| | Aktuell
(Home/News) | Dafür
steht
NOVO | Wer liest NOVO
| Archiv | Kontakt/Impressum | | Das aktuelle Heft | LifeScience | Infoletter | Einzelheft | NOVO abonnieren | |
| WISSENSCHAFT UND ÖKOLOGIE |
INFOS
Inside Frische Milch
in
|
||||
|
|
Greenpeace präsentierte zum Auftakt der Internationalen Grünen
Woche in Berlin eine Neuauflage des Einkaufsratgebers für gentechnikfreien
Genuss. Dabei kann einem die Lust auf den Hamburger Verein endgültig
vergehen.
Im letzten Herbst begannen die Vorbereitungen für den neuen Ratgeber für gentechnikfreien Genuss. In einem breit gestreuten Brief vom 4. November 2004 forderte Greenpeace zunächst deutsche Lebensmittelproduzenten auf, bis zum Stichtag am 19. November zu versichern, ob oder ob nicht die hauseigenen Produkte „tierische Rohstoffe wie z.B. Fleisch, Eier und Milch von Tieren enthalten, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden“. Auf Grundlage solcher Firmenangaben ordnete Greenpeace anschließend die Unternehmens- und Markennamen wie gehabt einer grünen, gelben und roten Kategorie im Einkaufsratgeber zu. Grün bedeutet, dass die Firmen ohne GV-Futtermittel auskommen, rot, dass GV-Futtermittel genutzt werden und dass es keinerlei Bemühungen gibt, die von Greenpeace gewünschte „Gentechnikfreiheit“ anzustreben. In der gelben Kategorie werden wieder Unternehmen und Marken aufgelistet, die den von Greenpeace gewünschten „Standard“ zumindest zukünftig erreichen wollen. Für Greenpeace geht es bei dieser Kampagnenarbeit angeblich um „Wahlfreiheit“.
Tatsächlich handelt es sich wohl eher um den Versuch, Verbrauchern
die Kaufentscheidungen abzunehmen und GV-Produkte vollständig aus
dem Warensortiment zu verbannen. Zudem werden ihnen subsatzlose Wahlmöglichkeiten
vorgegaukelt. Denn aus oben genannten Gründen wäre eine globale
Trennung konventioneller und transgener Futtersorten im Zuge der Vermarktung
nicht nur sehr aufwändig, teuer und schwerlich realisierbar. Sie
ist, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht, auch völlig unbegründet.
In etlichen unabhängigen Studien ist immer wieder bestätigt
worden, dass sich die Fütterung von Kühen mit GV-Futter nicht
auf die Zusammensetzung, Qualität und Sicherheit von Milch auswirkt
und dass, selbst wenn einmal ein DNA-Schnipsel gentechnischen Ursprungs
irgendwo in der Milch gefunden werden sollte (was bisher noch nicht gelang),
damit keineswegs irgendein Risiko verbunden sein dürfte. Im Vorfeld
der Grünen Woche hieß es dazu in einer gemeinsamen Stellungnahme
renommierter deutscher Forscher von fünf verschiedenen Forschungsanstalten
und Universitäten: Auch die Bundesregierung bestätigte im vergangenen Dezember diesen Sachverhalt – wenn auch etwas widerwillig. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Abgeordneten Christel Happach-Kasan erklärte das BMVEL im Namen der Bundesregierung, dass bisher keine DNA aus gentechnisch veränderten Futterpflanzen in der Milch nachgewiesen werden konnte. Die Bundesregierung nannte elf Studien, die diese Aussage belegen. (4) Dass
Greenpeace trotzdem nicht von dieser unsäglichen Futtermittel-
und Milch-Kampagne ablässt, bringt immer mehr Sachverständige
auf die Palme. Der hoch angesehene Bund für Lebensmittelrecht und
Lebensmittelkunde e.V. (BLL) wehrte sich schon letztes Jahr mit deutlichen
Worten gegen die „Diffamierung rechtlich einwandfrei vermarkteter
Produkte“. Das Vorgehen von Greenpeace trage „in keiner Weise
zu der notwendigen und allseits geforderten sachlichen Verbraucheraufklärung
bei“, erklärte BLL-Geschäftsführer Marcus Girnau.
Anlässlich der Herausgabe des neuen Einkaufsratgebers auf der Grünen
Woche legte der BLL Girnau nach und monierte, dass es Greenpeace wohl
darum gehe, „bewusst Ängste bei den Verbrauchern [zu] wecken
und deren Verunsicherung [zu] erhöhen“. (5) Theo
Müller ermutigte mit seiner Gegenoffensive auch andere Betroffene,
sich gegen die Kampagnen des Hamburger Vereins zur Wehr zu setzen. Ein
Werftbesitzer an der Ostsee, der das neue Greenpeace-Kampagnenschiff
Beluga II gebaut hatte, wandte sich an die Medien und klagte darüber,
dass der Verein Rechnungen nicht beglichen habe – die Werft ging
wenig später in Konkurs. (6) Und schließlich erhielt Greenpeace
im vergangenen November erstmals auch offizielle Absagen zweier wichtiger
Zusammenschlüsse der deutschen Ernährungswirtschaft. Der Deutsche
Raiffeisenverband (DRV) und der Milchindustrie-Verband (MIV) empfahlen
den von ihnen vertretenen Molkereiunternehmen, gegenüber Greenpeace
keinerlei Auskünfte mehr zur Nutzung konventioneller und gentechnisch
veränderter Futtermittel abzugeben. Den MIV- und DRV-Initiativen entsprechend ist im neu aufgelegten Einkaufsratgeber die rote Liste der Molkereiprodukte stark angewachsen. Wenn man die Listungen mit dem jeweiligen Umsatz und Marktvolumen der Betriebe koppeln würde, wäre die rote Kategorie umso dominanter, die grüne wäre verschwindend klein und die gelbe bekäme immerhin ein paar ansehnliche Prozentpunkte – wohl aber nur, weil hier offenbar auch Großbetriebe gelistet sind, die in Wirklichkeit gar nicht anstreben, auf gentechnikfreie Futtermittel umzusteigen. Unternehmen, die auf Anraten des DRV keine Angaben zum Futtermitteleinsatz machten, erhielten nämlich Ende November erneut Post aus Hamburg. Kampagnenleiter Hissting erläuterte in seinem Schreiben, dass er trotz der Auskunftsverweigerung kurzerhand davon ausgehe, dass sich die Unternehmenshaltung nicht geändert habe und dass deshalb die alte Kategorisierung beibehalten werde. „Wir werden Sie daher weiterhin in der ‚gelben’ Kategorie führen“, schrieb er an einen dem DRV angeschlossenen Betrieb. Dieses Unternehmen erwiderte schriftlich, man möge es doch bitte zukünftig unter „rot“ führen, da nicht beabsichtigt werde, sich bei den Milchlieferanten um eine Versorgung der Kühe ohne GV-Pflanzen zu bemühen. Diesem Wunsch leistete Greenpeace Folge, aber nicht alle erneut von Hissting kontaktierten Betriebe dürften ausdrücklich um eine Rot-Listung gebeten haben. Das wiederum dürfte im Sinne von Greenpeace gewesen sein: Wären nämlich sämtliche großen Anbieter von Molkereiprodukten auf „rot“ gesetzt worden und unter „grün“ nur ein paar kleine Öko-Betriebe, deren Waren man in normalen Supermärkten kaum findet, wäre das ein Eingeständnis gewesen, dass sich in der Milchbranche nur wenige große Firmen um die hinterwäldlerische Weltanschauung des Hamburger Vereins kümmern. Die erfrischend positive Einstellung zahlreicher landwirtschaftlicher Betriebe und Lebensmittelproduzenten zu Sachverstand, wirtschaftlicher Effizienz und wissenschaftlichem Fortschritt zeigt sich auch daran, dass der Markt für „gentechnikfreie“ Futtermittel nach wie vor sehr klein ist. Es gibt hierzulande zwar auch eine Reihe sojaverarbeitender Unternehmen, die Landwirten „gentechnikfreies“ Schrot ohne GVO-Kennzeichnung anbieten. Aber dieses substanzlose Extra hat seinen Preis, den die meisten Bauern (und Verbraucher) nicht zahlen wollen: Die Mehrkosten für die Logistik und für die umfangreichen Nachweispflichten bei solchen Waren belaufen sich nach Angaben der Bundesregierung auf 5 bis 25 Euro je Tonne, was in etwa 3 bis 13 Prozent des Produktpreises entspricht – womit sich, nebenbei bemerkt, auch die Greenpeace-Vorwürfe gegenüber Sojaanbietern, sie würden die Preise ihrer nicht kennzeichnungspflichtigen Waren künstlich erhöhen, um diesen Markt zu sabotieren, als ebenso abgeschmackte Fehlinformationen erübrigen. Landwirte sehen augenscheinlich keinen Grund dafür, auf seit Jahren genutzte Futtermittel zu verzichten, nur weil sie seit Anfang 2004 als GV-Waren gelten und Greenpeace nicht schmecken. Im
direkten Widerspruch zu Greenpeace-Verlautbarungen steht auch das Verhalten
der „Verbraucher“. Die zeigen sich nämlich
beim Einkauf anhaltend immun gegen die spekulativen Risikowarnungen aus
Hamburg. Greenpeace hat vor der Herausgabe des neuen Einkaufsratgebers
mit dem Argument, dass schon „nahezu 1,5 Millionen Exemplare in
der nunmehr fünften Auflage in Deutschland“ verteilt worden
seien, Eindruck zu schinden versucht. Allerdings ist davon auszugehen,
dass ein Großteil dieser gratis verschenkten Broschüren unbeachtet
blieb. Hinweise auf ein verändertes Kaufverhalten der Verbraucher
zu Ungunsten der „rot“ gelisteten Handelsmarken sind jedenfalls
nicht bekannt. Vielmehr hat eine kurz vor der IGW durchgeführte
Emnid-Umfrage im Auftrag des Deutschen Raiffeisenverbandes ergeben, dass
Verbraucher beim Einkauf von Milchprodukten vorrangig auf Frische, Preis
und Qualität achten und dass Produktinformationen über die
Gentechnik bei der Kaufentscheidung nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Die Umfrage ergab zudem, dass der Einsatz von GV-Futtermitteln keinen
nennenswerten Einfluss auf die hohe Wertschätzung der Bürger
gegenüber Milchprodukten hat und dass die überwiegende Mehrheit
der Befragten das „Nebeneinander von gentechnisch veränderten
Lebensmitteln und nicht veränderten Produkten im Regal des Lebensmittelhandels
akzeptieren“ würde. (7) Trotz solcher Kampagnenvermarktungsstrategien läuft es nicht so, wie Greenpeace es gerne hätte. Die oben genannten Faktoren sind letztlich auch ausschlaggebend dafür, dass die Nachfrage nach Futtermitteln ohne Gentechnikeinsatz im Jahre 2004 hinter allen Erwartungen zurückblieb. Eine große deutsche Ölmühle blieb regelrecht auf ihrer nicht kennzeichnungspflichtigen Ware sitzen und stellte die Produktion schließlich wieder auf GV-Standardware um. Parallel dazu verzichtet ein großes deutsches Handelsunternehmen neuerdings darauf, die eigenen Fleischprodukte als „gentechnikfrei“ zu bezeichnen, weil es sich als wenig werbewirksam erwies. Ein großer Geflügelhersteller folgte diesem Schritt, und im Ausland deutet die Entwicklung in die gleiche Richtung: Wegen mangelnder Nachfrage hat der umsatzstärkste dänische Schlachtereikonzern Danish Crown vor einigen Monaten die Verträge mit den angeschlossenen Erzeugerbetrieben, die auf der Basis von „gentechnikfreiem“ Futter Schweine mästen, gekündigt. In Norwegen sah sich indes der Lebensmittelhersteller Danofa wegen der dort praktizierten Nulltoleranz von GV-Futtermitteln mit einem Jahresverlust von etwa 30 Mio. Euro konfrontiert. Danofa war dazu übergegangen, auf teureres, kennzeichnungsfreies Soja aus Brasilien zurückzugreifen. So bleibt die Frage, warum die Greenpeace-Macher krampfhaft am Thema GV-Futtermittel festhalten. Vielleicht ist der Verein lediglich verwöhnt. In der Vergangenheit profitierte er jedenfalls stark von der Uneinigkeit und Verunsicherung in der Lebensmittelbranche. Indem nämlich früher fast alle Firmenvorstände brav auf alle möglichen Greenpeace-Schreiben reagierten, Angaben zu ihrer Firmenpolitik machten und öffentliche Reuebekenntnisse ablegten, rührten sie kräftig die Greenpeace-Werbetrommel. Sie bescheinigten dem Hamburger Verein damit die moralische Autorität, sich als vermeintlich unabhängige Instanz zum angeblichen Wohle der Bürger aufspielen zu dürfen. Und konkret auf die substanzlose Futtermittelkampagne bezogen, werteten solche Unternehmen Greenpeace nur noch weiter auf, indem sie suggerierten, mit der Grünen Gentechnik sei etwas nicht in Ordnung. Dieses Spiel scheint nun dank Theo Müller nicht mehr so einfach zu funktionieren. Aber offenbar wird dies in Hamburg noch nicht zur Kenntnis genommen. Stattdessen wird versucht, die laue Futtermittelkampagne künstlich am Leben zu erhalten. Das wiederum kann als Ausdruck der tieferen „Sinnkrise“ bei Greenpeace verstanden werden, wie es der Spiegel kürzlich formulierte. (8) Ein gewichtiger Krisenfaktor ist gewiss die derzeitige Prüfung des Gemeinnützigkeitsstatus des Vereins. Die Hamburger Finanzbehörde hatte im letzten Dezember mit konkreten Hinweisen auf Kampagnentätigkeiten im Jahre 2003 Zweifel an diesem ehrenwerten Status angemeldet. (9) Derzeit wird eine Greenpeace-Stellungnahme zu den vorgelegten Vorwürfen geprüft. Zudem ist davon auszugehen, dass im Anschluss an die Prüfung des Geschäftsjahres 2003 die ebenso zahlreich in Hamburg eingegangenen Hinweise von Firmen und Privatpersonen, denen zufolge Greenpeace auch mit Kampagnen im Jahre 2004 Gesetze brach und Bürger hinters Licht führte, von den Finanzbeamten unter die Lupe genommen werden. Finanzexperten haben berechnet, dass der Fiskus allein für 2003 rund 14 Millionen Euro entgangener Steuergelder in Rechung stellen könnte. Für 2004 dürfte der Betrag ähnlich hoch sein. Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit könnte Greenpeace Kopf und Kragen kosten. Das Image des Vereins hat in den letzten Monaten ohnehin schon schweren Schaden davongetragen.
|
||||
Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
Dafür steht NOVO