Inhalt
ZUR SACHE:
Vor der Wahl ist nach der Wahl
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Brüsseler Kulturrevolution am Bosporus
Von Sabine Reul
Julian Namé:
Die Türkei will beitreten – aber wem?
[Heft S.11]
Matthias Heitmann:
Bush? I don’t Kerry!
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Frank Furedi:
Die schrecklichen schönen 60er-Jahre
Sabine Beppler-Spahl:
Gemeinsam frühstücken ist kein
Bildungsstandard
Andreas Lichte:
Vom zweifelhaften Erfolg der Waldorf-Pädagogik
Josef
H. Reichholf:
Adios Amigos?
Wolfgang Müller-El
Abd:
Die Lähmung der Politik
Niels Höpfner:
Die Mutter muss ins Altenheim
EINSPRUCH:
Carl Schmitt und die Republik der Angsthasen
Von Gunnar Sohn
[Heft S.33]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Rob Lyons:
Epidemische
Epidemiologie
Hans-Joachim Maes:
Kein Medikament ohne Nebenwirkungen
[Heft S.36]
Ludwig
Lindner:
Die
Wiederkehr der Kernenergie
Thilo
Spahl:
Die
bunte Welt der gesunden Ernährung
Tamás Nagy:
Vollwertkost: Unverdauliche Wiederbelebungsversuche
WORTGESCHICHTEN:
Nachhaltigkeit
Von Bernd Herrmann
[Heft S.47]
WIRTSCHAFT
Joe Kaplinsky:
Die Ölkrisenmacher
James Woudhuysen:
SCHÖNE NEUE WELT:
Markenfetisch und die
Kultur des Spiels
RECHT UND
DEMOKRATIE
Emile LeFant:
Wenn der Fisch am Kopf stinkt, wird bald die
Schwanzflosse faulen...
Germinal Civikov:
Das Kriegsverbrechertribunal – a joint
criminal enterprise
KRIEG UND
TERRORISMUS
James Heartfield:
Anti-imperialistische Zombies im Kampf gegen
das Empire
Brendan O'Neill:
Beslan: Was wirklich geschah
PHILOSOPHIE
UND THEORIE
Hanko Uphoff:
Foucault und die Rückkehr des Subjekts
Angelika Willig:
Die Superschlauen
[Heft S.69]
Philip Hammond:
Die Postmoderne und der Krieg
MEDIEN UND
KULTUR
Tessa Mayes:
Die Prinzessin des Privaten
Susanne Ahrens:
Ankunft auf einer kubanischen Insel
[Heft S.76]
Matthias Heitmann:
„Ethic Klinsing“ oder Gute Mienen
zum schlechten Spiel
Stefan Chatrath:
Quo vadis, deutscher Fußball?
[Heft S.80]
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.6]
BRIEFE
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.15]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Das Vermittlungsproblem der SPD
[Heft S.82]
|
Die Wiederkehr der Kernenergie
Die Kernenergie ist die sicherste und effektivste Form der Energiegewinnung
und vor allem dann empfehlenswert, wenn man natürliche Ressourcen
schonen will. Von Ludwig Lindner
Es entspricht der menschlichen Natur, dass man Dinge besser versteht,
die man sehen oder anfassen kann. Deshalb sind radioaktive Strahlen,
die außerhalb des sichtbaren Bereiches liegen, für viele Menschen
schwer „begreifbar“. Dennoch ist Radioaktivität eine
ganz natürliche Erscheinung in unserem alltäglichen Leben.
Jeder Mensch ist selbst radioaktiv. In unserem Körper zerfallen
jede Sekunde etwa 9000 Atome der Elemente Kalium 40 und Kohlenstoff 14
und setzen dabei Strahlung frei. Das Leben ist nur durch Radioaktivität
möglich, denn die Wärme auf der Erde wird zu etwa 70 Prozent
vom radioaktiven Zerfall des Urans im Erdreich geliefert, etwa 30 Prozent
entstammen dem flüssigen Magma im Erdinnern. Die natürliche
Radioaktivität, mit der alle Lebewesen zu leben gelernt haben, setzt
sich hauptsächlich aus der Strahlung des Edelgases Radon, das aus
dem natürlichen Zerfall von Uran gebildet wird, sowie aus kosmischer
und terrestrischer Strahlung zusammen. Die Strahlenbelastung liegt in
Deutschland bei etwa 2,4 mSv/Jahr, an einigen Stellen im Bayerischen
Wald bei 3,5 mSv/Jahr, an manchen Orten der Welt ist sie noch deutlich
höher, etwa im indischen Kerala, wo bis zu 20 mSv/Jahr erreicht
werden. Hinzu kommen lebensstilbedingte Expositionen, vor allem durch
das Rauchen, das bei 20 Zigaretten täglich die Lunge mit 8 mSv/Jahr
belastet.
Während sich kaum jemand Gedanken macht, ob man – vielleicht
durch geeignete Wohnortwahl – die natürliche Radioaktivität
meiden sollte, sind die meisten Menschen durchaus ob der Gefahren künstlich
erzeugter Radioaktivität besorgt, die in Kernkraftwerken entsteht.
Wir fragen uns: Wie sicher sind Kernkraftwerke? Ist eine Katastrophe
wie in Tschernobyl auch in Deutschland möglich? Sind die Castortransporte
sicher und bleiben die Behälter dicht? Wie ist es mit der Endlagerung
für viele Tausend Jahre?
Diese
Fragen sind vor allem auch deshalb berechtigt, weil international der
Einsatz der Kernenergie zunimmt
und sich dieser Trend mittelfristig
mit sinkender Verfügbarkeit und steigenden Preisen bei fossilen
Energieträgen noch verstärken wird. Ende 2003 waren 439 Kernkraftwerke
weltweit in Betrieb, die meisten schon seit Jahrzehnten, 29 sind derzeit
im Bau, 32 in Planung und 72 in Vorschlagsreife. Die modernen Kernkraftwerke
erreichen heute mehr als 90 Prozent Jahresverfügbarkeit. Unter den
weltweit zehn Kernkraftwerken mit der höchsten Jahres-Stromproduktion
sind seit vielen Jahren mehr als fünf deutsche Anlagen. Diese gute
Verfügbarkeit und Sicherheit und auch die Wirtschaftlichkeit haben
zu einer Renaissance der Kernenergie geführt: In den USA haben bereits
25 Kernkraftwerke die Verlängerung der Betriebslizenz von 40 auf
60 Jahre erhalten. Finnland und Frankreich bauen ein neues fortschrittliches
Kernkraftwerk (EPR European Pressurized Water Reactor), in vielen Ländern
Asiens werden neue Kernkraftwerke gebaut. Die Schweiz hat sich in einer
Volksabstimmung für den Weiterbetrieb ihrer Kernkraftwerke entschieden,
und in Ländern wie Schweden wird der geplante „Atomausstieg“ immer
weiter verschoben. Auch in Deutschland zeigen Meinungsumfragen mittlerweile
wieder eine Mehrheit für Kernenergie in der Bevölkerung.
Stand der Technik heute
Für die Sicherheitsdiskussion gibt es zwei Bezugspunkte: Harrisburg
und Tschernobyl. Die beiden Reaktorkatastrophen sind Beleg dafür,
dass natürlich auch in Kernkraftwerken einiges schief gehen kann.
In Harrisburg trat im Kernkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979 eine
Kernschmelze ein, die jedoch im geschlossenen Reaktorgebäude verblieb.
Obwohl ein kleiner Teil der Radioaktivität freigesetzt wurde (Edelgase),
gab es keine Toten, Verletzten oder direkt erkennbare Gesundheitsschäden,
wie mehr als ein Dutzend Studien zwischen 1981 und 1991 gezeigt haben.
Das System hat also schon vor 25 Jahren einen GAU (größter
anzunehmender Unfall) verkraftet und die technische Weiterentwicklung
hat inzwischen viele erhebliche Verbesserungen gebracht.
Anders in Tschernobyl im Jahr 1986. Dieser sowjetische Reaktortyp wurde
zur militärischen Plutonium-Produktion entwickelt und dann auch
zur Stromproduktion genutzt. Im Reaktor 4 hatte die Betriebsmannschaft
einen nicht zulässigen Versuch im Grenzbereich gefahren und dabei
wesentliche Sicherheitsvorrichtungen außer Betrieb genommen. Die
Betriebsmannschaft war unzureichend informiert und ausgebildet.
Außerdem war dieser Reaktortyp konstruktiv und sicherheitstechnisch
schlechter ausgestattet als die westlichen Kernkraftwerke. Es kam zur
Zerstörung der Brennelemente, zum Graphitbrand und zum Austritt
von 4 Prozent des Kernbrennstoffes in die Umwelt mit den bekannten Folgen.
Nach Angaben der UNO starben 31 Menschen, die hohen Strahlendosen ausgesetzt
waren. Zudem kam es bis zum Jahr 2003 zu rund 2000 zusätzlichen
Fällen von Schilddrüsenkrebs in der Ukraine, in Russland sowie
in Weißrussland, vor allem bei Kindern, die glücklicherweise
zum größten Teil geheilt werden konnten. Direkte Ursache war
die Belastung durch leicht flüchtiges radioaktives Jod, das sich
in der Schilddrüse anreichert. Dies hätte durch die Gabe von
Jodtabletten verhindert werden können, denn wenn die Schilddrüse
mit Jod abgesättigt ist, nimmt sie das radioaktive Jod nicht mehr
auf. Doch Jodtabletten wurden nur in Polen verteilt, wo daher kaum zusätzliche
Schilddrüsenerkrankungen auftraten.
Die heute betriebenen und die zurzeit im Bau befindlichen Kernkraftwerke
westlicher Technologie sind selbstverständlich in ihrer Sicherheitstechnik
viel besser ausgerüstet als der Tschernobylreaktor. Für den
Betrieb der Kernkraftwerke sind zur Vermeidung der Freisetzung von Spaltprodukten
oder noch größerer Störungen wie zum Beispiel eines GAUs
eine Reihe von Sicherheitseinrichtungen erforderlich. Die Reaktoren vom
Typ EPR, die in Finnland im Jahre 2009 und in Frankreich 2011 in Betrieb
gehen sollen, verfügen sogar über noch weiter gehende Sicherheitseinrichtungen,
wie etwa über die Auslegung gegen Kernschmelze durch Sammeln und
Kühlen derselben in einer speziell ausgeführten Reaktorgrube
aus keramischem Material mit separater Notkühlung.
Neben den überwiegend genutzten Druck- und Siedewasserreaktoren
sind unter den Ende 2003 weltweit betriebenen 439 Kernkraftwerken noch
einige andere Reaktortypen in Betrieb, etwa Natururan-Schwerwasserreaktoren,
Helium-Gasgekühlte Reaktoren und im ehemaligen Ostblock auch noch
einige Reaktoren vom Tschernobyltyp, die allerdings heute mit Unterstützung
der westlichen Länder auf einen erheblich verbesserten Sicherheitsstandard
gebracht wurden.
Der so genannte „Schnelle Brüter“, bei dem mehr Kernbrennstoff
erzeugt (erbrütet) als verbraucht wird, wurde im nordrhein-westfälischen
Kalkar zu 90 Prozent fertiggestellt, nach jahrelangem politischem Streit
und ständig neuen technischen Nachforderungen der Behörden
aber schließlich von der Industrie aufgegeben. Anlagen vom Typ
Schneller Brüter arbeiten zurzeit noch in Russland und Japan. Die
Technologie dürfte dann wieder interessant werden, wenn das Natururan
teurer wird.
Schließlich gibt es noch den Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR),
auch als Kugelhaufen- oder Schultenreaktor bekannt, der Thorium als Kernbrennstoff
verwendet. Ein solcher High-Tech-Hochtemperaturreaktor (300 MW) – eine
deutsche Entwicklung – wurde in Hamm Uentrop nach rund 16.000 Betriebstunden
1988 stillgelegt, weil die weitere staatliche Förderung vom damaligen
Ministerpräsidenten Rau verwehrt wurde. Dieser Reaktortyp wird derzeit
mit deutscher Hilfe in Südafrika sowie in China weiterentwickelt.
Er besitzt aufgrund seiner Bauweise besonders vorteilhafte Sicherheitsmerkmale.
Er ist inhärent sicher, so dass auch bei Totalausfall aller Systeme
keine Kernschmelze mit Entweichen von Radioaktivität auftreten kann.
In
den USA wurde unter der Federführung des Energieministeriums
damit begonnen, speziell für den dezentralen Einsatz in der Dritten
Welt kleine transportable und wartungsfreie, versiegelte Kernreaktoren
zu entwickeln. Die SSTAR genannten Minikraftwerke („small, sealed,
transportable, autonomous reactor“) funktionieren nach dem Prinzip
des Schnellen Brüters. Sie werden betriebsbereit per Schiff und
LKW geliefert, produzieren Strom, ohne dass irgendwelche Eingriffe erforderlich
sind, und werden schließlich nach 30 Jahren Betriebszeit wieder
abgeholt. Per Satellit wird überwacht, dass die Versiegelung nicht
geöffnet wird. Bis 2015 soll der erste Prototyp fertiggestellt sein.
Während des Betriebes geht keine Gefährdung von Kernkraftwerken
aus. Durch die massiven Beton- und Stahlabschirmungen ist die Strahlung
in der Nähe der Kernkraftwerke gegenüber der natürlichen
Radioaktivität nicht erhöht. Die Abgabe von radioaktiven Stoffen
mit dem Wasser beziehungsweise mit der Abluft wird von den Betreibern
ständig überwacht und von den Behörden kontrolliert, zum
Teil durch Fernüberwachungen. Die Radioaktivität in Abwasser
und Abluft liegt deutlich unter den von den Behörden genehmigten
sehr niedrigen Werten. Für Störungsfälle sind umfangreiche
Sicherheitsmaßnahmen und Abschaltverriegelungen vorhanden. Diese
sind insgesamt deutlich besser als bei anderen Industrieanlagen.
Aufgrund der Flugzeugangriffe auf das World Trade Center am 11. September
2001 forderten Kernkraftgegner wiederholt die sofortige Abschaltung von
Kernkraftwerken. Damit wäre das Problem Terrorgefährdung jedoch
nicht gelöst. Es gibt in Deutschland 7800 Anlagen, die bei Angriffen
von Terroristen zu einer Gefahr für die Umwelt und die Bevölkerung
werden könnten. Diese Anlagen unterliegen deshalb der Störfallverordnung.
Sie alle zu schützen ist nicht möglich. Wenn man auf diese
Weise Prävention betreiben wollte, müssten Fußballspiele
am Wochenende verboten, Flugplätze und das Frankfurter Waldstadion
(nahe dem Frankfurter Flughafen) geschlossen, Raffinerien und Chemieanlagen
geschlossen, Staus auf den Autobahnen „verboten“ werden usw.
Wohin
mit dem Atommüll?
Ein Problem der Kernenergie besteht zweifellos darin, dass Stoffe zurückbleiben,
die zum Teil noch für sehr lange Zeit radioaktiv strahlen und daher
sicher verwahrt werden müssen. Eine Alternative wäre die Zerstörung
der langlebigen hochradioaktiven Stoffe durch so genannte Transmutation,
was heute zwar im Labormaßstab technisch möglich ist, aber
sehr hohe Kosten verursachen würde. Dies mag sich in Zukunft ändern.
Im Moment werden die abgebrannten Brennstäbe zunächst in Castorbehälter
verpackt. Deren Transportsicherheit wurde in umfangreichen Tests geprüft.
Sie überstehen den Abwurf aus einem Hubschrauber, den Zusammenstoß mit
einer Eisenbahn, eine Fahrt gegen eine Wand und 30 Minuten Feuer bei
mehr als 800 Grad. Die Außenstrahlung während des Transports
ist minimal, die zusätzliche Strahlenbelastung für die Polizisten
vernachlässigbar. Das Begleitpersonal hat bereits 1997 Dosimeter
zum Nachweis der Strahlenbelastung getragen, die erhaltenen Strahlendosen
lagen unterhalb der Nachweisgrenze.
Für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle gibt es zwei Möglichkeiten:
Eine ist die chemische Aufarbeitung der Brennelemente in einer Wiederaufbereitungsanlage,
wie zum Beispiel im französischen La Hague oder im britischen Sellafield.
Dabei wird der verbrauchte Kernbrennstoff aufgearbeitet, die Spaltprodukte
vom Uran und Plutonium abgetrennt. Das Plutonium kann mit neuem Uran
zu so genanntem MOX-Kernbrennstoff (Uran-Plutonium-Misch-Oxid) verarbeitet
und wieder in Kernreaktoren zur Stromerzeugung genutzt werden. Die Spaltprodukte
werden in Glas eingeschmolzen und sind in speziellen Behältern direkt
für die Endlagerung geeignet. Die Vorteile dieser Verfahrensweise
liegen auf der Hand: Spaltprodukte in unlöslichem Glas, kleines
Volumen und Nutzung des Plutoniums im MOX-Kernbrennstoff. Dieser vernünftigste
Weg für die abgebrannten Brennelemente ist laut „Atomkonsens“ allerdings
nur noch bis 2005 zulässig.
In Deutschland steht derzeit keine entsprechende Anlage zur Verfügung.
Das Projekt der vorgesehenen Wiederaufbereitungsanlage im bayerischen
Wackersdorf wurde nach massiven, teilweise gewaltvollen Protesten fallen
gelassen. Hinzu kam, dass es sich auch für die Energiewirtschaft
als ökonomischer erwies, statt der teuren Wiederaufarbeitung die
Brennelemente der direkten Endlagerung zuzuführen, auf die Wiederverwendung
des erzeugten Plutoniums zu verzichten und stattdessen preiswertes Uran
zu verwenden. Ähnlich erging es der MOX-Anlage in Hanau, die zur
Wiederverwendung des Plutoniums in Kernreaktoren und damit zur Entsorgung
geplant war. Aufgrund immer neuer Auflagen durch den damaligen hessischen
Umweltminister Joschka Fischer gab schließlich der Betreiber auf
und verzichtete auf die Inbetriebnahme. Die voll funktionsfähige
Anlage wurde zerlegt und in Kisten verpackt, um vielleicht irgendwann
doch noch nach China verkauft zu werden.
Die zweite, ab 2005 einzig zulässige Möglichkeit ist die direkte
Endlagerung der abgebrannten Brennelemente. Die Brennelemente in den
Castorbehältern werden dabei in standortnahen Zwischenlagern etliche
Jahre zum weiteren Abklingen der Radioaktivität gelagert.
Als Endlager für den radioaktiven Abfall unter der Erde sind Salz,
Granit und Ton vorgesehen. Mit Gorleben hat Deutschland im Salzstock
einen sehr gut geeigneten Endlagerstandort. Das ist zumindest die Meinung
aller namhaften Experten. Die Salzstöcke in Deutschland sind mehr
als 100 Millionen Jahre alt und seitdem unversehrt. Fest verschlossener
radioaktiver Abfall würde dort auch Millionen Jahre wie ein „toter
Hund liegen“, so die Geologen vor Ort.
Im Jahre 1999 hat jedoch Bundesumweltminister Trittin einen Erkundungsstopp
(Memorandum) für Gorleben verfügt und einen Arbeitskreis AkEnd
gegründet, der deutschlandweit nach Alternativstandorten suchen
soll. Damit kann nun wieder offiziell behauptet werden, das Endlagerproblem
sei ungelöst, was gemeinhin als eines der Hauptargumente gegen die
Nutzung der Kernenergie vorgebracht wird.
Mit diesem Erkundungsstopp und der Suche nach neuen Endlagern verhindert
Trittin einen vernünftigen Abschluss der Arbeiten und verursacht
Kosten in Milliardenhöhe für die Volkswirtschaft. Bisher wurden
für Gorleben und den bereits genehmigten Standort für schwachen
bis mittelaktiven Abfall Konrad insgesamt 2,2 Mrd. Euro ausgegeben.
Vernünftige
Zukunftsszenarien
Für eine Volkswirtschaft sollten zwei Prämissen bei der Energieerzeugung
gelten: Es dürfen keine ideologischen Argumente gegen oder für
bestimmte Energieformen zum Tragen kommen, und die Energiegewinnungsverfahren
müssen zur jeweiligen Zeit nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten
unter Einbeziehung langfristiger Perspektiven ausgewählt werden.
Beide Prämissen sind in Deutschland heute nicht erfüllt. Der
Ausstieg wurde aus rein ideologischen und politischen Gründen beschlossen
und mutet vom Ausland betrachtet als sehr seltsam und unverständlich
an, wenn man bedenkt, dass die weltweit besten Kernkraftwerke in Deutschland
betrieben werden. Ebenso fragwürdig erscheint die massive Subventionierung
der als alternativ bezeichneten Energieversorgungsformen. Diese Alimentierung
kostete die Volkswirtschaft allein 2003 rund 2,6 Mrd. Euro und soll mit
steigender Tendenz noch rund 20 Jahre weiter laufen. Dabei können
Windräder Kohle und Kernenergie nicht ersetzen, weil immer Reservekraftwerke
(so genannte Schattenkraftwerke) bereitstehen müssen für Zeiten,
in denen der Wind nicht genug oder zu heftig weht. Bei hohem Windangebot
müssen die Schattenkraftwerke auf der Basis von Kohle mit Teillast
und damit schlechterem Wirkungsgrad betrieben werden, was höhere
CO2-Emissionen pro kWh bedeutet.
Es sind inzwischen 15.000 Windkraftanlagen in Deutschland installiert.
Die Technik ist ausreichend erprobt. Die weitere Subventionierung ist
deshalb falsch. Das gleiche gilt heute für die Solarzellen zur Stromerzeugung.
Beide Stromerzeugungsverfahren haben ihre Berechtigung in Sonderfällen,
wenn keine Infrastruktur für Strom vorhanden ist. Sie haben aber
keine Berechtigung in Deutschland mit einer ausgesprochen guten Infrastruktur.
Die Windkraftanlagen im Binnenland sind ökonomisch unsinnig. Auch
die Stromerzeugung mit Off-Shore-Windkraftanlagen wird wegen der hohen
Investitionskosten noch lange unwirtschaftlich bleiben. Solarzellen zur
Stromerzeugung werden auch auf lange Sicht nicht nur in Deutschland ein
Nischendasein fristen, weil sie zu teuer und nicht effektiv genug sind.
Auf die Biomasse (Holz, landwirtschaftliche Abfälle, gezielter Anbau
von Energiepflanzen) werden von Rot-Grün große Hoffnungen
gesetzt. Doch auch diese Verfahren funktionieren nur mit massiver Subvention.
Auch die scheinbare „CO2-Neutralität“ bei den nachwachsenden
Rohstoffen ist zweifelhaft. Die Pflanzen wachsen nur im Sommer. Und bei
Holz brauchen die Bäume 80 Jahre, um das bei der Verfeuerung entstandene
CO2 wieder zu binden.
Im laufenden Jahrhundert sollten wir in Deutschland die Braunkohle als ökonomischen
und heimischen Brennstoff nutzen, die deutsche Steinkohle „auf
Sparflamme“ weiter nutzen (damit die weltweit führende Bergbautechnologie
ein Übungsfeld hat), Importsteinkohle verwenden, die Laufzeit der
bestehenden Kernkraftwerke wie in den USA auf 60 Jahre verlängern
und dann neue Kernkraftwerke bauen. Beim Bau von Erdgaskraftwerken zur
Stromerzeugung sollte wegen der starken Abhängigkeit der Stromerzeugungskosten
vom unberechenbaren Erdgaspreis Zurückhaltung geübt werden.
Die Kraft-Wärme-Kopplung, die schon seit den 30er-Jahren des 20.
Jahrhunderts in der Chemieindustrie in großem Stil eingesetzt wird,
wird mit Erdgas als Rohstoff dort eine verstärkte Anwendung finden,
wo Wärme oder Kälte das ganze Jahr benötigt wird. Die
Wasserkraft ist in Deutschland ausgereizt, weltweit gibt es aber noch
beträchtliche Potenziale.
Sinnvolle Nutzung aller Energiequellen
Von heute ca. sechs Mrd. wird die Menschheit bis 2030 auf ca. zehn Mrd.
Menschen anwachsen. Alle diese Menschen brauchen Energie und wollen
einen Lebensstandard haben wie wir in Mitteleuropa. Deshalb betont
die Weltenergiekonferenz (World Energy Conference) immer wieder, dass
wir zukünftig alle möglichen Energieformen nutzen müssen.
Folglich ist es auch richtig, alle denkbaren Energieerzeugungsarten
zu untersuchen, insbesondere weil die fossilen Energien (Erdöl,
Erdgas, Kohle) endlich sind und als Rohstoffe für die chemische
Industrie nachfolgender Generationen geschont werden sollten.
Hierzu kann besonders die Kernenergie beitragen kann, denn für
Uran gibt es bisher als wesentliche Nutzung nur die Energieerzeugung.
Und
Kernenergie ist neben Wasserkraft die einzige sinnvolle und wirtschaftliche
Energie, bei der CO2-Emissionen vermieden werden.

Dr. Ludwig Lindner ist pensionierter Chemiker. Er lebt in Marl und war
früher in Chemie- und Energieunternehmen tätig. Durch seine
Mitarbeit an Internetportalen und die Herausgabe eines E-Mail-Newsletters
beteiligt er sich heute an der öffentlichen Diskussion um energiepolitische
Fragen. In Novo69 schlug er in seinem Artikel „Windkraft – nur
fauler Zauber?“ vor, das Gesetz zu den „Erneuerbaren Energien“ zu
streichen. Kontakt mit dem Autor: Ludwig_Lindner@t-online.de.
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