Inhalt
ZUR SACHE:
Dick und doof
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
dem "deutschen Weg" ins 21. Jahrhundert
Von Sabine Reul
DICKE KINDER
Thilo Spahl:
Die dicken Kinder von Deutschland
Bernd Herrmann:
WORTGESCHICHTEN: Übergewicht
[Heft S.10]
MENSCH UND TIER
Warum
Menschen keine Affen sind
Von Helene Guldberg
Peter Kunzmann:
Holocaust auf dem Teller?
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Phil Mullan:
Wachsende Bildung bildet kein Wachstum
EINSPRUCH:
Wie viel Ökonomie braucht ein Kind?
[Heft S.23]
Sabine Beppler-Spahl:
Von einfühlsamen Eltern und tyrannischen
Kindern
KRIEG UND
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Rendez-vous mit einem Vorzeige-Terrorist
Matthias Heitmann:
Guter (Sicherheits-)Rat ist teuer
[Heft S.33]
Brendan O'Neill:
Mauern für den Frieden
[Heft S.34]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Stefan Löffler:
Zehn Sorgen zum Preis von einer
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Ein Vorschlag zur Güte
Hubert Markl:
Die Fruchtfliege, ein Limerick
[Heft S.41]
Herbert Uhlen:
Es ist zum weich werden
MEDIEN UND
KULTUR
Josie Appleton:
Ground Zero: Himmelhoch trauern oder nach den
Sternen greifen?
Stefan Chatrath:
"Kicken statt kloppen" – Breitensport
als Sozialwerkstatt?
RUBRIKEN
IMPRESSUM/
DAFÜR STEHT NOVO
[Heft S.5]
BRIEFE
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.19]
UPDATES
[Heft S.29]
BÜCHER
[Heft S.46]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Rudi Völler hoch drei
[Heft S.47]
BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Nachruf auf Lothar Baier
[Heft S.50]
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Warum Menschen keine Affen sind
Um sich ernsthaft mit Tieren zu vergleichen, sind Menschen einfach zu
intelligent. Von Helene Guldberg.
Der Humanismus, verstanden als die Überzeugung, dass Menschen fähig
sind, Probleme mittels Vernunft und Wissenschaft zu lösen, ist heute
arg in der Defensive. Der britische Wissenschaftler Raymond Tallis warnt
davor, dass der menschliche Geist und menschliches Handeln zunehmend
relativiert werden, "wenn wir Tiere vermenschlichen oder 'disneyfizieren'
und gleichzeitig menschliches Handeln auf tierische Verhaltensmuster
zurückführen". (1) Diese Warnung ist berechtigt, denn
inzwischen sind viele Menschen der Ansicht, den Menschen unterscheide
nicht viel vom Tier. Menschliche Fähigkeiten werden gering geschätzt,
und die Überzeugung, der Mensch sei einzigartig, ist wenig populär.
(2) Täglich hören wir von neuen Entdeckungen, die zu belegen
scheinen, dass Tiere uns sehr ähnlich sind. Hier eine kleine Auswahl
entsprechender Schlagzeilen aus jüngster Zeit:
Wie
Tiere sich küssen und versöhnen
Männliche Vögel bestrafen treulose Weibchen
Hunde leiden unter Weihnachts-Stress
Kapuzineraffen fordern Gleichberechtigung
Wissenschaftler beweisen: Fische sind intelligent
Vögel vor dem Scheidungsrichter
Wissenschaftler sagen: Bienen können denken
Schimpansen haben eine Kultur (3)
Am
verbreitetsten ist die Annahme der Ähnlichkeit von Mensch und
Tier, wenn es um Menschenaffen geht. Ein einflussreicher Kritiker der "Heiligsprechung
menschlichen Lebens", wie er es nennt, ist Peter Singer, Verfasser
des Buches Befreiung der Tiere und Mitbegründer des Great Ape Project.
(4) Singer tritt dafür ein, die "Artenbarriere" zu durchbrechen
und Menschenaffen (sowie anderen Arten) Rechte einzuräumen. Die
Menschenaffen sind laut Singer nicht nur unsere nächsten lebenden
Verwandten, sondern sie verfügen auch über viele Eigenschaften,
die wir lange für spezifisch menschlich gehalten haben.
Sind
Menschenaffen wirklich wie wir? Die Primatenforschung hat gezeigt,
dass Menschenaffen (und manche andere Affenarten) in freier Wildbahn
kommunizieren. Jane Goodall und andere Forscher haben nachgewiesen, dass
sie Werkzeuge benutzen – Stöcke, um Termiten zu angeln, Steine
als Hammer oder Amboss und Blätter als Löffel oder Gefäße.
Beobachtet man junge Schimpansen bei ihren spielerischen Kämpfen,
wie sie einander kitzeln und dabei kichern, scheint ihr Verhalten dem
menschlichen tatsächlich sehr nahe zu kommen.
Das reicht aber nicht aus, um die Behauptung abzuleiten, die Affen seien
wie wir. Die Frage ist, ob solches Verhalten auf so etwas wie Erkenntnis
oder Intelligenz hinweist. Oder lässt es sich einfach durch Evolution
und Assoziationslernen erklären? "Assoziationslernen" oder
auch "Kontingenzlernen" sind Konzepte, die der amerikanische
Psychologe B.F. Skinner entwickelte. Sie beschreiben eine Art des Lernens,
die auf der assoziativen Verknüpfung einer Handlung mit einem sie
verstärkenden Anreiz beruht, ohne dass dabei Einsicht im Spiel wäre.
Skinner wurde bekannt durch seine Arbeit mit Ratten, Tauben und Hühnern.
In einem Experiment belohnte er die Hühner mit etwas Futter (dem
verstärkenden Anreiz), wenn sie auf einen blauen Knopf pickten.
Pickten sie auf einen gelben, grünen oder roten Knopf, bekamen sie
nichts. Die von der Schule des Behaviorismus entwickelten Konzepte des
Assoziations- oder Kontingenzlernens gehen davon aus, dass Tiere sich
auf eine bestimmte Art verhalten, weil eben dieses Verhalten in der Vergangenheit
zu bestimmten Ergebnissen führte – nicht weil sie verstehen,
wie Handlung und Ergebnis zusammenhängen.
Die Primatenforscher Duane Rumbaugh und David Washburn behaupten in ihrem
Buch Intelligence of Apes and Other Rational Beings, das Verhalten der
Menschenaffen ließe sich nicht ausschließlich durch Kontingenzlernen
erklären. (5) Sie halten Menschenaffen für Wesen, die überlegt
rationale Entscheidungen treffen können. Doch die Belege sind zweifelhaft – und
sie werden umso zweifelhafter, je genauer die Fähigkeiten der Primaten
untersucht werden. Inzwischen werden viele früher angeführte
Belege dafür, dass Menschenaffen einsichtsvoll handeln können,
wieder in Zweifel gezogen.
Kulturelle Tradierung und soziales Lernen
Die kulturelle Übertragung von Verhalten, das heißt Vorgänge,
bei denen Verhaltensmuster nicht genetisch weitergegeben, sondern beigebracht,
gelernt oder abgeschaut werden, galt lange als Beleg für die höheren
geistigen Fähigkeiten der Menschenaffen. Diese Position wird zurzeit
revidiert.
Der erste Beleg dafür, dass Affen Fähigkeiten weitergeben können,
fand sich in den 50er-Jahren in Japan, als man beobachtete, wie sich
unter Makkaken die Fähigkeit ausbreitete, Kartoffeln zu waschen.
(6) Ein junges, weibliches Tier begann damit, und ihre Mutter und andere
Tiere folgten. Innerhalb eines Jahrzehnts wuschen alle jüngeren
Makkaken ihre Kartoffeln. In einer Zusammenstellung listen Andrew Whiten
und seine Co-Autoren solche Beobachtungen auf und kommen auf mindestens
39 Beispiele für derartiges Verhalten, darunter den Gebrauch von
Werkzeugen, Kommunikation und Aufzuchtverhalten bei Schimpansen. Alle
diese Verhaltensmuster wurden in bestimmten Gemeinschaften festgestellt,
während sie in anderen fehlen. (7) Es scheint also, dass Tiere Neues
lernen und an andere weitergeben können.
Doch stellt sich die Frage, was das über ihre geistigen Fähigkeiten
aussagt. Kulturelle Übertragung gilt häufig als Erklärung
dafür, dass Tiere auf gewisse Art zu sozialen Lernprozessen fähig
sind und möglicherweise anderen Tieren etwas beibringen können.
Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass Menschenaffen ihren Jungen
wirklich etwas beibringen. Michael Tomasello, Co-Direktor des Wolfgang-Köhler-Zentrums
für Primatenforschung in Leipzig, weist darauf hin, dass "nicht-menschliche
Primaten nicht auf körperferne Dinge in ihrer Umgebung zeigen und
auch keine Gegenstände hochheben, damit andere sie sehen und begreifen
können, noch bieten sie anderen Individuen aktiv solche Gegenstände
an. Sie bringen sich gegenseitig nichts bei." (8)
Selbst
wenn Menschenaffen sich gegenseitig nichts beibringen können,
aber trotzdem fähig sind, sozial – durch Nachahmung – zu
lernen, deutet allein das auf komplexe kognitive Fähigkeiten hin.
Imitation setzt voraus, dass ein Individuum nicht nur begreifen kann,
wie die Handlungen eines anderen Individuums zusammenhängen, sondern
auch in der Lage ist, sich vorzustellen, wie es wäre, diese Handlung
selbst auszuführen. Um nachzuahmen, ist es notwendig, sich in ein
anderes Individuum hineinversetzen zu können.
Der Psychologe Bennett Galef, der die Untersuchungen aus Japan analysiert
hat, weist darauf hin, dass sich unter den Makkaken das beobachte Waschverhalten
nur sehr langsam verbreitete. Wäre es ein Fall von Nachahmung, würde
man eine schnelle Ausbreitung erwarten. (9) Eine sehr kleine Gruppe von
Individuen benötigte an die zehn Jahre, um das neue Verhalten aufzunehmen.
Verglichen mit der menschlichen Fähigkeit, nicht nur kleine Kniffe,
sondern völlig neuartige Denkweisen und komplexe Techniken zu erlernen,
die unser Leben grundlegend verändern können, ist das wenig
beeindruckend.
Sichtet man die Literatur über Primaten, so stellt man fest, dass
die Forscher sich nicht einig sind, ob Menschenaffen auch die einfachste
Form sozialen Lernens – die Nachahmung – beherrschen. (10)
Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie der so genannten Reizverstärkung
folgen. Für Vögel hat man beispielsweise nachgewiesen, dass
die Reizverstärkung eines Futterplatzes dadurch erfolgen kann, dass
Vogel A sieht, dass Vogel B dort Futter findet. Anders gesagt: Die Aufmerksamkeit
eines Individuums wird auf einen Reiz gelenkt, ohne dass es wüsste
oder begreifen könnte, was dieser Reiz bedeutet oder wie er mit
dem Ort zusammenhängt.
Andere
Forscher gehen davon aus, dass Tiere etwas über die positiven
oder negativen Konsequenzen einer Handlung lernen können, ohne die
Sache selbst auszuprobieren, indem sie beobachten, wie andere Individuen
auf diese Konsequenzen reagieren. Auch dies ist eine Form des Assoziationslernens
und hat mit Einsicht und Verständnis nichts zu tun.
Michael Tomasello ist überzeugt, dass die Art, wie Menschen lernen,
einzigartig ist. Im Unterschied zu Tieren können Menschen begreifen,
dass ihre Mitmenschen zielgerichtet handeln. Außerdem erkennen
sie, dass die physikalischen Dinge um sie herum der Kausalität unterliegen.
(11) Wir reagieren nicht einfach aufs Geratewohl auf unsere Mitmenschen,
sondern wir versuchen, zumindest ansatzweise, ihre Motive zu analysieren.
Und wir können Werkzeuge wirksam einsetzen, weil wir ihren Sinn
verstehen. Es sind diese Fähigkeiten, die uns sozial lern- und lehrfähig
machen. Unsere Kinder beginnen damit gegen Ende ihres ersten Lebensjahrs.
Die anderen Primaten sind nicht in der Lage, intentionale oder kausale
Abläufe nachzuvollziehen – weshalb sie auch nicht wie wir
lernen können.
Schimpansen benötigen – sofern es ihnen überhaupt gelingt – bis
zu vier Jahre, bis sie die Technik, eine Nuss mit einem Stein zu knacken,
halbwegs beherrschen. Das deutet darauf hin, dass sie nicht zu wirklichem
Imitationslernen fähig sind und sich gegenseitig nichts beibringen
können.
Affensprache?
Haben Affen eine Sprache? Untersuchungen, die Robert Seyfarth und Dorothy
Cheney in den 80er-Jahren bei wild lebenden Meerkatzen durchführten,
ergaben, dass die Töne, die sie ausstoßen, mehr sind als
nur expressive Äußerungen von Angst oder Wut. Bestimmte
Töne beziehen sich auf konkrete Objekte oder Ereignisse. Was die
Untersuchung hingegen nicht belegen konnte, war, dass solche Lautäußerungen
absichtsvoll erfolgen.
Seyfarth und Cheney fanden keine Belege dafür, dass die Meerkatzen
eine Einsicht in ihre Handlungen haben. Ihre Lautäußerungen
können demnach auch durch Assoziationslernen erworben sein. In weiteren
Untersuchungen wurde versucht herauszufinden, ob die Kommunikation absichtsvoll
erfolgt. Absichtsvolle Kommunikation findet dann statt, wenn einem Individuum
bewusst ist, dass andere Individuen eine Situation möglicherweise
anders einschätzen, zum Beispiel ein herannahendes Raubtier nicht
wahrnehmen. In diesem Fall hat die Kommunikation das Ziel, andere auf
die eigene Sichtweise hinzuweisen, konkret: sie zu warnen.
Noch lassen sich diese Untersuchungen nicht endgültig bewerten.
Bislang gibt es aber keinen Beleg dafür, dass Primaten auch nur
in Ansätzen begreifen, was sie tun, wenn sie kommunizieren. Ausschließen
kann man es wohl nicht. Klar ist aber, dass Primaten – wie alle
anderen Tiere – nur über gegenwärtige und sichtbare Dinge
kommunizieren. Ein Austausch über vergangene oder kommende Dinge
findet nicht statt.
Die Kommunikation der Menschenaffen lässt sich folglich nicht auf
die gleiche Stufe stellen wie menschliche Sprache. Menschen diskutieren,
konstruieren abstrakte Gedankengebäude und äußern sich
sprachlich über Vergangenes. Sie können spekulieren und Argumente
anderer begreifen und widerlegen. Von bloßen Warnrufen ist das
Welten entfernt.
Täuschung
und die Theorie des Geistes
Man hat beobachtet, dass Menschenaffen andere Individuen täuschen
können. Deutet das nicht auf eine gewisse Intelligenz hin? (12)
Primatenforscher haben herausgefunden, dass wild lebende Affen gelegentlich
Warnrufe ausstoßen, wenn keine Gefahr vorhanden ist – um
so andere Affen von Nahrung oder möglichen Partnern abzulenken.
Auch hier ist nicht klar, ob den Affen bewusst ist, was sie tun. Um jemanden
absichtsvoll zu täuschen, muss man über eine "Theorie
des Geistes" verfügen, das heißt eine Vorstellung davon
haben, was im Kopf des anderen vorgeht.
Manche Forscher wie Richard Byrne räumen zwar ein, dass große
Menschenaffen selbst im Vergleich zu kleinen Kindern nur sehr beschränkte
Fähigkeiten haben, aber dennoch in Ansätzen über eine "Theorie
des Geistes" verfügten. (13) Für den Neurowissenschaftler
Marc Hauser lassen die Studien zum Täuschungsverhalten jedoch offen,
ob dabei absichtsvolles Handeln vorliegt. (14) Der Archäologe Steven
Mithen gibt zu bedenken, dass "selbst die scheinbar überzeugendsten
Beispiele durch Assoziationslernen erklärt werden können, ohne
dass Intentionalität höherer Ordnung ins Spiel käme".
(15)
Selbst wenn man beobachtet, dass Affen einander täuschen, heißt
das nicht, dass sie wissen, dass sie einander täuschen. Es genügt,
dass die Affen geschickt dieses und jenes ausprobieren und dann bei Methoden
bleiben, die ihnen Nahrung oder Schutz oder Sex einbringen – ohne
zu begreifen, wie ihre Handlungen mit dem Ergebnis zusammenhängen.
Selbstbewusstsein
Auch wenn es keine Belege dafür gibt, dass Affen über eine "Theorie
des Geistes" verfügen, könnte es sein, dass sie über
eine Vorstufe einer solchen Theorie verfügen – also über
rudimentäre Selbsterkenntnis. Dafür spricht, dass Menschenaffen,
vom Menschen abgesehen, die einzigen Lebewesen sind, die ihr Spiegelbild
erkennen.
Die Entwicklung des Selbstbewusstseins ist ein komplexer Prozess; verschiedene
Elemente entwickeln sich zu unterschiedlichen Zeiten. Beim Menschen ist
das Erkennen des eigenen Spiegelbilds nur ein Vorläufer der sich
fortlaufend entwickelnden Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung.
Bei kleinen Kindern beschränkt sich die Selbsterkenntnis anfangs
auf körperliche Merkmale. Im Laufe des Reifungsprozesses treten
zunehmend auch psychologische Facetten hinzu. Wenn man kleine Kinder
fragt, wer sie sind, werden sie sich äußerlich beschreiben – über
ihre Haarfarbe oder das Geschlecht. Ältere Kinder ergänzen
dies um innere Qualitäten, beispielsweise Gefühle oder Fähigkeiten.
Dass Menschenaffen sich im Spiegel erkennen können, heißt
nicht, dass sie wie Menschen über Selbsterkenntnis verfügen. Über
die Phase, die Kinder in ihrem zweiten Lebensjahr erreichen, kommen sie
nie hinaus.
Wie Kinder sprechen und denken lernen
Der heutige Stand der Forschung liefert kein eindeutiges Bild der Fähigkeiten
der Menschenaffen. Es spricht jedoch nichts dafür, dass Menschenaffen
absichtsvoll handeln können. Wären sie dazu in der Lage, müssten
sie schneller und vielseitiger lernen. Wie gering die Ansätze von
so etwas wie Verständnis und Intelligenz bei Menschenaffen sind
(so es sie überhaupt gibt), wird deutlich, wenn man vergleicht,
wie sich das Denken bei Kindern entwickelt.
Peter Hobson, Professor für Entwicklungspsychologie und Verfasser
von Wie wir denken lernen. Gehirnentwicklung und die Rolle der Gefühle,
beschreibt es so: "Es ist stets schwierig, Dinge im Abstrakten zu
erwägen. Das gilt im Besonderen dann, wenn es um eine so schwer
zu greifende Angelegenheit geht wie die Entwicklung des Denkens. Einer
der Vorzüge, kleine Kinder zu beobachten, liegt darin, dass man
verfolgen kann, wie sich das Denken, ausgedrückt im Verhalten des
Kindes, entwickelt." (16) Bei älteren Kindern und Erwachsenen
läuft das Denken bereits mehr im Verborgenen ab, während es
bei Kindern, die gerade beginnen zu sprechen, noch weitgehend offen liegt.
Hobson wertete zahlreiche klinische und experimentelle Studien aus, um
nachzuzeichnen, wie sich Menschen im vorgedanklichen Stadium austauschen.
Bereits sehr kleine Kinder sind in der Lage, auf die Gefühle anderer
zu reagieren. Das deutet darauf hin, dass Menschen das angeborene Verlangen
haben, mit anderen in Austausch zu treten. Im Laufe der weiteren Entwicklung
wandelt sich dieses Verlangen jedoch in etwas qualitativ anderes.
Im Alter von ungefähr neun Monaten beginnen Kinder damit, die Eindrücke,
die sie von Dingen haben, mit anderen zu teilen. Sie beobachten die Reaktionen
von Erwachsenen und reagieren, wenn sie sich einer neuen Situation gegenübersehen,
auf deren Gesichtsausdruck oder Stimmlage und handeln entsprechend freudig
oder ängstlich. Mitte des zweiten Lebensjahres wandelt sich diese
Form des Austauschs zu einer bewussteren Form, in der Gefühle, Sichtweisen
oder Überzeugungen ausgedrückt werden.
Kinder erkennen, dass Menschen Dingen Bedeutungen beimessen und diesen
Symbole zugeordnet werden können. Nun beginnen Denken und Sprechen.
Hobson schreibt: "An diesem Punkt lässt das Kind das Säuglingsstadium
hinter sich. Mittels der Sprache und anderer, symbolisch vermittelter
Formen tritt es ein in das Reich der Kultur."
Der russische Psychologe Lew Wygotski (1896-1934) wies als erster nach,
dass ein entscheidender Moment in der Individualentwicklung eintritt,
wenn Sprache und praktische Intelligenz zusammenfinden. (17) Die Verbindung
von Sprechen und Denken führt das Kind auf ein neues Niveau und
macht es erst wirklich menschlich. Mittels der Sprache gelingt es den
Kindern, ihr Verhalten zunehmend zu steuern.
Wygotski wies darauf hin, dass kleine Kinder häufig vor sich hin
reden, wenn sie bestimmte Aufgaben bewältigen. Dieses "egozentrische
Sprechen" verschwindet nicht, es wandelt sich allmählich zu
innerem Sprechen – dem Denken. Wygotski und Luria schlossen daraus,
dass die Verbindung von Sprechen und Denken ein, wenn nicht das, entscheidende
Element der Individualentwicklung ist. (18) Menschenaffen erreichen diese
Entwicklungsstufe nicht einmal in Ansätzen.
Die Entwicklung der Sprache verändert grundlegend die Selbsterkenntnis
des Kindes und sein Verständnis der anderen. Im Alter von drei oder
vier Jahren haben die meisten Kinder eine "Theorie des Geistes" entwickelt.
Als mein Neffe Stefan drei Jahre alt war, erzählte er mir aufgeregt: "Das
ist meine rechte Hand" und hob seine rechte Hand. Und: "Das
ist meine linke Hand" und hob seine linke Hand. "Aber heute
morgen", erklärte er, "habe ich Papa gesagt, dass das
meine linke Hand ist" (und er hob die rechte) "und das meine
rechte Hand" (und er hob die linke). Er fand es lustig, dass er
rechts und links verwechselt hatte. Ganz deutlich war dabei: Er hatte
ein Verständnis dafür entwickelt, dass Menschen Überzeugungen
haben und dass diese Überzeugungen auch falsch sein können.
Menschenfeindlichkeit
Vor etwa sechs Millionen Jahren trennten sich die Entwicklungslinien
von Menschenaffen und Menschen. Die Menschenaffen haben sich seitdem
in ihrem Verhalten und ihrer Lebensweise kaum verändert. Die Menschen
hingegen sind nicht nur biologisch zu ganz anderen Wesen geworden,
sie haben auch eine Kultur entwickelt, die es ihnen möglich macht,
Wissen von Generation zu Generation weiterzugeben.
Die Menschenaffen haben in sechs Millionen Jahren möglicherweise
39 nur lokal zu beobachtende Verhaltensmuster entwickelt, die Werkzeuggebrauch
und Kommunikation betreffen. Ihre Lebensart hat sich dadurch nicht gewandelt.
Im Vergleich ändert sich unser Leben – die Technologie, die
wir benutzen, medizinische Methoden oder die Art, wie wir in Beziehungen
leben – innerhalb nur weniger Jahre erheblich. Die Behauptung,
Menschenaffen seien uns sehr ähnlich, ist grotesk.
Hinter der Aufwertung der Tiere, die sich heute großer Popularität
erfreut, verbirgt sich die Abwertung menschlicher Fähigkeiten.
Diese weit verbreitete Abwertung des Menschen bringt Dr. Roger Fouts
vom Chimpanzee and Human Communication Institute zum Ausdruck, wenn er
sagt: "Die Intelligenz hat uns nicht nur unseren Körpern entfremdet,
sondern auch von unseren Familien, Gemeinwesen und der Erde selbst. Es
könnte für das langfristige Überleben unserer Spezies
ein großer Fehler sein." (19)
Den Unterschied zwischen den Fähigkeiten von Menschen und Tieren
brachte Karl Marx deutlich auf den Punkt: "Eine Spinne verrichtet
Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt
durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was
aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene
auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor
er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat
heraus, das bei Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters,
also schon ideell vorhanden war." (20)
Stephen Budianskys Buch Wenn ein Löwe sprechen könnte erklärt,
wie Tiere Informationen mit jeweils ganz speziellen Fähigkeiten
verarbeiten und auf sie reagieren können. (21) Budiansky zeigt jedoch
auch, dass Tiere oft ausgesprochen "dumme" Dinge selbst in
Situationen tun, die solchen sehr ähneln, in denen sie großes
Geschick beweisen. Das liegt daran, dass sie sich viele Kniffe rein zufällig
angeeignet haben und das Verhalten der Tiere hoch spezialisiert ist.
Ihre Lernfähigkeit ergibt sich nicht aus allgemeiner Denkfähigkeit,
sondern aus "spezialisierten Mustern, die den festgelegten Verhaltensweisen
des Tieres genau angepasst sind."
Wenn wir menschliche Eigenschaften auf Tiere projizieren, sind wir bestenfalls
faul und sentimental. Durch diese Projektion begreifen wir weder Tiere
noch unsere Einzigartigkeit als Menschen. Es liegt eine bittere Ironie
darin, dass wir trotz unserer Fähigkeit, uns selbst und unsere Ursprünge
zu erforschen und zu begreifen, immer mehr dazu neigen, eben diese Sonderstellung
zu verneinen.
Aus
dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann.
Helene Guldberg ist Geschäftsführerin des britischen Partnermagazins
Sp!ked (www.spiked-online.com), in dem dieser Artikel unter dem Titel "Why
humans are superior to apes" in einer längeren Version erschienen
ist. In Novo 64/65 verteidigte sie in ihrem Artikel "Björn
Lomborg – Opfer der Öko-Inquisition" den Autor gegen
selbstgerechte Ökologen.
ANMERKUNGEN
(1) New
Humanist, November 2003.
(2) Vgl. John Gray: Straw Dogs: Thoughts on Humans and Other Animals,
Granta, London, August 2002.
(3) "How animals kiss and make up", BBC News, 13.10.03; "Male
birds punish unfaithful females", Animal Sentience, 31.10.03; "Dogs
experience stress at Christmas", Animal Sentience, 10.12.03; "Capuchin
monkeys demand equal rights", Animal Sentience, 20.9.03; "Scientists
prove fish intelligence", Animal Sentience, 31.8.03; "Birds
going through divorce proceedings", Animal Sentience, 18.8.03; "Bees
can think say scientists", Guardian, 19.4.01; "Chimpanzees
are cultured creatures", Guardian, 24.9.02.
(4) www.greatapeproject.org.
(5) Duane M. Rumbaugh, David A. Washburn: Intelligence of Apes and
Other Rational Beings, Yale University Press 2003.
(6) Frans de Waal, Nature, Vol. 399, 17.6.99.
(7) ebd.
(8) Michael Tomasello: "Primate Cognition: Introduction to the
issue", Cognitive Science, Vol. 24 (3), 2000, S. 358.
(9) B. G. Galef, Human Nature 3, S. 157-178, 1990.
(10) Rezension von Andrew Whiten: "Primate Culture and Social
Learning", Cognitive Science, Vol. 24 (3), 2000.
(11) Michael Tomasello, Josep Call: Primate Cognition, Oxford University
Press, 1997.
(12) Andrew Whiten, Richard Byrne (Hrsg.): Machiavellian Intelligence:
Social Expertise and the Evolution of Intellect in Monkeys, Apes, and
Humans, Oxford 1990.
(13) Richard W. Byrne: How primates learn novel complex skills: The
evolutionary origins of generative planning?, Zusammenfassung unter:
www.saga-jp.org/coe_abst/byrne.htm.
(14) M. Hauser: "A primate dictionary?", Cognitive Science,
Vol. 24(3), 2000.
(15) Steven Mithen: The Prehistory of the Mind: A Search for the Origins
of Art, Religion and Science, Phoenix, 1998.
(16) Peter Hobson: Wie wir denken lernen. Gehirnentwicklung und die
Rolle der Gefühle, Walter Verlag, Düsseldorf 2003.
(17) L. S. Wygotski: Denken und Sprechen, S. Fischer, Frankfurt 1969.
(18) A. R. Luria, L. S. Wygotski: Ape, Primitive Man and Child, CRC
Press LLC, Boca raton, 1991, S. 140.
(19) CHCI Frequently Asked Questions: Chimpanzee Facts: www.cwu.edu/~cwuchci/chimpanzee_info/faq_info.htm.
(20) Karl Marx: Das Kapital, Band 1, III, 5.
(21) Stephen Budiansky: Wenn ein Löwe sprechen könnte, Rowohlt,
Reinbek 2003.
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