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78  Sept./Okt. 2005 REPLIK

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NOVO 78

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Warum der Determinismus
die Willensfreiheit
intakt lässt


von Norbert Hoerster


 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Heft 78: Übersicht
 




Warum der Determinismus die Willensfreiheit intakt lässt

 

Norbert Hoerster erwidert auf Hanko Uphoffs „Gehirn und Willensfreiheit“ (Novo76).



In seinem Aufsatz „Gehirn und Willensfreiheit“ versucht Hanko Uphoff, die von modernen Hirnforschem vertretene These von der kausalen Determiniertheit menschlicher Bewusstseinsphänomene und Handlungsentscheidungen zu widerlegen. In diesem Zusammenhang gibt er der deutlichen Meinung Ausdruck, im Determinismus werde die Willensfreiheit des Menschen und mit ihr jegliche Verantwortungs- und Schuldfähigkeit zur „Illusion“. Menschliches Verhalten werde unter diesen Umständen auf ein „verantwortungsloses Ablaufgeschehen“ reduziert.
Diese Sichtweise ist zwar weit verbreitet, gleichwohl aber falsch. Angenommen, ich war bis gestern überzeugter Indeterminist und bin dann – unter dem Eindruck der Lektüre des Aufsatzes eines führenden Hirnforschers – zum Determinismus konvertiert: in welcher Weise wird dieser theoretische Überzeugungswandel meine Lebenspraxis beeinflussen? Ich behaupte: sofern ich einigermaßen rational bin, in überhaupt keiner Weise. Ich werde vielmehr erstens meine Handlungsentscheidungen wie bisher treffen, indem ich die verschiedenen möglichen Handlungsalternativen im Lichte meiner Interessen sowie meiner moralischen Werte miteinander vergleiche und gegeneinander abwäge. Und ich werde zweitens meine Mitmenschen für ihre Handlungsentscheidungen wie bisher im Lichte allgemein geteilter moralischer Wertvorstellungen loben bzw. tadeln sowie belohnen bzw. bestrafen.
Natürlich könnte ich mich durch meinen Determinismus auch dazu verleiten lassen, auf meine bisherigen Aktivitäten zu verzichten und mich für den Rest meiner Tage ins Bett zu legen und so meinem „vorherbestimmten Schicksal“ zu überlassen. Die Annahme, dass dies die logisch gebotene Konsequenz meiner Konversion zum Determinismus wäre, wäre jedoch ein eindeutiger Fehlschluss. Denn erstens ist der Determinismus nicht gleichbedeutend mit dem Fatalismus, wonach uns unser Schicksal ganz unabhängig von unseren Alltagsentscheidungen ereilt. Die Frage beispielsweise, wie alt ich werde, hängt durchaus auch nach deterministischer Sicht etwa davon ab, wie ich mich täglich ernähre und meinen Zigarettenkonsum gestalte. Und zweitens wäre mein künftiges Leben im Bett ja ganz genauso das Resultat meiner eigenen Entscheidung wie die Fortsetzung meiner bisherigen Lebensweise am Schreibtisch. Der einzige Unterschied läge darin, dass die Entscheidung für das Bett unter dem Gesichtspunkt meines künftigen Lebensglücks und der Befriedigung meiner Interessen hochgradig irrational wäre.
Meine Akzeptanz des deterministischen Weltbildes würde nach alledem nichts daran ändern, dass ich mich für die von mir zu treffenden Entscheidungen samt ihren Folgen nach wie vor „verantwortlich“ fühlen. Das von Uphoff beschworene menschliche „Freiheitsbewusstsein“, das zum Determinismus angeblich eine „kontraintuitive“ Stellung bezieht, ist in Wahrheit, richtig verstanden, mit dem Determinismus voll vereinbar. Das bedeutet: auch unter der Voraussetzung des Determinismus gibt es nach wie vor sowohl Handlungen und Entscheidungen, zu denen Menschen die Freiheit haben, als auch Handlungen und Entscheidungen, zu denen sie nicht die Freiheit haben. So habe ich die Handlungsfreiheit (im Sinn der Handlungsmöglichkeit), morgen nach Mallorca zu fliegen; wenn mir jedoch das Geld fehlte, hätte ich diese Handlungsfreiheit nicht.
Und ebenso hatte ich, nachdem ich gestern im Supermarkt feststellen musste, meine Geldbörse vergessen zu haben, die Entscheidungsfreiheit, entweder auf die von mir gewünschte Flasche Sekt zu verzichten oder von zu Hause meine Geldbörse zu holen oder mir bei einem Bekannten, den ich traf, Geld zu leihen oder den Sekt einfach zu stehlen. Wenn ich ein Kleptomane wäre, hätte ich zwar auch die sämtliche Alternativen umfassende äußere Handlungsmöglichkeit gehabt, nicht aber die entsprechende innere Entscheidungsfreiheit: ich hätte nur die zuletzt genannte Alternative wählen können. Ob ich Geld für einen Mallorcaflug habe und ob ich ein Kleptomane bin, hat aber mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit des Determinismus absolut nichts zu tun.
Unsere „Freiheit“ besteht, realistisch betrachtet, in nichts anderem als zum einen in der äußeren Möglichkeit, eine bestimmte Handlung überhaupt auszuführen, und zum anderen in der introspektiv erfahrenen Möglichkeit, sich sowohl für wie gegen diese Handlung in einer rational abwägenden Weise zu entscheiden. Beide Möglichkeiten bleiben vom Determinismus unberührt. Auf die von Uphoff bemühte Habermassche Phrase von der „Anbindung des subjektiven Geistes ... an einen objektiven Geist, das heißt an symbolisch gespeichertes kollektives Wissen“, die uns „propositionale Einstellungen zu einer auf Distanz gebrachten Welt“ ermöglicht, können wir, um unsere Freiheit vor dem Determinismus zu schützen, getrost verzichten.
Aber nicht nur die Möglichkeit eigenen verantwortlichen Handelns, auch die Möglichkeit der sinnvollen Bestrafung fremden, schuldhaft zu verantwortenden Unrechts bleibt vom Determinismus unberührt. Im Gegenteil: eine solche Bestrafung ist, um die gewünschte präventive Wirkung haben zu können, auf die Geltung zumindest von gewissen Wahrscheinlichkeitsgesetzen im Motivationsbereich menschlichen Verhaltens geradezu angewiesen! Den „normalen“ Dieb, der vergleicht und abwägt, also verantwortbar handelt und schuldhaft stiehlt, kann man ja durch die Praxis des Strafens (jedenfalls weitgehend) abschrecken. Gegenüber dem Kleptomanen dagegen ist Strafe sinnlos.
Natürlich kann man niemandem verbieten, das Wort „Freiheit“ so zu verstehen bzw. zu definieren, dass es von vornherein nichts anderes als Indeterminiertheit bedeutet. Eine solche Definition aber würde der sehr wichtigen Funktion, die dieses Wort in unserer Lebenspraxis, wie oben skizziert, normalerweise hat, gewiss nicht gerecht. Etwas anderes würde nur unter einer ganz bestimmten Voraussetzung gelten – einer Voraussetzung, die mit der Voraussetzung des Determinismus leider immer wieder stillschweigend in einen Topf geworfen wird. Ich meine die Voraussetzung, dass nicht nur der Determinismus Recht hat, sondern dass darüber hinaus sowohl alle menschlichen Entscheidungen und Handlungen tatsächlich sich wissenschaftlich voraussagen lassen, als auch diese wissenschaftlichen Voraussagen dem jeweils handelnden Menschen im Vorhinein bekannt sind. Wenn ich mit genau derselben Sicherheit, mit der ich weiß, dass morgen Sonntag ist und dass morgen die Sonne aufgeht, auch weiß, dass ich morgen nach Mallorca fliegen werde, dann werde ich mich natürlich auch als ebenso unfrei wie die Sonne bezeichnen. Und wenn ich etwa als Richter im Vorhinein weiß, dass ich Herrn Meier in einer Woche wegen Diebstahls verurteilen werde, dann erübrigt sich für mich jede Überlegung über die notwendigen Voraussetzungen dieses Urteils.
Nur unter der genannten zum Determinismus hinzukommenden Voraussetzung ist Uphoff also zuzustimmen, dass die kausale Determiniertheit unserer Entscheidungen unsere Entscheidungsfreiheit zur „Illusion“ werden ließe. Es ist jedoch eine Binsenwahrheit, dass diese zusätzliche Voraussetzung jedenfalls derzeit nicht erfüllt ist und wohl auch nie erfüllt sein wird. Der wichtigste Grund liegt auf der Hand: selbst wenn menschliches Handeln total determiniert sein sollte, so sind uns jedenfalls nicht sämtliche relevanten Ausgangsbedingungen und Naturgesetze, die wir für zuverlässige Voraussagen benötigen würden, auch verfügbar. Die tatsächliche Möglichkeit von Voraussagen geht über die mit dem Determinismus einhergehende prinzipielle Möglichkeit von Voraussagen weit hinaus. Wir können ja nicht einmal das Wetter – sei es kurzfristig exakt, sei es mittelfristig wenigstens ungefähr – voraussagen.
Der Determinismus im Bereich menschlichen Verhaltens ist nicht mehr und nicht weniger als eine sehr interessante naturwissenschaftliche Hypothese. Die breite Öffentlichkeit und unsere Journalisten braucht diese Hypothese nicht zu beunruhigen.

 

 

 


 

Norbert Hoerster ist pensionierter Professor für Rechts- und Sozialphilosophie. Seine letzten Buchveröffentlichungen sind Ethik des Embryonenschutzes (Reclam 2002, 136 S., EUR 3,60), Ethik und Interesse (Reclam 2003, 235 S., EUR 6,00), Haben Tiere eine Würde? (C.H. Beck 2004, 108 S., EUR 9,90) und Die Frage nach Gott (C.H. Beck 2005, 125 S., EUR 9,90).

 



 



   
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