definiert als das Maximum an Menschen (oder sonstiger Spezies), die eine bestimmte Gegend auf unbegrenzte Sicht ohne Belastungen aushalten kann. Dieses Konzept ist jedoch tautologisch. Die Belastungsgrenze der Erde in Hinblick auf die Menschheit errechnet sich aus deren produktiver Kapazität geteilt durch die Grundbedürfnisse eines einzelnen Menschen. Die produktive Kapazität der Erde ist jedoch immens gestiegen, seitdem die Welt wirtschaftlich effizienter wurde. Die Belastungsgrenze ist demnach keine festgelegte Größe, sondern betrifft nur ein bestimmtes Verhältnis (Mensch/Umgebung) zu einer bestimmten Zeit. Das beste Beispiel hierfür ist die Vorstellung einer drohenden Ölknappheit. Rein mathematisch gesehen stimmt es, dass, wenn die Ölvorräte begrenzt sind und die Wirtschaft weiter wächst, die Reserven irgendwann zur Neige gehen werden. Doch dies ändert sich, sobald wir die Möglichkeiten einer Überwindung dieses Problems in Betracht ziehen. Kurzfristig kann dies durch die Entdeckung weiterer Vorkommen oder durch die effizientere Förderung bereits bestehender Reserven geschehen. Mittelfristig wird es zu neuen Herstellungsverfahren kommen, mit denen auch schwer zugängliche Reserven, wie z. B. in den Ölsänden, genutzt werden können. Langfristig kann mit der Nutzung von Energiequellen gerechnet werden, an die wir zurzeit nicht einmal denken. Hinter der behaupteten Sorge der Umweltschützer um die Ressourcenbegrenztheit verbirgt sich eine zutiefst pessimistische Haltung gegenüber dem Erfindungsreichtum und der Genialität des Menschen. Umweltschützer neigen dazu, die gegenwärtigen Möglichkeiten und das bisher vorhandene Know-how in die Zukunft zu projizieren. In der Geschichte konnten wir unsere Situation jedoch immer wieder verbessern. Vorsicht und Nachhaltigkeit In der Forderung nach einem „nachhaltigen Wirtschaftswachstum“ findet das Vorsorgeprinzip seinen deutlichsten Ausdruck. Das Augenmerk liegt dabei auf den möglichen Gefahren, die von einer wirtschaftlichen Entwicklung für die zukünftigen Generationen ausgehen. Fortschritt darf nur vorsichtig angestrebt werden, und es werden sehr niedrige Erwartungen an ihn gestellt. Die Definition von Nachhaltigkeit, die im so genannten Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen von 1987 zu finden ist, verdeutlicht dies. Hier heißt es, „nachhaltig“ sei eine Entwicklung dann „wenn sie den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ Es lohnt sich, diese Definition näher zu betrachten. Die besondere Bedeutung, die den „zukünftigen Generationen“ beigemessen wird, drückt eine vorhandene Angst oder Unsicherheit vor der Zukunft aus. Es wird zudem angenommen, es gäbe einen Konflikt zwischen der Befriedigung der Bedürfnisse der heutigen und der zukünftigen Generationen. Die Vorstellung, dass auch zukünftige Gesellschaften von einer heutigen Entwicklung profitieren, wird ausgeklammert. In der Realität bedeutet weniger Wachstum heute, dass zukünftige Generationen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben werden wie wir. Von einem größeren Wirtschaftswachstum können dagegen auch die nachfolgenden Generationen profitieren. Zudem ist das Konzept der „Bedürfnisse“ sehr eng gefasst. Es wird zwar von der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung gesprochen, jedoch nur in Hinblick auf die Ärmsten dieser Welt. Wer reich ist oder nicht-überlebensnotwendige Bedürfnisse anmeldet, darf leer ausgehen. Globale Erwärmung Gegen Fortschritt und Aufklärung Die Aufklärung hatte von Anfang an ihre Feinde. Malthus’ Werk An Essay on the Principle of Population wurde als Antwort auf William Godwin (1756–1836) verfasst. Godwin betrachtete in seinem 1739 verfassten Buch Enquiry Concerning Political Justice den menschlichen Verstand als eine zentrale Kraft im Streben nach Fortschritt. Umweltschützer wandten sich von Anfang an gegen zentrale Prinzipien der Aufklärung. Rachel Carson, Autorin des 1962 veröffentlichten Werks Silent Spring (Der stumme Frühling), das als Gründungsdokument der modernen Umweltschutzbewegung gilt, wandte sich gegen das Projekt der Aufklärung, die Natur immer stärker durch den Menschen zu kontrollieren. In einer amerikanischen Fernsehsendung im Jahr 1963 sagte sie: „Wir sprechen immer noch von Eroberung. Wir sind noch nicht reif genug, uns als einen kleinen Teil des riesigen und unfassbaren Universums zu verstehen. Die Einstellung des Menschen zur Umwelt ist von entscheidender Bedeutung, weil wir über die verhängnisvolle Macht verfügen, die Natur zu verändern und zu zerstören.“(7) Kein ernsthafter Wissenschaftler würde bestreiten, dass die Erde ein kleiner Teil eines fast unvorstellbar riesigen Universums ist. Doch in Hinblick auf die Zukunft der Menschheit ist die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten immens wichtig. Wir haben enorm von der Fähigkeit profitiert, die Umwelt zu verändern und entsprechend der eigenen Bedürfnisse umzugestalten. Die Abneigung Carsons gegen eine menschliche Kontrolle der Natur wurde von ihren Nachfolgern übernommen. Ernst F. Schumacher sieht in der Boshaftigkeit des Menschen die Ursache dieses Kontrollstrebens. Für ihn ist die Vorstellung, dass die Industrialisierung das Produktionsproblem gelöst hat, abscheulich. Der moderne Mensch, so klagt er, verstehe sich nicht als Teil der Natur, sondern als eine äußere Kraft, die das Ziel verfolge, die Natur zu dominieren und zu erobern. Eine unter Umweltschützern besonders verhasste Person ist Francis Bacon (1561–1626), der erste Verfechter der Auffassung, der Mensch solle die Natur kontrollieren. Für Vandana Shiva, eine Umweltaktivistin aus Indien, sind die Vorstellungen Bacons eng mit denen von „Vergewaltigern oder Folterern“ verwandt. Laut Shiva wandte Bacon „keine unabhängige, objektive, wissenschaftliche Methode“ an. Stattdessen stelle seine Meinung eine besondere Form männlicher Aggressivität und Dominanzstreben gegenüber Frauen und nichtwestlichen Kulturen dar.(8) Shiva ist keine extreme Randerscheinung innerhalb der Umweltbewegung. Sie erhielt 1993 den alternativen Nobelpreis, und zahlreiche ihrer Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden. Für Umweltschützer besteht kein Unterschied zwischen der Kontrolle über die Natur und der Zerstörung der Erde. Für die Anhänger der Aufklärung hingegen besteht zwischen beidem ein fundamentaler Unterschied. Die Kontrolle der Natur bedeutet, Krankheiten besiegen zu können, Naturkatastrophen abzuwenden und vor allem Not und Mangel zu überwinden. Die Eroberung der Natur trägt ganz wesentlich zur Entwicklung der Menschheit bei. Für Verwirrung sorgen Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Sabine Beppler-Spahl.
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