Inhalt
ZUR SACHE:
Vor der Wahl ist nach der Wahl
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Brüsseler Kulturrevolution am Bosporus
Von Sabine Reul
Julian Namé:
Die Türkei will beitreten – aber wem?
[Heft S.11]
Matthias Heitmann:
Bush? I don’t Kerry!
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Frank Furedi:
Die schrecklichen schönen 60er-Jahre
Sabine Beppler-Spahl:
Gemeinsam frühstücken ist kein
Bildungsstandard
Andreas Lichte:
Vom zweifelhaften Erfolg der Waldorf-Pädagogik
Josef
H. Reichholf:
Adios Amigos?
Wolfgang Müller-El
Abd:
Die Lähmung der Politik
Niels Höpfner:
Die Mutter muss ins Altenheim
EINSPRUCH:
Carl Schmitt und die Republik der Angsthasen
Von Gunnar Sohn
[Heft S.33]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Rob Lyons:
Epidemische
Epidemiologie
Hans-Joachim Maes:
Kein Medikament ohne Nebenwirkungen
[Heft S.36]
Ludwig
Lindner:
Die
Wiederkehr der Kernenergie
Thilo
Spahl:
Die
bunte Welt der gesunden Ernährung
Tamás Nagy:
Vollwertkost: Unverdauliche Wiederbelebungsversuche
WORTGESCHICHTEN:
Nachhaltigkeit
Von Bernd Herrmann
[Heft S.47]
WIRTSCHAFT
Joe Kaplinsky:
Die Ölkrisenmacher
James Woudhuysen:
SCHÖNE NEUE WELT:
Markenfetisch und die
Kultur des Spiels
RECHT UND
DEMOKRATIE
Emile LeFant:
Wenn der Fisch am Kopf stinkt, wird bald die
Schwanzflosse faulen...
Germinal Civikov:
Das Kriegsverbrechertribunal – a joint
criminal enterprise
KRIEG UND
TERRORISMUS
James Heartfield:
Anti-imperialistische Zombies im Kampf gegen
das Empire
Brendan O'Neill:
Beslan: Was wirklich geschah
PHILOSOPHIE
UND THEORIE
Hanko Uphoff:
Foucault und die Rückkehr des Subjekts
Angelika Willig:
Die Superschlauen
[Heft S.69]
Philip Hammond:
Die Postmoderne und der Krieg
MEDIEN UND
KULTUR
Tessa Mayes:
Die Prinzessin des Privaten
Susanne Ahrens:
Ankunft auf einer kubanischen Insel
[Heft S.76]
Matthias Heitmann:
„Ethic Klinsing“ oder Gute Mienen
zum schlechten Spiel
Stefan Chatrath:
Quo vadis, deutscher Fußball?
[Heft S.80]
RUBRIKEN
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
IMPRESSUM
[Heft S.6]
BRIEFE
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.15]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Das Vermittlungsproblem der SPD
[Heft S.82]
|
Adios Amigos?
Welche Moral steckt in Allianzen, Seilschaften und Klüngeleien?
Von Josef
H. Reichholf
Das Erste, was Maffeo Barberini tat, nachdem er als Papst Gregor VIII.
den Stuhl Petri in Rom bestiegen hatte, war, seinen Neffen Francesco
zum Kardinal zu ernennen. Das geschah im Jahre des Herrn 1623 und störte
offenbar auch nach der Reformation niemanden, weil das so üblich
war. Knapp 200 Jahre später fand es der neue Kaiser der Franzosen,
Napoleon I., ganz vernünftig, seinen Stiefsohn Eugéne de
Beauharnais mit einer Prinzessin von Bayern zu verheiraten und ihn 1805
zum Vizekönig von Italien zu ernennen. Eugéne war der Sohn
der schönen Josephine, die durch die Verbindung mit Napoleon ein
paar Jahre lang Kaiserin des Napoleonischen Reiches war. Das „glückliche Österreich“ in
der folgenden Zeit der Habsburger befand zum Missfallen der Generäle
sogar, dass Verheiratungen generell ein besseres Mittel darstellten,
die Herrschaft zu stabilisieren, als Kriege zu führen. Vetternwirtschaft
hat eine lange Tradition. Alle Epochen lassen sich mit entsprechenden
Fällen in beliebiger Genauigkeit füllen. Begünstigungen
von Freunden und die Einlösung von eingegangenen Verpflichtungen
daraus spielen eine noch viel größere Rolle. Denn die Möglichkeiten,
Verwandte zu begünstigen, sind begrenzt. Gute, verlässliche
Freunde können sich die Mächtigen jedoch schier unbegrenzt
schaffen. Und ihr Beziehungsgeflecht, ihre Filzokratie, darauf aufbauen.
Unglaublich,
wer sogar in unserer Republik mit demokratischer Verfassung die Allgemeinheit
mit seinen „Amigos“ hinters Licht zu führen
versucht. Zu dieser Schlussfolgerung muss man zwangsläufig beim
Verfolgen der Ereignisse der Gegenwart kommen. Amigos gibt es offenbar
mehr, als der freie Journalismus und als Staatsanwälte bewältigen
können. Sie gediehen in der klassenlosen Gesellschaft der „alten
DDR“ nicht weniger gut als in der Freiheit der gewerkschaftlich
bestens organisierten Bundesrepublik. Die eindrucksvollsten Beispiele
aber lieferte bisher die globale Vorbilddemokratie USA, wo sich bekanntlich
das „Watergate“ nicht mehr geschlossen halten ließ,
sondern in einer Sturzflut den damaligen Präsidenten Nixon aus der
Macht fegte.
Die Mächtigen in der Weltmacht fanden es weder unmoralisch, mit
solchen „Schurken“ wie dem später so benannten General
Noriega in Panama gemeinsame Sache zu machen; sie hatten auch zuerst
die Taliban gegen die Sowjets unterstützt, um sie dann mit Zustimmung
der Russen zu bekämpfen und Afghanistan zu befreien. Potenten Amigos
war es wohl auch zu verdanken, dass in guter Folge vom Vater auf den
Sohn (mit ein wenig Überbrückungszeit dazwischen) George Bush
jun. zum Mächtigsten der Welt wurde. Die Vererbung biologischer
(Führungs-)Eigenschaften dürfte dabei eine ähnlich nachrangige
Rolle gespielt haben wie in den meisten anderen, ähnlich gelagerten
Fällen.
Die Kräfte von strategischen Allianzen sind da ungleich stärker
als die Macht der Gene. Bekannte Beispiele hierfür gibt es zuhauf.
Wie etwa Saddam Hussein, der spätere „Satan Hussein“,
der anfänglich so vorzüglich als Gegengewicht gegen die Mullahs
aus dem Iran passte, bis er im Zentrum der Ölquellen des Nahen Ostens
zu despotisch wurde und entfernt werden musste. Argumente für oder
gegen ein Ziel und die Allianzen, es zu erreichen, lassen sich bekanntlich
immer finden.
Was
bedeutet es gegenüber solchen weltpolitischen Konstellationen
beispielsweise, wenn auch Bayerns Christsoziale zu Zeiten von DDR und
Ost-West-Konflikt ihre Amigos hatten; zu Zeiten jenes großmächtigen
Landesvaters Franz Josef Strauß, dem das Land unter anderen auch
einen der modernsten Großflughäfen Europas und seine gegenwärtige
Attraktivität und wirtschaftliche Spitzenstellung unter den deutschen
Bundesländern verdankt. Die Sozialdemokraten hatten ja auch ihre
Amigos in den Gewerkschaften ähnlich wie die christlichen Parteien
ihre Freunde in Kirchenkreisen, wobei sich bei diesen die Bögen
bis Rom und ins ausgehende Mittelalter schließen ließen.
Weshalb sollte sich jetzt aber in solch einem weltpolitischen und geschichtlichen
Umfeld der derzeitige bayerische Ministerpräsident die von ihm aus
guten Gründen zur Kultusministerin gemachte Tochter von Franz Josef
Strauß madig machen lassen, weil diese sich angeblich die unglaubliche
Freiheit nahm, Papier aus ihrem Ministerium für parteipolitische
Zwecke zu benutzen? Um Seidenpapier höchster Qualität dürfte
es sich gewiss nicht gehandelt haben. Sind Vorfälle solcher Unerhörtheit
dennoch einer Untersuchung wert? Fälle dieser Art gibt es längst
so viele, dass sich jene wenigen Politiker glücklich schätzen
könnten, die keine „Amigos“ haben – möchte
man meinen. Können sie sich wirklich glücklich schätzen?
Und wie lange noch? Was werden sie tun, so ganz allein auf der politischen
Bühne, deren Darbietungen so miserabel geworden sind, dass kein
potenzieller Wähler mehr hinschauen mag? Werden sie ihre Solo-Rollen
einfach für sich weiterspielen, wenn sich das Wählervolk längst
mit Grausen abgewandt hat?
Edel
sei der Mensch, hilfreich und gut, forderte vor rund 200 Jahren der
Titan des deutschen Geisteslebens
Johann Wolfgang von Goethe. Den „Nächsten
zu lieben wie sich selbst“, gebietet bekanntlich die Bibel. Sie
lässt aber in bezeichnender Unklarheit offen, wer dieser Nächste
ist oder sein soll: der „Mann auf der Straße“, der
Nachbar, Freund oder die nächsten Verwandten, die Familie, Großfamilie
oder der Clan mit allem Drum und Dran?
Seit über einem Vierteljahrhundert hat die Soziobiologie die Antwort
parat: Die Verwandtschaft und die Freunde sind gemeint gewesen! Auf deren
Wohlergehen zu achten, programmieren uns die Gene als „innere Instanz“.
Der große Philosoph Kant kannte sie noch nicht, hätte sie
aber gewiss gleich verstanden als Ausdruck für sein „inneres
Gesetz“, für den von ihm so genannten Kategorischen Imperativ.
Familie und (engere) Verwandtschaft schreiben über die gemeinsamen
Gene unserem Verhalten sehr viel vor. Sich dagegenstemmen zu wollen,
fällt schwer. Unser „Inneres“ will nämlich gar
nicht einsehen, dass es nicht selbstverständlich sein soll – oder
sein darf –, unsere biologisch Nächsten, also Geschwister,
Kinder, Tanten, Onkels und Enkel, zu bevorzugen. Fast genauso verhält
es sich mit Partnern und Freunden: Sie wollen zu Recht bevorzugt werden,
wegen eben dieser Freundschaft, die ihnen umgekehrt auch gebietet, das
aus Verbundenheit und Freundschaft Gegebene entsprechend wieder zurückzuerstatten.
Was hatte sich doch „Dionys, der Tyrann“, zu dem Damon schlich, „den
Dolch im Gewande“ erbeten? „Ich sei, gewährt mir die
Bitte, in eurem Bunde der Dritte!“
Der
Mensch hat ein Bedürfnis, Verwandte und Freunde zu unterstützen! „Nepotismus“ nennen
Soziobiologie und Sozialpsychologie diese Neigung, wenn die Bevorzugung
die Verwandtschaft betrifft. „Reziproker Altruismus“ heißt
das entsprechende Verhalten, das den nicht näher verwandten Partnern
und Freunden Vorteile verschafft, die diese mit hoher Wahrscheinlichkeit
wieder auf ihre Weise entgelten werden. Angeborene Eigenheiten und erworbene
Eigenschaften wirken dabei so eng zusammen, dass sie sich kaum jemals
nur mit oberflächlicher Betrachtung erkennen lassen. Papst Gregor
VIII. fand daher sein Vorgehen genauso wenig falsch oder unehrenhaft
wie Helmut Kohl, als es bei ihm um jene Spender ging, denen er sein Ehrenwort
gegeben hatte. Kohl erwies sich darin sogar „moralischer“,
weil verlässlicher als die höchste Autorität katholisch-christlichen
Glaubens und der darin enthaltenen Nächstenliebe. Für ihn galt: „Ein
Mann – ein Wort!“
Doch
nicht nur beim Menschen ist das so, sondern das Prinzip finden wir überall in unserer Primaten-Verwandtschaft und auch bei anderen
sozial lebenden Säugetieren. Da werden über die selbstverständliche
Bevorzugung und Begünstigung des eigenen Nachwuchses hinaus in vielfältiger
Weise und in allen Stufen der Intensität kurzzeitige bis dauerhafte
Freundschaften entwickelt, Koalitionen gebildet und Vorteile genommen.
Ihr Gesamtergebnis könnte das „Mephisto-Prinzip“ nicht
besser verdeutlichen: Zum Wohle des Ganzen, der Sozietät nämlich,
in der man lebt!
Alle haben letztendlich etwas davon, weil sie auch alle ihre Rollen in
der Gemeinschaft zu spielen haben – und ihre Positionen verbessern
möchten. Despoten halten sich nicht allzu lange in Primatenkreisen,
weil sie rasch Amigos verlieren und vereinsamen. Die „Checks and
Balances“ funktionieren in einer hinreichend offenen Sozietät.
Bloße Macht hält sich mehr über kurz als über lang.
Gute Koalitionen halten hingegen erstaunlich dauerhaft.
„
Underdogs“ und Omega-Individuen gibt es in anderen Primaten-Gesellschaften
nicht mehr als in modernen Menschengesellschaften, eher weniger! Und
erstaunlich genug: Am meisten „betroffen“ von den Amigo-Affären
fühlen sich bei uns Menschen ganz offensichtlich nicht die Randgruppen
der Gesellschaft, sondern die politischen Gegner, die in aller Regel
dasselbe anstreben und nicht ums (physische) Überleben zu kämpfen
haben. Ihre Gegenmaßnahmen kosten die Steuerzahler sicherlich in
vielen Fällen erheblich mehr als den angeblichen oder tatsächlich
angerichteten Schaden, den die von ihnen angeprangerten Vorfälle
verursachten. Auszunehmen ist lediglich von vornherein die Hinterziehung
von Steuern, auch wenn die Steuerzahler keineswegs immer und überall
damit einverstanden sein werden, was mit ihrem Geld seitens der Politiker
gemacht wird. Rechtsstaatlichkeit müsste daher auch einen (ge)rechten
Umgang mit den von den Bürgern bereitgestellten Mitteln beinhalten
und nicht allein der strikten Einhaltung vorhandener, das heißt
von irgendwelchen Mehrheiten und Koalitionen gemachter Gesetze und Verordnungen
zu genügen haben.
Doch
auch wenn das beim Geld, bei der „Steuerehrlichkeit“,
ganz klar und (für die Allgemeinheit) selbstverständlich zu
sein scheint, verhält es sich in der gelebten Wirklichkeit auf allen
Ebenen der Gesellschaft ganz und gar nicht so. So gut wie jeder, der
Steuern zu bezahlen hat, versucht, so viel wie möglich davon zu „hinterziehen“.
Legale Schlupflöcher gibt es genug, aber das beste, in der Bevölkerung
auch als gänzlich moralisch erachtete Mittel ist und bleibt der „Tauschhandel“:
Tit for tat – gibst Du mir, geb’ ich Dir! Leistung oder Geld,
das spielt dabei eine nachrangige Rolle. Weitaus wichtiger ist das Prinzip,
denn dieses gilt global und unter allen Bedingungen. Was sich wandelt,
sind die Wertvorstellungen oder auch die Bereitschaft, für die Allgemeinheit,
welche angeblich oder tatsächlich in gewissem Umfang vom „Staat“ vertreten
wird, einen fairen Anteil abzugeben.
Das
wirft die Frage auf, was eigentlich so falsch ist am Knüpfen
von Beziehungsgeflechten zu gegenseitigem Nutzen, an der Bildung von
Seilschaften und am Zusammenschluss von „Amigos“. Um es ganz
klar auszudrücken: Die Natur ist kein Vorbild! Die Biologie gibt
uns nichts an die Hand, dieses Verhalten zu verdammen; im Gegenteil,
sie führt in vielfältigster Form vor, wie bedeutsam und gestalterisch
wirkend Nepotismus und reziproker Altruismus tatsächlich sind. Das
Spektrum reicht von kleinen unverbindlichen Vorteilen bis hin zu sehr
dauerhaften „Vergesellschaftungen zu gegenseitigem Nutzen“,
Symbiose genannt.
Darwins „Überleben der Tauglichsten“ (survival of the
fittest) bezieht sich zwar auf die einzelnen Lebewesen und ihren individuellen
Lebenserfolg, aber dieser hängt eben auch davon ab, wie sie sich
in ihrem sozialen Umfeld bewähren. Als Lebewesen braucht der Mensch
die Freunde noch weit mehr als jede andere Art. Das gehört zu seiner
Natur als sozialer Primat. Seine Fähigkeit, dauerhafte Freundschaften
und Seilschaften auf der Basis von Erinnerungen an Leistungen und Überlegungen,
was diese in Zukunft einbringen könnten, zu schließen, brachte
ihn weit hinaus über die Unzulänglichkeiten von Menschenaffengruppen.
Als isoliertes Individuum gedeiht und entfaltet er sich nicht. Für
unsere nächsten Verwandten unter den Menschenaffen und auch für
die meisten Affenarten bedeutet die Vereinsamung den Tod.
Diese
Gegebenheit lenkt den Blick und fokussiert ihn auf Wichtiges: Große Teile des menschlichen Sozialverhaltens sind tatsächlich
voll von solchen Gruppierungen zu gemeinsamem „Nutz und Frommen“,
wie es früher hieß. Auf ihrer Basis funktioniert die Gesellschaft!
Freundeskreise, Clubs, Vereine, Firmen und Gesellschaften sowie nicht
zuletzt auch die politischen Parteien sind Ausdruck dieses Grundbedürfnisses.
Gerade in den politischen Parteien sammeln sich all jene, die darin mehr
oder weniger aktiv und direkt „ihre Interessen“ verfolgt
sehen wollen und diese durchdrücken möchten. Schon eine Partei
an sich stellt funktionell einen „Amigo-Verein“ dar. Deshalb
kommt es nicht von ungefähr, dass die allermeisten „Amigo-Skandale“ nichts
anderes als Parteien-Skandale sind. Gäbe es die Parteien nicht,
fände sich kein Nährboden für eine solch spezielle Art
von Skandalen, denn Bevorzugung von Freunden und Verwandten wäre
einfach ganz normal. Wie sonst im Leben auch.
Vorteilsnahme ist gut beim Einkauf („Schnäppchen“),
bei der Auswahl von Angebotenem oder im Geschäftsleben. Es gehört
auch zum Grundverhalten jedes normalen Menschen, auf dem Parkett der
Gesellschaft gebotene Vorteile zu nutzen. Moralisch Verwerfliches lässt
sich nicht von vornherein und im Grundsatz damit verbinden. Gleichwohl
gibt es nicht nur Grenzfälle, sondern auch Bereiche, in denen die
Allgemeinheit ganz zu Recht darüber zu wachen hat, dass ihr die
Vorteilnahme Einzelner keinen Schaden zufügt. Das persönliche
moralische Empfinden vermittelt meistens ein ganz gutes „Gefühl“ dafür,
was richtig war oder gewesen wäre und was nicht. Entscheidend für
die persönlichen Beurteilungen, die in ihrer Gesamtheit die öffentliche
Meinung ergeben, ist die Abwägung der Vor- und der Nachteile. Es
geht also um die „Verhältnismäßigkeit“ und
nicht so sehr – oder gar ausschließlich – ums Prinzip.
Ü
bel, so der Ursprung des Begriffs in der deutschen Sprache, ist etwas,
das vom Maß, vom Lot, abweicht („ubiloz“). Bloße
Paragraphenfuchserei gilt keineswegs als „gut“, sondern wird
als schlimmes Übel empfunden, weil dieses Vorgehen für die
Allgemeinheit weit mehr Kosten verursacht, als es Nutzen bringt. Paul
Watzlawick hat überzeugend dargetan, wie schnell sich Gutes oder
Gutgemeintes zum Schlechten wandelt. Werden nun aber gesellschaftspolitisch
wichtige „Positionen“ mit allzu vielen Einschränkungen,
Verzichten und Nachteilen verbunden, werden sie auch nicht mehr erstrebenswert
sein für die Tüchtigen. Wer keine Freunde (mehr) haben darf,
wird sich schwer tun, Anhang zu bekommen. Ex-Bundesbankpräsident
Weltecke mag sich solches gedacht haben, als er wegen ein paar finanziell
bedeutungslose Nächte im Berliner Adlon sein Amt zur Verfügung
stellen musste.
„Adios Amigos!“ könnte daher mehr Ratlosigkeit hinterlassen,
als es Klarheit schafft und Nutzen bringt. Wer mag unter solchen Bedingungen
noch Politiker werden oder ein öffentliches Amt annehmen? Und doch
brauchen wir nichts dringender als wirklich gute Leute in Amt und Würden.
Wie immer daher geurteilt werden mag, etwas sollte die Anprangerung und
Bekämpfung der „Amigos“ der Öffentlichkeit schuldig
sein: Es muss auch dargelegt werden, was für Kosten sie verursacht
und welche Vorteile sie bringt. „Wem nützt es?“, fragten
die alten Römer ganz folgerichtig, als sie ihr in Grundzügen
bis heute fortdauerndes Rechtssystem schufen. Wer hat was davon, den
Einsatz des „Sozial-Vitamins B“ zu bekämpfen? Nutznießer
der Vernichtung einer Amigo-Truppe werden in aller Regel nur wieder andere „Amigos“ sein,
die ihre Truppe aufbauen möchten. Hindernisse, die gegen die Bildung
von Seilschaften errichtet werden, sind schneller umgangen als aufgebaut.
Jeder weiß das und zieht die Möglichkeit zu „Umgehungen“ von
vornherein in sein Kalkül, wo immer das irgendwie geht.
Sollten da parteiliche Streitereien nicht, wie private auch (so die Utopie
eines parteipolitisch nicht gebundenen, also „freien Bürgers“ und
Steuerzahlers), intern ausgefochten und vom Parteiengeld bezahlt werden
müssen? Nicht mit Steuermitteln dürften sie beglichen werden,
es sei denn, sie erbrächten den Nachweis, dass sie in der Kosten-Nutzen-Bilanz
das Steueraufkommen erhöht und so der Allgemeinheit Nutzen gebracht
haben. Manches laute Geschrei „Skandal, Skandal“ und ganz
erhebliche Kosten könnten uns so erspart bleiben.
Die Berichterstattung über Parteienskandale würde dennoch weiterhin
recht amüsant bleiben. Ganz sicher! Es gibt doch auch zu denken,
dass ausgerechnet jene, die im Parlament die Steuergesetze beschließen,
es als besser erachten, Teile ihres Parteiengeldes in die Schweiz zu
verschieben. Wie soll auch nachgeprüft werden, wer irgendwo in der
Welt Schmiergeld erhält, das im Inland nicht verwendet wird, hier
aber dem Geber Vorteile verschafft hat? Wo liegt die Grenze zwischen
Schmiergeld und Provision? Liegt sie für alle Zeiten fest oder muss
sie immer wieder, den Gegebenheiten und Entwicklungen entsprechend, angepasst
werden? Das „Amigo-Phänomen“ entspringt unserer menschlichen
Natur und verdient es auf jeden Fall, gesellschaftspolitisch grundsätzlich
neu aufgerollt und durchgearbeitet zu werden. Vielleicht brauchen wir
bessere Rahmenbedingungen nach dem Motto: „Friends are welcome“.
Sonst stehen die „Saubermacher“ bald allein und nackt im
Regen.

Prof. Dr. Josef H. Reichholf ist Evolutionsbiologe in München. In
seinem Buch Warum wir siegen wollen (dtv, München 2001, EUR 14,50)
befasst er sich auch mit jenen Grundlagen der Entstehung menschlicher
Gesellschaften, die vom einfachen und ursprünglichen „Recht
des Stärkeren“ zum typisch menschlichen „Prioritätsrecht“ (Recht
des Ersten/eren) geführt haben und unser aller Streben nach „Positionen“ evolutionsbiologisch
verständlich machen. In Novo 61/62 veröffentlichten wir einen
Auszug aus seinem Buch Die falschen Propheten. Unsere Lust an Katastrophen (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002, 160 S., Tb, EUR 10,90).
Literaturtipps
Dirk Maxeiner
/ Michael Miersch: Das Mephisto Prinzip. Warum es besser ist, nicht
gut zu sein, Eichborn, Frankfurt 2001, EUR 17,90
Volker Sommer: Lob der Lüge. Täuschung und Selbstbetrug bei
Tier und Mensch, dtv, München 1994, EUR 16
Paul Watzlawick: Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen,
Piper, München 1997, EUR 7,90
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