Inhalt
ZUR SACHE:
Wellenreiter
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Vom Elend der Wertedebatte
Von Sabine Reul
Brendan
O’Neill:
Nieder mit dem modernen Philistertum!
[Heft S.8]
WELLENREITER
Thomas R. DeGregori:
Was uns die Tsunami-Tragödie lehrt
Frank
Furedi:
Gottesstrafe, Menschenwerk
[Heft S.14]
Bernd
Herrmann:
Eine Verschwörung des Redens
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Kai
Rogusch:
Antidiskriminierungsgesetz = Entmündigungsgesetz
David
Harnasch:
EINSPRUCH: REACH im Kampf der Akronyme
Sabine
Beppler-Spahl:
Ein Jahr Gefängnis für Schnullerdiebe?
[Heft S.22]
MANIFEST
Matthias
Horx:
Das Fortschritts-Paradox
[Heft S.24]
WISSENSCHAFT
UNDÖKOLOGIE
Thomas Deichmann:
Frische Milch in alten Schläuchen
Bruce
Chassy und Drew Kershen:
Weniger schwere Fehlbildungen durch Gentech-Mais
Graham
Brookes:
Wo fliegen sie denn?
[Heft S.34]
Michael
Miersch:
Ist „bio“ wirklich besser?
Michael
Breu:
Grüne Alpen statt ewiges Eis
[Heft S.39]
Thilo
Spahl:
Gefährliche Mahlzeiten
Tamás
Nagy:
Risiko Ernährungswende
MEDIEN UND
KULTUR
Sabine Beppler-Spahl:
Guten Morgen, Herr Lernberater!
Vasile
V. Poenaru:
Toronto – Mitmenschen
[Heft S.48]
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.4]
BRIEFE
[Heft S.6]
IMPRESSUM
[Heft S.6]
BRIEFE
[Heft S.6]
WORTGESCHICHTEN
von Bernd Herrmann:
Arbeitslosigkeit
[Heft S.17]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.31]
SCHÖNE
NEUE WELT
von James Woudhuysen:
Ästhetik und Innovation
[Heft S.44]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Das „Wunder von Bern“ war verschoben!
[Heft S.45]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Deutschland ist Weltmeister der Herzen
[Heft S.50]
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Vom Elend der Wertedebatte
Solange sich die Menschen nicht als „historische Subjekte“ verstehen
und auch so behandelt werden, können keine gesellschaftlichen Wertvorstellungen
entstehen, meint
Sabine Reul.
Seit einigen Monaten steht die Suche nach Werten, die als Basis für
soziales Einvernehmen und folglich für eine größere Anerkennung
von Staat und Politik dienen könnten, im Zentrum fast jeder Debatte
in Deutschland. Frappierend ist, welche unterschiedlichen Themen und
Foren diesem Streben nach Werteorientierung inzwischen als Anlass dienen.
Werte waren das beherrschende Thema der Parteitage von CDU und CSU. Während
Angela Merkel versuchte, der Union durch das Bekenntnis zum Patriotismus „Unverwechselbarkeit
durch erkennbare Grundwerte“ zu vermitteln, stellte die Schwesterpartei
CSU ihre Veranstaltung unter das Motto „Klare Werte, klarer Kurs“.
Neuerdings gibt es kaum noch ein Ereignis, dessen Erörterung nicht
durch eine mitunter gequält anmutende Suche nach Werten geprägt
ist.
Das reicht von den Auseinandersetzungen über das Verhältnis
zwischen europäischer und islamischer Wertewelt anlässlich
des möglichen EU-Beitritts der Türkei bis zum Tsunami in Südostasien.
Angesichts der großen Spendenbereitschaft der Bevölkerung
standen in diesem Fall Mitgefühl und Opferbereitschaft in einer überaus
selbstgefälligen Katastrophenberichterstattung plötzlich ganz
oben auf der Rangliste möglicher konsensfähiger nationaler
Werte. Dann geriet kurzzeitig die Familie als zentrales soziales Leitbild
ins Rampenlicht. Doch als Bundespräsident Horst Köhler in seiner
Rede vor dem israelischen Parlament Anfang Februar die Shoa einen „Teil
der deutschen Identität“ nannte, stand auf einmal das Bewusstsein
der historischen Schuld als moralischer Eckpunkt des deutschen Selbstverständnisses
als nationaler Wert im Raum.
Wenn dieser Trend kommentiert wird, geschieht dies durchweg in Form von
Parteinahmen für die eine oder andere Seite: das eher verstaubt
daherkommende Wertekonzept der Unionsparteien steht der so genannten „postkonventionellen“ Wertewelt
der rot-grünen Koalition gegenüber. Dass die Vorschläge
beider Seiten möglicherweise gleichermaßen kritikwürdig
sind, bleibt dabei ebenso außer Betracht wie die noch wichtigere
Frage, ob sich Werte überhaupt in der vorgestellten Weise deklarieren
lassen.
Das
Problem, dem durch die Verankerung neuer Leitwerte begegnet werden
soll, ist bekannt. Der Vertrauensverlust der Parteien und anderer gesellschaftlicher
Institutionen – darunter nicht zuletzt auch Unternehmen und Geschäftswelt – sowie
die geschwundene Bindungskraft ehemals großer Organisationen wie
Kirchen und Gewerkschaften haben dort, wo früher Werte waren, ein
großes Loch entstehen lassen. In langer Zeit gewachsenes Vertrauen
der Menschen in kollektive Organisationen, mit denen sie sich durch soziale
Interessen, Ideale, Glauben oder gemeinsame Arbeit verbunden fühlten,
ist verschwunden. Da neue Bindungen nicht entstanden sind, beherrschen
Vereinzelung, Unsicherheit und eine wachsende Distanz zwischen privater
und öffentlicher Sphäre das soziale Geschehen.
Es fehlen gesellschaftliche Institutionen, die es Individuen gestatten
würden, sich als Teile eines kollektiven Lebensprojekts zu empfinden,
das Leidenschaft und Überzeugung weckt. Folglich besteht eine gewaltige
Kluft zwischen dem Einzelnen, der inzwischen im kollektiven Leben fast
nur noch als Konsument in Erscheinung tritt, und einem als fremd und
undurchschaubar erlebten politischen Apparat.
Der
Versuch der Politik, dieser Distanz durch einen Schönheitswettbewerb
um Werte beizukommen, ist in mehrfacher Hinsicht ein Irrweg: Erstens
hat unsere Gesellschaft nicht wirklich ein Werteproblem im engeren Sinn
des Wortes. Die geschilderte Problemlage verhindert nicht, dass Menschen
als Individuen hohe moralische Anforderungen an sich stellen und bei
sich wie bei anderen die Tugenden einfordern, die ein gedeihliches und
würdiges Menschenleben erst möglich machen. Was hingegen tatsächlich
verhindert wird, ist, dass Menschen sich als aktive Gestalter der sozialen
Welt empfinden oder, wie man es in hoffnungsvolleren Zeiten noch nannte,
sich als „historische Subjekte“ verstehen. Dies ist ein bedeutsames
Hindernis für die Entstehung gesellschaftlicher Wertvorstellungen.
Was fehlt, sind, wie der britische Philosoph Zygmunt Bauman es einmal
treffend formuliert hat, „starke und dauerhafte Brücken“ zwischen
dem privaten und dem kollektiven oder politischen Bereich. Und nicht
umsonst fügte er hinzu: „In Ermangelung von Brücken wird
die sporadische Kommunikation zwischen dem privaten und dem öffentlichen
Ufer mit Hilfe von Ballons aufrechterhalten, die die beunruhigende Eigenschaft
haben, im Augenblick der Landung zusammenzusacken oder zu explodieren
- und das meist, ohne ihre Adressaten zu erreichen.“ (1) Das dürfte
dem Versuch, per ordre de Mufti gesellschaftliche Werte zu verabschieden,
nicht anders ergehen.
Gesellschaftliche
Werte entstehen dort, wo Menschen die soziale Welt als gestaltbar erleben
und mit innerer Anteilnahme um verschiedene Visionen
der „guten Gesellschaft“ ringen. Natürlich lassen sich
ansprechende Wertvorstellungen nach Belieben in den Raum stellen: ein
bisschen Antifaschismus hier, etwas Familiensinn da, vielleicht auch
etwas Ehrlichkeit im Sport. Doch gerade die Beliebigkeit, in der das
zurzeit geschieht, ist ein Indiz dafür, dass wirkliche kollektive
Wertüberzeugungen fehlen. Und die lassen sich nicht herbeizaubern.
Sie entstehen, wenn sie gelebt werden oder, anders gesagt, wenn das soziale
Leben in Formen verläuft, die uns innerlich berühren und bestimmte
Werte überhaupt erst als wichtig, verteidigenswert oder sogar unveräußerlich
erscheinen lassen.
Von einem solchen sozialen Umfeld sind wir heute meilenweit entfernt.
Und gerade weil das so ist, ist unsere Gesellschaft zurzeit ein für
die Entstehung eines Wertebewusstseins unwirtlicher Ort. Wenn eines an
der Entwicklung der letzten Jahre ins Auge sticht, dann der Umstand,
dass wir immer weniger imstande zu sein scheinen, gesellschaftliche Werte
mit starken Überzeugungen oder Empfindungen zu verbinden. Je häufiger
von Werten gesprochen wird, desto mehr verblasst die reale Bedeutung
des Begriffs. Das sind Paradoxe, denen in der Wertedebatte einmal auf
den Grund zu gehen wäre.

Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin der Textbüro Reul
GmbH in Frankfurt am Main (www.textbuero-reul.de). In Novo73/74 kritisierte
sie in ihrem Beitrag „Brüsseler Kulturrevolution am Bosporus“,
dass von der Türkei, um in die EU aufgenommen zu werden, erwartet
werde, europäischer zu werden als Europa.
Anmerkung
(1) Zygmunt
Bauman: In Search of Politics, London 1999, S.3.
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