archiv
71  Juli/August 2004 WISSENSCHAFT UND ÖKOLOGIE

INFOS

Info zu den Autoren zu den Autoren

Fußnoten Fußnoten

Lesetipps Lesetipps

Webtipps Webtipps

 

 
NOVO abonnieren
 
 

Inside

NOVO 71

Cover NOVO 71

Was Konsumenten
wollen müssen


von Peter Langelüddeke
und Thomas Deichmann


 
 
 
 
 
 
 
 

Für manche ist das sinkende Interesse an Büchern eine beängstigende Entwicklung.

 

Heft 71: Übersicht
 




Was Konsumenten wollen müssen

 

Wahlfreiheit à la Greenpeace hat weder mit Wahl noch mit Freiheit zu tun, sagen Peter Langelüddeke und Thomas Deichmann.



Seit Mitte April gelten EU-weit neue Kennzeichnungsregeln für Lebens- und Futtermittel aus transgenen Nutzpflanzen. Das eröffnete, wie erwartet, sogleich ein neues Betätigungsfeld für Organisationen wie Greenpeace, die von der Grünen Gentechnik nichts wissen wollen. Sie zielen darauf ab, Unternehmen, die in der Kette der Lebensmittelherstellung agieren, dazu zu bringen, sich von den Anwendungen der modernen Biowissenschaften zu distanzieren. Reichten diese Firmen in der Vergangenheit den kleinen Finger und kündigten an, die von Greenpeace und anderen hoch gepeitschten "Sorgen der Verbraucher" ernst und zum Beispiel GV-Lebensmittel nicht ins Sortiment zu nehmen, werden heute die Schrauben weiter angezogen. Nun ist die gesamte Warenkette dazu aufgefordert worden, nicht nur keine gentechnisch veränderten Lebensmittel, sondern auch keine Lebensmittel von mit GV-Futtermitteln versorgten Nutztieren ins Regal zu stellen - wie zum Beispiel Milch, Fleisch oder Käse von Kühen, denen Sojaschrot, Maiskleber oder andere proteinhaltige Zusätze transgenen Ursprungs ins Futter gemischt wurde. Da bis heute kein besonderes Risiko für diese Praxis bekannt ist, kann Greenpeace auch keine faktischen Argumente für den Warenboykott liefern und versucht stattdessen, die Unternehmen an der empfindlichsten Stelle zu treffen: bei der Akzeptanz der Verbraucher. Das Mittel der Wahl ist die Verleumdungsdrohung.

Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in der EU schon seit 1997/98 zu kennzeichnen. Greenpeace sah hierin von Anfang an eine Chance, sich als vermeintliche Verbraucherschutzorganisation zu profilieren und Mitglieder zu gewinnen. Eines der ersten Opfer war Nestlé mit seinem Schokoriegel "Butterfinger", der ab September 1998 in Deutschland angeboten wurde. Er enthielt Bestandteile aus transgenem Mais und unterlag damit der Kennzeichnungspflicht: ein gefundenes Fressen für Fortschrittsmuffel. In einer groß angelegten Kampagne wurde der Butterfinger von Greenpeace als gefährliches Teufelszeug diffamiert. Nestlé gab klein bei und nahm den Butterfinger, den ohnehin kaum jemand kaufen wollte, im Sommer 1999 wieder vom Markt.

Bereits im Spätsommer 1998 war eine große Kampagne gegen "Gen-Food" angelaufen. Greenpeace verlangte von Handelsketten die Erklärung, zumindest bei Eigenmarken auf gentechnisch veränderte Rohstoffe zu verzichten. Die Unternehmen waren zunächst unwillig und mussten sich von Greenpeace den Vorwurf gefallen lassen, sie setzten sich unbeirrt über die "Ablehnung der Verbraucher" hinweg - zu einem Zeitpunkt, als sich noch kaum ein Bürger für das Thema interessierte. So waren auch keine sinkenden Umsätze zu verzeichnen, als man die Einschüchterungsversuche von Greenpeace links liegen ließ. Doch die Umweltorganisation ließ nicht locker; hinzu kam der Einzug der Grünen in die Bundesregierung. Mit vereinten Kräften wurde fortan die Vorstellung gestärkt, die Grüne Gentechnik sei gefährlich. Schließlich beugten sich im Sommer 1999 die ersten Firmen dem Druck der PR-Profis - zuerst Tengelmann, dann Rewe, Edeka, Spar, Lidl und schließlich auch Aldi. Später folgten weitere Einzelaktionen gegen McDonald's und das KaDeWe in Berlin. Im Dezember 2003 gab auch der Metrokonzern nach und erfüllte die Forderung der Anti-Biotech-Lobbyisten, keine transgenen Lebensmittel mehr anzubieten.
An diesen und weiteren Kampagnen wurde vor allem eines deutlich: Greenpeace beruft sich zwar immer auf die Ablehnung der Gentechnik durch die Verbraucher. In Wirklichkeit geht es aber nicht um Wahlfreiheit, denn den Verbrauchern soll nicht einmal die Chance gegeben werden, sich für oder gegen GV-Produkte zu entscheiden. Die Wahlfreiheit, die Greenpeace meint, ist die zwischen "ohne Gentechnik" und "gentechnikfrei".

Die Situation innerhalb der EU änderte sich, als im Herbst 2003 zwei Verordnungen zur Kennzeichnung1 und zur Rückverfolgbarkeit2 verabschiedet wurden. Seit Mitte April 2004 müssen nun Lebensmittel, die aus gentechnisch veränderten Rohstoffen hergestellt werden, auch dann gekennzeichnet werden, wenn im Endprodukt keine Spuren solcher transgenen Ausgangsstoffe mehr nachzuweisen sind. Greenpeace und andere Organisationen begrüßten das und befürworteten auch, dass neben den Lebensmitteln auch Futtermittel zu kennzeichnen sind. Aber sie kritisierten, dass man (bei den ohnehin schon absurden Kennzeichnungsvorschriften) nicht noch weiter gegangen sei. So brauchen Lebensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier von Tieren, die mit transgenen Pflanzen gefüttert worden sind, nicht gekennzeichnet zu werden.

Greenpeace erkannte diese Lücke und machte sich sogleich daran, seine Anti-Gentechnik-Kampagne neu auszurichten. "80 Prozent der Schweine in Deutschland fressen noch gentechnisch verändertes Futter", hieß es Anfang Januar 2004.3 "Gen-Detektive" wurden aufgefordert, "in den Supermärkten" genau zu gucken, "wo gekennzeichnete Produkte zu finden sind, wer der Hersteller und die Händler sind. Dann können wir genau sehen, gegen welche Produkte wir vorgehen können."
Es ging also wieder einmal darum, Lebensmittelhersteller und Händler, die ordnungsgemäß gekennzeichnete Produkte anbieten, an den Pranger zu stellen. Anfang April kündigte Greenpeace an: "Zusammen mit Verbrauchern wird Greenpeace Gen-Food aufspüren und sichtbar machen."4 Entsprechend erschienen einige Tage später die ersten Hilfs-Sheriffs in Supermärkten, um zu kontrollieren, ob alles sauber ist.5 Wer sich an dieser Aktion beteiligen wollte, wurde aufgefordert, ein "Gen-Protokoll" auszufüllen und unter dem Motto "Geben Sie Gen-Alarm" an Greenpeace weiterzuleiten. Mitte Mai firmierte die Kampagne unter dem Slogan "Verbraucher warnen Verbraucher".6 In bewährter Manier wurde so der irrige Eindruck erweckt, der Verzehr von Lebensmitteln, bei deren Produktion an irgendeiner Stelle die Gentechnik zum Einsatz kam, sei eine Gefahr für Menschen, Tiere oder Umwelt.

Für den "Einkaufsratgeber für gentechnikfreien Genuss", den Greenpeace anlässlich der Grünen Woche 2004 präsentierte, ordneten die Gentech-Fahnder mehr als 400 Firmen in grüne, gelbe und rote Listen.7 Maßgeblich für die Klassifizierung waren die Antworten der Firmen auf eine Greenpeace-Umfrage. Unternehmen, die nicht die gewünschten Erklärungen abgegeben hatten - also solche, die sich an der Umfrage nicht beteiligt hatten, und solche, die sich nicht kategorisch von der Gentechnik distanzierten -, wurden als "nicht empfehlenswert" auf die rote Liste gesetzt. Dieser "Einkaufsratgeber" wurde in den folgenden Wochen massenhaft unters Volk gebracht, er lag Ende Juni bereits in der vierten Auflage vor. Schon Mitte Mai überreichte Greenpeace das einmillionste Exemplar dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt.8 Im Ratgeber ist zu lesen: "Verbraucher haben die Wahl." Die wahre Botschaft aber ist: "Wir dürfen dem Verbraucher keine Wahl lassen." Auf den Punkt brachte dies ein Kommentator in der Zeit. Er schrieb: "Greenpeace weiß, was Kunden wünschen müssen."9

Natürlich waren Branchenkenner nicht im Geringsten überrascht von der neuen Kampagne gegen die Gentechnik im Tierfutter. Greenpeace hatte schon seit Jahren immer wieder gegen Futtermittel mit oder aus transgenen Rohstoffen protestiert, ohne die angeblich damit einhergehenden Gefahren sachlich fundiert belegen zu können. An Slogans und Meldungen wie "Gentechnik: Dank Novartis bald auch in Ihrem Milchglas"10, "Tierfutter auf ‚Grüner Woche' enthält Gen-Soja"11 und "Gentechnik im Trog. Wie mit Schweinefraß und Hühnerfutter experimentiert wird"12 hatte sich die Branche schon fast gewöhnt.
Auch dass die Verunglimpfungen ein Ende finden würden, erwartete niemand wirklich, denn die Greenpeace-Angstkampagne verlief aus Sicht der Organisation doch ziemlich erfolgreich. Zudem waren etliche wissenschaftliche Untersuchungen, welche belegen, dass Nahrungsmittelprodukte von Tieren, die transgenes Futter bekommen hatten, keine besonderen Risiken bergen und dass sie sich in keiner Weise von solchen aus konventionell gefütterten Beständen unterscheiden, geflissentlich unter den Teppich gekehrt worden.13

So war es nur eine Frage der Zeit, bis Greenpeace mit der nächsten "Gensation" für Furore zu sorgen suchte. Ende April war es soweit, am 22. wurde verkündet: "Sabotage bei Gen-Kennzeichung".14 Als Anlass diente die Erklärung einer Hamburger Importfirma, "dass ihre Ware auch dann als Gen-Soja gekennzeichnet" würde, wenn in der Lieferung gar keine "Gen-Pflanzen" enthalten seien. Hintergrund dafür ist die Futterhändlern bekannte Tatsache, dass ein hoher Anteil des weltweiten Sojaangebots mittlerweile auf transgenen Pflanzen beruht und dass eine Trennung konventioneller und transgener Sorten im Zuge der Vermarktung nicht nur unbegründet, sondern auch sehr aufwändig ist und daher bislang kaum vollzogen wird. Außerdem drohen innerhalb der EU und insbesondere in Deutschland hohe Strafen für den Fall, dass transgene Waren ohne Kennzeichnung auf den Markt kommen. Einige Handelsunternehmen sind deshalb dazu übergegangen, lieber gleich "mit Gentechnik" auf alle ihre Sojasäcke stempeln zu lassen.
Greenpeace gefällt das gar nicht. Dieses Vorgehen verstoße gegen EU-Recht, und durch die möglicherweise falsche Kennzeichnung würden Landwirte von Futtermittelkonzernen "gezwungen", als "Gen-Futter" deklarierte Ware zu kaufen, wurde verlautbart. Die Futtermittel-Industrie hielt zu Recht dagegen, in den meisten Soja-Anbaugebieten würde gentechnisch verändertes Saatgut genutzt, weshalb ihnen das Risiko, Soja fälschlicherweise als gentechnikfrei zu deklarieren, zu groß sei.15 Verbraucherschutzministerin Künast stieß ins gleiche Horn wie Greenpeace und erklärte, auch eine vorsorglich falsche Deklaration verstoße gegen geltende Gesetze. Dabei geht es den Unternehmen im Grunde nur darum, den Aufwand für aus wissenschaftlicher Sicht sinnlose Kontrollen zu sparen. Sie nehmen dafür sogar in Kauf, dass sie ihre Waren wegen der Gentech-Kennzeichnung zu niedrigeren Preisen anbieten müssen.

Schon bald fiel den PR-Strategen in Hamburg der nächste Coup ein. In der "Roten Liste" fanden sich auch die Firmen Sachsenmilch und Weihenstephan - beide mit dem Zusatz "Müller-Milch". Das passte gut, denn Müller-Milch war zuvor bundesweit in die Kritik geraten, weil erwogen wurde, den Firmensitz aus steuerlichen Gründen in die Schweiz zu verlegen. Greenpeace konnte also mit Vorbehalten mancher Verbraucher rechnen und fragte Ende April: "Wie viel Gentechnik steckt in Müller-Milch?" Die offiziellen Firmenangaben dazu wurden angezweifelt, und Greenpeace verlangte die Vorlage von Verträgen, die belegten, dass glückliches Müller-Milch-Vieh tatsächlich nicht mit transgenem Futter versorgt wird.16 Laut Greenpeace hatte Müller-Milch erklärt, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um "Gen-Pflanzen" im Futter der Milchkühe auszuschließen. Doch im Anschluss hatten Greenpeace-Prüfbrigaden auf Müller-Milch-Höfen einen "erheblichen Anteil an transgener Soja" entdeckt. "Der Milch-Riese muss Verträge mit den Milchbauern abschließen, die ganz klar zu einer Fütterung ohne Gen-Soja und Gen-Mais verpflichten und faire Preise garantieren. Müller muss zudem für ausreichende Überwachung sorgen. Fehlen diese verbindlichen Schritte, kann der Verbraucher von Müller nichts erwarten außer viel heißer Luft und Gen-Milch", erklärte großspurig Christoph Then, einer der zahlreichen so genannten "Gentechnik-Experten" von Greenpeace.

Fassen wir den letzten "Skandal" zusammen: Selbst ernannte "Inspektoren" eines Privatklubs, der über keinerlei öffentliches und demokratisch legitimiertes Mandat verfügt und sich dennoch als Volkes Stimme ausgibt, spielen sich als Kontrolleure auf und besuchen fremde Bauernhöfe, um sich in der Folge anzumaßen, nicht nur Verbrauchern, sondern auch Landwirten und Firmen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie beleben damit freilich vor allem das eigene Geschäft, das auf der Verunsicherung von Bauern und Bürgern beruht, um Spenden für den Kampf gegen das selbst gebastelte Böse sammeln zu können. Und so geht die Kampagne munter weiter. "Milchreis schmeckt ohne Gen-Milch einfach besser", hieß es am 3. Mai.17 Greenpeace demonstrierte an diesem Tag auf dem Münchener Marienplatz zusammen mit "Spitzenköchen", wie gut Milchreis-Gerichte mit Milch von Kühen schmeckten, die keine "Gen-Pflanzen" im Futtertrog hatten. Ein Geschmacksvergleich wurde freilich nicht geboten, denn selbstverständlich weiß auch der kleinste Greenpeace-Ortsgruppenkampagnenwart, dass es Geschmacksunterschiede bei Milchreis mit und ohne transgenem Futtereinsatz nicht gibt. Wenige Tage später wurde dann ein "Muh-Mobil" vor dem Sachsenmilchwerk in Leppersdorf in Position gebracht.18 Dieses Gefährt soll offenbar dazu dienen, im kommenden Sommerloch immer mal wieder für Schlagzeilen zu sorgen. Parallel dazu laufen noch andere Aktionen: auf einer Hotline dürfen Gesinnungsgenossen ihre Stimme gegen "Gen-Milch" erheben. Und Aktivisten sind mit Warnaufklebern "Gen-Milch - Hände weg!" ausgerüstet worden, um sie in Supermärkten auf Müller-Produkten zu platzieren.19

Doch alsbald beschäftigten sich erstmals Gerichte mit den Greenpeace-Aktionen - Müller-Milch beantragte am 26. Mai am Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung zur Unterlassung geschäftsschädigender Äußerungen.20 Erwartungsgemäß lehnte Greenpeace eine am 13. Juni vom Gericht vorgeschlagene außergerichtliche Einigung ab und leitete stattdessen seinerseits ein Verfahren gegen die Müller-Marke Weihenstephan und deren Produktbezeichnung "Alpenmilch" ein - ein geschicktes taktisches Manöver, um weiter in den Schlagzeilen bleiben zu können. 21 In einem internen Rundschreiben von 14. Juni wurden die regional zuständigen Greenpeace-Kampagnenleiter informiert, dass auch die Greenpeacezentrale davon ausging, dass das Landgericht bei seiner für Ende Juni angekündigten Entscheidung Müller-Milch "in den meisten Punkten Recht geben" würde. So geschah es denn auch: Am 23. Mai verhängte das Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen Greenpeace, mit der dem Verein untersagt wurde, seine Diffamierungskampagne gegen Müller-Milch fortzusetzen und im Hinblick auf die Produkte der Unternehmensgruppe bspw. den Begriff "Gen-Milch" zu verwenden oder zu behaupten, in den Müller-Produkten sei "Gentechnik" enthalten. Nach "unumstrittener wissenschaftlicher Erkenntnis" führe der Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel nicht zu Veränderungen der Milch", so der Richter. Greenpeace habe Tatsachenbehauptungen aufgestellt, "die evident falsch sind". Bei Zuwiderhandlung wurde ein Ordnungsgeld in Höhe von 250.000 Euro oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten angeordnet. Obwohl mit einem solchen Urteil gerechnet wurde, erhielten die Aktivisten im internen Rundschreiben vom 14. Juni genaue Anweisungen, wie sie unter dem Motto "Let's Rock Them Hard!" in den kommenden Tagen "Müller so richtig auf die Nerven gehen" könnten: "Doch noch haben wir 12 Tage Zeit. Deshalb der Aufruf an Euch: bis zum 23. Juni können wir noch alle unsere Kampagnen-Tools nutzen. Alles muss raus." Um die Schadensersatzforderung von Müller-Milch nicht weiter in die Höhe zu treiben, wurden sie lediglich dazu aufgefordert, in den Supermärkten keine Müller-Produkte mehr zu kennzeichnen.22

Ähnlich alberne Kindergartenstreiche gegen die Gentechnik werden auch im Ausland durchgeführt: Am 22. April "überprüften" Greenpeace-Inspektoren im Hafen von Rio Grande im Süden Brasiliens einen Frachter, verlangten Auskünfte und Belege über die Herkunft der geladenen Futtermittel. Als der Kapitän der Forderung nicht nachkam, wurde sein Schiff als "genmanipuliert" deklariert.23 Sechs Tage später enterten Greenpeace-Detektive ein Frachtschiff vor Malaga, erklommen Ladekräne und Maste und entfalteten ein Banner gegen die "Kontaminierung spanischer Lebensmittel".24 Am 10. Mai umzingelten dann Freizeitaktivisten aus dem Greenpeace Adventure Club im Hafen von Ravenna ein Lagerhaus, nachdem sie dort "Gen-Soja" entdeckt hatten.25 Zur gleichen Zeit wurden im Hafen von Chioggia die Verladearbeiten auf einem argentinischen Frachter behindert, der mit transgener Soja in See stechen wollte.26 Und im Hafen von Brake an der Unterweser versuchten Ökoabenteurer in neun Schlauchbooten einen mit "Gen-Sojaschrot" beladenen Frachter am Anlegen zu hindern.27 Etwa 60 Polizeibeamte mit Hubschraubern und Streifenbooten kamen zum Einsatz, die Schlauchboote wurden beschlagnahmt und 22 Aktivisten vorübergehend festgenommen. Sie erwartet nun ein Strafverfahren wegen Gefährdung des Schiffsverkehrs.28 Bei der Aktion wurden zwei Schlauchboote zerstört, worauf von der Greenpeace-Zentrale zum Besten gegeben wurde: "So wie hier gegen unsere Schlauchboote vorgegangen wird, so soll auch mit dem Verbraucher umgegangen werden."

Und so weiter, und so fort. Sicher wird Greenpeace das florierende Geschäft mit der Angst in bewährter Manier weiter betreiben - so lange jedenfalls, wie in weiten Teilen der Gesellschaft der irrige Eindruck wach gehalten werden kann, der "Kampf" gegen die Grüne Gentechnik sei ehrenwert und erfolge im Dienste der Menschheit.
Politische Entscheidungsträger sollten wissen, dass das ein Trugschluss ist und entsprechend handeln. Der Finanzminister Sachsen-Anhalts, Karl-Heinz Paqué, hat angekündigt, er wolle auf politischem und juristischem Wege erreichen, dass Greenpeace die "Gemeinnützigkeit" aberkannt werde.29 Es wird Zeit, dass jemand auf diese Idee kommt; von einem kanadischen Gericht ist Greenpeace der Status der Gemeinnützigkeit bereits verweigert worden.30 Lebensmittelproduzenten und der Handel sollten bei dem ganzen Brimborium um die Grüne Gentechnik bedenken, dass sich die Spielchen von Greenpeace zwar vordergründig um die Angst der Verbraucher drehen mögen. Aber ernste Sorgen um die eigene Gesundheit macht sich heute glücklicherweise kaum noch jemand, wenn er durch die Supermarktgänge streift. Das Greenpeace-Geschäft floriert momentan vielmehr auf Grundlage der florierenden Angst in der Lebensmittelbranche, zum Opfer von Kampagnen zu werden. Um das zu vermeiden, lässt man sich mitunter sogar in vorauseilendem Gehorsam das eigene Geschäft von Greenpeace diktieren. Das wird sich rächen - früher oder später -, denn man macht sich angreifbar für alle nur denkbaren Irrationalismen. Selbst schuld, ist man fast geneigt zu sagen, wenn man sich von der selbst ernannten Gen-Polizei über Jahre vorführen lässt, statt mit einem Ruck und vor allem gemeinsam mal ein ordentliches Gentech-Sortiment in die Regale zu stellen.

 

 

 


 

Dr. Peter Langelüddeke ist pensionierter Diplomlandwirt. Sein beruflicher Arbeitsschwerpunkt lag bei der Erforschung und Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln. Thomas Deichmann ist freier Journalist und Chefredakteur von Novo.


 



 

FUSSNOTEN

1 Verordnung (EG) Nr. 1829/2003 über genetisch veränderte Lebensmittel und Futtermittel.
2 Verordnung (EG) Nr. 1830/2003 über Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung.
3 Greenpeace: News zu Greenpeace- und Umweltthemen. EinkaufsNetz: "Verbraucher mischen mit", 2.1.04.
4 Greenpeace-Presseerklärung: "Greenpeace und Gen-Detektive kontrollieren Lebensmittel", 2.4.04.
5 Greenpeace: News zu Greenpeace- und Umweltthemen. EinkaufsNetz: "Sherlock Holmes im Supermarkt", 16.4.04.
6 Greenpeace: "Gen-Protokoll"; Greenpeace EinkaufsNetz: "Ich werde Gen-Detektiv", 12.5.04.
7 Greenpeace: "Essen ohne Gentechnik. Ein Einkaufsratgeber für gentechnikfreien Genuss", 2004.
8 Greenpeace Presseportal: "Greenpeace überreicht millionsten Einkaufsratgeber ‚Essen ohne Gentechnik'", 12.5.04.
9 "Entmündigt, zum Zweiten. Greenpeace weiß, was Kunden wünschen müssen", Die Zeit, Nr. 17/2004.
10 Greenpeace: "Gentechnik: Dank Novartis bald auch in Ihrem Milchglas", 6.10.98.
11 Greenpeace-Presseerklärung: "Greenpeace: Tierfutter auf Grüner Woche enthält Gen-Soja. BSE, Antibiotika … Gen-Soja - Futtermittelindustrie hat nichts dazugelernt", 18.1.02.
12 Greenpeace: "Gentechnik im Trog. Wie mit Schweinefraß und Hühnerfutter experimentiert wird", 8/03.
13 Flachowsky, G. / Aulrich, K.: "Tierernährung und genetisch veränderte Organismen", Landbauforschung Völkenrode, Heft 1/1999, S.13-20; Flachowsky, G. / Aulrich, K.: "Nutritional assessment of feeds from genetically modified organisms", Journal of Animal and Feed Sciences, 10, Suppl.1, 2001, S.181-194.
14 Greenpeace News zu Greenpeace- und Umweltthemen. Gentechnik: "Sabotage bei Gen-Kennzeichnung", 22.4.04.
15 Deutschlandfunk - Umwelt und Landwirtschaft: "Undurchsichtige Nahrung", 23.4.04.
16 Greenpeace-Presseerklärung: "Wie viel Gentechnik steckt in Müllermilch? Greenpeace zweifelt an Firmenangaben und fordert klare Verträge", 30.4.04.
17 Greenpeace-Presseerklärung: "Spitzenköche und Greenpeace kochen gemeinsam gegen Gentechnik. Greenpeace entdeckt Gen-Soja bei Milchbauern von Müller", 3.5.04.
18 Greenpeace News zu Greenpeace- und Umweltthemen. Gentechnik: "Machen Sie mit: Muhen gegen Müllermilch", 10.5.04.
19 Presseportal: "Greenpeace kennzeichnet bundesweit Gen-Milch im Kühlregal / Müllermilch will nicht auf Gen-Futter für Kühe verzichten", 17.5.04.
20 "Antrag auf Erlassung einer einstweiligen Verfügung der Unternehmensgruppe Theo Müller GmbH und Co. KG", 26.5.04 (veröffentlicht auf www.greenpeace.org).
21 "Gen-Pflanzen für die ‚Alpenmilch'", Greenpeace Pressemeldung, 8.6.04.
22 "Müller Aktivitäten", Greenpeace Rundmail, 14.6.04.
23 Greenpeace: News zu Greenpeace- und Umweltthemen. Gentechnik: "Brasilien: Besser ohne Gen-Saat", 22.4.04.
24 Greenpeace: News zu Greenpeace- und Umweltthemen. Gentechnik: "Vom ,Winner' zum ,Loser'", 28.4.04.
25 Greenpeace: News zu Greenpeace- und Umweltthemen. Gentechnik: "Lagerhaus für Gen-Soja umzingelt", 10.5.04.
26 Greenpeace: News zu Greenpeace- und Umweltthemen. Gentechnik: "Protest gegen Gen-Soja in 15 Metern Höhe", 13.5.04.
27 Greenpeace-Presseerklärung mit Update: "Gen-Soja-Frachter unerwünscht"; Aktualisierung: "Gen-Soja-Frachter gefährdet Umweltschützer", 13.5.04.
28 Yahoo! Nachrichten: "Protest gegen Gen-Soja - 22 Greenpeace-Aktivisten festgenommen", 13.5.04.
29 "Schwere Zeiten für Greenpeace. Nach Sabotage an Gen-Versuch droht Aberkennung der Gemeinnützigkeit", Stuttgarter Nachrichten, 5.5.04.
30 "Greenpeace hat sich von Logik und Wissenschaft verabschiedet", Interview mit dem Mitbegründer von Greenpeace, Patrick Moore, Novo46, 5-6 2000 (s.a. www.novo-magazin.de/46/novo4640.htm)


 

LESETIPPS

o Die Welt, 5.7.2004: http://www.welt.de/data/2004/07/05/301021.html?s=1
Greenpeace droht Verlust der Gemeinnützigkeit
Sachsen-Anhalt prüft bereits entsprechende Schritte

o Die Welt, 26.6.04: http://www.welt.de/data/2004/06/28/297632.html?search=Greenpeace&searchHILI=1
Auf fremden Äckern
Nicht erst seit der aggressiven Kampagne gegen Müllermilch fordern Politiker, dass Greenpeace die Gemeinnützigkeit aberkannt wird - Ein Gespräch mit dem Gentechnik-Experten der Umweltschützer

o Die Welt, 24.6.04: http://www.welt.de/data/2004/06/24/295768.html
Alles Müller. Sonst nichts
Greenpeace darf Müllermilch nicht länger wegen der Verwendung von Gentechnik diffamieren, entschied gestern ein Gericht. Es ist nicht die erste Niederlage der Umweltschützer. Schon werden Rufe laut, dem Verband die Gemeinnützigkeit abzuerkennen

o Die Welt, 24.6.04: http://www.welt.de/data/2004/06/24/295767.html?search=Greenpeace&searchHILI=1
Im Regenbogenland
o Die Welt, 22.6.04: http://www.welt.de/data/2004/06/22/294874.html?search=Greenpeace&searchHILI=1
Protest gegen Gen-Food im Trog
Umweltschützer fordern Verzicht auf genetisch verändertes Tierfutter

o Die Welt, 22.6.04: http://www.welt.de/data/2004/06/22/294874.html?search=Greenpeace&searchHILI=1
Umkehr der Beweislast
Leitartikel

o Novo Magazin, Nr.60: http://www.novo-magazin.de/60/novo6034.htm
China versus Greenpeace
Pia Rufener Al Mazyad und Klaus Ammann über eine Kampagne der vermeintlichen Naturschützer.

o Novo Magazin, Nr. 46: http://www.novo-magazin.de/46/novo4640.htm
"Greenpeace hat sich von Logik und Wissenschaft verabschiedet"
Michael Miersch im Gespräch mit dem Mitbegründer und Kritiker von Greenpeace, Patrick Moore.

o Zeitschrift für Biopolitik, Nr.1, 3.Jg. 2004: http://www.biocom.de/zfb/zfb-ausgabe.htm
Peter Langelüddeke: Greenpeace: Taktiken im Kampf gegen die Grüne Gentechnik.


 

WEBTIPPS

www.transgen.de
www.biosicherheit.de
www.erprobungsanbau.de
www.gentechnik-kennzeichnung.de
www.muellergroup.com
www.greenpeace.de



 



   
© Copyright 1999-2009   Novo Argumente Verlag GmbH



Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können...  >> Dafür steht NOVO