Inhalt
ZUR SACHE:
Vor der Wahl ist nach der Wahl
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Brüsseler Kulturrevolution am Bosporus
Von Sabine Reul
Julian Namé:
Die Türkei will beitreten – aber wem?
[Heft S.11]
Matthias Heitmann:
Bush? I don’t Kerry!
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Frank Furedi:
Die schrecklichen schönen 60er-Jahre
Sabine Beppler-Spahl:
Gemeinsam frühstücken ist kein
Bildungsstandard
Andreas Lichte:
Vom zweifelhaften Erfolg der Waldorf-Pädagogik
Josef
H. Reichholf:
Adios Amigos?
Wolfgang Müller-El
Abd:
Die Lähmung der Politik
Niels Höpfner:
Die Mutter muss ins Altenheim
EINSPRUCH:
Carl Schmitt und die Republik der Angsthasen
Von Gunnar Sohn
[Heft S.33]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Rob Lyons:
Epidemische
Epidemiologie
Hans-Joachim Maes:
Kein Medikament ohne Nebenwirkungen
[Heft S.36]
Ludwig
Lindner:
Die
Wiederkehr der Kernenergie
Thilo
Spahl:
Die
bunte Welt der gesunden Ernährung
Tamás Nagy:
Vollwertkost: Unverdauliche Wiederbelebungsversuche
WORTGESCHICHTEN:
Nachhaltigkeit
Von Bernd Herrmann
[Heft S.47]
WIRTSCHAFT
Joe Kaplinsky:
Die Ölkrisenmacher
James Woudhuysen:
SCHÖNE NEUE WELT:
Markenfetisch und die
Kultur des Spiels
RECHT UND
DEMOKRATIE
Emile LeFant:
Wenn der Fisch am Kopf stinkt, wird bald die
Schwanzflosse faulen...
Germinal Civikov:
Das Kriegsverbrechertribunal – a joint
criminal enterprise
KRIEG UND
TERRORISMUS
James Heartfield:
Anti-imperialistische Zombies im Kampf gegen
das Empire
Brendan O'Neill:
Beslan: Was wirklich geschah
PHILOSOPHIE
UND THEORIE
Hanko Uphoff:
Foucault und die Rückkehr des Subjekts
Angelika Willig:
Die Superschlauen
[Heft S.69]
Philip Hammond:
Die Postmoderne und der Krieg
MEDIEN UND
KULTUR
Tessa Mayes:
Die Prinzessin des Privaten
Susanne Ahrens:
Ankunft auf einer kubanischen Insel
[Heft S.76]
Matthias Heitmann:
„Ethic Klinsing“ oder Gute Mienen
zum schlechten Spiel
Stefan Chatrath:
Quo vadis, deutscher Fußball?
[Heft S.80]
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.6]
BRIEFE
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.15]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Das Vermittlungsproblem der SPD
[Heft S.82]
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Die bunte Welt der gesunden Ernährung
Thilo Spahl argumentiert gegen die verordnete Monokultur auf dem Teller.
So genannte gesunde Ernährung ist heute integraler Bestandteil des
westlichen Lifestyles und ein heftig umkämpftes Wachstumssegment
der Wirtschaft. Das Sendungsbewusstsein der Ernährungsberater jedweder
Provenienz verbindet sich mit dem Eifer der Marketingstrategen. Für
den arglosen Verbraucher ist es nicht gerade einfach zu entscheiden,
wem er Glauben schenken und nach welchen Regeln er sich gesund ernähren
soll. Heerscharen von Menschen, die mit Blick aufs Gewicht Jahre mit „low
fat“-Produkten hinter sich haben, schwenken dankbar auf „low
carb“ oder die „Glyx-Diät“ um, andere schwören
auf Vollwerternährung, Trennkost, Makrobiotik, Vitamincocktails
oder bekennen sich zur Anthroposophie, zu Vegetarismus oder anderen weltanschaulich
motivierten Ernährungslehren. Wem das alles zweifelhaft erscheint,
der achtet oft zumindest auf einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt,
bemüht sich um „Fünf am Tag“ und kauft nach Möglichkeit
Bioprodukte. Menschen, die unbesorgt essen, was ihnen schmeckt, oder
gar noch Vertrauen in Großmutters Küche setzen, scheinen kurz
vor dem Aussterben zu stehen. Umfragen zufolge sind 96 Prozent der Bundesbürger
der Meinung, dass alternative Kostformen wie die Vollwerternährung
gesünder seien als die deutsche Hausmannskost.
Ein solches Ergebnis muss zwar relativiert werden, da man getrost davon
ausgehen kann, dass die meisten gar nicht so genau wissen, was Vollwerternährung
ist. Es sagt aber immerhin aus, dass fast jeder glaubt, auf gesundheitsförderliche
Ernährung achten zu müssen. Entsprechend groß dürfte
die Bereitschaft sein, Orientierungshilfen anzunehmen, ob sie nun aus
Fernsehwerbespots, aus Experteninterviews in Gesundheitsmagazinen oder
aus dem Mund einer Seminarleiterin der Reformhaus-Akademie stammen.
Wer sich nicht nur auf sein Gefühl verlassen und gegebenenfalls
religiöse Neigungen beim Essen gleich mitbefriedigen will, sondern
wirklich herauszufinden versucht, welche Ernährungsweise am gesündesten
ist, dem hilft all dies wenig weiter, denn die Überzeugungen der
Ratbietenden sind offensichtlich durchaus verschieden. Umso erfreulicher,
wenn man am Ende zum Ergebnis kommt, dass man getrost weghören kann,
wenn einem der Weg zur wahren Lehre gewiesen wird. „Von allem etwas
und von nichts zu viel“, lautet der Sieger nach Punkten im großen
Wettbewerb der Ernährungslehren.
Dafür spricht erstens die Biologie, zweitens der gesunde (!) Menschenverstand
und drittens die offensichtlichen Mängel der Konkurrenten.
Der Mensch, ein Allesfresser
Bei medizinischen Fragen ist oft ein Blick in die Evolution des Menschen
hilfreich, der uns zeigt, unter welchen Umständen unser Körper
und damit auch unsere Nahrungsverwertungs- und Entgiftungssysteme entstanden
sind. Zunächst einmal sind wir Säugetiere, was allerdings
wenig aussagt über den Speiseplan. Die Kuh frisst alles, was auf
der Wiese wächst, der Wal ernährt sich von Plankton, der
Koalabär beschränkt sich ausschließlich auf Blätter
des Eukalyptusbaums, der Wolf frisst andere Tiere, ob tot oder lebendig.
Ergebnis: Säugetiere können das, was ihr Körper braucht,
aus den unterschiedlichsten Quellen gewinnen, und manche ernähren
sich sogar äußerst einseitig.
Allzu hohe Ansprüche scheint der Säugetierkörper also
nicht zu haben. Trotzdem kann der Wolf nicht auf Gras umstellen und die
Kuh nicht auf Kaninchen, denn der Verdauungstrakt ist beim Wolf auf Fleischverwertung,
bei der Kuh auf Pflanzenverwertung ausgerichtet. Wir Menschen verdauen
zum Glück beides ganz gut. Die Nährstoffe, die wir brauchen,
finden sich überall, und wir sind überdies in der Lage, sie
aus sehr vielen unterschiedlichen Quellen zu gewinnen. Dass wir hoch
flexible Allesfresser sind, bezahlen wir mit dem Preis, schlechtere Grünzeugverwerter
zu sein als Schafe und schlechtere Fleischverwerter als Hunde. Deshalb
haben Vegetarier einerseits und Obstverächter andererseits ein paar
Probleme. Die ersten müssen schauen, wie sie an genügend Proteine
und Eisen kommen. Die anderen müssen daran denken, dass ihr Körper
Vitamin C nicht selbst herstellen kann – eine Tatsache, die wir
der Lebensweise unserer Primatenvorfahren zu verdanken haben: die haben
sich hauptsächlich von Früchten ernährt und wahrscheinlich
daher die Fähigkeit zur Vitamin-C-Synthese verloren. Dann fehlt
uns noch das Enzym Uricase. Deshalb kann bei Menschen, die übermäßig
Fleisch essen, Gicht auftreten. Die bei der Fleischverdauung entstehende
Harnsäure wird nicht, wie bei Hund oder Katze, in leicht lösliches
Allantoin umgewandelt, sondern lagert sich in den Gelenken ab. Das war’s
im Wesentlichen. Mehr als 99 Prozent der Zeit, die Vertreter der Gattung
Mensch existieren, haben sie sich von Fleisch und Früchten und noch
ein paar weiteren einigermaßen verträglichen Pflanzenbestandteilen
ernährt. Dann wurde der Ackerbau erfunden, dessen Produkte sich
in geeigneter Verarbeitung nicht als schädlich erwiesen haben und
heute sogar den überwiegenden Teil der Ernährung sichern.
Die
gleichmäßige Verteilung
der guten Dinge
Unser gesunder Menschenverstand hat folgende Beobachtung gemacht: Die
Wissenschaft hat eine Reihe von Stoffen identifiziert, die wir durch
die Nahrung aufnehmen und die für das Funktionieren unseres Körpers
wichtig sind, nämlich Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.
Zusammengefasst ist oft auch von Mikronährstoffen die Rede. Als
Makronährstoffe werden dagegen Proteine, Fett und Kohlenhydrate
bezeichnet. Schaut man sich nun unter den Lebensmitteln um, so findet
man, dass praktisch alle eine ganze Reihe der guten Dinge enthalten.
Fleisch ist reich an Proteinen und B-Vitaminen, Obst und Gemüse,
aber auch Leber liefern die Vitamine C und E, Fisch und Milchprodukte
versorgen uns mit Vitamin D, Buttermilch ist ein schöner Calciumversorger
usw. Wer also eine bunte Mischung an Lebensmitteln konsumiert, erwischt
schon allein aus statistischen Gründen von allem genug. Und wenn
etwas unsere heutige Ernährung auszeichnet, dann ohne Zweifel
die Breite des Angebots. Nie war das Sortiment an Getreide-, Fleisch-,
Milchprodukten sowie Obst und Gemüse so groß wie heute.
Und nie musste man sich weniger Gedanken machen, ob man von allen Inhaltsstoffen
genug bekommt.
Der Seltsamkeiten viele
Betrachtet man die so genannten alternativen Kostformen, so stößt
man allenthalben auf Merkwürdigkeiten, die keinen Sinn ergeben,
dafür aber ausdrücklich mit einem versehen worden sind. In
der Regel geht es um ein Prinzip, das sich mal einer ausgedacht hat und
das seitdem als der Weisheit letzter Schluss herhalten muss.
Bei
der Vollwertkost lautet das Prinzip: Alles soll möglichst naturnah
und wenig verarbeitet und nicht von weit her sein. Je geringer der Verarbeitungsgrad,
desto höher wird die Wertigkeit eines Lebensmittels eingestuft.
Der wahre Kern der Geschichte ist die Tatsache, dass einige Vitamine
bei der Verarbeitung teilweise verloren gehen. Vitamin C und ein Teil
der B-Vitamine sind hitzeempfindlich. Vitamine A, K, Riboflavin und Pyridoxin
sind lichtempfindlich. Da immer noch genügend übrig bleibt
und auch die meisten Nicht-Vollwertköstler Banane, Kiwi oder Apfel
naheliegenderweise roh essen, braucht sich kein Normalesser wegen Vitaminmangels
zu sorgen. Wer jedoch auf Vollwertkost setzt, bekommt zumindest in der
Zeit, in der sein Garten nicht genug Frisches liefert, eher Probleme.
Gerade im Winter profitiert unsere Vitaminversorgung stark davon, dass
wir exotisches Obst aus fernen Ländern importieren bzw. auf Tiefgekühltes
zurückgreifen, das oft vitaminreicher ist als „frisches“ Gemüse
aus dem Geschäft. Denn wenn Gemüse sofort nach der Ernte eingefroren
wird, erhalten sich Vitamine sehr gut. Zudem sind viele Lebensmittel
so, wie die Natur sie uns liefert, nicht besonders gesund. Kartoffeln
und grüne Bohnen sind ungekocht giftig, Getreidekörner eine
Zumutung für unsere Verdauungsorgane.
Die
auch noch einigermaßen beliebte Makrobiotik hat ihre Wurzeln
im Zen-Buddhismus und wurde durch den Japaner Georges Oshawa begründet.
Nahrungsmittel werden durch ihr Aussehen, ihre Farbe und Form, innere
Struktur und die Inhaltsstoffe in yin- oder yanghaltige Nahrungsmittel
unterteilt. Die Nahrung wird in 10 Wertstufen von Stufe 7 bis Stufe -3
eingeteilt. Da Getreide ein ausgewogenes Verhältnis von Yin und
Yang habe, ist es auf der höchsten Stufe einziger Bestandteil der
Nahrung. Auf Stufe 6 dürfen schon 10 Prozent Gemüse dazukommen.
Auf dem Weg bis -3 finden sich dann noch Suppe, tierisches Eiweiß,
Salat / Früchte und Süßes. Milch und Milchprodukte werden
abgelehnt. Es wird empfohlen, so wenig wie möglich zu trinken und
viel Salz zu essen. Eine Zufuhr von Vitamin C ist laut Oshawa unnötig,
da der Körper angeblich in der Lage sei, Vitamin C selbst herzustellen.
Die heute vorherrschenden gemäßigteren Varianten der Makrobiotik
kommen der Vollwertkost recht nahe, insbesondere wegen ihres Faibles
für Getreidekörner. Im „Leitfaden der Makrobiotik für
Anfänger“ findet sich eine nette Begründung dafür,
die leider den größten Teil der Menschheitsgeschichte ignoriert: „Auch
ist unsere biologische Entwicklung als Spezies parallel zu der des Getreides
verlaufen, das im Zentrum des Nahrungsangebots steht. Es gibt sogar eine
strukturelle Übereinstimmung zwischen unserem aufrechten Gang – einem
Symbol für unsere Evolution und 'Zivilisation' – und
dem Getreidehalm.“ (2)
Ebenfalls
vorwiegend mystisch begründet ist die anthroposophische
Ernährung nach der Lehre von Rudolf Steiner, der bekanntlich für
alle Aspekte des Lebens in der ihm eigenen Art Vorschriften formulierte.
Entsprechend abstrus geht es zu. Behauptet wird, in allen Lebewesen befänden
sich so genannte Bilde- bzw. Ätherkräfte, die beim Verzehr
ihre Wirkung entfalteten. Die Lebensmittel sollen unterschiedliche Mengen
und Arten von Kräften enthalten, Möhren also andere als Kartoffeln
oder Fleisch. Rohkost soll einen höheren Gehalt an Kräften
haben als gekochte Lebensmittel. Es wird empfohlen, nur wenig Fleisch
und Kartoffeln zu essen, da laut Steiner Fleischkost den geistig strebenden
Menschen in der Entwicklung aufhalten könne und übermäßiger
Kartoffelgenuss den allgemeinen Instinktverlust und das nicht erstrebenswerte
intellektuelle, materialistische Denken fördere.
Eine
vermeintlich wissenschaftliche Basis hat die Hay'sche Trennkost. Der
Amerikaner Howard Hay stellte
Anfang des letzten Jahrhunderts die
Hypothese auf, in unserem Verdauungstrakt können Eiweiß und
Kohlenhydrate nicht gleichzeitig verdaut werden, weshalb eine entsprechende
Trennung der Lebensmittel vorzunehmen sei, die er in drei Gruppen unterteilte,
so genannte säurebildende (eiweißreiche), basenbildende (kohlenhydratreiche)
und neutrale Lebensmittel. Hay glaubte, die Mischung von Eiweiß und
Kohlenhydraten innerhalb einer Mahlzeit und der daraus angeblich entstehenden Übersäuerung
sowie der Verzehr „unnatürlicher“ Lebensmittel wie Weißbrot,
Zucker und poliertem Reis sei die Ursache fast aller Zivilisationskrankheiten,
einschließlich Krebs. Eine wissenschaftliche Bestätigung für
diese Ideen fehlt bis heute. Die Trennkost hat sich jedoch immerhin als
effektive Methode erwiesen, um zu verhindern, dass das Essen schmeckt.
So mag sie zumindest manchem dabei geholfen haben, vorübergehend
ein paar Pfunde zu verlieren.
Auch viele Nicht-Trennköstler messen der Ernährung einen wichtigen
Stellenwert in Hinblick auf den Säure-Basen-Haushalt des Körpers
bei und teilen sie, wie Hay, in die besagten drei Gruppen ein. Sie sehen
jedoch keine Notwendigkeit für getrennten Verzehr, sondern lediglich
für eine ausreichende Versorgung mit „basenbildenden“ Lebensmitteln,
da die Übersäuerung des Körpers angeblich für viele
Krankheiten verantwortlich sei. „Zwei neue wissenschaftliche Erhebungen
zeigen, dass weit über 80% der Bevölkerung an den Folgen eines
Säure-Basen-Ungleichgewichts leiden. Sie klagen über unterschiedlichste
Beschwerden. Sie leiden chronisch unter Kopfschmerzen, sie fühlen
sich abgespannt, sind ständig müde, quälen sich mit Sodbrennen
und probieren zahlreiche Mittel gegen ihre Verdauungsbeschwerden. Ihr
Rücken schmerzt, der Nacken ist verspannt, die Haut neigt zu Ekzemen.
Nasen und Augen reagieren mit Fließ-Schnupfen und Tränen auf
Blütenpollen, Parfüms, Zigarettenrauch oder Autoabgase. Viele
leiden unter Depressionen. Eine andauernde Übersäuerung unseres
Organismus bedeutet Krankheit auf der ganzen Linie!“, lesen wir
auf der Website eines „Zentrums für Gesundheit“ (1),
das uns für den Kampf gegen die Übersäuerung allerlei
Pülverchen anbietet, etwa das aus Brennnessel und Süßwasseralgen
hergestellte „Vital Pulver Grüne Lebenskraft“ für
399,50 Euro pro Kilo.
Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist hier anderer
Meinung. Sie teilt mit, eine basenüberschüssige Kost bringe
keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile. Eine Übersäuerung
(Azidose) des Körpers sei beim Gesunden nicht zu befürchten.
Zu einer solchen könne es lediglich bei einer Stoffwechselentgleisung,
beim Diabetes mellitus, kommen. Das ist dann aber in der Tat eine ernstzunehmende
Angelegenheit, die unbedingt ärztliche Behandlung erfordert.
Richtig ist zwar, dass jede Nahrungsaufnahme einen Einfluss auf den Säure-Basen-Haushalt
hat und dass der pH-Wert des Blutes nur in sehr geringen Schranken zwischen
7,35 und 7,45 schwanken darf, weil sonst erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigungen
eintreten. Ein pH-Wert von 7,0 stellt in der Tat einen unmittelbar lebensbedrohlichen
Zustand dar, der zum Beispiel bei Intensivpatienten auftreten kann und
schnellstens behandelt werden muss. Doch genau deshalb verfügt der
Körper über Puffersysteme in Blut, Lunge und Nieren, mit denen Überschüsse
sofort ausgeglichen werden. Bei normaler Kost kommt es zu einem Säureüberschuss
von ca. 50 - 80 mmol pro Tag, bei extrem einseitiger Kost zu einem Säureüberschuss
von max. 150 mmol/d. Die maximale Säureausscheidungsfähigkeit
der Niere beträgt jedoch 300 - 400 mmol pro Tag, sie kommt also
mit unserer Nahrung gut zurecht.
So ist aus heutiger Sicht die Sorge um den Säure-Basen-Haushalt
beim Essen unnötig. Man muss allerdings zugeben, dass, wer dennoch
auf ihn achtet, sich durchaus gesund ernährt, denn die wichtigste
Gruppe der so genannten „Basenbildner“ sind Obst und Gemüse,
von denen wir ja ohnehin wissen, dass sie gesund sind. Zu warnen ist
jedoch dringend davor, jenen Aposteln Glauben zu schenken, die (gemäß dem
Buchtitel Die Übersäuerung als Grundursache aller Krankheiten
von Are Waerland und ähnlich lautender Behauptungen vieler Epigonen
des 1955 gestorbenen schwedischen Begründers der Waerland-Kost)
sämtliche Krankheiten, etwa auch Krebs, auf „Übersäuerung“ zurückführen
und zu glauben, die „richtige“ Ernährung sei stets die
beste Medizin. Und wer Geld für Basenpülverchen ausgibt, ist
natürlich auch selbst schuld.
Öko-Essen
Die aktuell am weitesten verbreitete aller Ernährungslehren in Hinblick
auf gesundheitsförderliche Ernährung ist der Glaube an den
besonderen Wert von Produkten aus ökologischem Anbau. Dass auch
diese Bewegung einen eindeutig religiösen Charakter hat, haben Dirk
Maxeiner und Michael Miersch kürzlich sehr schön in Novo dargelegt.
(3) Obwohl trotz intensiven Bemühens nicht nachgewiesen werden konnte,
dass solche Produkte gesünder sind, kauft ein Großteil der
Menschen in festem Glauben aus dem Sortiment der Öko-Anbieter. Doch
auch die Öko-Welle fußt auf haltlosen Prinzipien. Insbesondere
die Ablehnung von Kunstdünger ist nicht zu begründen. Der wichtigste
Bestandteil der Pflanzenernährung ist Stickstoff. Da Luft zum Großteil
aus Stickstoff besteht, ist es naheliegend, diesen in Form von Kunstdünger
der Pflanze verfügbar zu machen. Stickstoff ist ein chemisches Element.
Alle Stickstoffatome sind daher identisch, egal, ob sie aus der Luft
stammen und als Pulver aus der Fabrik kommen oder aus dem Urin von Kühen,
aus Pflanzenresten oder sonstigen so genannten „organischen“ Düngemitteln.
Das Gleiche gilt für weitere Bestandteile wie Kalium oder Phosphor.
Folglich gibt es auch in Hinblick auf Gesundheit und Nährstoffgehalt
der Pflanzen keinen Unterschied.
Unwissenschaftlichkeit ist also voll gewährleistet. Doch auch an
fantasievoll Wundersamem mangelt es nicht. Zu den Methoden des offiziell
geförderten ökologischen Landbaus anthroposophischer Provenienz
(Demeter) gehören so aparte Praktiken wie das Vergraben von kosmischer
Energie auf sich lenkenden Kuhhörnern mit Düngehilfsmitteln
bei Vollmond. Warum Kuhhörner? Ganz einfach: „Die Kuh hat
Hörner, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch
gestalten soll... Etwas Lebensstrahlendes, und sogar Astralisch-Strahlendes
haben Sie im Horn. Es ist schon so. Würden Sie im lebendigen Kuhorganismus
herumkriechen können, so würden Sie, wenn Sie drin wären
im Bauch der Kuh, das riechen, wie von den Hörnern aus das Astralisch-Lebendige
nach innen strömt“ (4), erklärt es uns Rudolf Steiner,
das 1925 verstorbene biologisch dynamische Urgestein gepflegter Sinnstiftung.

Thilo Spahl ist Novo-Redakteur und Co-Autor des im Oktober 2003 im Eichborn
Verlag erschienenen Buches Leben, Natur, Wissenschaft. Alles, was
man wissen muss. Zuletzt nahm er in Novo72 in seinem Artikel „Die dicken
Kinder von Deutschland“ die politische Mission der Körperkontrolleure
aufs Korn.
Anmerkungen
(1) www.zentrum-der-gesundheit.com.
(2) www.das-grosse-Leben.de.
(3) Dirk Maxeiner / Michael Miersch: „Ein Vorschlag zur Güte“,
in: Novo72.
(4) Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen
der Landwirtschaft. Landwirtschaftlicher Kurs. Koberwitz bei Breslau,
1924.
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