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Inside Der Philosoph
der Freiheit
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Kann die Freiheit sich selbst zum Wert erheben? Zum hundertsten Geburtstag
Jean- Paul Sartres sind dessen Entwürfe für eine Moralphilosophie auf Deutsch erschienen.
Auf einer Veranstaltung des Institut Français und des Instituts für Sozialforschung der Universität Frankfurt in der Deutschen Bibliothek sprach sich kürzlich der Sozialphilosoph Axel Honneth deutlich für das philosophische Werk Sartres aus. Es gelte, dessen Philosophie getrennt von Literatur und politischem Engagement zu betrachten. Da man von Sartre sagen könne, dass er sowohl von Vertretern der kontinentalen als auch der analytischen Philosophie anerkannt werde, verdiene er es, neben Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein als einer der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts genannt zu werden. Die Entwürfe für eine Moralphilosophie waren ursprünglich als Fortführung des philosophischen Hauptwerks Das Sein und das Nichts (2) geplant, jedoch wurden sie von Sartre selbst nicht veröffentlicht. „Sie zeigen, was ich zu einer bestimmten Zeit machen wollte und dann aufgegeben habe, und das endgültig“, so Sartre selbst. Weniger eindeutig ist die Meinung der Fachleute zu dem in Frankreich 1983 posthum veröffentlichten Buch. Manche sagen, Sartres Moralentwurf biete „keine übergreifende Synthese“ und sei „nicht zu verwirklichen gewesen“; andere meinen dagegen, die „Hauptlinien“ von Sartres Moral seien „lediglich zu elaborieren“; wiederum andere halten es gar für möglich, dass die „Grenzen von Das Sein und das Nichts überwunden werden“. (3) Die Tragfähigkeit der Moralentwürfe Sartres ist meiner Ansicht nach danach zu bemessen, ob die Frage, die Sartre am Schluss von Das Sein und das Nichts bezüglich der Freiheit stellt, auf Grundlage der Entwürfe für eine Moralphilosophie positiv beantwortet werden kann: „Ist es insbesondere möglich, dass sie [die Freiheit, H.U.] sich selbst als Wert nimmt?“ (4) Was ist an dieser Frage moralisch? Eine Moral geht immer über die bloße Tatsachenbeschreibung hinaus und behauptet etwas als allgemein wünschenswert. Auf Sartres Frage übertragen bedeutet das, es ist eine Tatsache, dass der Mensch existenziell frei, ja zur Freiheit verurteilt ist, aber er soll es zugleich auch für wertvoll halten, es zu sein, d.h. er soll frei sein wollen. Damit aber eine solche Moral, die Freiheit als letzten Wert behauptet, nicht Rücksichtslosigkeit legitimiert, muss sie denkbar machen können, dass die eigene Freiheit dort aufhört, wo die Freiheit des Anderen anfängt. Damit stoßen wir an die bereits erwähnten Grenzen von Das Sein und das Nichts, innerhalb derer letzteres nicht gegeben zu sein scheint. In
Das Sein und das Nichts geht Sartre vom Cogito, dem „ich denke“ aus.
Philosophien, die diesen Ausgangspunkt wählen, haben traditionell
u.a. das Problem, die Möglichkeit des Kontakts dieses Cogito zur
Welt zu erklären, die diesem Cogito transzendent ist (cartesianischer
Dualismus). Im Rahmen einer Ontologie – der abstraktesten Wissenschaft
von dem, was ist – will Sartre die Weise der Beziehung dieses Cogito
zur Welt erklären. Er unterscheidet zwei grundlegende ontologische
Kategorien: das An-sich und das Für-sich. Das Für-sich will sich selbst reflexiv erfassen und sich in seinem An-sich-Sein erkennen. Da jedoch die Zukunft noch nicht ist und die Vergangenheit nicht mehr ist, ist das Für-sich, das beide zu sein hat, ein Sein, das ist, was es nicht ist, und nicht ist, was es ist. Als Entwurf ist es permanente Überschreitung der Vergangenheit in Richtung auf die Realisierung von Zwecken, die ihm von der Zukunft her begegnen. Was das Für-sich reflexiv von sich als An-sich erfasst, ist stets schon Vergangenheit, über die es als gegenwärtige Nichtung im Licht der zukünftigen Zwecke stets hinaus ist. Deswegen kommt das Für-sich nicht umhin, diese Überschreitung zu sein. Es ist zur Freiheit verurteilt, existentiell frei. Als diese Überschreitung ist es Transzendenz. Man beachte bei Sartres Argumentation neben dem nichtenden Heraustreten aus der Kausalität auch die Umkehr der Zeitstruktur, die ein Festgelegt-Sein durch die Vergangenheit bestreitet und davon ausgeht, das wir uns von der Zukunft her durch selbstgesetzte Zwecke bestimmen. Beides sind zentrale Argumente Sartres gegen den Determinismus. Für das einzelne Für-sich, das die ihm begegnenden Dinge (als
Zukunft/Vergangenheit) zu sein hat, gibt es noch keine eigentliche Objektivität.
Diese entsteht erst durch das Auftauchen eines zweiten Für-sich,
das selbst Transzendenz und Freiheit ist und das wiederum als Bezugszentrum
der Organisation seiner Welt erscheint. Dem ersten Für-sich erscheint
jedoch nur die Außenseite der Tätigkeiten des zweiten Für-sich.
Das Bewusstseinsleben des zweiten Für-sich ist dem ersten Für-sich
entzogen. Das erste Für-sich interpretiert allerdings die Außenseite
der erscheinenden Tätigkeiten des zweiten als Ausdruck eines solchen
Bewusstseinslebens. Insofern gibt es für das erste Für-sich
ein Jenseits der Erscheinungen, das es selbst nicht zu sein hat – und
das ist der Andere. Dieser Andere ist selbst Perspektive der Organisation
seiner Welt, in der es für ihn Objekte gibt. Als diese organisierende
Perspektive ist der Andere Blick. Das erste Für-sich erfährt
diesen Blick unmittelbar, wenn es sich in ihm erfasst fühlt. Es
hat jedoch keinerlei Erfahrungen von leistenden Bewusstseinsakten, in
denen es dieser es selbst erfassende Blick zu sein hätte. Darin,
das es sich selbst als erfasst erfährt, obwohl es den Blick nicht
zu sein hat, liegt für Sartre ein wichtiger Zugang, sowohl zur Objektivität
als auch zur Intersubjektivität. Der Andere spiegelt mir mein Bild
zurück, jedoch nicht als der ursprüngliche Entwurf, der ich
bin, sondern gewissermaßen entfremdet. Um die am Ende von Das Sein und das Nichts gestellte Frage, ob die Freiheit sich selbst zum Wert nehmen kann, positiv beantworten zu können, muss dieser Konflikt der Für-sichs, d.h. ihre gegenseitige Reduzierung auf ein Objekt, zugunsten einer gegenseitigen Anerkennung der Freiheiten überwunden werden. Dass die Entwürfe für eine Moralphilosophie hier den Weg weisen, soll im Folgenden dargestellt werden. Wie
bereits erwähnt, ist das Für-sich, als freier Entwurf
seiner Zukunft, Verfolgung seiner Zwecke. Im objektivierenden Blick des
Anderen wird jedoch das Entwurf-Sein des Für-sich geleugnet, d.h.
die „Zwecke verschwinden“ (5), beziehungsweise es läuft
darauf hinaus, „dem Anderen seinen Zweck zu stehlen“ (6),
wodurch die Transzendenz, also die Freiheit „zu einer bloßen
Eigenschaft“ (7) erstarrt. Verstehen bedeute demgegenüber
die „Übernahme des Zwecks“ (8) des Anderen. Verstehen
heißt „wollen, dass der Zweck durch den Anderen verwirklicht
wird. Und wollen heißt hier, sich in der Operation zu engagieren“,
um „die Situation derart zu modifizieren, dass der Andere handeln
kann“. (9) So befinde ich mich dem Anderen gegenüber „nicht
im Konflikt“ (10), sondern „gerate in eine Position, in der
ich die Freiheit des Anderen anerkenne, ohne dass sie mich durchdringt,
wie ein Blick“ (11). Der Mensch ist ein Wesen, dem die Produkte seiner Handlungen als vom Prozess ihrer Entstehung ablösbar erscheinen. Der mit der Produktion eines Dinges gemeinte Sinn verbindet sich mit dem faktisch geschaffenen Ding und stellt sich mir gegenüber, sobald die Handlung abgeschlossen ist. Sartre geht außerdem davon aus, dass sich in diesem Produktionsprozess auch die Freiheit in das Ergebnis der Produktion einschreibt. „Meine Freiheit erstarrt gegen mich in einer Sein hervorbringenden Bewegung.“ (13) Hierbei betont Sartre den schöpferischen Aspekt des Handelns, deren reinen Typus er in der Kunst verwirklicht sieht. „Die Absicht der Kunst ist, die Welt, die wir sehen, als Produkt einer Freiheit darzustellen.“ (14) Wenn man die Kunst dabei lediglich als reinen Typus schöpferischen Handelns versteht, kann man hier den schöpferischen Aspekt auch in vielen Handlungen erkennen, die nicht im engeren Sinne künstlerisch sind. Aus
den Entwürfen für eine Moralphilosophie lässt sich
damit herauslesen, dass der Mensch im Geist gegenseitigen Verstehens
und im gemeinsamen Gerichtet-Sein auf die zunächst undifferenzierte
Positivität des Seins (An-sich) im schöpferischen Handeln „weltenbildend“ (15)
wird, insofern er als „homo creator“ (16) die Welt in ihrer
Bedeutung erschafft. Diese geschaffene Welt weist wiederum auf die sie
produzierenden Freiheiten zurück, insofern im Produkt die Freiheit „gegen
mich“ erstarrt ist. So bringen sich die Menschen in ihrer Schöpfung
nicht nur als frei zum Ausdruck, sondern erkennen ihre Freiheit auch
in ihrer Schöpfung wieder. Es zeigt sich also, dass man aus den Entwürfen für eine Moralphilosophie, wenn man ihnen etwas guten Willen entgegenbringt, durchaus eine positive Antwort auf die in Das Sein und das Nichts formulierte Frage herauslesen kann. Die Menschen als existenziell freie können sich selbst ihre Freiheit als zu wollende, d.h. als Wert geben. Entgegen den gegenüber einer existenzialistischen Moral skeptischen Stimmen (18) schließt sich der vorliegende Artikel damit der Meinung an, dass die Entwürfe Hauptlinien enthalten, die zur Überwindung der Grenzen von Das Sein und das Nichts mindestens den Weg zeigen, die weiter „zu elaborieren“ wären und die in der Freiheit als Wert eine „umfassende Synthese“ mindestens in Aussicht stellen. Ein um seine eigenen ideologischen Verirrungen bereinigter Sartre kann uns damit, nach dem so genannten Ende der Ideologien und der Einsicht in die Unmöglichkeit, materiale, d.h. konkret inhaltliche Werte als absolute aus dem Hut zu zaubern, nach wie vor den Hinweis geben, dass die in der Moderne als verloren geltende Einheit des Denkens immer noch in der Idee der Freiheit gesucht werden kann, die wir gemeinsam in unseren Werken zu verwirklichen haben.
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