Inhalt
ZUR SACHE:
Die Regierung packt ein
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Neuwahlen. Endlich ist der Knoten geplatzt
Von Sabine Reul
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Sabine Beppler-Spahl:
Familienpolitik und Volkspädagogik
Jennie
Bristow:
Die Freiheit und das böse Kraut
[Heft S.14]
Frank
Furedi:
Ist der Mensch krank, freut sich der Mensch
[Heft S.16]
Hubert
Markl:
Auf der Suche nach der Wahrheit
[Heft S.18]
Elizabeth
M. Whelan:
Wissenschaftler-Selektion: Wer gefragt wird,
taugt nix?
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Ian
Wilmut:
Plädoyer für das therapeutische Klonen
Thilo
Spahl:
Junkfood für den Infohunger
Brigitte
Neumann:
Verunglyxte Diäterfolge
[Heft S.29]
Thomas DeGregori:
Allergisch gegen Lupinenmehl? Kann nicht sein, darf nicht sein!
Michael
Miersch:
Bienenfresser auf dem Vormarsch
Stefan
Löffler:
Wo geht’s hier nach TscherNANObyl?
[Heft S.33]
WELTGESCHEHEN
Bijan
Farnoudi:
Die gebrannte Generation des Iran
EUROPA
Frank Furedi:
Das Wiedererwachen der europäischen Demokratie
Kai
Rogusch:
Europäische Demokratieverscherbler
MEDIEN UND
KULTUR
Vasile
V. Poenaru:
Schleife Kleinmünchen
[Heft S.42]
Hanko Uphoff:
Der Philosoph der Freiheit wird hundert
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.4]
BRIEFE
[Heft S.6]
IMPRESSUM
[Heft S.5]
FROHE
BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.13]
WORTGESCHICHTEN
von Bernd Herrmann:
gesund / krank
[Heft S.17]
EINSPRUCH
von Matthias Heitmann:
„Live 8“ – Kirchentag der Popmusik
[Heft S.37]
BÜCHER
von Julian Namé:
Was bedeutet heute nationale Identität
[Heft S.45]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Unsportlich
[Heft S.49]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Müntefering schimpft den Kapitalismus aus, und Wolffsohn fürchtet
um seine Sicherheit als Bürger
[Heft S.50]
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Wissenschaftler-Selektion: Wer gefragt wird, taugt nix?
Ein neues US-Protokoll behauptet, Wissenschaftler mit Industrieverbindungen
seien nicht in der Lage, die Sicherheit von Arzneimitteln zu beurteilen.
Das riecht nach modernem McCarthyismus, findet Elizabeth
Whelan.
Im März dieses Jahres hat das Gesundheitsministerium der Vereinigten
Staaten neue Regularien erlassen, angeblich, um „Interessenskonflikte“ seiner
Mitarbeiter auszuschließen: Jedwede (bezahlte oder unbezahlte)
Beratertätigkeit für biomedizinische Unternehmen ist untersagt,
ebenso der Besitz von Pharma- und Biotechnologie-Aktien – auch
für Familienangehörige.
Diese neuen Regularien sind das Ergebnis einer Verbraucherschutzkampagne
gegen die Parteilichkeit wissenschaftlicher Institutionen und Prüfungsgremien
zugunsten der Pharmaindustrie. Die Verbraucherschutzgruppen fordern,
dass Wissenschaftler, die über medizinische und gesundheitspolitische
Themen forschen, schreiben und veröffentlichen, alle Finanzierungsquellen
und andere Industrieverbindungen offen legen sollen.
Diese Debatte reicht bis in die 90er-Jahre zurück. Zahlreiche namhafte
medizinische Fachzeitschriften erließen damals, um der Beeinflussung
der Medikamentenforschung durch Pharmaunternehmen zu begegnen, strenge
Vorschriften, die vor der Veröffentlichung eine Offenlegung der
Forschungsfinanzierung verlangten. Angeregt durch den Verbraucherschutz-Aktivisten
Ralph Nader lancierte das Center for the Science in Public Interest (CSPI)
im Jahr 2001 das Projekt „Integrität in der Wissenschaft“,
das finanzielle Verflechtungen zwischen Wissenschaftlern, Organisationen
und der Industrie aufdeckte. Die CSPI äußerte damals „Besorgnis über
die Verbindungen zwischen Industrie und Wissenschaft“ und darüber, „wie
die Anforderungen der Industrie die Wahrung öffentlicher Interessen
und damit die eigentliche Aufgabe der Wissenschaft unterminierten“.
Anhänger dieser Offenlegungsvorschriften geben vor, dass diese die
Interessen der Konsumenten schützen und keinerlei negative Auswirkungen
für einzelne Wissenschaftler oder auf die freie und offene wissenschaftliche
Debatte haben. Ebenso argumentieren die Anhänger der sehr viel drakonischeren
Regularien des Gesundheitsministeriums, die selbst mutmaßliche
Verbindungen zu Unternehmen verbieten. Doch diese Annahme führt
in die Irre. Tatsächlich schaffen solche Richtlinien eine Kluft
zwischen angeblich glaubwürdigen (die keine Verbindungen zur Industrie
haben) und angeblich unglaubwürdigen Wissenschaftlern. Zudem verhindert
eine solche Bewertung die Entwicklung erfolgreicher Kooperationen zwischen
Top-Wissenschaftlern und Unternehmen. Nicht zuletzt schadet eine derartige
Selektion der wissenschaftlichen Diskussionskultur, da sie Wissenschaftler
mit Industrieverbindungen aus Berater- und Entscheiderrollen entfernt
und nur die übrig lässt, die als „rein“ und „unbefleckt“ gelten.
Sehr deutlich zeigten sich die negativen Folgen einer solchen Einordnung
an dem jüngsten Angriff der CSPI auf die Integrität von Wissenschaftlern,
die die Sicherheit der Schmerzmittel Vioxx, Bextra und Celebrex (so genannter
Cox-2-Inhibitoren) bewerteten. Die CSPI berief sich dabei auf Daten aus
dem Integritäts-Projekt und argumentierte, das Beratungsgremium
der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) habe im Februar
2005 nur deshalb dafür gestimmt, Vioxx wieder zuzulassen und seine
pharmazeutischen Vettern Bextra und Celebrex in den Regalen zu belassen,
weil es mit parteilichen Industrievertretern besetzt gewesen sei, die
ihre Zustimmung nicht auf Basis ihrer sachkundigen Interpretation der
verfügbaren Daten gegeben hätten, sondern, um ihren Sponsoren
in der Industrie einen Gefallen zu tun. (1) Daraus wurde geschlossen,
dass die voreingenommenen Wissenschaftler (d.h. diejenigen mit Industrieverbindungen)
ihr eigenes finanzielles Interesse höher stellten als die Gesundheit
amerikanischer Verbraucher und deshalb, trotz entgegengesetzter Studienergebnisse,
den Verkauf des gefährlichen Arzneimittels befürworteten.
Diejenigen,
die gegen die Verbindungen von Wissenschaftlern zur Industrie agitieren,
vertreten eine Reihe fragwürdiger Annahmen, so:
- Wissenschaftlern, die jemals für ein Pharmaunternehmen gearbeitet
oder ein solches beraten haben, könne per definitionem nicht zugetraut
werden, eine unvoreingenommene Entscheidung auf Basis der vorliegenden
wissenschaftlichen Erkenntnisse zu fällen.
- Gremiumsmitglieder, die angeben, keine Verbindungen zur Industrie zu
haben, seien per se glaubwürdig, ehrlich und unabhängig und
deshalb besser geeignet, das für den amerikanischen Konsumenten
Richtige zu tun.
- Im Fall von Vioxx und der verwandten Arzneimittel habe die FDA nicht
im öffentlichen Interesse gehandelt, und sie solle in Zukunft angewiesen
werden, jeden Wissenschaftler mit Verbindung zu einem Unternehmen, dessen
Produkt zur Diskussion steht, von dem Gremium auszuschließen; und
zwar unabhängig davon, worin diese Verbindung bestehe – sei
es, dass der Wissenschaftler früher für das Unternehmen gearbeitet,
eine Beraterfunktion übernommen oder Aktien besessen habe.
- Die einzig wahrhaft konsumentenfreundliche Entscheidung des FDA-Gremiums
wäre gewesen, die Schmerzmittel zu verbannen und nur Wissenschaftler
ohne Verbindungen als Entscheidungsträger zuzulassen.
Das
Ergebnis dieser Ansammlung von Annahmen ist ein Protokoll, das „glaubwürdige“ von „unglaubwürdigen“ Wissenschaftlern
separiert, indem es nach dem Schema eines modernen McCarthyismus verfährt:
Wissenschaftler, die sich für eine Mitgliedschaft in dem FDA-Komitee
qualifizieren möchten, werden gefragt: „Sind Sie jetzt oder
waren Sie jemals zuvor Empfänger finanzieller Kompensationen oder
anderer Einkünfte von Pharmaunternehmen?“ Tatsächlich
ist das Integritäts-Projekt eigentlich eine Liste von Wissenschaftlern – ähnlich
der Liste tatsächlicher oder mutmaßlicher Kommunisten in den
50er-Jahren –, die in irgendeinem Stadium ihrer Kariere mit der
Industrie zusammengearbeitet haben. Einem Wissenschaftler auf der Liste
mangelt es diesem Denken zufolge augenscheinlich an Integrität;
die eines Wissenschaftlers, der nicht auf der Liste steht, ist hingegen
intakt. Die Schlussfolgerungen, die sich aus einer derartigen Wissenschaftler-Selektion
ergeben, sind schwerwiegend.
Seit langem sind die selbsternannten Verbraucherschützer, insbesondere
die Gruppen um Ralph Nader wie das CSPI und die Health Center Research
Group, dafür bekannt, gegen moderne technologische Produkte – und
zwar nicht nur Medikamente, sondern auch Lebensmittelzusätze, Pestizide
und Mittel für die moderne Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion – zu
agitieren. Das Ziel dieser Gruppen ist klar: Sie lehnen technologischen
Fortschritt und jedweden Profit, der daraus erwächst, ab – ohne
Rücksicht auf einen möglichen Konsumentennutzen. Bei der Diskussion über
diese Themen mangelt es diesen Gruppen allerdings häufig an wissenschaftlichen
Beweisen für ihre Thesen. Um in öffentlichen Debatten zu reüssieren,
führen sie daher häufig „ad hominem“ Angriffe gegen
jeden, der die Chancen von Technologien (Lebensmittel, Arzneimittel,
Verbrauchsgüter) für größer hält als ihre Risiken.
Indem sie jeden Wissenschaftler, der beratend für die Industrie
tätig war, als unglaubwürdig ablehnen, übersehen die Verbraucher-Aktivisten,
dass sich die Unternehmen in der Regel an die besten und intelligentesten
Wissenschaftler wenden, um deren Expertenmeinung einzuholen. Möchte
man den „ad hominem“-Angriffen auf gleicher Ebene begegnen,
könnte man ebenso einfach argumentieren, dass die nicht als Berater
hinzugezogenen Wissenschaftler weniger kenntnisreich sind.
Wären die Beratungsgremien der FDA (und anderer bundesstaatlicher
Behörden) ausschließlich mit Leuten besetzt, die nicht mit
der Industrie zusammengearbeitet haben, könnte dies der Verbreitung
wirklicher Vorurteile Vorschub leisten.
In Bezug auf die Schmerzmittel war es wissenschaftlich legitim festzustellen,
dass Cox-2-Inhibitoren Chancen für Patienten mit schwerer Arthritis
sowie ein enormes Potenzial zur Minimierung des Krebsrisikos boten. Aus
Sicht der Verbraucherschützer sollte diese Schlussfolgerung jedoch
ausschließlich von den am wenigsten glaubwürdigen Quellen öffentlich
ausgesprochen werden – den Wissenschaftlern, die dafür bekannt
sind, mit der Pharmaindustrie auf Kriegsfuß zu stehen.
In Wirklichkeit, so behaupten die Kampagnengruppen, gäbe es außer
ihrer eigenen keine rechtmäßige Position – alle anderen
seien von der Industrie gekauft und bezahlt –, und man werde diese
Verbindungen und Verstrickungen aufdecken und entlarven. Eine alternative,
unabhängige und glaubwürdige Position scheint es ihrer Auffassung
nach nicht zu geben.
In der Wissenschaft ist aber nicht die Finanzierung, sondern die Genauigkeit
und Zulässigkeit der generierten Daten sowie deren Interpretation
von Bedeutung. Das heute nicht mehr bestehende, von Unternehmen finanzierte
Tobacco Institute behauptete früher, die krankheitserregende und
tödliche Wirkung des Tabakkonsums sei niemals bewiesen worden. War
dies glaubwürdig? Nein! Aber nicht, weil das Tobacco Institute sein
Geld von der Industrie bekam. Selbst wenn der Osterhase das Institut
finanziert hätte, wären derartige Äußerungen wissenschaftlicher
Unfug gewesen, denn die Diskussion, ob das Rauchen eine Hauptursache
für den frühzeitigen und vermeidbaren Tod ist oder nicht, war
damals längst abgeschlossen.
Wenn schon Wissenschaftler, die beratend für die Industrie tätig
waren, verdächtig erscheinen, erwachsen dann aus anderen Finanzierungsformen – z.B.
aus staatlichen Subventionen, privaten Stiftungen oder finanziellen Beiträgen
von Verbrauchern – nicht erst recht Voreingenommenheiten? Regierungsbehörden
müssen ihre Existenz permanent rechtfertigen; sie sind daher nicht
neutral, sondern verfolgen eigene Interessen. Wenn die US-amerikanische
Umweltschutzbehörde also eine Gruppe bezuschusst, um ein gerade
Schlagzeilen machendes Umweltgift zu untersuchen, könnte diese nicht
versucht sein, Beweise zu finden, die die Regulierung dieser Chemikalie
legitimieren – bloß, um der Behörde einen Gefallen zu
tun?
Private Stiftungen können ebenso wenig neutral sein. Die Tides Foundation,
die die Mehrheit der größeren US-amerikanischen Umweltschützer-Gruppen
generös unterstützt, engagiert sich dafür, die Umwelt
von „toxischen“ Chemikalien zu befreien – seien diese
in gezüchtetem Lachs, in Hausstaub, Kosmetika oder Kinderspielzeug
enthalten. Warum aber soll eine ideologisch motivierte Stiftung weniger
verdächtig als eine andere Finanzierungsquelle, und warum sollte
die Gefahr der Befangenheit hier geringer sein als bei einem Wirtschaftsunternehmen?
Darüber hinaus gibt es Voreingenommenheiten auch außerhalb
der Finanzwelt. Sollten wir einem Forscher, der sich zu Aids-Zahlen und
zur Aids-Politik äußert, vorschreiben, seine sexuelle Orientierung
offen zu legen? Sollte eine Wissenschaftlerin, die Richtlinien im Zusammenhang
mit Minderheitenförderungsprogrammen evaluiert, ihre ethnische Herkunft
angeben? Wenn ein Arzt über viel versprechende Ergebnisse eines
neuen Herzmedikaments berichtet, sollten Verbraucher darauf aufmerksam
gemacht werden, dass dieser Arzt Jahre seiner Laufbahn darauf verwendet
hat, die Sicherheit und Effektivität dieses Medikamentes zu beweisen;
dass er ein professionelles und emotionales Interesse an guten Ergebnissen
hat, damit die Jahre seiner Arbeit nicht umsonst gewesen sind?
Tatsache ist, dass alle Wissenschaftler persönliche Ideologien,
Motivationen und Ziele haben, die möglicherweise Voreingenommenheiten
in die Wissenschaft hineintragen können. Wissenschaftliche Arbeit
sollte indessen nach ihrer Güte bewertet werden (und um nichts anderes
geht es bei Peer Reviews und Ergebnisvergleichen), nicht nach Interessenskonflikten,
die möglicherweise vorhanden sind – oder eben nicht.
Aus
dem Englischen übersetzt von Edna Balzer.
Dr. Elizabeth M. Whelan ist Präsidentin des American Council on
Science and Health (www.acsh.org). Ihr Artikel ist zuerst im britischen
Novo-Partnermagazin Sp!ked (www.spiked-online.com) unter dem Titel „Blackballing
sections of the science community“ erschienen.
Anmerkung
(1) „10
voters in panel backing pain pills had industry ties“, New
York Times, 25.2.05.
Webtipps
American
Council on Science and Health: www.acsh.org
Health Facts & Fears: www.HealthFactsAndFears.com
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