Inhalt
ZUR SACHE:
Wellenreiter
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Vom Elend der Wertedebatte
Von Sabine Reul
Brendan
O’Neill:
Nieder mit dem modernen Philistertum!
[Heft S.8]
WELLENREITER
Thomas R. DeGregori:
Was uns die Tsunami-Tragödie lehrt
Frank
Furedi:
Gottesstrafe, Menschenwerk
[Heft S.14]
Bernd
Herrmann:
Eine Verschwörung des Redens
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Kai
Rogusch:
Antidiskriminierungsgesetz = Entmündigungsgesetz
David
Harnasch:
EINSPRUCH: REACH im Kampf der Akronyme
Sabine
Beppler-Spahl:
Ein Jahr Gefängnis für Schnullerdiebe?
[Heft S.22]
MANIFEST
Matthias
Horx:
Das Fortschritts-Paradox
[Heft S.24]
WISSENSCHAFT
UNDÖKOLOGIE
Thomas Deichmann:
Frische Milch in alten Schläuchen
Bruce
Chassy und Drew Kershen:
Weniger schwere Fehlbildungen durch Gentech-Mais
Graham
Brookes:
Wo fliegen sie denn?
[Heft S.34]
Michael
Miersch:
Ist „bio“ wirklich besser?
Michael
Breu:
Grüne Alpen statt ewiges Eis
[Heft S.39]
Thilo
Spahl:
Gefährliche Mahlzeiten
Tamás
Nagy:
Risiko Ernährungswende
MEDIEN UND
KULTUR
Sabine Beppler-Spahl:
Guten Morgen, Herr Lernberater!
Vasile
V. Poenaru:
Toronto – Mitmenschen
[Heft S.48]
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.4]
BRIEFE
[Heft S.6]
IMPRESSUM
[Heft S.6]
BRIEFE
[Heft S.6]
WORTGESCHICHTEN
von Bernd Herrmann:
Arbeitslosigkeit
[Heft S.17]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.31]
SCHÖNE
NEUE WELT
von James Woudhuysen:
Ästhetik und Innovation
[Heft S.44]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Das „Wunder von Bern“ war verschoben!
[Heft S.45]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Deutschland ist Weltmeister der Herzen
[Heft S.50]
|
Was uns die Tsunami-Tragödie lehrt
Der beste Schutz gegen Tod und Naturkatastrophen ist wirtschaftliche
Entwicklung.
Von Thomas R. DeGregori
Tragödien sind große Lehrmeister. Doch leider ziehen zu viele
Menschen die falschen Lehren. Vor nicht allzu langer Zeit wurden große
Naturkatastrophen als göttliche Strafe für unsere Sünden
interpretiert. Heute geben Geologie (Plattentektonik und Vulkanologie),
Meteorologie und andere Wissenschaften Hoffnung auf Verhinderung bzw.
Milderung der Katastrophenfolgen.
Eine Tragödie vom Ausmaß der Flutkatastrophe im Indischen
Ozean bringt an einem Tag in Fernsehen, Zeitungen und Internet das Beste
und Schlimmste zum Vorschein. Sie schafft Platz für Interviews mit
Experten für jeden einzelnen Aspekt des Geschehens: für dessen
Ursachen, die zu erwartenden kurz- und langfristigen Folgen und die effektivsten
Maßnahmen zur Hilfeleistung. Unvermeidlich kommen auch jene zu
Wort, die in der Art der Weltuntergangspropheten früherer Zeiten
den Menschen und den modernen Lebensstil im Allgemeinen für die
Katastrophe und ihre Folgen verantwortlich machen. Hätten wir nur
die Warnungen der Umweltideologen und anderen Untergangsspezialisten
gehört, so hätten wir Katastrophen dieses Ausmaßes vermeiden
können, sagen sie. Ein Treugläubiger ging sogar so weit zu
behaupten, der Tsunami sei keine Naturkatastrophe, sondern von der Künstlichkeit „eines
Plastikweihnachtsbaumes“.
Leben unter Low-Tech-Bedingungen
Es ist wahr, dass ökologische Fehlplanungen Katastrophen verschlimmern
können, etwa wenn durch ungezügelte Entwaldung in Niederschlagsgebieten Überflutungen
verschlimmert werden, wie dies in China geschehen ist. (Jeder, der chinesisches
Fernsehen sieht, weiß, dass man sich dieses Problems dort heute
sehr bewusst ist und es eine Vielzahl von Wiederaufforstungsprogrammen
gibt.) Aber noch so viel „Leben in Einklang mit der Natur“ hätte
den Opfern keinen Schutz gegen den Tsunami geboten. Im Gegensatz zur
landläufigen Auffassung bieten Wissenschaft, Technologie und ein
modernes Leben im Allgemeinen einen enormen Schutz gegen die schlimmsten
Bedrohungen durch die Natur – einen Schutz, den wir meist als gegeben
voraussetzen. Während des größten Teils des letzten Jahrhunderts
kamen Menschen in armen Ländern mit etwa zehnmal größerer
Wahrscheinlichkeit durch eine Naturkatastrophe ums Leben als Menschen
in entwickelten Ländern wie etwa den USA. In extremen Fällen
war das Verhältnis sogar hundert zu eins, etwa in Bangladesch im
letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, als einer von zehntausend Menschen
einer Naturkatastrophe zum Opfer fiel, während es in den USA nur
einen von einer Million traf. Und diese Unterschiede kommen nur zu vielen
anderen Vorteilen des modernen Lebens dazu, die zu dem dramatischen Anstieg
der Lebenserwartung geführt haben: etwa dem täglichen Schutz
gegen Infektionskrankheiten, gegen Hitze und Kälte sowie der besseren
Ernährung.
Es ist ohne Zweifel richtig, dass ein Tsunami der gleichen Stärke
vor 30 oder 40 Jahren weit weniger Todesopfer gefordert hätte. Dafür
gibt es einfache Gründe: es lebten damals nur halb so viele Menschen
auf der Erde, und die betroffenen Gebiete waren touristisch noch kaum
erschlossen. Meine Arbeit als Entwicklungsökonom hat mich in viele
der nun am härtesten getroffenen Gebiete im Süden und Südosten
Asiens geführt, nach Sri Lanka, Tamil Nadu in Indien, Bangladesch,
Burma, Sumatra in Indonesien, Thailand und Malaysia sowie Ostafrika.
Ich habe regelmäßig Treffen auf einer Insel südlich von
Phuket. Dies sind unglaublich schöne Regionen, und es ist sehr verständlich,
dass Touristen in Scharen diese Traumziele ansteuern.
Wiederaufbau und Entwicklung
Es gab schlicht keinen Grund, sie nicht zu Urlaubsregionen zu entwickeln.
Und es gibt keinen Grund, sie nach der Katastrophe nicht wieder in
der gleichen Weise aufzubauen, wobei die Vorsicht natürlich die
Installierung eines Tsunami-Warnsystems gebietet. Man bedenke, dass
dies ein durchaus einzigartiges Ereignis in der Region war, in der
es zuletzt vor 170 Jahren zu einem großen Tsunami gekommen war.
Dennoch wird jetzt ein seismisches und satellitengestütztes Überwachungssystem
installiert, wie es im Pazifik bereits existiert. Eine Vielzahl von
Technologien kombiniert auf Grundlage der wissenschaftlichen Kenntnisse über
die Energieflüsse am Meeresboden und der Dynamik der Wellen an
der Oberfläche wird vor der nächsten großen Welle warnen.
Was das Wachstum der Bevölkerung betrifft, so verdankt sich dieses
ausschließlich dem Rückgang der Sterblichkeit, also nicht
der Tatsache, dass die Menschen mehr Kinder bekommen, sondern dass mehr
von diesen lange genug leben, um das Erwachsenenalter zu erreichen. Nur äußerst
engstirnige Überbevölkerungsdemagogen dürften die Menschen
dafür verurteilen, dass es ihnen gelungen ist, die Sterblichkeit
insgesamt und insbesondere die von Neugeborenen und Kindern, zu verringern.
Dennoch finden sich noch immer einige Misanthropen, die das Leben und
Urlauben in den betreffenden Regionen als Hybris verurteilen. Gewiss
würde niemand von uns sich am Fuße eines aktiven Vulkans niederlassen,
doch es leben dort Menschen, denen keine große Wahl bleibt. Irgendwo
müssen wir leben, und von Zeit zu Zeit müssen wir auch an andere
Orte reisen. Und jeder Ort der Welt birgt gewisse Gefahren.
In der New York Times „Week in Review“ (2.1.05) standen nebeneinander
zwei Artikel. Der eine verzeichnete („The Future of Calamity“)
für Regionen, in denen Menschen leben, ein Anstieg an Naturkatastrophen.
Im anderen („How Nature Changes History") ging es um die vielen
historischen Beispiele dafür, wie Zivilisationen durch Naturkatastrophen
verwüstet oder zerstört wurden. Zwischen den beiden Texten
fanden sich eine Reihe von Landkarten, auf denen Gefahrenzonen verschiedener
Art markiert waren, wodurch zum Ausdruck kam, dass der größte
Teil der Erdbevölkerung in irgendeiner Weise bedroht ist.
Wissenschaft als Lebensretter
Moderner Katastrophenschutz kann am besten im Kontext des generellen
Nutzens von Wissenschaft, Technologie und wirtschaftlicher Entwicklung
verstanden werden. Im Jahr 1950 lebten etwa 2,5 Milliarden Menschen
auf dem Planeten, und rund 50 Millionen starben jedes Jahr. Bemerkenswerterweise
blieb diese Sterbezahl während der nächsten 35 Jahre fast
gleich, während sich die Weltbevölkerung verdoppelte. Heute
sterben jährlich zwischen 57 und 58 Millionen Menschen, und viele,
deren Leben irgendwann einmal gerettet wurde, werden ziemlich alt.
Die Weltbevölkerung beträgt nun 6,4 Milliarden, wir sind
also mehr als 2,5 Mal so viele wie 1950. Das bedeutet, dass während
der letzten 50 Jahre in jedem Jahr rund eine Million Menschen mehr
am Leben geblieben sind als im Jahr zuvor. Hätten wir heute noch
die Sterberate von früher, wären jährlich rund 125 Millionen
Tote zu beklagen – 65 bis 68 Millionen mehr, als es tatsächlich
sind –, und von diesen wären 20 bis 25 Millionen Babys und
Kinder.
Der beste Schutz gegen Tod und Naturkatastrophen ist wirtschaftliche
Entwicklung. Nach jeder großen Tragödie leiten die Gesellschaften,
die es sich leisten können, größere Maßnahmen ein,
die von der Finanzierung von präventionsorientierten Forschungsprogrammen
bis zur Verbesserung des baulichen Brand- oder Erdbebenschutzes reichen.
Da die Menschen in den USA Häuser an Hängen und in Wäldern
bauen, kommt es durch Erdrutsche und Waldbrände zu wachsenden Sachschäden – jedoch
kaum zu Personenschäden. Es gibt – vielleicht berechtigte – Besorgnis,
dass die Evakuierung bei schweren Hurrikans in einigen Küstenregionen
der USA selbst bei frühzeitiger Warnung durch verstopfte Straßen
behindert werden könnte. Nichtsdestotrotz liegt die Zahl der Todesopfer
bei schweren Erdbeben oder Hurrikans in den USA in der Regel deutlich
unter 100, während sie bei Beben oder Stürmen gleicher Stärke,
die die Nachbarn im Süden der USA oder andere Entwicklungsländer
treffen, oft in die Tausende oder Zehntausende geht.
Wir sollten weiter die Möglichkeiten zur Minimierung der Folgen
gefährlicher Naturphänomene erforschen und diskutieren. Doch
wir sollten uns durch Tragödien wie die durch den Tsunami verursachte
nicht dazu verleiten lassen, nach einem Leben „in Einklang“ mit
der Natur zu rufen. Und Schutzmaßnahmen sollten nicht auf Kosten
der wirtschaftlichen Entwicklung gehen.
Fehlschlüsse
nach Katastrophen
Während der letzten 30 Jahre haben wir eine Menge darüber gelernt,
was bei Hilfsmaßnahmen nach Katastrophen getan und was nicht getan
werden sollte (siehe hierzu auch die beiden Infoboxen). Es gab Fälle,
in denen Hilfe die Situation eher verschlechterte als verbesserte. Zwei
Erdbeben Mitte der 70er-Jahre in Lateinamerika, jeweils im Sommer, haben
kaum Schäden in der Landwirtschaft verursacht. Dennoch wurde in
großem Umfang Lebensmittelhilfe geleistet. Dies führte dazu,
dass viele Bauern die Ernte nicht einholten, teilweise weil der Preis
so niedrig war, teilweise weil Geräteschuppen und Maschinen durch
das Erdbeben beschädigt worden waren. Im folgenden Frühjahr
bestellten viele Bauern aus denselben Gründen ihre Felder nicht.
Eine anschließende Analyse zeigte, dass es hilfreicher gewesen
wäre, landwirtschaftliches Gerät und Baumaterial zu schicken.
Die Reaktion der Medien auf Katastrophen bestand jahrzehntelang vor allem
darin, zu Spenden für Lebensmittel und Kleidung sowie Decken aufzurufen,
die gesammelt und in die betroffene Region gebracht wurden. Vor gut zehn
Jahren schrieb ich einen Kommentar für den Houston Chronicle (14.8.94),
in dem ich verlangte, auf das Einsammeln von Sachspenden zu verzichten
und stattdessen nur mit Geld zu helfen. Obwohl ich mich nur auf die Erfahrungen
berief, die Hilfsorganisationen in den vergangenen zwei Jahrzehnten gemacht
hatten, war die Idee, einfach nur Geld zu spenden, noch immer neu, für
viele fast radikal und schwer zu akzeptieren. 1994 rief ich die Bürger
von Houston auf, den Menschen in Ruanda und Haiti zu helfen, indem sie
ihre Portemonnaies öffnen und nicht ihre Vorratskammern, wenn sie
wirklich etwas Gutes tun wollten. Obwohl es manchen als gefühllos
erschien, war es damals – und ist es noch heute – die beste
Art, etwas Positives zu erreichen, Geld an etablierte Hilfsorganisationen
zu geben und nicht über irgendwelche Kanäle Lebensmittel, Kleider
oder Medikamente direkt ins Krisengebiet zu befördern. Es ermutigt
mich, dass bei der aktuellen Katastrophe in Südasien die Medien
und viele, die von ihnen interviewt werden, genau diesen Punkt betonen.
Es ist ohnehin sehr viel leichter, sich über seriöse Hilfsorganisationen
zu informieren, sich dann mit der Kreditkarte an seinen Computer zu begeben
und eine Spende zu tätigen, als im Haus nach brauchbaren Gütern
zu suchen und sie dann zu einer Sammelstelle zu transportieren, wo sie
wahrscheinlich verstauben werden und wenig oder keinen Nutzen bringen.
Geld zu spenden ist sowohl einfacher als auch effektiver.
Weil man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, ist es heute
gängige Praxis, dass zunächst die US-Botschafter eine gewisse
Geldsumme aus einem hierfür vorgesehen Fonds geben, während
Organisationen wie USAID Teams aussenden, die den konkreten Hilfsbedarf
ermitteln, bevor weitere Hilfsgüter geschickt werden. Jede Katastrophe
hat ihre spezifischen Ausprägungen und erfordert entsprechend spezifische
Hilfsleistungen. Und im Falle des Tsunamis war auch der Bedarf in den
unterschiedlichen betroffenen Gebieten verschieden. Natürlich gibt
es auch viele Gemeinsamkeiten, so dass ein Explorationsteam genau weiß,
welche Fragen es den örtlichen Behörden stellen muss und worauf
es beim Besuch des Katastrophengebiets achten muss. Als einer der angesehensten
Fernsehjournalisten vor etwa fünf Jahren einige Vertreter von Hilfsorganisationen
interviewte, fragte er sehr direkt, ob das Vorgehen nicht ein bisschen
zu bürokratisch sei. Bei der Tsunami-Katastrophe wurden ähnliche
Fragen gestellt, doch schon etwas respektvoller, so dass die Experten
die Möglichkeit hatten, die Gründe für Teams zur Ermittlung
des Bedarfs zu erläutern.
Ideologischer Widerstand gegen Hightech
Leider gibt es einiges, was vor 30 Jahren besser funktionierte als heute.
In vielen vom Tsunami betroffenen Gebieten sind Malaria und Dengue-Fieber
endemisch. Die Flut hat zwar einen großen Teil der Mückenlarven
weggeschwemmt. Doch es konnten sich bald neue bilden. Die örtlichen
Schutzmaßnahmen gegen die Mücken dürften durch die
Flut weitgehend zerstört sein. Nötig wäre es, das effektivste
Mittel zur Bekämpfung zur Verfügung zu stellen, und das ist
DDT. Tragischerweise geschieht dies bisher nicht, da DDT nach den bekannten
Kampagnen vor drei Jahrzehnten verboten wurde. Dass das Wasser gechlort
wird, um Krankheitserreger abzutöten, ist ebenfalls wichtig. Dies
geschieht, obwohl es auch hier Gruppen gibt, die das gerne verhindern
würden, weil sie den Einsatz von Chlor ablehnen.
Wir müssen unterscheiden zwischen den NGOs, die vor Ort aktiv Hilfe
leisten, und denen, die absolut nichts für die Menschen dort tun,
aber behaupten, in deren Namen zu sprechen. Zu ihnen gehören die,
die lieber zusehen, wie Afrikaner verhungern, als ihnen zuzugestehen,
ausgezeichnetes gentechnisch verbessertes gespendetes Getreide zu essen.
Sie behaupteten, es sei genug konventionelles Getreide im südlichen
Afrika verfügbar, um den Hungernden zu helfen, aber keine von ihnen
hat je Geld aus ihrem jährlichem Budget von über 100 Millionen
Dollar eingesetzt, um ihnen etwas von dem angeblich vorhandenen zu kaufen.
Viele NGOs lehnen darüber hinaus grundsätzlich die Errichtung
großer Staudämme ab, die Wasser für die Landwirtschaft
und Elektrizität liefern könnten. Sie setzen sich gegen die
wirtschaftliche Entwicklung ein, die den Menschen Schutz bieten würde
und geben der Technologie die Schuld an allen Übeln dieser Welt,
den Tsunami eingeschlossen. Aber sie selbst leben in den reichen Ländern
und nutzen all die Technologien, die sie verdammen.
Eines der größten Probleme, denen wir heute begegnen, ist
nicht die zerstörerische Gewalt der Natur, sondern der ideologische
Widerstand gegen die effektive Nutzung moderner Technologie. Zu den wichtigsten
Dingen, die wir tun können, nachdem wir Geld gespendet haben, gehört
es, Druck auf die Geberorganisationen, einschließlich unserer Regierungen,
auszuüben, damit diese die effektivsten Mittel einsetzen, um das
durch Malaria, Dengue-Fieber und andere durch Insekten übertragene
Krankheiten bedrohte Leben von Kindern und Erwachsene zu schützen.
DDT sollte unbedingt zum Einsatz kommen.
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich viel mehr Armut und Unheil gesehen,
als ich zu sehen bereit war. Ich habe darunter gelitten, während
der letzten zwei Jahrzehnte beobachten zu müssen, wie wohlmeinende
Menschen anderen zu helfen versucht haben, aber ungeeignete und zum Teil
kontraproduktive Mittel gewählt haben – entweder aus Unkenntnis
oder wegen ihres Widerstands gegen den wissenschaftlichen und technischen
Fortschritt, der Menschen dazu befähigen kann, sich selbst zu helfen.
Zum Glück ist heute ein viel besseres Verständnis darüber
verbreitet, wie man wirklich helfen kann. Wie in allen Dingen haben wir
es hier mit einem kontinuierlichen Lernprozess und einem Kampf gegen
die zu tun, die in die Gegenrichtung steuern wollen.
Aus
dem Englischen übersetzt und bearbeitet
von Sabine Beppler-Spahl.
Thomas R. DeGregori ist Professor für Wirtschaft an der Universität
von Houston sowie Mitglied des Vorstands des American Council on Science
and Health (ACSH). Eine etwas längere englische Version des vorliegenden
Artikels erschien auf der ACSH-Website unter www.acsh.org/factsfears/newsID.485/news_detail.asp.
DeGregori hat als Entwicklungsexperte und Berater von Geberorganisationen
und Entwicklungsländern umfangreiche Erfahrungen in aller Welt gemacht.
In Novo67/68 erschien von ihm der Artikel „Loblied auf den Kuhdung“ über
die Irrwege von Vandana Shiva. Kontakt mit dem Autor über seine
Website: www.uh.edu/~trdegreg.
Literaturtipps
Thomas
R. DeGregori: Origins of the Organic Agriculture Debate, Blackwell
Publishing, 2003 (http://store.blackwell-professional.com/0813805139.html)
Ders.: The Environment, Our Natural Resources, and Modern Technology,
Blackwell Publishing, 2003 (http://store.blackwell-professional.com/0813809231.html)
Ders.: Bountiful Harvest: Technology, Food Safety, and the Environment,
Cato Institute, 2002 (www.catostore.org/index.asp?fa=ProductDetails&method=
cats&scid=17&pid=1441080)
Probleme
bei Hilfseinsätzen
Transportprobleme: Die heutige Situation ähnelt zum Großteil der, die ich
im Jahre 1994 beschrieben hatte. Damals litten in Ruanda Menschen
an Hunger wie heute in Darfur und entlegenen Teilen Sumatras. Weder
1994 noch heute gelang es, Lebensmittel rechtzeitig an ihren Zielort
zu schaffen. 1994 waren die Flughäfen in Goma, Kigali und Entebbe
so überlastet, dass Lieferungen nur durchkamen, wenn die Verantwortlichen überzeugt
werden konnten, dass sie Güter mit höchster Priorität
beinhalteten und es Mechanismen zur Verteilung an die Bedürftigen
gab. Auch dieses Mal war nicht der Mangel an Hilfsgütern das
Problem, sondern die unzureichende Transportinfrastruktur, aus der
sich häufiger Engpässe ergeben, als dies gemeinhin wahrgenommen
wird.
Zusammenstellung der richtigen Lebensmittel: Hilfseinsätze haben
sich in den letzten 30 Jahren zu einer Art Wissenschaft entwickelt.
Bei Hungersnöten sind die Nahrungsmittel sorgsam auf den Nährstoffbedarf
der betroffenen Menschen abgestimmt. Wichtig ist auch, die kulturellen
Besonderheiten zu beachten. Es macht keinen Sinn, Schweinefleisch in
muslimische Länder zu schicken.
Verfügbarkeit der richtigen Werkzeuge: Es ist eigentlich eine
Selbstverständlichkeit, muss aber dennoch erwähnt werden:
Lebensmittel in Dosen in Länder wie Ruanda zu schicken, hilft
niemandem, wenn es dort kaum Dosenöffner gibt. In den meisten
der vom Tsunami betroffenen Gebiete dürften die Menschen zwar
vor der Flut Dosenöffner gehabt haben, jedoch nicht mehr nach
der Welle.
Nützliche Medikamente zu den Opfern bringen: 1994 wurden in Houston
viele Medikamente gesammelt. Doch kamen die nie zum Einsatz, da kein
verantwortungsvoller Arzt Medikamente unklarer Herkunft anwenden wird.
Medikamentenhilfe ist ein Bereich, der den Profis überlassen werden
muss. Viele dringend benötigte Impfstoffe und Antibiotika sind
zudem temperaturempfindlich. Eine der größten Herausforderungen
bei Hilfseinsätzen ist es insofern oft, die „Kühlkette“ bis
zum Einsatzort zu etablieren.
Korrekte Identifikation von Erkrankungen: Anfang der 90er-Jahre war
plötzlich die Rede davon, dass es in einem Krisengebiet einen
Ausbruch von Meningitis gegeben habe. Erst nachdem die entsprechenden
Medikamente dort eingetroffen waren, stellte sich heraus, dass es sich
in Wahrheit um Cholera handelte. Dass zwei so verschiedene Krankheiten
verwechselt werden konnten, zeigt, dass es erhebliche Kommunikationsprobleme
gegeben haben musste.
Schneller Wechsel des spezifischen Bedarfs: In Ruanda war die Cholera
das ursprüngliche Problem. Doch plötzlich kamen in hohem
Maße Shigellen-Erkrankungen auf, und die entsprechenden Medikamente
mussten höchste Priorität bekommen.
Krankheitserreger in Kleidungsstücken: Die meisten Länder
sind besorgt, dass Krankheiten eingeschleppt werden könnten. Daher
werden Lieferungen von Kleidung und Decken nur ins Land gelassen, wenn
sie zuvor desinfiziert wurden. Dies erfolgt meist in riesigen Blocks,
die in Container verladen und dann verschifft werden.
Verbesserungen
der Katastrophenhilfe
Lehren
aus der Vergangenheit, die die Katastrophenhilfe verbessern:
1. Mittel an die lokalen Behörden geben und schnell Explorationsteams
ins Krisengebiet bringen. Je schneller die Hilfe, desto besser, solange
es die richtige Hilfe ist.
2. Wer helfen will, soll Geld geben, und zwar so schnell wie möglich.
Viele Hilfsorganisationen haben oft schon laufende Projekte in der
Region, lokale Mitarbeiter, Orts- und Sprachkenntnisse, so dass sie
schnell reagieren können.
3. Sachspenden nur dann, wenn von den Hilfsorganisationen ausdrücklich
dazu aufgerufen wird und der sinnvolle Einsatz gesichert ist. Die einzige
Ausnahme von der Am-besten-Geld-Regel sollte gemacht werden, wenn sehr
spezielle Dinge wie Blut benötigt werden. Dies kommt am ehesten
bei Katastrophen im eigenen Land vor.
4. Wenn möglich, sollten Hilfsgüter direkt in der Krisenregion
beschafft werden, so dass dort Einnahmen entstehen, die für den
Wiederaufbau genutzt werden können.
5. Es ist bekannt, dass meist mehr Menschen durch Krankheiten in Folge
eines Unglücks sterben als direkt durch eine Naturkatastrophe.
Besonders Kinder sind durch Durchfallerkrankungen und damit verbundener
Dehydration gefährdet. Daher ist insbesondere die Versorgung mit
sauberem Wasser und Antibiotika wichtig. Außerdem wird heute
sehr effektiv die orale Rehydrierungstherapie (ORT) eingesetzt, wofür
die entsprechenden Mineralien, die in in der Landessprache bedruckten
Päckchen verpackt sind, zur Verfügung stehen. Das ist eine
simple Methode. Aber sie wurde erst durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse
in den 70er-Jahren möglich. Auch die Versorgung mit Antibiotika
wird durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ständig
verbessert – beispielsweise durch geringere Temperaturempfindlichkeit
und Hightech-Verpackungen. Auch beim Impfen gibt es große Fortschritte.
Die meisten der vom Tsunami betroffenen Kinder wurden gegen sechs oder
sieben wichtige Krankheiten geimpft, während das vor 30 Jahren
nur für ganz wenige möglich war.
6. Es gibt eine Vielzahl von Erkenntnissen über Fluten, Hungersnöte,
Erdbeben, Hurrikans, Taifune sowie Tsunamis, die oft in direktem Widerspruch
zu konventionellen Vorstellungen stehen. Und es steht eine Menge Technik
zur Verfügung. Hubschrauber spielen eine große Rolle, aber
auch Suchhunde, Roboter und vielerlei spezielles Bergungsgerät.
Die Globalisierung der Katastrophenhilfe, die durch Kommunikations-
und Transporttechnik möglich wurde, hat einiges dazu beigetragen,
dass auch in Entwicklungsländern immer mehr Menschen gerettet
werden können.
Unüberlegte
Hilfe
Die Hilfsorganisation „Pharmazeuten
ohne Grenzen“ forderte Ende Januar, die „unüberlegt“ in
die asiatischen Krisenregionen gelieferten Medikamente zu vernichten. „In
den Lagern und selbst in Wohnhäusern häufen sich tonnenweise
Medikamente aller Marken aus allen Ländern, mit Notizen in Sprachen,
die dem medizinischen Personal völlig fremd sind, und mit zu
kurzen Ablaufdaten“, erklärte die Organisation in Paris.
Diese Hilfe gehe am Bedarf vorbei. Zudem kritisierte die Organisation
die Lieferung von Markenmedikamenten, da die betroffenen Staaten
einen Großteil der benötigten Medikamente selbst produzierten. „Man
darf niemals vergessen, dass jede Warenhilfe Konkurrenz für
die örtliche Wirtschaft bedeuten und das Überleben der örtlichen
Industrie gefährden kann“, erklärte die Hilfsorganisation.
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