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Inside Bienenfresser
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Prognosen zur Klimaerwärmung sagen ein Massensterben von Tier- und Pflanzenarten voraus. Doch die düsteren Hypothesen sind kaum auf Fakten zu stützen, meint Michael Miersch.
Obwohl Eisbären definitiv am Nordpol leben, ist die Nachricht von ihrem Aussterben nicht besonders stichhaltig. Die Zählungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) und des WWF ergaben, dass von 20 Populationen die Hälfte stabil, sechs unbekannt, zwei wachsend und zwei abnehmend sind. Die Rückläufigkeit der beiden regionalen Bestände hat jedoch nichts mit dem Klima zu tun, sondern mit Überjagung – nicht gerade der Stoff für ein dramatisches Aussterbensszenario. Etwa gleichzeitig mit dem Ende der Eisbären wurde ein anderes Aussterbensszenario bekannt: Die Zahl der arktischen Wölfe im Nordosten Kanadas habe abgenommen. Wiederum sei das Klima daran schuld. Doch wer den Bericht genauer las, kam ins Grübeln. Denn diesmal ging es nicht um Erwärmung, sondern um Abkühlung. Mehrere Sommer in Folge seien ungewöhnlich kalt gewesen. Nicht nur im hohen Norden leiden Flora und Fauna unter der Klimaerwärmung, weltweit rafft das Fieber des Globus die Arten dahin. Diesen Eindruck erweckte eine Studie, die Anfang 2004 Schlagzeilen machte: „Die globale Erwärmung“, so fasste die Nachrichtenagentur Reuters zusammen, „könnte bis zum Jahr 2050 ein Viertel aller Arten auslöschen.“ So stand es dann weltweit in den Zeitungen. Was war geschehen? Wissenschaftler der Universität Leeds in England hatten prognostiziert, wie sich eine fortschreitende Klimaerwärmung auf 1103 ausgewählte Arten auswirken würde und waren zu dem Schluss gekommen, dass 15 bis 37 Prozent dieser ausgewählten Arten aussterben würden. Also eine Hypothese aufgrund von Hochrechungen. So stand es auch in ihrer Studie: „Das Vorhersagen von Aussterben enthält viele Unbekannte, und die Werte, die hier vorgelegt werden, sollten nicht als präzise Vorhersagen betrachtet werden.“ Doch viele hundert große Zeitungen, Radio- und Fernsehsender taten genau dies. Lediglich ein Journalist der britischen Times bemerkte: „Es riecht nach dubioser Wissenschaft.“ Zu den angeblichen Aussterbekandidaten gehörten die Proteapflanzen am Kap der guten Hoffnung. Doch die historischen Temperaturdaten zeigen, dass es dort in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts viel wärmer war als heute. Offenbar hatte die Vegetation das gut überstanden. Im aufgeheizten Wissenschaftsbetrieb ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung. Wer mit seiner Arbeit in die Schlagzeilen kommt, verbessert seine Aussicht auf neues Geld und neue Stellen. Die Verführung, einen unspektakulären Befund durch ein paar dramatisierende Formulierungen „sexy“ zu machen, ist verlockend. Haben die Medien erst einmal angebissen, sorgen sie von selbst für eine weitere „Zuspitzung“ des Themas. Heute ist die „Klimakatastrophe“ bereits so fest im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass nahezu jede Ausschmückung des drohenden Desasters geglaubt wird. Dabei ist es keine sonderlich plausible Prognose, dass wärmere Temperaturen zu einem Rückgang der Artenvielfalt führen. Zwei einfache Befunde sprechen dagegen: Erstens nimmt die Artenvielfalt der Erde zum Äquator hin immer mehr zu. Die geringste Artenvielfalt herrscht an den Polen und in der Kälte der Hochgebirge, die größte im tropischen Regenwald. Zweitens waren die Warmzeiten der Erdgeschichte immer die artenreichsten. Warum sollte es diesmal anders sein – falls es wirklich zu einer starken Klimaerwärmung kommt? Obendrein sprechen messbare ökologische Veränderungen der Gegenwart gegen die Prognose. Der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Luft bewirkt ein stärkeres Pflanzenwachstum, insbesondere auf der Nordhalbkugel. Satellitenbilder dokumentieren, wie sich die Wälder ausdehnen. Außerdem gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die Sahara schrumpft. Im Herbst 2002 wertete ein internationales Wissenschaftlerteam Satellitenbilder und Niederschlagsmessungen aus. Sie stellten fest, dass das fruchtbare Land zunimmt und die vegetationslose Fläche auf dem Rückzug ist. Wachsende Wälder und schwindende Wüsten sind nicht gerade ein Szenario, das auf einen galoppierenden Artentod hinweist. Höhere Temperaturen sind für die Mehrheit von Pflanzen und Tieren vorteilhaft. Die warmen Sommer der vergangenen Jahre haben etliche Arten nach Deutschland gelockt, die unsere heimische Natur bereichern. Eine davon ist der Bienenfresser, ein bunt gefiederter Schönling, der es gern warm und trocken hat. Doch eigentlich ist er kein wirklicher Neuzugang, sondern ein Rückkehrer. Auf mittelalterlichen Gemälden sind Bienenfresser häufig zu sehen, ebenso Blauracken, Wiedehopfe und andere Arten, die heute im Mittelmeerraum verbreitet sind. Zur Zeit des mittelalterlichen Kimaoptimums war es in Mitteleuropa wärmer als heute. Für das Saaletal in Sachsen-Anhalt ist belegt, dass dort bis ins 17. Jahrhundert hinein Bienenfresser vorkamen. Seit 1990 sind sie wieder da. Inzwischen nisten dort hundert Brutpaare. Auch mediterrane Wanderschmetterlinge wie Taubenschwänzchen und Totenkopfschwärmer kommen immer häufiger über die Alpen geflattert, um in Deutschland Nektar zu saugen. Mitteleuropäische Vögel dringen unterdessen immer weiter nach Norden vor. So nisten seit Mitte der 90er-Jahre Graureiher in Tromsø. Früher gehörte Nordnorwegen nicht zu ihrem Verbreitungsgebiet. Von 435 in Europa nistenden Arten haben im Laufe des 20. Jahrhunderts 196 ihre Brutgebiete nach Norden und Nordwesten ausgedehnt. Manche Zugvögel bleiben hier, da sie mit Hilfe der von Menschen bereitgestellten Futterhäuschen gut über den Winter kommen. Besonders die anpassungsfähigen Kurzsteckenzieher korrigieren ihre Reiserouten. So überwintern viele Mönchsgrasmücken nicht mehr in Südeuropa oder Nordafrika, sondern im südlichen England. Höchst erstaunlich ist dabei, wie schnell der neue Flugplan in den genetischen Code der Tiere eingebaut wird. Der Ornithologe Peter Berthold konnte durch Kreuzungsversuche beweisen, dass bereits innerhalb von drei Generationen das veränderte Zugverhalten im Erbgut gespeichert ist. Problematischer wäre eine Klimaerwärmung für Schwalben, die teilweise bis nach Südafrika fliegen. Sie sind weniger flexibel, weil sie ihre Ab- und Anreise nicht allein nach der Witterung in Europa ausrichten können. Es könnte daher passieren, dass die Kurzsteckenzieher und die Standvögel ihnen zu wenig Nahrung übriglassen. Aber auch dieses Problem ist bisher nur ein hypothetisches. Ob die Klimaveränderung überhaupt ein Problem ist, hängt immer von der Perspektive ab: aus Sicht der Bienen ist die Rückkehr der Bienenfresser natürlich ein Übel.
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