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Plädoyer für das therapeutische Klonen
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Junkfood für den Infohunger
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Allergisch gegen Lupinenmehl? Kann nicht sein, darf nicht sein!
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Müntefering schimpft den Kapitalismus aus, und Wolffsohn fürchtet
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[Heft S.50]
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Allergisch gegen Lupinenmehl? Kann nicht sein, darf nicht sein!
Allergische Reaktionen auf transgene Lebensmittel sind immer eine Schlagzeile
wert. Wenn jedoch eine biologisch-organische Vorzeigepflanze allergische
Schocks auslöst, kräht kein Hahn danach.
Von Thomas DeGregori
Anfang April veröffentlichte die Wissenschaftszeitschrift The Lancet
einen Beitrag mit dem Titel „Lupin flour anaphylaxis“ („Überempfindlichkeit
gegen Lupinenmehl“). Noch am selben Tag brachte die BBC auf ihrer
Website einen Beitrag mit dem Titel "Lupin flour 'poses allergy
risk'" heraus. (1) Seither herrscht jedoch Todesstille im
medizinisch-wissenschaftlichen Blätterwald.
Anlass für den Beitrag in The Lancet war der Fall einer Frau, die
nach dem Verzehr von Zwiebelringen einen schweren anaphylaktischen Schock
erlitten hatte. Später kam heraus, dass in dem Teig der Zwiebelringe
Lupinenmehl enthalten war. Während des Essens hatte der Mund der
Frau angefangen zu jucken, ihre Lippen und ihre Zunge waren geschwollen.
Fünf Minuten später hatte sie bereits Atemnot, ihre Kehle war
zugeschwollen und sie fühlte sich sehr schwach. Die herbeigerufenen
Sanitäter diagnostizierten einen anaphylaktischen Schock und verabreichten
ihr intramuskulär Adrenalin. Da sich ihr Zustand dennoch rapide
weiter verschlechterte, wurde sie ins Krankenhaus gebracht und auf dem
Weg dorthin mit Sauerstoff und zwei weiteren Dosen Adrenalin versorgt.
Im Krankenhaus wurden ihr dann intravenös Flüssigkeit, Hydrokortison
und Chlorpheniramin verabreicht. Letztlich erholte sich die Frau vollständig
und ohne weitere Komplikationen. (2)
Wie dem Beitrag in The Lancet weiter zu entnehmen ist, war dies nicht
der erste registrierte Fall einer schweren allergischen Reaktion gegen
Lupinen. Bereits im Jahr 1994 hatte in Frankreich ein fünfjähriges
Mädchen, das unter einer diagnostizierten Erdnussallergie litt,
Nesselfieber sowie ein Angioödem entwickelt, nachdem es mit Lupinenmehl
angereicherte Spaghetti verzehrt hatte. Unter einer Lupinenmehlallergie,
so heißt es weiter, leiden zumeist Patienten, die auch auf Hülsenfrüchte,
insbesondere auf Erdnüsse, Soja und Erbsen allergisch reagieren.
(3) Es gibt viele Hinweise darauf, dass Menschen mit einer Erdnussallergie
bereits bei der ersten Aufnahme von Lupinenmehl einen anaphylaktischen
Schock erleiden können. Meinem begrenzten Wissen nach ist eine anaphylaktische
Reaktion beim ersten Kontakt bisher nur bei Traubenkraut-Allergikern
aufgetreten, wenn diese Echinacea purpurea (Purpursonnenhut) einnahmen.
(4) Echinacea gehört zur Familie der Traubenkrautpflanzen. Die Daten
weisen darauf hin, dass Kreuzreaktionen zwischen Echinacea und anderen
natürlichen Allergenen bei Menschen, die noch nicht mit Echinacea
in Kontakt waren, zum Auftreten von allergischen Reaktionen führen
können. Wie im Falle der Lupinen scheint diese Reaktion jedoch auf
keinerlei öffentliches Interesse zu stoßen, obwohl das Produkt
weit verbreitet ist und häufig verwendet wird, insbesondere von
Patienten, die alternative Heilmittel modernen Pharmazeutika vorziehen.
Nach der Lektüre dieser Berichte ging ich zunächst davon aus,
dass das Lupinen-Problem auf Europa beschränkt sei. Dennoch blieb
ich skeptisch, nicht zuletzt, weil Lupinen – ähnlich wie Fuchsschwanz
und andere exotische Früchte – heute unter den Liebhabern ökologischer
Ernährung als sehr „trendy“ gelten. Ich fing an zu „googeln“.
Zunächst stieß ich auf eine Ernährungsseite, auf der
ein Anbieter von sich behauptete, Pionierarbeit hinsichtlich der Nahrungsmittelproduktion
für Veganer und Tierrechtsaktivisten zu leisten. Es sei „unsere
Spezialität, Nahrungsmittel ohne jeden tierischen Ursprung zu produzieren“,
hieß es dort, und weiter: „Wir produzieren wohlschmeckende
Produkte, die insbesondere für Menschen, die eine vegane Diät
befolgen, oder solche, die allergisch auf tierische Produkte wie Milch
und Eier reagieren, ideal sind.“ Unter anderem fanden sich zahlreiche
Rezepte, in denen Lupinen zu den Zutaten gehören. Eine andere, britische
Website bot ein biologisches Korn- und Lupinenbrot zu einem Kilopreis
von umgerechnet fast 14 Euro zum Verkauf an. Während meiner Suche
stieß ich auf weitere „neue und ergiebige, nicht gentechnisch
erzeugte Lupinen-Variationen“, die von einer US-amerikanischen
Handelskette, die stolz von sich behauptet, gentechnikfrei zu sein, angepriesen
wurden. Lupine wurden hier als eine „genügsame Pflanze“ beschrieben, „die
sich gut für die ökologische Produktion eignet und damit eine
gute Alternative zu Soja als Proteinquelle für die Rindermast darstellt“.
Man stelle sich vor, der Auslöser dieser schweren allergischen Reaktionen
wäre ein transgenes Nahrungsmittel gewesen! Niemand wird daran zweifeln,
dass es dieser „Skandal“ auf die Titelseiten der Zeitungen
gebracht hätte. Sogar aus überhaupt nicht existenten allergischen
Reaktionen auf transgene Lebensmittel stricken Anti-Gentech-Aktivisten
normalerweise ihre Legenden. In einem Falle hatte ein Saatguthersteller
eine transgene Sojapflanze zur Tierfutterherstellung entwickelt, diese
aber, als sie sich in den Tests als allergieauslösend herausstellte,
niemals in Umlauf gebracht und stattdessen die Untersuchungsergebnisse
in einer hochkarätigen medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht.
(5) Doch sogar dieser Vorgang, eigentlich ein Paradebeispiel dafür,
wie das System funktionieren sollte, wurde von Aktivisten zu einer Horrorgeschichte über
die Gefahren transgener Lebensmittel umgeschrieben. Manche Mythen leben
ewig, unabhängig davon, wie widerlegt sie sein mögen.
Die Frage ist durchaus legitim: Warum verbreiten die Medien Mythen über
eingebildete und von ideologischen Aktivisten erfundene Ernährungsgefahren,
während andere Berichte von tatsächlicher und allgemeiner Bedeutung
unter den Redaktionstisch fallen? Wäre der Fall des durch Lupinenmehl
ausgelösten anaphylaktischen Schocks auf transgene Pflanzen zurückzuführen
gewesen, die Reaktion hätte hysterische Ausmaße angenommen.
Hysterie ist in diesem Falle nicht angebracht – egal, ob transgen
oder nicht –, aber die potenzielle Gefährdung für Allergiker
durch Lupinenmehl hat mehr verdient als das fast vollständige Schweigen
des Blätterwaldes. Noch gibt es im Lupinen-Fall zu viele unbeantwortete
Fragen, als dass wir uns ein endgültiges Urteil erlauben könnten;
es gibt aber genügend bereits beantwortete Fragen, um die Öffentlichkeit
angemessen zu informieren, zu warnen und darüber nachzudenken, ob
Lupinenmehl beinhaltende Lebensmittel zu kennzeichnen wären. Wenn
die allergischen Reaktionen auf Lupinen so schwerwiegend sind wie im
Falle der Erdnussallergie, müssen Nahrungsmittelproduzenten die
Vorteile den potenziellen Gefahren gegenüberstellen, die durch die
Verwendung von Lupinenmehl anstelle von nicht oder weniger allergenen
Zutaten entstehen. Um eine sinnvolle Diskussion hierüber zu fördern,
sollten die Medien dieses Thema ruhig und sachlich aufgreifen und der Öffentlichkeit
bekannt machen.
Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach den Ursachen für das Schweigen
der Nichtregierungsorganisationen: Wo sind Greenpeace oder Friends of
the Earth, wenn sie wirklich einmal gebraucht werden? Wo waren sie, als
vor einigen Monaten über die „Dioxinverseuchung“ von
frei lebenden Hühnern und ihren Eiern berichtet wurde? Warum hat
man von denen, die sich ansonsten für das vollständige Verschwinden
von Dioxin aus unseren Lebensmitteln einsetzen, in den letzten Jahren
nie etwas von diesem durchaus schon bekannten Problem gehört? Keine
dieser Organisationen forderte die völlige Dioxinfreiheit von Hühnern
und Eiern. Dänische Studien haben zudem ergeben, dass ein hoher
Prozentsatz von Hühnern in Bodenhaltung mit Campylobacter jejuni
(einem Erreger von Magen-Darm-Infektionen, der mit dem Guillain-Barré-Syndrom,
der häufigsten Ursache für akute generalisierte Lähmungserscheinungen
in Europa und Nordamerika, in Verbindung gebracht wird) infiziert sind.
Auch hierüber schwiegen sich NGOs und Medien aus. Es wäre wünschenswert,
wenn in den Medien besser zwischen Legenden und Fakten unterschieden
würde: Erstere gehören in den Reißwolf, letztere in die
Nachrichten.
Aus
dem Englischen übersetzt von Matthias Heitmann.
Thomas R. DeGregori ist Professor für Wirtschaft an der Universität
von Houston sowie Mitglied des Vorstands des American Council on Science
and Health. Seine Homepage mit zahlreichen Artikeln findet sich unter
www.uh.edu/~trdegreg. In Novo76 befasste sich DeGregori in seinem Artikel „Gibt
es ein Recht auf irrelevante Informationen?“ mit dem Sinn und Unsinn
von Produktinformationen.
Anmerkungen
(1) „Lupin
flour ‚poses allergy risk’“, BBC News, 8.4.05.
(2) Michael Radcliffe, Glenis Scadding, Harry M. Brown: „Lupin
flour anaphylaxis”, The Lancet, 365(9467), 8.4.05, S. 1360.
(3) ebd.
(4) Raymond Mullins, Robert Heddle: „Adverse Reactions Associated
with Echinacea: The Australian Experiment”, Annals of Allergy,
Astma & Immunology, 88(1), 42, 51, 01/02.
(5) Julie A. Nordlee u.a.: „Identification of a Brazil Nut Allergen
in Transgenic Soybeans“, New England Journal of Medicine, 334(11),
14.3.96.
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