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Inside Politik ist
das nicht mehr
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Von Sabine Reul
Das gilt für die Grünen, die vor mehr als zwei Jahrzehnten antraten, um den Muff aus deutschen Parlamenten zu vertreiben, fast noch mehr als für die anderen Parteien. Weder Dosenpfand, Legehennenverordnung und Gentechnikverbot werden hier im Wahlkampf gefeiert, noch werden neue Konzepte für die nächste Legislaturperiode angepriesen. Selbst auf die mehr als irrelevanten Anschuldigungen gegen Joschka Fischer im Kontext der Visa-Affäre reagiert die Partei seltsam kraftlos und defensiv. Heute bauen auch die einst so kämpferischen Grünen bevorzugt auf nostalgische Gefühligkeit. Kein Wunder also, dass die deutsche Politik stagniert. Alle strategischen Visionen haben sich verflüchtigt. Pragmatische Kompromisse auf der einen und furchtsame Bemühung um Einbindung der Bürger auf der anderen Seite beherrschen heute den politischen Prozess. Soweit
dabei überhaupt noch Ideen auftreten, sind sie bestürzend
fatalistisch. Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit – die
wohl einzigen neueren „Konzepte“ – legen nahe, Ressourcenknappheit
gepaart mit Bevölkerungswachstum und demografischer Alterung lasse
der Menschheit nur eine Option: sparen. Und das nicht, wie früher,
damit unsere Kinder es besser haben, sondern damit menschliches Leben
auf reduziertem Erwartungsniveau überhaupt noch irgendwie weitergeht. Entsprechend
flüchtig sind auch die Stimmungen im politischen Apparat.
War z.B. gestern noch der EU-Beitritt der Türkei der große
Wurf schlechthin, wendet sich das Blatt schon heute wieder: die Türkei
gilt als doch nicht ganz so beitrittsfähig, und selbst Kroatien
muss wieder um seinen Kandidatenstatus bangen. Projekte wie die EU-Erweiterung,
die einst mit Mut und Elan auf den Weg gebracht wurden, drohen im Gedränge
der Sachzwänge zu versacken. Seit sich herausgestellt hat, dass
das erweiterte Europa, wie zu erwarten, auch problematische Erscheinungen
wie verschärfte Billiglohnkonkurrenz aus Osteuropa mit sich bringt,
erlahmt die Europabegeisterung. Es besteht kein Mangel an Veröffentlichungen zur Krise der Politik. Sowohl unabhängige Autoren als auch solche aus dem Umfeld der Parteien äußern sich laufend mit Ratschlägen, wie das, was hierzulande sehr unzureichend als Reformstau verstanden wird, zu beheben sei. Das Problem ist, dass die meisten öffentlich diskutierten Beiträge zum Thema zu wenig Abstand zum aktuellen politischen Geschehen in Deutschland halten und sich folglich nahezu ausschließlich der Reform des Sozialstaats widmen. Neben drängenden Aufrufen zum Wandel ergeben sich da ohne Zweifel relevante Einblicke in die historischen Besonderheiten des Verhältnisses zwischen Staat, Parteien, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. Doch die Veränderungen der politischen Kultur in der jüngsten Vergangenheit bleiben seltsamerweise ein blinder Fleck. Dabei sind die Ursachen der aktuellen Lähmung der Politik genau hier zu suchen, und nicht in der Bismarckschen Sozialreform oder der Expansion des Wohlfahrtsstaats vor vierzig Jahren. Alle westlichen Gesellschaften haben in den letzten Jahren dramatische geistige Veränderungen erlebt, die selbstverständlich auch in der Politik ihre Spuren hinterlassen haben. Zum ersten Mal seit mehr als 200 Jahren haben wir Politik ohne alternative politische Ideen und Lager. Zum ersten Mal seit der bürgerlichen Revolution leben wir in einem geistigen Klima, das das Vertrauen in Freiheit und Fortschritt systematisch in Zweifel zieht. Die Mehrheit der Bewohner westlicher Gesellschaften ist heute überzeugt, dass wir unsere sozialen Verhältnisse nicht wirklich nach unseren Vorstellungen gestalten können. Selbstverständlich ist auch die Politik gegen dieses Klima nicht immun. Bemerkenswert ist nur, dass so wenige innerhalb und außerhalb der Politik es überhaupt als problematisch wahrzunehmen scheinen. Und obgleich die Politik nicht primäre Verantwortung dafür trägt, dass wir in diesem fatalistischen geistigen Raum leben, trägt sie doch maßgeblich zu seiner Verfestigung und Institutionalisierung bei. Denn
vom Verbraucherschutz über Technikverbote bis zum Antidiskriminierungsgesetz
widmet sich die Regierungspolitik heute bevorzugt Initiativen, die Skepsis
gegenüber den Chancen der Freiheit stärken, Ängste verfestigen
und die Bürger zu Verwaltungsobjekten degradieren. Sie stärkt
damit genau jene geistigen Tendenzen, die uns an unserer eigenen Menschlichkeit
zweifeln lassen. Durch den Kulturrelativismus haben wir obendrein erfahren, dass die Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Identität derart problembehaftet ist, dass man am besten jede Äußerung eigener Überzeugungen unterlässt, um andere nicht zu belasten. Da wir ohnehin nichts wirklich begreifen können, sind Überzeugungen sowieso unhaltbar und können obendrein zu Gewaltbereitschaft führen. Und da inzwischen auch kleinste gesellschaftliche Gruppen „Kulturen“ bilden, bedarf selbst die Verständigung zwischen Männern und Frauen, Schülern und Lehrern oder Vorgesetzten und Mitarbeitern der Intervention entsprechend geschulter Mediatoren und umfassender gesetzlicher Regelwerke, damit keiner verstört oder diskriminiert wird. Denn natürlich sind wir viel zu verwundbar, um ohne gravierende Schäden mit solchen Erfahrungen selbständig umzugehen. Auch auf diesem Feld hat die rot-grüne Koalition durch eine ganze Palette gesetzlicher Maßnahmen – nicht zuletzt mit dem jüngst verabschiedeten Antidiskriminierungsgesetz – Normen gesetzt, die das Vertrauen in die Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Menschen im Umgang untereinander nur weiter untergraben können. Schließlich sind wir, wie schon erwähnt, der Meinung, wir
lebten in einer Nullsummensituation. Unsere natürlichen Ressourcen
sind angeblich begrenzt, technischer Fortschritt größeren
Maßes (etwa die Elektrifizierung Afrikas) verbietet sich aus Rücksicht
auf die Natur, und gleichzeitig altern wir unaufhaltsam. Angesichts dieses
geistigen Universums ist es kaum erstaunlich, dass die Politik heute
so ist, wie sie ist. Sie entspricht in nahezu jedem Punkt genau der derzeit
vorherrschenden Interpretation des Weltgeschehens. Sie verwaltet eine
scheinbar chaotische Welt, die sich angeblich nicht gestalten lässt,
scheut Überzeugungen und Verantwortung, kennt die Idee der Freiheit
nicht mehr, bevormundet die Bürger wie Kinder und meidet jede offene
Auseinandersetzung. Die
Demokratie gründete auf der Überzeugung, die Menschen
verdienten Besseres, um erst richtig zu Menschen zu werden. Das nannte
man Humanismus. Wir dagegen leben in einer Zeit des Antihumanismus, der
meint, die Menschen verdienen kaum das, was sie schon haben. Daran ist
die Politik nicht alleine schuld, doch gute Politik beginnt da, wo endlich
diesem Unfug entgegengetreten wird.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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