Inhalt
ZUR SACHE:
Die Regierung packt ein
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Neuwahlen. Endlich ist der Knoten geplatzt
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Sabine Beppler-Spahl:
Familienpolitik und Volkspädagogik
Jennie
Bristow:
Die Freiheit und das böse Kraut
[Heft S.14]
Frank
Furedi:
Ist der Mensch krank, freut sich der Mensch
[Heft S.16]
Hubert
Markl:
Auf der Suche nach der Wahrheit
[Heft S.18]
Elizabeth
M. Whelan:
Wissenschaftler-Selektion: Wer gefragt wird,
taugt nix?
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Ian
Wilmut:
Plädoyer für das therapeutische Klonen
Thilo
Spahl:
Junkfood für den Infohunger
Brigitte
Neumann:
Verunglyxte Diäterfolge
[Heft S.29]
Thomas DeGregori:
Allergisch gegen Lupinenmehl? Kann nicht sein, darf nicht sein!
Michael
Miersch:
Bienenfresser auf dem Vormarsch
Stefan
Löffler:
Wo geht’s hier nach TscherNANObyl?
[Heft S.33]
WELTGESCHEHEN
Bijan
Farnoudi:
Die gebrannte Generation des Iran
EUROPA
Frank Furedi:
Das Wiedererwachen der europäischen Demokratie
Kai
Rogusch:
Europäische Demokratieverscherbler
MEDIEN UND
KULTUR
Vasile
V. Poenaru:
Schleife Kleinmünchen
[Heft S.42]
Hanko Uphoff:
Der Philosoph der Freiheit wird hundert
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.4]
BRIEFE
[Heft S.6]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
FROHE
BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.13]
WORTGESCHICHTEN
von Bernd Herrmann:
gesund / krank
[Heft S.17]
EINSPRUCH
von Matthias Heitmann:
„Live 8“ – Kirchentag der Popmusik
[Heft S.37]
BÜCHER
von Julian Namé:
Was bedeutet heute nationale Identität
[Heft S.45]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Unsportlich
[Heft S.49]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Müntefering schimpft den Kapitalismus aus, und Wolffsohn fürchtet
um seine Sicherheit als Bürger
[Heft S.50]
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Junkfood für den Infohunger
Thilo Spahl über die „brisanten Enthüllungen“ von
foodwatch.
Manchem wird es aufgefallen sein: Fußgängerzonen sind seit
einiger Zeit nicht nur von den Wachturm feilbietenden, erfreulich schweigsamen
Gestalten, sondern auch von in uniformartige Jacken gewandeten Wächtern
bevölkert, die sich nicht scheuen, arglose Passanten mit erheblichem
Nachdruck, aber auch mit gehörig Zuversicht in der Stimme, zur Bejahung
der Lüge, unser Essen sei furchtbar schlecht und wir müssten
dringend etwas dagegen tun, aufzufordern. Wer sind diese dynamischen
und engagierten jungen Menschen? Es handelt sich um ehrenamtliche Lebensmittelwächter,
das Fußvolk von Mr. Foodwatch, Thilo Bode.
Die Kernkompetenz der Organisation liegt in medienkompatibler Empörung
in Sachen ungesundes Essen. Empörung über die herrschenden
Zustände, über „legale Langzeitvergiftung“ und „Wucherungen
aus einem vergessenen Winkel der Demokratie“.
Das wichtigste Ziel scheint der Kampf um „gentechnikfreie“ Hamburger
zu sein. Oder doch nicht? Genau genommen gilt hier natürlich: der
Weg ist das Ziel. Und der Weg besteht im Kämpfen vor Publikum gegen
den prominenten Böse-Böse-Konzern McDonalds. Denn, wer von
Spendengeldern lebt, dem sei stets geraten, sich auf die Lieblingsfeinde
der gehobenen Mittelschicht zu konzentrieren.
Wenn es nicht um Gentechnik geht, dreht sich bei foodwatch alles um „Gifte“,
speziell natürlich um „Gift im Essen“. Hier stellt sich
dem Empörungstechniker ein Problem, nämlich das der Fokussierung.
Alles, was man so als Gift bezeichnen könnte, verteilt sich ganz
gut übers Lebensmittelangebot, vor allem die Unterscheidung zwischen öko/bio
und konventionell haut nicht recht hin. Wir erinnern uns, die jüngsten „Skandale“ betrafen
Dioxin in Ökoeiern und Nitrofen in Ökopute. Wen soll man da
an den Pranger stellen? Knifflige Sache, aber der Ausweg lag auf der
Hand. Man schaut einfach, wer ohnehin schon am Pranger steht, da ist
die Hälfte der Arbeit schon getan. Und so trifft es eben die Futtermittelindustrie,
die sich als Gegner für die Anti-Gentech-Kampagne von Greenpeace
schon bestens bewährt hat und letztlich auch den Boden unter den
Reifen von Bodes Spendensammelzugmaschine „freie Bürger für
gentechnikfreie Burger“ bildet. Denn in den Hamburgern ist ja,
wie wir wissen, gar keine Gentechnik drin. Aber dafür im Futter,
das die Rinder bekommen, bevor sie zu Hackfleisch gemacht werden!
Nun denn: Gift im Futtermittel! Das macht sich gut. Futtermittel, die
bekommt der Verbraucher nie zu sehen, die verbergen sich im Dunkeln,
und dort lässt es sich bekanntlich gut pfuschen, panschen und allerlei
Ekliges zu Brei und Pellets vermatschen.
Zum Beispiel Dioxin
Wie kommuniziert der erfahrene PR-Profi das Thema Gift? Natürlich
ohne Wenn und Aber! Denn will sie ihre Wirkung erzielen, so kann die
Rede vom Gift keine Relativierung erlauben. Bei allem Hang zum Giftigen
meidet daher die Truppe um Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode eines wie Dracula
das Morgenlicht: die Wissenschaft von den Giften, die Toxikologie.
Spätestens seit Paracelsus wissen wir allerdings, dass es nicht
die Publizität, sondern die Dosis ist, die das Gift macht. („Alle
Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift – allein die Dosis macht,
das ein Ding' kein Gift ist.“) Und deshalb kann es uns aufgeklärten
Verbrauchern ganz egal sein, ob der Name der Substanz, mit der wir es
zu tun haben, „Dioxin“ und der Beiname „das Sevesogift“ lautet.
Wichtig ist die biologische Wirkung der Substanz, insbesondere auf den
Menschen. Wie viel davon dürfen wir zu uns nehmen, ohne dass unsere
Gesundheit darunter zu leiden hat?
Wenn man sich als „Campaigner“ für besseres Essen selbständig
gemacht hat und es in der Empörungsindustrie zu etwas bringen will,
kann es einem natürlich nicht egal sein, von welchen Substanzen
man in seinen Botschaften spricht. Es sollten schon die einschlägig
bekannten, besser berühmt-berüchtigten, schweren Jungs unter
den Chemikalien sein. Gegen brisante Stoffe, wie zum Beispiel 3-Amino-1-methyl-5H-pyrido[4,3-b]indol,
lässt sich beim besten Willen keine Kampagne stricken, der Name
passt auf kein Plakat und kommt kaum einem Nachrichtensprecher auf Anhieb
fehlerfrei über die Lippen, wie der Lebensmittelexperte Udo Pollmer
anlässlich des Acrylamid-Alarms (Sie erinnern sich? Pommes, Spekulatius)
anmerkte.
Also warnt uns Thilo Bode in seinen Enthüllungen zuvorderst vor
der „Lizenz zur Langzeitvergiftung“, über die laut foodwatch
die Futtermittelindustrie verfüge und von der sie Gebrauch mache,
indem sie insbesondere natürlich das Seveso-Gift in den Lebensmitteln
von uns „rechtlosen Futtermittel-Opfern“ anreichere. Über
90 Prozent der menschlichen Dioxinbelastung, so wird uns mitgeteilt,
gehe auf tierische Lebensmittel zurück. Die Tiere nehmen Dioxine
vor allem mit dem Futter auf. Im Körper reicherten sich Dioxine
an und wirkten krebsauslösend sowie erbgutverändernd.
In der Tat nehmen wir das meiste Dioxin durch Fleisch, Fisch, Milch und
Eier zu uns, und da Dioxin sehr langsam abgebaut wird (die Halbwertszeit
im menschlichen Körper beträgt je nach Belastung zwischen einem
und zehn Jahren), reichert es sich im Laufe des Lebens an. Die Frage
ist jedoch, von welchen Mengen hier die Rede ist, mit welchen gesundheitlichen
Folgen zu rechnen ist und wie gefährlich die ganze Angelegenheit
im Vergleich zu anderen, nicht gesundheitsförderlichen Aspekten
des Lebens ist, etwa einem Kneipenbesuch, einer Tasse Kaffee, fünf
Minuten weniger Bewegung pro Woche usw. (man kann die Liste des unter
Umständen nicht so ganz Gesunden bekanntlich beliebig lang machen).
Die durchschnittliche tägliche Aufnahme dessen, was meist kurz als „Dioxin“ bezeichnet
wird (nämlich bestimmte Dioxine, Furane und dioxinähnlichen
PCBs), beträgt in Deutschland laut Bundesumweltamt rund zwei Pikogramm
(0,000000000002 Gramm) pro Kilogramm Körpergewicht. Das liegt im
Bereich dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als duldbare tägliche
Aufnahme festgelegt hat. Der ADI-Wert (acceptable daily input) liegt
laut WHO bei 1-4 pg/kg, wobei die WHO aus Vorsorgegründen einen
Richtwert von 1 pg/kg empfiehlt. Wir liegen also immerhin 100 Prozent über
dem empfohlenen Wert. Grund zur Besorgnis? Nein. Schließlich darf
man die Sicherheitsmargen nicht vergessen. Grenzwerte liegen in der Regel
100 bis 100.000-mal tiefer als der Wert, bei dem nach den jeweils vorliegenden
Erkenntnissen aus Tierversuchen eine Gesundheitsgefährdung beginnt.
Der amerikanische Toxikologe Bruce Ames hat die Wirkungen von TCDD, dem
giftigsten Vertreter aus der Gruppe der Dioxine, mit anderen Stoffen
wie zum Beispiel Alkohol verglichen. Die in Tierversuchen erhobenen Daten
zeigten dabei, dass das krebsauslösende Potenzial von TCDD in Höhe
des vom amerikanischen Umweltministerium festgelegten Grenzwerts dem
von einem Bier alle 345 Jahre entspricht. Das Risiko, Geburtsschäden
auszulösen, entsprach dem von einem Bier alle 8000 Jahre. (1) Auch
die Experten des Instituts für Umwelttoxikologie der Martin-Luther-Universität
in Halle gaben in ihrer Stellungnahme zur Dioxin-Belastung von Verbrauchern
im Februar 2005 an, dass eine krebsauslösende Wirkung erst ab dem
10.000-fachen des von der WHO empfohlenen Wertes zu befürchten sei.
(2) Ames weist zudem darauf hin, dass viele Lebensmittel dioxinähnliche
Stoffe in erheblichen Mengen enthalten und beispielsweise eine Portion
Broccoli die gleiche Wirkung haben könnte wie eine Menge Dioxin,
die 1500 mal über dem Grenzwert läge. Untersuchungen haben
ergeben, dass die Konzentration von diesen, vor allem in Obst und Gemüse
enthaltenen, natürlichen „Endodioxinen“ im Blut von
Menschen 100- bis 10.000-mal so hoch ist wie die aus anthropogener Dioxinbelastung.
(3)
Mit hohen akuten Belastungen beim Menschen hat man insgesamt wenig Erfahrung.
Sie kommen nur bei Unfällen oder Attentaten vor. Neben Chlorakne
(beobachtet ab einer einmaligen Dioxindosis von 1.000.000 pg/kg Körpergewicht)
sind auch diffuse Nervenschäden, Störungen des Fettstoffwechsels
und Leberschäden beobachtet worden. Ferner kam es bei Männern,
die in Seveso mit dem besonders toxischen Dioxin TCDD belastet waren,
zu einer Zunahme der Zahl durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachter
Todesfälle. (4) Insgesamt sind die Vergiftungsfälle durch Unfälle
allerdings schwer zu bewerten, da es dabei immer gleichzeitig zur Aufnahme
einer großen Chemikalienvielfalt auch außerhalb der Dioxine
gekommen ist.
Tatsächlich „Gift im Essen“, nämlich reines TCDD,
hatte im September letzten Jahres der heutige ukrainische Präsident
Viktor Juschtschenko. Bei ihm wurden nach dem versuchten Giftmord Blutwerte
festgestellt, die beim Zehnfachen dessen lagen, was bei erwachsenen Seveso-Opfern
gemessen worden war. Auch er entwickelte daraufhin eine Chlorakne. (5)
Insgesamt kann man sagen, dass Dioxin nur in sehr hohen Dosen (etwa ab
dem 500.000-fachen der normalen Tagesdosis) zu akuten Schäden führt.
Bei vielen anderen uns vertrauten Stoffen ist dies viel früher der
Fall. So können beispielsweise 60 Gramm Salz (das Sechsfache der üblichen
Tagesdosis) einen Menschen töten. Auch wird Salz bereits in deutlich
geringern Dosen für die Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
verantwortlich gemacht. Dennoch erscheint vielen Dioxin als entschieden
größere Bedrohung als Salz.
Nennenswerte Überschreitungen der Grenzwerte in der Nahrung finden
wir nur bei gestillten Babys. Denn das mit Abstand am stärksten
belastete Nahrungsmittel ist Muttermilch. So nehmen Babys im Vergleich
zu Erwachsenen rund das 20- bis 50-fache an Dioxin auf. Noch im Alter
von elf Jahren hatten bei Untersuchungen in Baden-Württemberg gestillte
Kinder etwa 20 Prozent mehr Dioxin im Blut als nicht gestillte Kinder.
Dennoch besteht auch unter Experten große Einigkeit darüber,
dass Muttermilch für Säuglinge das Beste ist. Die Überschreitung
des Dioxinwerts um mehrere Tausend Prozent wird im Vergleich zum Verzicht
auf die positiven Wirkungen der Muttermilch in rationaler Abwägung
als das geringere Risiko betrachtet. (6)
Nun könnte man foodwatch zugute halten, dass die Vergiftungsbehauptung
zwar etwas übertrieben sei, aber doch auf ein wenig bekanntes und
wachsendes Problem verwiesen werde, so dass der Anstoß zum Handeln
gerne aufgenommen werden sollte. Doch auch das ist nicht der Fall. Die
Verringerung der Dioxinbelastung ist seit langem Programm und zeigt deutliche
Wirkung. Technische Entwicklungen und schärfere Auflagen haben dafür
gesorgt, dass laut Umweltbundesamt der gesamte Ausstoß von Dioxin
in Deutschland von 1,2 Kilogramm (in 1990) um über 94 Prozent auf
unter 70 Gramm pro Jahr (in 2000) gesunken ist. Die Emissionen aus der
Müllverbrennung, die 1990 noch ein Drittel zur Gesamtbelastung beitrugen,
sind um 99,9 Prozent reduziert worden. Entsprechend ist auch die Aufnahme
und Speicherung der Substanz in unseren Körpern zurückgegangen.
Laut Bundesumweltministerium hat die Belastung der Bevölkerung mit
Dioxin in den letzen Jahren um ca. 60 Prozent abgenommen. Der Gehalt
an Dioxinen in der Muttermilch ist seit Anfang der 90er-Jahre auf unter
50 Prozent der Werte der 80er-Jahre gesunken. (7) Festgeschrieben in
der EG-Richtlinie 2003/57/EC und EG-Verordnung EC/2375/2001 gelten für
Lebensmittel seit 2002 europaweit niedrige Grenzwerte. Bei Kontaminationen
von Futtermitteln durch Fahrlässigkeit, Fehler oder Unfälle
(wie 1997 in den USA, 1998 in Brasilien, 1999 in Belgien und Deutschland
und 2000 in Spanien) wird schnell reagiert, und die betroffenen Produkte
werden aus dem Verkehr gezogen. Thilo Bode kann also wahrlich nicht behaupten,
dass er gegen verschlossene Türen rennt. Sie sind seit Jahren weit
geöffnet.
Auch
ist zu fragen, weshalb ausgerechnet Futtermittel für die Dioxinaufnahme
verantwortlich gemacht werden. Die höchsten Konzentrationen finden
sich in Tieren, die nicht gefüttert werden, nämlich in Fischen.
Insbesondere fettreiche Fische wie Heringe und Lachse in der östlichen
Ostsee sind zum Teil hoch belastet und werden daher nur für den
einheimischen Markt in Finnland und Schweden verwendet, da sie nicht
in andere EU-Länder exportiert werden dürfen. Und die jüngsten
Grenzwertüberschreitungen betrafen Eier aus der Freilandhaltung,
die zu ihrem Dioxin ebenfalls nicht durch Futter, sondern durch Picken
der Hühner in der Erde gelangt sind. Dass diese Dioxin enthält,
braucht uns nicht zu wundern, denn Dioxin, das bei Verbrennungsprozessen
entsteht, verteilt sich gleichmäßig über das Land. Über
Bodenpartikel, die an Gras und anderen Pflanzen anhaften, gelangt es
in die Nahrungskette. Daher sind natürlich auch „glückliche“ Kühe
betroffen, die auf der Weide grasen und keine industriell erzeugten Futtermittel
bekommen. In der Tat wurden für Gras und Heu durchschnittlich höhere
Dioxinwerte ermittelt als für industriell erzeugte Futtermittel.
(8) Zudem fällt auf, dass, obwohl Schweine fast ausschließlich
mit industriell erzeugten Futtermitteln gefüttert werden und trotz
des hohen Verbrauchs an Schweinefleisch in Deutschland, dieses mit fünf
Prozent sogar noch weniger zur Belastung beiträgt als Obst und Gemüse
(sechs Prozent). Auf die überhöhten Dioxinwerte in Öko-Eiern
angesprochen, befand Thilo Bode: „Die Sache wird total hochgespielt.“ Da
hat der Mann absolut Recht. Und man muss seine Einschätzung ernst
nehmen, denn wenn einer was vom Hochspielen versteht, dann Herr Bode.
BSE und Nitrofen
Da Dioxin allein für einen brisanten Futtermittelreport nicht reichen
kann, werden noch zwei weitere prominente Risiken ins Feld geführt,
die allerdings ebenfalls nicht einmal für den Ansatz eines Schreckensszenarios
taugen. 17 Jahre, nachdem in Großbritannien die Verfütterung
von Tiermehl verboten worden ist, rechnet niemand außer foodwatch
noch mit einem Aufflammen von BSE. Die nüchterne Bilanz: in Großbritannien
sind in den letzten zehn Jahren insgesamt 149 Menschen wahrscheinlich
in Folge der Übertragung des BSE Erregers auf den Menschen erkrankt
und gestorben (Stand April 2005). Die jährliche Rate geht seit dem
Jahr 2000 zurück, in 2004 wurden noch neun Fälle registriert.
Die neue Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit rangiert damit in der Todesursachestatistik
noch weit hinter Insektenstichen oder herabfallenden Kokosnüssen.
In Deutschland kam es zu keiner einzigen Erkrankung. Die Zahl der erkrankten
Rinder ist in Großbritannien von rund 37.000 im Jahr 1992 auf zehn
in den ersten vier Monaten von 2005 gefallen.
Auch die Schadensbilanz durch das Pflanzenschutzmittel Nitrofen, das
im Jahr 2002 über bei der Lagerung kontaminiertes Getreide an Bio-Geflügel
verfüttert worden war, hielt sich in Grenzen. Dachten wir jedenfalls.
Doch nun lesen wir bei foodwatch:
„Zwei Wochen nach Einstellung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen
zum Nitrofen-Skandal enthüllt foodwatch neue Fakten. Sie stammen
aus einem unter Verschluss gehaltenen Gutachten, das die Universität
Rostock im Auftrag der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg erstellt hat… Das
Gutachten der Universität Rostock kommt zu dem Schluss, ‚dass
Nitrofen auch wegen seiner krebserregenden und potenziell erbgutschädigenden
Wirkungen auch in geringen Dosen ein nicht akzeptables Risiko bei Aufnahme
mit Lebensmitteln darstellt’."
Schaut man sich das Gutachten an, sieht man, dass hier niemand zu irgendwelchen
neuen Erkenntnissen kommt, sondern die gleichen, lange bekannten Forschungsergebnisse
referiert werden, die auch in allen anderen Stellungnahmen zum Nitrofen-Skandal
dargestellt sind. Der Gutachter, Prof. Hennighausen, schreibt:
„Wenn, wie bei Nitrofen, aus den fruchtschädigenden
Dosen bei Ratten eine Dosis ohne Wirkung (No Observed Effect Level,
NOEL) von
0,17 mg Nitrofen/kg KG/Tag ermittelt wurde, so ergibt eine Division mit
einem Sicherheitsfaktor von 100 = 0,0017 mg Nitrofen/kg/Tag.“
Da
in den am höchsten kontaminierten Proben eine Rückstandsmenge
von 0,8 mg/kg ermittelt worden war, wäre die akzeptable Aufnahme
bei einem täglichen Verzehr von etwa 125g Putenfleisch ausgeschöpft.
Sollte eine schwangere Frau über längere Zeit täglich
mehr zu sich genommen haben, hat sie diesen Wert überschritten.
Aber erst bei 12,5 kg hoch belastetem Putenfleisch täglich hätte
sie jenen Wert erreicht, bei dem Ratten noch keinen Schaden genommen
haben. Das Bundesamt für Risikobewertung weist zudem darauf hin, „dass
aus der Zeit, als Nitrofen noch als Pflanzenschutzmittel zugelassen war,
keine Häufungen von Fruchtschädigungen, wie sie durch Nitrofen
hervorgerufen werden können, beschrieben sind, obwohl gerade in
der Landwirtschaft tätige Frauen bis 1980 verstärkt mit Nitrofen
in Kontakt gekommen sein dürften.“
Der Nitrofen-Skandal bleibt also auch nach den Enthüllungen von
foodwatch, was er war: eine grob fahrlässige Verunreinigung von
Tierfutter, die zu erhöhten Werten unerwünschter Substanzen
in Lebensmitteln geführt hat, aber nicht das, was sich jemand, der
nicht Fördermitglied bei foodwatch ist, unter einem „massiven
Angriff auf das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit der Verbraucherinnen
und Verbraucher“ vorstellen würde.
Wie konnte man sich zu so einer Formulierung hinreißen lassen?
Haben die Jungs von der Futtermittelfront das foodwatch-Büro mit
Runkelrüben bombardiert? Nein, nein. Die Vorliebe für schnittige
Formulierungen ist Einstellungsvoraussetzung. Und treibt noch andere
Blüten: Belustigt stellen wir fest, dass die Werbetexter, die bei
foodwatch den flotten Webauftritt gestalten, offenbar Selbstkritik andeuten,
indem sie den Inhalt der Seiten als „Fastfood für den Infohunger“ bezeichnen.
Aber ganz treffend ist diese Bezeichnung dann doch nicht. Korrekt müsste
es heißen: „Junkfood für den Infohunger.“

Thilo Spahl ist Novo-Redakteur und Co-Autor des im Oktober 2003 im Eichborn
Verlag erschienenen Buches Leben, Natur, Wissenschaft. Alles, was man
wissen muss. In Novo75 beschrieb er in „Gefährliche Mahlzeiten“ die
problematische Allianz zwischen Empörungskultur und Vorsorgeprinzip.
Anmerkungen
(1) Bruce
N. Ames, Margie Profet, Lois Swirsky Gold: „Nature’s
chemicals and synthetic chemicals: comparative toxicology.“ Proc
Natl Acad Sci USA, 10/90; 87(19), S. 7782-7786 (http://europa.eu.int/comm/environment/ppps/pdf/ma_reding_annex1.pdf).
(2) Institut für Umwelttoxikologie der Martin-Luther-Universität
Halle: „Dioxin-Belastung von Verbrauchern“, Stand 8.2.05,
http://ws1-iut.medizin.uni-halle.de/statements/dioxin-belastung_von_verbrauchern.html.
(3) Kevin Connor, Mark Harris, Melanie Edwards, Andrew Chu, George
Clark, Brent Finley: „Estimating the Total TEQ in Human Blood
from Naturally-Occurring vs. Anthropogenic Dioxins: A Dietary Study“,
ORGANOHALOGEN COMPOUNDS – Vol. 66/04.
(4) Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie
und Toxikologie, Sektion Toxikologie zur möglichen Gesundheitsgefährdung
durch erhöhte Dioxinkonzentrationen in einigen belgischen Lebensmitteln,
www.toxikologie.de/tox_alt/Dioxin-Stellungnahme.html.
(5) „Rare Cases of High Levels of Dioxin Exposure”, www.dioxinfacts.org/dioxin_health/dioxin_tissues/yushchenko.html.
(6) BgVV: „Trends der Rückstandsgehalte in Frauenmilch der
Bundesrepublik Deutschland. Aufbau der Frauenmilch- und Dioxin-Humandatenbank
am BgVV“, www.bfr.bund.de/cm/208/trends_der_rueckstandsgehalte_in_frauenmilch00.pdf.
(7) Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: „Umweltpolitik
gegen Dioxin zeigt Wirkung“, www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/hg_dioxin.pdf.
(8) Stellungnahme des Wissenschaftlichen Ausschusses der EU für
Tierernährung (SCAN) zum Thema: „Dioxin contamination of
feedingstuffs and their contribution to the contamination of food of
animal origin“.
Webtipp
www.foodwatch.de
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