Inhalt
ZUR
SACHE
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Wählen, aber was?
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Sabine Beppler-Spahl:
Instrumentalisierte Bildung
Dieter
Langewiesche:
Europäische Universität oder Universitäten in Europa?
[Heft S.12]
Peter
Kunzmann:
POSITION: Wahres Wissen: uralt oder brandneu?
[Heft S.15]
Karo
Voormanns:
GÜTERTAGEBUCH: Belladonna D6. September 05. Deutsche Homöopathie
Union, auf Rezept.
[Heft S.16]
Kai
Rogusch:
Sicherheitspolitik als staatliche Angstfantasie
[Heft S.18]
Thomas
Deichmann:
steht Was zur Wahl?
Julian
Namé:
BÜCHER: Öffentlichkeit als Bedrohung
[Heft S.32]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Thomas
R. DeGregori:
Mythos und Moderne
Joe Kaplinsky:
Rettet die globale Erwärmung die Atomkraft?
Wolf
Häfele:
„Das Energieproblem kann gelöst werden“
[Heft S.41]
WIRTSCHAFT
Daniel
Ben-Ami:
Sind „Hedge-Fonds“ besonders
gefährlich?
Daniel
Ben-Ami:
Zählen Erbsen?
[Heft S.46]
Walter
Krämer:
EINSPRUCH: Bürokratenterror gegen Wirtschaftswachstum
[Heft S.48]
KRIEG UND TERRORISMUS
Matthias
Heitmann:
Londoner Lehren
Ingo Schramm:
Wenn die Falle zuschnappt
[Heft S.52]
WELTGESCHEHEN
James
Heartfield:
Wanderbaustelle Weltzivilgesellschaft
[Heft S.53]
David
Chandler:
Srebrenica: Salz auf die Wunden des Krieges
MEDIEN UND
KULTUR
Claudius
Gros:
Finale Handlungsszenarien
Sabine
Rothemann:
Fünf Tage in Kairo
[Heft S.67]
Stefan
Chatrath:
Mehr Sport ohne Politik
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
FUNDSTÜCK
von Sait Amnamtieh:
Lego-Politik: GRÜNdlich daneben!
[Heft S.8]
NEUE
MITTE
von Tillmann Prüfer:
Das Beste aus den Partei-Pamphleten
[Heft S.34]
FROHE
BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.39]
WORTGESCHICHTEN
von Bernd Herrmann:
Vision
[Heft S.47]
REPLIK
von Norbert Hoerster:
Warum der Determinismus die Willensfreiheit
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Stell Dir vor, es ist WM, und keiner macht Wahlkampf!
[Heft S.63]
NEUE
WELT
von James Woudhuysen:
Die neue Servicewelt
[Heft S.65]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
In der Welt des konfektionierten
Spießers Peter Hahne
[Heft S.66]
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Warum der Determinismus die Willensfreiheit intakt lässt
Norbert Hoerster erwidert auf Hanko Uphoffs „Gehirn und Willensfreiheit“ (Novo76).
In seinem Aufsatz „Gehirn und Willensfreiheit“ versucht Hanko
Uphoff, die von modernen Hirnforschem vertretene These von der kausalen
Determiniertheit menschlicher Bewusstseinsphänomene und Handlungsentscheidungen
zu widerlegen. In diesem Zusammenhang gibt er der deutlichen Meinung
Ausdruck, im Determinismus werde die Willensfreiheit des Menschen und
mit ihr jegliche Verantwortungs- und Schuldfähigkeit zur „Illusion“.
Menschliches Verhalten werde unter diesen Umständen auf ein „verantwortungsloses
Ablaufgeschehen“ reduziert.
Diese Sichtweise ist zwar weit verbreitet, gleichwohl aber falsch. Angenommen,
ich war bis gestern überzeugter Indeterminist und bin dann – unter
dem Eindruck der Lektüre des Aufsatzes eines führenden Hirnforschers – zum
Determinismus konvertiert: in welcher Weise wird dieser theoretische Überzeugungswandel
meine Lebenspraxis beeinflussen? Ich behaupte: sofern ich einigermaßen
rational bin, in überhaupt keiner Weise. Ich werde vielmehr erstens
meine Handlungsentscheidungen wie bisher treffen, indem ich die verschiedenen
möglichen Handlungsalternativen im Lichte meiner Interessen sowie
meiner moralischen Werte miteinander vergleiche und gegeneinander abwäge.
Und ich werde zweitens meine Mitmenschen für ihre Handlungsentscheidungen
wie bisher im Lichte allgemein geteilter moralischer Wertvorstellungen
loben bzw. tadeln sowie belohnen bzw. bestrafen.
Natürlich könnte ich mich durch meinen Determinismus auch dazu
verleiten lassen, auf meine bisherigen Aktivitäten zu verzichten
und mich für den Rest meiner Tage ins Bett zu legen und so meinem „vorherbestimmten
Schicksal“ zu überlassen. Die Annahme, dass dies die logisch
gebotene Konsequenz meiner Konversion zum Determinismus wäre, wäre
jedoch ein eindeutiger Fehlschluss. Denn erstens ist der Determinismus
nicht gleichbedeutend mit dem Fatalismus, wonach uns unser Schicksal
ganz unabhängig von unseren Alltagsentscheidungen ereilt. Die Frage
beispielsweise, wie alt ich werde, hängt durchaus auch nach deterministischer
Sicht etwa davon ab, wie ich mich täglich ernähre und meinen
Zigarettenkonsum gestalte. Und zweitens wäre mein künftiges
Leben im Bett ja ganz genauso das Resultat meiner eigenen Entscheidung
wie die Fortsetzung meiner bisherigen Lebensweise am Schreibtisch. Der
einzige Unterschied läge darin, dass die Entscheidung für das
Bett unter dem Gesichtspunkt meines künftigen Lebensglücks
und der Befriedigung meiner Interessen hochgradig irrational wäre.
Meine Akzeptanz des deterministischen Weltbildes würde nach alledem
nichts daran ändern, dass ich mich für die von mir zu treffenden
Entscheidungen samt ihren Folgen nach wie vor „verantwortlich“ fühlen.
Das von Uphoff beschworene menschliche „Freiheitsbewusstsein“,
das zum Determinismus angeblich eine „kontraintuitive“ Stellung
bezieht, ist in Wahrheit, richtig verstanden, mit dem Determinismus voll
vereinbar. Das bedeutet: auch unter der Voraussetzung des Determinismus
gibt es nach wie vor sowohl Handlungen und Entscheidungen, zu denen Menschen
die Freiheit haben, als auch Handlungen und Entscheidungen, zu denen
sie nicht die Freiheit haben. So habe ich die Handlungsfreiheit (im Sinn
der Handlungsmöglichkeit), morgen nach Mallorca zu fliegen; wenn
mir jedoch das Geld fehlte, hätte ich diese Handlungsfreiheit nicht.
Und ebenso hatte ich, nachdem ich gestern im Supermarkt feststellen musste,
meine Geldbörse vergessen zu haben, die Entscheidungsfreiheit, entweder
auf die von mir gewünschte Flasche Sekt zu verzichten oder von zu
Hause meine Geldbörse zu holen oder mir bei einem Bekannten, den
ich traf, Geld zu leihen oder den Sekt einfach zu stehlen. Wenn ich ein
Kleptomane wäre, hätte ich zwar auch die sämtliche Alternativen
umfassende äußere Handlungsmöglichkeit gehabt, nicht
aber die entsprechende innere Entscheidungsfreiheit: ich hätte nur
die zuletzt genannte Alternative wählen können. Ob ich Geld
für einen Mallorcaflug habe und ob ich ein Kleptomane bin, hat aber
mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit des Determinismus absolut nichts
zu tun.
Unsere „Freiheit“ besteht, realistisch betrachtet, in nichts
anderem als zum einen in der äußeren Möglichkeit, eine
bestimmte Handlung überhaupt auszuführen, und zum anderen in
der introspektiv erfahrenen Möglichkeit, sich sowohl für wie
gegen diese Handlung in einer rational abwägenden Weise zu entscheiden.
Beide Möglichkeiten bleiben vom Determinismus unberührt. Auf
die von Uphoff bemühte Habermassche Phrase von der „Anbindung
des subjektiven Geistes ... an einen objektiven Geist, das heißt
an symbolisch gespeichertes kollektives Wissen“, die uns „propositionale
Einstellungen zu einer auf Distanz gebrachten Welt“ ermöglicht,
können wir, um unsere Freiheit vor dem Determinismus zu schützen,
getrost verzichten.
Aber nicht nur die Möglichkeit eigenen verantwortlichen Handelns,
auch die Möglichkeit der sinnvollen Bestrafung fremden, schuldhaft
zu verantwortenden Unrechts bleibt vom Determinismus unberührt.
Im Gegenteil: eine solche Bestrafung ist, um die gewünschte präventive
Wirkung haben zu können, auf die Geltung zumindest von gewissen
Wahrscheinlichkeitsgesetzen im Motivationsbereich menschlichen Verhaltens
geradezu angewiesen! Den „normalen“ Dieb, der vergleicht
und abwägt, also verantwortbar handelt und schuldhaft stiehlt, kann
man ja durch die Praxis des Strafens (jedenfalls weitgehend) abschrecken.
Gegenüber dem Kleptomanen dagegen ist Strafe sinnlos.
Natürlich kann man niemandem verbieten, das Wort „Freiheit“ so
zu verstehen bzw. zu definieren, dass es von vornherein nichts anderes
als Indeterminiertheit bedeutet. Eine solche Definition aber würde
der sehr wichtigen Funktion, die dieses Wort in unserer Lebenspraxis,
wie oben skizziert, normalerweise hat, gewiss nicht gerecht. Etwas anderes
würde nur unter einer ganz bestimmten Voraussetzung gelten – einer
Voraussetzung, die mit der Voraussetzung des Determinismus leider immer
wieder stillschweigend in einen Topf geworfen wird. Ich meine die Voraussetzung,
dass nicht nur der Determinismus Recht hat, sondern dass darüber
hinaus sowohl alle menschlichen Entscheidungen und Handlungen tatsächlich
sich wissenschaftlich voraussagen lassen, als auch diese wissenschaftlichen
Voraussagen dem jeweils handelnden Menschen im Vorhinein bekannt sind.
Wenn ich mit genau derselben Sicherheit, mit der ich weiß, dass
morgen Sonntag ist und dass morgen die Sonne aufgeht, auch weiß,
dass ich morgen nach Mallorca fliegen werde, dann werde ich mich natürlich
auch als ebenso unfrei wie die Sonne bezeichnen. Und wenn ich etwa als
Richter im Vorhinein weiß, dass ich Herrn Meier in einer Woche
wegen Diebstahls verurteilen werde, dann erübrigt sich für
mich jede Überlegung über die notwendigen Voraussetzungen dieses
Urteils.
Nur unter der genannten zum Determinismus hinzukommenden Voraussetzung
ist Uphoff also zuzustimmen, dass die kausale Determiniertheit unserer
Entscheidungen unsere Entscheidungsfreiheit zur „Illusion“ werden
ließe. Es ist jedoch eine Binsenwahrheit, dass diese zusätzliche
Voraussetzung jedenfalls derzeit nicht erfüllt ist und wohl auch
nie erfüllt sein wird. Der wichtigste Grund liegt auf der Hand:
selbst wenn menschliches Handeln total determiniert sein sollte, so sind
uns jedenfalls nicht sämtliche relevanten Ausgangsbedingungen und
Naturgesetze, die wir für zuverlässige Voraussagen benötigen
würden, auch verfügbar. Die tatsächliche Möglichkeit
von Voraussagen geht über die mit dem Determinismus einhergehende
prinzipielle Möglichkeit von Voraussagen weit hinaus. Wir können
ja nicht einmal das Wetter – sei es kurzfristig exakt, sei es mittelfristig
wenigstens ungefähr – voraussagen.
Der Determinismus im Bereich menschlichen Verhaltens ist nicht mehr und
nicht weniger als eine sehr interessante naturwissenschaftliche Hypothese.
Die breite Öffentlichkeit und unsere Journalisten braucht diese
Hypothese nicht zu beunruhigen.

Norbert Hoerster ist pensionierter Professor für Rechts- und Sozialphilosophie.
Seine letzten Buchveröffentlichungen sind Ethik des Embryonenschutzes
(Reclam 2002, 136 S., EUR 3,60), Ethik und Interesse (Reclam 2003, 235
S., EUR 6,00), Haben Tiere eine Würde? (C.H. Beck 2004, 108 S.,
EUR 9,90) und Die Frage nach Gott (C.H. Beck 2005, 125 S., EUR 9,90).
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