Inhalt
ZUR SACHE:
Dick und doof
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
dem "deutschen Weg" ins 21. Jahrhundert
Von Sabine Reul
DICKE KINDER
Thilo Spahl:
Die dicken Kinder von Deutschland
Bernd Herrmann:
WORTGESCHICHTEN: Übergewicht
[Heft S.10]
MENSCH UND TIER
Warum
Menschen keine Affen sind
Von Helene Guldberg
Peter Kunzmann:
Holocaust auf dem Teller?
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Phil Mullan:
Wachsende Bildung bildet kein Wachstum
EINSPRUCH:
Wie viel Ökonomie braucht ein Kind?
[Heft S.23]
Sabine Beppler-Spahl:
Von einfühlsamen Eltern und tyrannischen
Kindern
KRIEG UND
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Rendez-vous mit einem Vorzeige-Terrorist
Matthias Heitmann:
Guter (Sicherheits-)Rat ist teuer
[Heft S.33]
Brendan O'Neill:
Mauern für den Frieden
[Heft S.34]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Stefan Löffler:
Zehn Sorgen zum Preis von einer
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Ein Vorschlag zur Güte
Hubert Markl:
Die Fruchtfliege, ein Limerick
[Heft S.41]
Herbert Uhlen:
Es ist zum weich werden
MEDIEN UND
KULTUR
Josie Appleton:
Ground Zero: Himmelhoch trauern oder nach den
Sternen greifen?
Stefan Chatrath:
"Kicken statt kloppen" – Breitensport
als Sozialwerkstatt?
RUBRIKEN
IMPRESSUM/
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
BRIEFE
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.19]
UPDATES
[Heft S.29]
BÜCHER
[Heft S.46]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Rudi Völler hoch drei
[Heft S.47]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Nachruf auf Lothar Baier
[Heft S.50]
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Von einfühlsamen Eltern und tyrannischen Kindern
Sabine Beppler-Spahl plädiert dafür, dass Erwachsene Kinder
erziehen sollten und nicht umgekehrt.
Nicht immer gelingt die Erziehung so, wie es sich Eltern wünschen: "Mehr
als die Hälfte der Eltern kleiner Kinder halten ihren Nachwuchs
für verhaltensauffällig und klagen über Erziehungsschwierigkeiten",
so eine Meldung der Berliner Zeitung vom Mai 2004. "Verhaltensprobleme
sind bereits im Vorschulalter weit verbreitet", kommentierte Bundesfamilienministerin
Renate Schmidt im gleichen Monat eine im Auftrag ihres Hauses erstellte
Langzeitstudie, der zufolge 13 bis 17 Prozent der Kinder ernsthafte Schwierigkeiten
im Sozialverhalten aufweisen. Die Ergebnisse der Studie bestätigen
einen Trend, der seit einigen Jahren von Fachleuten mit Besorgnis beobachtet
wird. Professor Klaus Hurrelmann, Leiter des Sonderforschungsbereichs
Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter der Universität
Bielefeld, schreibt in seinem 1998 erschienenen Buch mit dem Titel Kinder
stark machen für das Leben: "Rund 15 Prozent eines Altersjahrgangs
sind mittlerweile aggressiv und gewalttätig. Ein Fünftel der
Schülerschaft kann Untersuchungen zufolge als sozial verwahrlost
gelten – unfähig, die Grundregeln des Zusammenlebens einzuhalten."
Was ist angesichts dieser erschreckenden Entwicklung zu tun? An Erziehungsratgebern,
die sich mit der Problematik auseinander setzen, gibt es keinen Mangel.
Der erste Schritt zur Lösung eines Problems ist bekanntlich die
Erforschung seiner Ursachen. Umso erstaunlicher ist, dass nur wenige
Ratgeber sich überhaupt mit den Gründen kindlichen Fehlverhaltens
beschäftigen, sondern stattdessen schnell zu Verhaltensregeln für
die Eltern übergehen. Doch es gibt auch Bücher, die diesem
Trend etwas entgegenstellen möchten und deshalb durchaus lesenswert
und hilfreich sind, etwa das Buch von Didier Pleux, einem in Frankreich
praktizierenden Psychologen, mit dem Titel De l'enfant roi à l'enfant
tyran.
Das Kind als Tyrann
Pleux ist Direktor des "Institut de thérapie cognitive".
Er befasst sich seit vielen Jahren mit der Therapie schwer erziehbarer
Kinder und Jugendlicher, die in der Schule durch schlechtes Sozialverhalten
auffallen, sich dem Unterricht und jeglicher Kooperation mit ihren Eltern
verweigern und häufig sogar tiefe Persönlichkeitsstörungen
sowie Drogenabhängigkeit, Straffälligkeit, Depressionen etc.
aufweisen. Pleux kommt dabei zu Erkenntnissen, die zwar mit den Erfahrungen
anderer Wissenschaftler übereinstimmen, mit den Tipps vieler gängiger
Erziehungsberater jedoch unvereinbar sind. Die zentrale These von Pleux
ist, dass das verwöhnte oder, wie er es nennt, "tyrannische" (Klein-)
Kind, das (häufig sehr subtil, stetig und unauffällig) die
Macht über die Erwachsenen gewonnen hat, am Anfang einer Entwicklung
hin zu tief greifenden Persönlichkeitsstörungen steht. Er möchte
in seinem Buch vor einem Trend warnen, den er in den vergangenen Jahren
verstärkt wahrgenommen hat: dem zunehmenden Kontrollverlust der
Erwachsenen in Hinblick auf die Erziehung ihrer Kinder.
In vielen Familien bestimmen die Kinder und nicht die Eltern das tägliche
Leben. Pleux rät daher zum Selbsttest: Sind wir die Eltern, die
beobachten, zuhören, bewerten, entscheiden und bestimmen, oder sind
wir zum Sprachrohr (porte-paroles) unserer Kinder geworden? Es gehe nicht
darum, so Pleux, den Willen der Kinder "zu brechen", wie man
es früher riet, sondern darum, zu erkennen, dass Kinder erzogen
werden müssen. Um glückliche und zufriedene Jugendliche und
junge Erwachsene zu werden, müssten Kinder lernen, auch mit Frustrationen
und Niederlagen umzugehen, Verbote zu akzeptieren und sich mit zunehmendem
Alter ihrer sozialen (und familiären) Pflichten bewusst zu werden.
Tyrannische Kinder machen diese Erfahrungen zu selten oder zu spät.
Anhand zahlreicher Fallbeispiele zeigt er auf, wann ein Kind Gefahr läuft,
ein "Haustyrann" zu werden. Kleine Tyrannen wurden oft bereits
als Baby stundenlang spazieren gefahren, um einzuschlafen. Sie essen
nur, was sie mögen, weshalb der Familienspeiseplan möglichst
nach ihren Wünschen ausgerichtet wird. Als Schulkinder benötigen
sie zahlreiche Weckanläufe, um morgens pünktlich aufzustehen.
Damit sie nicht zu spät kommen, müssen sie häufig mit
dem Auto zur Schule gefahren werden. Nachmittags kommen sie erschöpft
heim und müssen sich ausruhen. Ihre Hausaufgaben erledigen sie stets
mit Widerwillen. Niemals – oder nur wenn sie sich freiwillig dazu
bereit erklären – müssen sie im Haushalt mithelfen, da
dies in der Regel ohnehin nur zu Streit und Auseinandersetzungen mit
den Eltern führt.
Tyrannen, so Pleux, kommen in allen gesellschaftlichen Schichten vor.
Sie sind nicht – wie häufig angenommen – nur Einzelkinder
oder Kinder geschiedener Eltern. Oft befinden sich in einem Haushalt
mehrere "Tyrannen". Häufig handelt es sich um "gut
bürgerliche Familien", in denen Kinder eine hohe Wertschätzung
genießen. Pleux betont, dass alle Kinder gelegentlich die oben
genannten Verhaltensweisen zeigen. Problematisch wird es erst, wenn dieses
Verhalten zur Regel wird, mehrere Probleme gleichzeitig und regelmäßig
auftreten und die Eltern nicht über die Kraft verfügen, diesen
Kapriolen entgegenzuwirken. Kindliche Tyrannen setzen ihren Willen nicht
immer nur durch Aggressionen um. Oft manipulieren sie ihr Umfeld auch
durch Charme. Nicht selten sind es Kinder, die über eine besonders
gute Ausdrucksweise verfügen, da sie lange Debatten mit Erwachsenen
gewohnt sind. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie im wirklichen Leben
Probleme bekommen, denn:
· sie beschäftigen sich nur mit Dingen, die ihnen Spaß bereiten.
Unliebsame Tätigkeiten (zum Beispiel Arbeiten im Haushalt) haben
sie stets vermeiden können. Sie haben somit nicht gelernt, Frustrationen
und Anstrengungen auszuhalten (und sind daher häufig Schulversager);
· sie sind es gewohnt, immer ihren Willen durchzusetzen und können
sich nur schwer in soziale Gemeinschaften einfügen (daher oft einsam
oder auffällig im Verhalten);
· sie überschätzen in der Regel ihre Fähigkeiten, weil
sie nie an die eigenen Grenzen gestoßen sind (daher nicht kritikfähig
und unfähig, Niederlagen durchzustehen);
· sie haben nicht gelernt, Pflichten zu übernehmen und Verantwortung
zu tragen (zögern daher das Erwachsenwerden heraus und leben oft
noch viele Jahre nach ihrem 20. Geburtstag bei "Mama und Papa" – ein
verstärkt auftretendes Phänomen).
Die
Angst vor Autorität
Die Aussage, verwöhnte Kinder hätten es schwer und bekämen
Probleme, mag für wenig Überraschung sorgen. Wozu ein ganzes
Buch dem Thema widmen? Warum betont Pleux, dass er sein Werk als Warnung
verstanden wissen möchte? Die Antwort lautet: Weil in unserer Zeit
der Druck, verwöhnte Kinder großzuziehen, immer stärker
wird. Zahlreiche verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche passen
in das von Pleux beschriebene Schema. Pleux macht für diesen Trend
zum einen den wachsenden materiellen Wohlstand verantwortlich, der vieles
ermöglicht, was früher einfach undenkbar war. Das eigentliche
Problem – und auch dies spricht Pleux deutlich aus – liegt
jedoch darin, dass Eltern und zunehmend auch Lehrer Angst haben, Konflikte
mit Kindern auszutragen und durchzustehen. Dies wiederum ist eine Konsequenz
des tiefen Misstrauens, welches in unserer Gesellschaft gegenüber
elterlicher Autorität vorherrscht. Eltern schrecken häufig
vor der Vorstellung zurück, ihre Kinder im erzieherischen Sinne
auch disziplinieren zu müssen. Kinder werden niemals als Täter,
sondern immer als Opfer dargestellt, deren Rechte es zu verteidigen gilt,
weil sie die Schwächeren sind. Die Gefahr, die sich hinter dieser
weit verbreiteten Einsicht verbirgt, ist, dass man Erwachsene automatisch
in die Rolle der potenziellen Unterdrücker drängt. Viele wohlmeinende
Erwachsene möchten aber um jeden Preis vermeiden, ihre Kinder zu
unterdrücken. Die Konsequenz dieses verständlichen Vorsatzes
ist, dass viele Eltern keine Stärke und Konsequenz gegenüber
ihren Kindern mehr zeigen möchten und sich durch gefährliche
Passivität auszeichnen. Die Angst vor jeglichem Ausdruck elterlicher
Autorität spiegelt sich auch in zahlreichen offiziellen und inoffiziellen
Elternratgebern wider, die den von Pleux beschriebenen Trend somit bestärken.
Brauchen Eltern Grenzen?
Paula Honkanen-Schobert, Autorin des Buches Starke Kinder brauchen starke
Eltern. Der Elternkurs des Deutschen Kinderschutzbundes liefert ein
gutes Beispiel für die Ambivalenz, mit der viele Erwachsene ihre
Rolle als Erzieher sehen. In der Einleitung schreibt sie: "Eltern
dürfen und sollen Eltern sein, sie sollen und dürfen in ihrer
Erwachsenen-Rolle bleiben. Aufgrund ihres Alters und ihres Erfahrungsvorsprungs
sind sie für ihre Kinder Autoritäten und Vorbilder, ob sie
es wollen oder nicht." Auch hier wird deutlich, dass es offenbar
keineswegs mehr selbstverständlich ist, eine Autorität zu
sein, sondern der Ermutigung und der Erlaubnis bedarf. Doch fast so,
als sollten Eltern bloß nicht auf die Idee kommen, ihre Rolle
als Autorität und Vorbild zu ernst zu nehmen, schreibt die Autorin
weiter: "Kinder brauchen Grenzen – sagt man. Ich sage: auch
wir Eltern. Kinder überschreiten sie – Eltern auch."
Vielleicht laufen tatsächlich Eltern, die den Elternkurs des Kinderschutzbundes
besuchen, Gefahr, "ihre Grenzen zu überschreiten”, Kinder
zu prügeln oder emotional zu unterdrücken. Wahrscheinlicher
erscheint mir allerdings, dass autoritäre Eltern nicht dazu neigen,
Kurse beim Kinderschutzbund zu belegen, die Kursteilnehmer und Ratgeberleser
also eher zu jenen Eltern zählen, die ohnehin nicht bevormundend
sein möchten, sondern davor zurückschrecken, den Kleinen zu
sagen, wo es langgeht.
Die Ansätze von Pleux und Honkanen-Schobert sind grundverschieden
und fast konträr. Pleux will Eltern dazu ermutigen, das Familienleben
bewusst zu lenken und keine Angst davor zu haben, Kindern Grenzen zu
setzen. Honkanen-Schobert möchte Eltern davor warnen, zu bestimmend
aufzutreten. Die Rechte des Kindes stehen im Mittelpunkt ihres Erziehungsleitfadens: "Wozu
sollen Eltern die Kinder anleiten? ... Woher können sie die Rechtfertigung
und Begründung für ihre Erziehung nehmen?", fragt sie.
Die Antwort geben die Gesetze, zum Beispiel "die Kinderrechte und
die Wissenschaft, wie u.a. Pädagogik, Psychologie und Sozialwissenschaften”,
die "neue, durchaus ernst zu nehmende Grundlagen für die Erziehung" seien.
Die Auseinandersetzung mit den dort dargestellten Leitgedanken lohne
sich, denn "es könnte vielleicht mittlere Wunder bewirken,
wenn die Eltern und andere, die mit Kindern zu tun haben, sich zumindest
bemühen würden, Kindern gegenüber mehr Verständnis,
Respekt und Toleranz aufzubringen".
Auch Pleux findet es richtig, über Kinderrechte zu reden. Er fürchtet
sich aber vor einer Welt, in der Kinder nicht verstehen lernen, dass
Rechte auch mit Pflichten einhergehen und sie Mitglieder einer sozialen
Gemeinschaft sind. Zur Verdeutlichung seiner Bedenken beschreibt Pleux
einen Elternabend an einer ganz normalen französischen Schule. Im
Eingangsbereich sieht er ein Plakat, auf dem ein Kind mit "Engelsgesicht" abgebildet
ist. Unter dem Plakat der Schriftzug: "Ich habe ein Recht auf meine
Kindheit!” Im Untertitel stehen die Rechte in Schlagwörtern
aufgeführt: "gehört zu werden, träumen, spielen,
sprechen, lieben, leben". Während er das Plakat liest, stürmen
die kleinen Sechstklässler die Schultreppen zum Versammlungssaal
hinauf. Sie stoßen und drängeln und nehmen keine Rücksicht
auf ihre Eltern, die vergebens versuchen, mit ihnen Schritt zu halten.
Später beobachtet er, wie ein Lehrer von einer Schülerin (unterstützt
durch deren eigenen Vater) kritisiert wird, weil er angeblich eine Hausaufgabe
zu schnell diktiert habe, so dass das arme "Opfer" nicht mehr
mitkam. Der Hinweis des Lehrers, das Kind müsse lernen, sich zu
konzentrieren und solle im Unterricht weniger Gespräche mit ihrer
Tischnachbarin führen, stieß auf große Empörung.
Der Lehrer wurde zusehends unsicher. Alles scheinbar nicht so schlimm,
so Pleux, und dennoch: Wenn wir beobachten, wie machtvoll Kinder manchmal
in der Öffentlichkeit auftreten, dann kann man die kleinen Siege,
die sie über die Welt der Erwachsenen erringen, besser verstehen.
Anpassung an Kinder
Nichts ist gegen die Forderung einzuwenden, Kindern gegenüber offen
und tolerant zu sein. Problematisch wird es, wenn diese Forderung missverstanden
wird und sich Erwachsene an Kinder anpassen und sich durch ihr Verhalten
bei ihnen beliebt zu machen suchen – bis hin zur Unterwürfigkeit.
Geschieht dies, so werden Erwachsene zu dem, was Pleux kritisiert – nämlich
zum bloßen Sprachrohr ihres Nachwuchses. Der Vater, der die zur
Schau gestellte Empörung seiner Tochter am Elternabend teilt, ist
zu einem Handlanger seines Kindes geworden.
Auch Honkanen-Schobert ist gegen die Versuchung, dem Kind "nach
dem Mund zu sprechen", nicht gefeit. Sie schildert eine Szene mit
ihrer achtjährigen Tochter Salli (die in ihrem Buch übrigens
ständig als Beispiel für eine gelungene Erziehung herhalten
darf). Salli möchte eines Morgens nicht in die Schule gehen: "Also
fing ich an, einfühlsam zuzuhören, um den Sinn hinter ihren
Worten zu erahnen" (zu beachten ist hier die Betonung auf "einfühlsam"). "Ach
du je, du willst nicht in die Schule gehen. Wie kommt das? ... Du machst
irgendwie so einen bedrückten Eindruck, kann es sein?" Nach
zahlreichen einfühlsamen Fragen dieser Art erklärt die Tochter
endlich: "Hm, da war, da war... so ... so ein Mann." Honkanen-Schobert: "Ein
Mann! Die Antenne des Kinderschützers fuhr hoch am Nacken. Gerade
in den letzten Monaten waren alle wegen der Dutroux-Affaire und wegen
der brutalen, teilweise tödlichen Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit
hochsensibilisiert." Es stellte sich aber heraus, dass die Sachlage
ganz anders war, als es die Mutter erwartet hatte. Die Tochter hatte
den Mann, gemeinsam mit einer Freundin, auf dem Weg zur Schule immer
geärgert. Daraufhin hatte der Mann gedroht: "Passt bloß auf,
wenn ich Euch eines Tages erwische, dann werdet Ihr was erleben." Die
Mutter resümiert: "Die Situation war klar. Johanna, die Schulfreundin,
war nach Bonn umgezogen, und nun musste Salli allein den Weg gehen. Es
war nun nichts mehr mit diesem mutigen Spielchen, den Mann zu ärgern,
und nun hatte sie Angst, zu Recht oder Unrecht, mag dahingestellt sein." Die
Mutter freut sich, dass es ihr ohne wertende Fragen und Unterstellungen
gelungen sei, die Angstgefühle ihrer Tochter ans Tageslicht zu bringen
und gibt ihrer Tochter folgenden Rat mit auf den Weg: "Ich kann
gut verstehen, dass Du jetzt in der Klemme bist, Menschenskind ... Auf
jeden Fall kannst Du ihm schon mal sagen, wenn er was von Dir will, kommt
Deine Mutter und die kann brüllen wie eine Löwin, und dass
Dein Vater ein alter Karate-Mann ist."
Honkanen-Schobert fügt hinzu, dass sie diese Sätze unbeholfen
dahergesprochen habe und selber nicht überzeugt davon war. Dennoch,
plötzlich habe das Mädchen wieder in die Schule gehen wollen.
Sie resümiert: "Der wichtigste Punkt, so scheint mir, war,
dass ich mich ihres Problems und ihrer Ängste und Untaten angenommen
hatte und Salli dadurch, und weil sie sich aussprechen durfte, vom Würgegriff
der Angst befreit wurde." Besonders gut sei gewesen, dass sie Salli
keine Vorwürfe gemacht habe.
Doch ganz so zufrieden wie Frau Honkanen-Schobert kann ich mit ihrer
Reaktion nicht sein. Sich als brüllende Löwin darzustellen,
dürfte aus ihrer Sicht wohl eine pädagogisch gelungene, weil
besonders "kindgerechte” Mutmachaktion gewesen sein. Doch
die Kehrseite solchen Mutmachens ist die Tatsache, dass der Tochter nicht
einmal in einem Nebensatz nahe gelegt wurde, ihr eigenes Verhalten zu überdenken.
Obwohl das Kind den Mann nach eigenen Angaben ärgerte, wurde in
dem Dialog der Mann als das alleinige Problem dargestellt, weil er sich
wehrte. Der Lerneffekt für die Tochter war: Ich kann andere ärgern,
meine Mutter findet das okay. Wer sich bei mir beschwert, wird von ihr
angebrüllt und vielleicht sogar von meinem Vater verprügelt.
Alle Kinder ärgern irgendwann fremde Erwachsene, meist handelt es
sich um eher hilflose Personen. Eltern können ihre Kinder, ohne
sie gleich zu bestrafen oder zu beschimpfen, für die Gefühle
und Verletzlichkeiten ihrer Mitmenschen sensibilisieren. Wenn aber die
einzig verletzliche Person, der jede Angst und Frustration erspart werden
muss, der eigene Sprössling und das einzige Erziehungsziel ist,
dessen Selbstwertgefühl zu stärken, fällt dies natürlich
schwer. Vielleicht war der alte Mann, der das Opfer kindlicher Späße
war, ein einsamer oder kranker Mensch, der einfach nur Ruhe und Entspannung
beim Spaziergang suchte? Vielleicht auch nicht. Entscheidend ist, dass
Salli keinen Anlass hatte, darüber im Stillen nachzudenken, da ihr
Verhalten von ihrer Mutter nicht nur ohne jegliche Einschränkung
sanktioniert wurde, sondern diese sogar beim kindlichen Spiel auf der
Seite ihrer Tochter mitmischte.
Spätestens hier wird deutlich, warum Pleux sein Buch als Warnung
verstanden wissen möchte: Weil selbst Experten davor zurückschrecken,
ihre Kinder im eigentlichen Sinne zu erziehen. Im Elternkurs des Elternschutzbundes
geht es gar nicht tatsächlich um Erziehung; es geht darum, wie sich
Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten sollen. Es geht um Toleranz,
Gewaltfreiheit, allseitige Bedürfnisbefriedigung und andere schöne
Dinge. Der Knigge der Kinderschützer dokumentiert den Sieg der Form über
den Inhalt in der Pädagogik.

Sabine Beppler-Spahl ist Diplom-Volkswirtin und lebt in Berlin. Sie ist
Mutter von zwei Kindern. In Novo70 vertat sie in ihrem Artikel "Was
heißt hier Gewalt?" die Auffassung, dass die Einschränkung
des elterlichen Züchtigungsrechts Kindern mehr schadet als ein Klaps
auf den Hintern.
LITERATURTIPPS
Didier
Pleux: De l'enfant roi à l'enfant tyran, Collection Vie Pratique,
Odile Jacob 2002, 286 S., EUR 21,38 (bei www.amazon.fr)
Paula Honkanen-Schoberth: Starke Kinder brauchen starke Eltern, Urania
Verlag, Stuttgart 2002, 128 S., EUR 12,90
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