Inhalt
ZUR
SACHE: Vor der Wahl ist nach der Wahl
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Bundestagswahlen 2005: das dicke Ende
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Mick Hume:
Where is the Party??
Sabine
Beppler-Spahl:
Wenn Kinder vorm Fernseher „vergammeln“
Hartmut
Schönherr:
Die Heilige Jungfrau der Schlachthöfe
[Heft S.12]
Bruno
Waterfield:
Hochzeit aus Angst
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Heinz
Horeis:
Begrabt das Waldsterben!
Hubert
Markl:
Über die Natur der Juristerei
[Heft S.20]
Edgar
Gärtner:
Die Abkehr vom Kioto-Prozess ist unausweichlich
Kenan
Malik:
EINSPRUCH: Pillen für unterschiedliche „Rassen“?
[Heft S.28]
WELTGESCHEHEN
Matthias
Heitmann:
Katrina and the Waves
WIRTSCHAFT
Daniel
Ben-Ami:
Sino-amerikanische Irritationen: der Beginn einer Ehekrise?
[Heft S.32]
KRIEG UND
TERRORISMUS
Brendan
O’Neill:
Die Neokonservativen sind nicht an allem
schuld!
PHILOSOPHIE UND
THEORIE
David
Chandler:
Globalaktivisten: Politik nicht von dieser Welt
[Heft S.38]
MEDIEN UND
KULTUR
Vasile
V. Poenaru:
Journal einer Reise zur Uni
[Heft S.42]
Yvonne
Caldenberg:
Nachschlagewerk als Utopie?
Stefan
Chatrath:
Deutschland – Land ohne Ideen?
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.4]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
FROHE
BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
[Heft S.19]
NEUE
MITTE
von Tillmann Prüfer:
Ganz große Blogitik
[Heft S.26]
POSITION
von Julian Namé:
Religionsunterricht: Baumeister des neuen Europa?
[Heft S.29]
GÜTERTAGEBUCH
von Karo Voormann:
Allmorgendlich. Backstube Prohassek, 65 Cent
[Heft S.34]
FUNDSTÜCK
von Bernd Herrmann:
Blut für Öl?
[Heft S.35]
REPLIK
von Hanko Uphoff:
Lässt der Determinismus die Willensfreiheit wirklich intakt?
[Heft S.45]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Eine neue Entdeckung als alter Hut
[Heft S.50]
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Katrina and the Waves
Die Wirbelstürme im Süden der USA brachten nicht nur Geröll
und menschliches Leid zum Vorschein, sondern auch die Folgen misanthrophischer
Zivilisations- und Weltverdrossenheit. Von Matthias
Heitmann
„Katrina“ und „Rita“ waren noch nicht abgeflaut,
da erhob sich schon ein Sturm der Entrüstung, gepaart mit Vorwürfen
gegen diverse „Verantwortliche“ für das Desaster. Auffällig
an der Flut öffentlicher Schuldzuweisungen war deren hoher Grad
an Irrationalität. Hier wurden berechtigte Vorwürfe wegen des
Versagens von Landes- und Staatsbehörden mit an den Haaren herbeigezogenen
Vorhaltungen zu einer undurchsichtigen und giftigen Brühe vermengt.
Wer hat Schuld am Hurrikan?
Es ist gut, wenn Menschen Verantwortliche für menschliches und staatliches
Versagen suchen. Problematisch war hingegen, wie verschiedene Gruppen
die Katastrophe ausnutzten, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Mit einer
konstruktiven Auseinandersetzung hatte diese Art der „Debatte“ wenig
gemein.
So interpretierte die religiöse Rechte den Sturm als göttlichen
Wutausbruch ob des unmoralischen Lebensstils der Menschen im „Sündenpfuhl“ New
Orleans. Islamische Radikale reagierten ähnlich und würdigten „Private
Katrina“ als Gotteskriegerin im Kampf gegen die verdorbene westliche
Welt. (1) Kritiker der sozialen Ungerechtigkeit der US-Gesellschaft stießen
in dasselbe Horn. „Der Hurrikan Katrina war der unvermeidliche
Funke, der das gefährliche Gemisch aus Unmenschlichkeit und Korruption
zum Zünden brachte“, schrieb der linke amerikanische Journalist
Jordan Flaherty in der Zeit. (2) Aus der ökologischen Ecke war zu
vernehmen, „Mutter Natur“ habe mit ihren Gewalten der größten
Naturverschmutzernation die Quittung präsentiert; ganz so, als hätte
die Unterschrift von US-Präsident George W. Bush unter das Kioto-Abkommen
sein Land vor den Stürmen bewahrt. Einflussreiche Stimmen aus der
amerikanischen Wirtschaft wiederum machten das System des „Big
Government“ für die Folgen der Naturkatastrophe verantwortlich
und nutzen den Anlass, um weitere Deregulierungsmaßnahmen in Wirtschaft
und Gesellschaft zu fordern. Wie genau marktwirtschaftliche Instrumente
die armen Teile der Bevölkerung von New Orleans vor dem Ertrinken
hätten bewahren sollen und ob eine größere Anzahl von
Hotdog-Ständen am Superdome die Situation entschärft hätte,
blieb freilich ungeklärt. Selbst die Friedensbewegung machte sich
den Hurrikan zu Eigen. Das verspätete Eingreifen der Regierung wurde
von nicht wenigen mit dem US-amerikanischen Engagement im Irak erklärt,
das nahezu alle Ressourcen verschlänge.
Natürlich mischten auch ausländische Politiker und Kommentatoren
kräftig mit bei der Verortung der Schuld. Manche, wie der damalige
grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin, spielten die ökologische
Karte und äußerten die Hoffnung, „Katrina“ werde
die Amerikaner zu einem Umdenken in Klimafragen bewegen. (3)Andere ließen
ihrem Antiamerikanismus freien Lauf und erklärten die Katastrophe
kurzerhand zur gerechten Strafe für all das, was die kriegerische,
fettleibige und gefräßige Weltmacht tagtäglich anrichte.
Wieder andere schlossen in ihre misanthropische Sicht die gesamte Menschheit
ein und interpretierten die Zustände in New Orleans als Zeichen
dafür, dass die „Menschheit nur bedingt zivilisierbar“ (4)
sei und lediglich die Staatsgewalt die Menschen davon abhalte, wie Horden
wilder Tiere übereinander herzufallen.
Rückzug – aber
wohin?
In dieser teilweise grotesken Schulddebatte manifestiert sich ein grundsätzliches
Problem. Zwar hat der Siegeszug der Aufklärung und der naturwissenschaftlichen
Erkenntnis die Art, wie Menschen mit Naturkatastrophen umgehen, zum Positiven
verändert. Erdbeben und Sturmfluten wurden nach und nach durch wissenschaftliche
Erklärungen entmystifiziert. Zugleich wuchs das Wissen darüber,
wie sich die Menschheit besser vor Katastrophen schützen und teilweise
ihre zerstörerischen Auswirkungen begrenzen kann.
Insbesondere hat jedoch der Ökologiediskurs, aber auch die zunehmende
Politik- und Gesellschaftsverdrossenheit, eine Wandlung der Katastrophenwahrnehmung
bewirkt. Die positive Grundeinstellung gegenüber den Wissenschaften
und der menschlichen Gestaltungsfähigkeit wird immer stärker
von Zweifeln durchzogen. Entsprechend hat auch der rationale Umgang mit
Katastrophen irrationale und neoreligiöse Konkurrenz erhalten. Katastrophen
werden nicht selten als direkte Folge menschlicher Naturbeeinflussung
interpretiert und diese Interpretationen mit scheinwissenschaftlichen
Argumenten unterfüttert.
Hierdurch wird der Blick auf den Umgang mit und das sinnvolle Verhalten
vor, während oder nach solchen Ereignissen getrübt. Am deutlichsten
wurde dies in der Debatte über die Zukunft von New Orleans. Unter
die Forderungen nach einem verstärkten (Wieder-)Aufbau von Schutzmaßnahmen
für die überflutete Stadt mischten sich auch Stimmen, die für
eine vollständige Aufgabe der „unmöglichen Stadt an einem
unmöglichen Ort“ plädierten. (5) Daran ist abzulesen,
wie stark sich der Umgang mit Katastrophen verändert hat. Galt in
der Vergangenheit gerade das Ziel, dem Unwillen der Natur zu trotzen,
als eine der wichtigsten Eigenschaften menschlicher Zivilisation, wird
nun verstärkt zum Rückzug geblasen. Und dies nicht nur in Bezug
auf New Orleans; auch die reine Existenz von Städten wie Los Angeles
(in einem extrem erdbebengefährdeten Gebiet) und sogar von Venedig,
dem seit Jahren der baldige Untergang prognostiziert wird, wird immer
häufiger als Ausdruck menschlichen Größenwahns dargestellt.
(6)
Menschen lernen
Ursächlich für diese Sichtweise sind zwei zentrale Prämissen.
Die eine geht davon aus, dass Menschen aus Fehlern und Versäumnissen
nicht lernen können und daher zwangsläufig von einer Katastrophe
in die andere schlittern werden. Ein Blick in die Weltgeschichte – auch
in die jüngste Vergangenheit – offenbart jedoch das Gegenteil.
Selbst die in vollständiger politischer Lähmung erstarrte US-Regierung
hat aus den Erfahrungen mit „Katrina“ gelernt und hat beim
Herannahen der Wirbelstürme „Rita“ und „Wilma“ koordinierter
agiert. Auch die Installation von Erdbebenwarnsystemen im Pazifischen
Ozean als Folge des verheerenden Seebebens im Dezember 2004 ist eindeutig
ein Schritt in die richtige Richtung. Für Venedig liegen seit längerem
umfangreiche Pläne zum Schutz der Stadt vor Überflutung vor.
Dass solche für Bangladesch, das beinahe jährlich von apokalyptischen Überschwemmungen
heimgesucht wird, nicht existieren, liegt nicht an fehlender Machbarkeit,
sondern an fehlender Entwicklung. Wie gut ein hochmodernes und ausgeklügeltes
System von Dämmen und Deichen funktionieren kann, machen uns die
Niederlande vor. Auch in Deutschland wurden nach der Oderflut im Jahre
2002 Maßnahmen ergriffen, um kommende Fluten besser in geregelte
Bahnen zu lenken. Bei allen Problemen, seien sie politischer, wirtschaftlicher,
sozialer oder kultureller Art, ist zu konstatieren: Menschen lernen.
Es gibt keine totale Sicherheit
Die zweite Prämisse betrifft den Themenkomplex Risikoverhütung
und Sicherheit. Ob New Orleans, Venedig, Hamburg oder Bad Tölz:
für keinen Ort auf der Welt kann vollständige Sicherheit gewährleistet
werden. Die Menschheit kann Risiken minimieren und Vorsorge treffen,
aber dies nur bis zu einem gewissen Grad. Mehr ist auch nicht wünschenswert;
andernfalls dürften wir keinen Fuß mehr vor den anderen setzen,
keine Experimente wagen und keine Freiheiten haben. Selbst absoluter
Stillstand und Stagnation sind keine Garantien für Sicherheit, wie
das Beispiel New Orleans zeigt.
Die gegenwärtige Risikoobsession und der Wunsch nach vollständiger
Sicherheit führen dazu, dass Risiken überbewertet, die zerstörerischen
Konsequenzen von Ereignissen und Unfällen dramatisiert und zugleich
die menschliche Fähigkeiten, Schlimmeres zu verhindern, unterbewertet
werden. Obwohl die Evakuierungen überaus chaotisch und ineffizient
vonstatten gingen, gelang es, mehrere hunderttausend Menschen rechtzeitig
aus dem Hurrikangebiet herauszuschleusen. Zweifellos besteht hier Optimierungsbedarf.
Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Zahl der Opfer
glücklicherweise niedriger lag als zunächst befürchtet
und dass dem Hurrikan „Rita“ nur wenige Menschen zum Opfer
fielen.
Wie gefährlich hingegen die Überbetonung von Risiken werden
kann, brachte der Gouverneur des US-Staates Mississippi, Haley Barbour,
zum Ausdruck. „Ich befürchte, wir litten unter einer gewissen
'Hurrikan-Müdigkeit'“,
zitierte ihn die Los Angeles Times. (7) Mehrere Male waren die
Bewohner der Südstaaten in den letzten Jahren, zuletzt im September
2004, aufgefordert worden, sich vor einem nahenden Hurrikan in Sicherheit
zu
bringen, ohne dass am Ende hierzu ein Anlass bestand. Viele Menschen
hätten daher, so Barbour, die Warnungen in den Wind geschlagen – eine
verständliche Reaktion, die zeigt, wie gefährlich und unverantwortlich
Alarmismus und übertriebener Aktionismus sind.
Lust auf Elend
Diese Ereignisse in den USA sollten uns daran erinnern, dass Einfallsreichtum
und technischer Fortschritt Errungenschaften der menschlichen Zivilisation
sind, die uns ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren. Mehr
Raum wurde in der Berichterstattung jedoch der Beschwörung der
apokalyptischen Dimensionen der Naturkatastrophen zuteil. In den Fluten,
so schien es, waren auch alle Unterschiede zwischen entwickelten und
armen Ländern untergegangen. Man konnte den Eindruck haben, die
internationalen Medien ergötzten sich daran, dass sich ein derartiges
Drama sogar im reichsten Land der Welt zutragen kann. Die Liste der
globalen Krisenherde und Katastrophensynonyme, mit denen die Zustände
in New Orleans verglichen wurden, war lang. Sie reichte von Bagdad
(8) über Pompeji (9) bis nach Mogadischu (10).
Hinter all diesen reißerischen Vergleichen steht mehr als nur das
blanke Entsetzen ob der Zerstörungskraft von Naturgewalten. Vielmehr
ist es Ausdruck eines nihilistischen Zeitgeistes, der angesichts der
gegenüber Naturkatastrophen empfundenen menschlichen Kleinheit und
Ohnmacht allen bisher erreichten Fortschritt der Menschheit negiert und
wegspült. Nur so kann ein Vergleich zwischen New Orleans und Mogadischu überhaupt
als angemessen erscheinen. Dass hingegen noch Schlimmeres verhindert
wurde, nach den Stürmen eine Welle der Solidarität durch die
USA rollte und unzählige Menschen gerade in der Krise ihre Zivilisiertheit
eindrucksvoll unter Beweis stellten, blieben Randnotizen in der ansonsten
krisengeilen, risikobesessenen und in letzter Konsequenz menschenverachtenden
Berichterstattung.
Der Bürgermeister von New Orleans hat die Parole „Wir holen
New Orleans zurück!“ ausgerufen. Hoffentlich gelingt es auch,
den Glauben der Menschheit an sich selbst zurückzuholen.

Matthias Heitmann ist Novo-Redakteur und freier Journalist. In Novo78
widmete er sich in seinem Artikel „Londoner Lehren“ der Debatte über
die Terroranschläge von London, in der alles auf den Tisch kam,
nur nicht die Ursachen des Terrors.
Anmerkungen
(1) „Gott
gieße seinen Zorn über Amerika“ in: Spiegel
Online,
7.9.05.
(2) Jordan Flaherty: „Die große Wut“ in: Die Zeit,
37/05.
(3) Jürgen Trittin: „Ein 'Kyoto zwei' wird dringend
gebraucht“, Frankfurter Rundschau online, 30.8.05.
(4) „Gewalt ohne Ende“, Interview mit James Graham Ballard
in: Die Zeit, 37/05.
(5) „New Orleans’ Wiederaufbau macht keinen Sinn“ in:
Spiegel Online, 2.9.05.
(6) „Ist Venedig das nächste New Orleans?“ in: FAZ,
9.9.05.
(7) „Some faced Katrina with 'hurricane fatigue' in: Los
Angeles Times, 31.8.05.
(8) „Bagdad, New Orleans“ in: Spiegel Online, 4.9.05.
(9) in: La Repubblica, zitiert in: Spiegel Online, 2.9.05.
(10) „Mogadischu am Mississippi“, in: Die Welt, 6.9.05.
Lesetipp
Sp!ked
Online, Issue: „After Katrina“, www.spiked-online.com/Sections/Politics/Katrina/Index.htm
Matthias Heitmann: „Politik im Namen des Hasen“ in: Novo76
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