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Mit "Hexentipps" das ohnmächtige
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[Heft S.49]
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von Klaus Bittermann:
Der enttäuschte Bürger
[Heft S.50]
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Mit "Hexentipps" das ohnmächtige Ich aufpeppen
Matthias Pöhlmann über Esoterik, Hexen
und Sehnsuchtsreligiosität.
Die esoterische Spiritualität verzeichnet in den letzten Jahren
Zulauf. Können Sie diesen Trend anhand konkreter Zahlen belegen?
In der Tat scheint das Interesse an den diversen Angeboten aus der Esoterik-Szene
ungebrochen zu sein. Nach aktuellen Schätzungen beläuft sich
der Gesamtumsatz im Bereich der Esoterik auf neun bis zehn Milliarden
Euro allein in Deutschland. Für Großbritannien dürften
die Zahlen noch wesentlich höher ausfallen. Insgesamt erweist sich
die Esoterik-Szene als sehr marktförmig: Für scheinbar jedes
Bedürfnis gibt es entsprechende Mittel und Wege. Meist geht es um
angeblich "höhere Erkenntnisse", um Heilungsangebote sowie
um magische Methoden und Techniken, um innere Ressourcen des Menschen
zu erschließen. Dabei werden angeblich verschüttete Quellen
neu entdeckt: die Welt der Schamanen, der Hexen und der Kelten. Teilweise
sind esoterische Themen so selbstverständlich geworden, dass sich
mancher gar nicht mehr darüber aufregt.
Worauf
führen Sie diesen Trend zurück?
Ich betrachte die moderne Esoterik als Sehnsuchtsreligiosität. Gefragt
sind in der Esoterik stark individualisierte Formen von Religiosität,
die fernab von den Kirchen gesucht und gepflegt werden. Als Protest gegen
eine rein rationalistische Weltsicht kommt es jetzt zur Renaissance okkulter
und magischer Praktiken. Mit magischen "Hexentipps" wird das
verwundete und ohnmächtige Ich aufgepeppt. Leider gibt es innerhalb
der Esoterik-Szene eine ausgeprägte Leichtgläubigkeit: So ist
mancher schnell bereit, nahezu alles zu glauben. Und einige sind darüber
hinaus sogar bereit, viel Zeit, Kraft und finanzielles Engagement aufzuwenden.
Im
Zusammenhang mit Esoterik und Okkultismus werden auch "freie Schulen"
genannt, die sich als Alternative zum herkömmlichen Schulbetrieb
darstellen. Betrachten Sie diese Abwendung vom klassischen Bildungsweg
als Problem?
Wichtig erscheint mir, den so genannten Esoterik-Markt von älteren
systemesoterischen Entwürfen wie Theosophie und Anthroposophie zu
unterscheiden, die sich bewusst von diesem "Markt" abgrenzen.
Die Waldorfschulen sind weltanschaulich gebundene Schulen und ihr pädagogisches
Konzept ist von anthroposophischem Geist durchdrungen. Aus Sicht mancher
Eltern sind diese oft die einzige Alternative zum herkömmlichen Schulsystem.
Durch unsere Verfassung ist die Religions- und Weltanschauungsfreiheit
garantiert, ebenso die Möglichkeit weltanschauliche Schulen mit bestimmten
Auflagen zu gründen.
Auf
einer Tagung zum Thema Okkultismus in Hamburg sind kürzlich die Waldorf-Schulen
ins Gerede gekommen. Ein Religionswissenschaftler sprach von einem "ideologisch
gefütterten Unterricht" und davon, dass sich Schulen, die dem
1925 verstorbenen Anthroposophen Rudolf Steiner nahe stehen, nicht genügend
von dessen "rassistischen Aufsätzen" distanzierten. Woran
liegt es Ihrer Meinung nach, dass - anders als in den Niederlanden - eine
kritische Auseinandersetzung mit Steiners Ansätzen in Deutschland
nicht stattfand?
Die 1996 von anthroposophischer Seite eingesetzte Kommission zur Untersuchung
des Verhältnisses von Anthroposophie und Rassenfrage hat ja rund
150 Steiner-Aussagen untersucht, die sich mit Menschen-"Rassen",
"Negern", "Indianern" usw. befassen. Dabei wurden
50 Zitate als erklärungsbedürftig und 12 weitere nach heutigen
gesetzlichen Maßstäben als diskriminierend eingestuft. Für
den deutschen Sprachraum kann man beobachten, dass sich im Blick auf die
Edition von Steiner-Werken ein vorsichtiger, eher stiller Wandlungsprozess
vollzieht. Dabei wird Steiner als "Offenbarer" auch zeitgeschichtlich
eingebunden und indirekt "relativiert". Kritiker bemängeln
jedoch, dass die anthroposophischen Editoren die übrige Forschung
nicht berücksichtigen, geschweige denn zur Kommentierung einbeziehen
würden.
Ein
Sprecher der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft der Rudolf-Steiner-Schulen
wurde zitiert, die "Rassismus-Vorwürfe" gegen Steiner würden
unter Berücksichtigung seines Gesamtwerks nicht tragen. Wie sehen
Sie das?
Rudolf Steiner hatte angeblich Zugang zu einer übersinnlichen Welt.
Aber er war ein Kind seiner Zeit - mehr, als das seine Anhänger wahrhaben
wollen. Er übernahm in seinen Vorträgen und Veröffentlichungen
gängige antijudaistische Überzeugungen seiner Zeit. Trotz der
ihm von anthroposophischer Seite zugeschriebenen übersinnlichen Erkenntnis
höherer Welten muss sein Werk historisch-kritisch betrachtet werden,
um es auch einordnen und bewerten zu können. Das ist meiner Einschätzung
nach bislang nicht bzw. zu wenig geschehen.
Die
Anthroposophie ist verbreiteter, als man denkt. In Natur- und Umweltgruppen
und selbst im Umfeld von grün geführten Bundesministerien und
in der Medienbranche trifft man nicht selten auf Anhänger Steiners.
Meinen Sie, der Informationsstand der Bevölkerung über dessen
"Weltbild" ist ausreichend?
Die Anthroposophie begegnet den Menschen vor allem über ihre Medizin,
die Waldorf-Pädagogik, ihre Architektur und über einschlägige
Produkte (z.B. Demeter). Dieses vielfältige Angebot, der "ganzheitliche
Ansatz" macht sie in der Öffentlichkeit sympathisch. Die weltanschaulichen
Hintergründe sind den wenigsten bekannt. Ich denke, gerade Eltern
sollten sich auch kritisch mit dem Ansatz und dem anthroposophischen Menschen-
und Weltbild befassen, um anschließend bewusster eine Entscheidung
treffen zu können, ob sie ihr Kind auf die Waldorf-Schule schicken
wollen oder nicht.
Vielen
Dank für das Gespräch.
Dr. theol. Matthias Pöhlmann ist wissenschaftlicher Referent
der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW),
zuständig für Esoterik, Okkultismus und Spiritismus (www.ezw-berlin.de).
Als Buch ist von ihm zuletzt mit herausgegeben worden: Panorama der
neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des
21. Jahrhunderts (Gütersloh 2001). Die Fragen stellte Thomas
Deichmann.
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