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Inside Besatzungsmacht
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Seit Beginn der 90er-Jahre werden - mehr aus Ratlosigkeit denn aus Überzeugung - internationale Protektorate in Krisenregionen errichtet. Im Irak nimmt die Verunsicherung der Besatzer neue Formen an. Von Matthias Heitmann.
Die
neue irakische Souveränität ist ein seltsames Gebilde. Über
Monate debattierte die Weltöffentlichkeit über Zeitpunkt und
Modalitäten der Rückübertragung der Regierungsgewalt an
die Iraker. Gleichzeitig und fast unbemerkt baute die amerikanische Zivilverwaltung
im Irak (CPA) ein System von Beratungskommissionen auf, deren Aufgabe
es nun ist, den irakischen Ministerien bei ihren "souveränen"
Entscheidungen zu helfen. Das Wall Street Journal nannte dieses amerikanische
Kommissionssystem eine "Parallelstruktur", ohne deren Zustimmung
die neue irakische Regierung auch in Zukunft nicht werde agieren können.1
Neben den Beraterstäben haben sich auch die bisherigen US-Zivilverwalter
auf einen weiteren Verbleib im Irak eingerichtet - wenngleich unter anderem
Namen: Die Behörde werde sich, wie es ihr Leiter Paul Bremer ausdrückt,
in "die größte Botschaft der Welt ... mit Tausenden US-Regierungsvertretern
aus allen großen Behörden" verwandeln.2 In der öffentlichen Debatte wird häufig die Forderung erhoben, dem Irak müsse auf dem Weg zu Demokratie und Wohlstand auf andere Art geholfen werden, als es die USA mit ihrer Koalition täten. Viele sehen ein stärkeres Eingreifen der Vereinten Nationen in der Krisenregion als mögliche Alternative zur Bush-Politik, die sich, so der weit verbreitete Vorwurf, nach dem 11. September 2001 von den Grundsätzen humanitärer und solidarischer "Weltinnenpolitik" verabschiedet habe. Dennoch sei an dieser Stelle die Frage gestattet: Ginge es den Irakern unter einem UN-Protektorat wirklich besser? Welche Erfahrungen hat die Welt in den letzten zehn Jahren mit Protektoraten dieser Art gemacht? Szenenwechsel:
Seit dem Daytoner Friedensabkommen vom Herbst 1995 ist Bosnien-Herzegowina,
wenngleich international als souveräner Staat anerkannt und in zahlreichen
internationalen Organisationen vertreten, ein international verwaltetes
Protektorat geblieben. Zwar existieren bosnische Parlamente und Regierungen
auf regionaler wie auf nationaler Ebene, die Macht im Staate liegt aber
beim "Hohen Beauftragten für Bosnien und Herzegowina" und
"EU-Sonderbeauftragten", zurzeit verkörpert durch den Briten
Lord Paddy Ashdown. Seit 1997 kann der Hohe Beauftragte im Namen der internationalen
Staatengemeinschaft sowohl gewählte bosnische Amtsträger ent-
als auch Gesetze per Dekret erlassen oder rückgängig machen.
Im Vergleich zu Ashdowns Verwaltungsapparat erinnert das bosnische Parlament
an eine Schülervertretung. Bosnien ist kein Einzelfall. Auch im Kosovo ist die Situation so verfahren, dass von demokratischer Entwicklung und Selbstbestimmung keine Rede sein kann. Auch hier stützt sich der Chef der UN-Verwaltung (UNMIK) auf quasi-diktatorische Kompetenzen und die Präsenz ausländischer Truppen. Und auch hier zeigen die Konflikte zwischen den Volksgruppen, dass die Errichtung des Protektorats vor fünf Jahren zwar die offiziellen Kampfhandlungen beendet, aber die Gesellschaft auf dem Weg in Richtung Normalisierung in einem latenten Kriegszustand einzementiert hat. Dem Westen bleibt daher kaum etwas anderes übrig, als seine Präsenz in Bosnien und im Kosovo aufrechtzuerhalten. Positive Ziele werden mit der fast schon routinemäßigen Verlängerung der Mandate für die verschiedenen Missionen im ehemaligen Jugoslawien kaum noch verbunden; es geht einzig darum, die Europäische Union als handelnde Einheit darzustellen und die Lage vor Ort stabil zu halten - beides scheint nur durch eine fortgesetzte Besetzung möglich. Dasselbe gilt auch für Mazedonien, dessen Verfassung im Jahr 2001 auf amerikanischen Druck hin so umgeschrieben wurde, dass es ohne fremde militärische Präsenz nicht überlebensfähig wäre. Innerhalb von drei Jahren hat sich das Land - sozusagen im Interesse der schwachen Regierung in Skopje - in einen Nato-Truppenübungsplatz verwandelt.3 Für die Menschen in den Krisenregionen ist es also letztlich unerheblich, ob die sie beherrschende Stagnation von den Vereinten Nationen, der Europäischen Union, der Nato oder den Vereinigten Staaten ausgeht. Auch in Afghanistan und im Irak wird dies keinen Unterschied machen, wenngleich es scheint, als habe der Westen dort nicht einmal mehr das Ziel, durch die Errichtung robuster Protektorate zumindest die Kämpfe zu ersticken. Während auf dem Balkan noch vergleichsweise zielorientiert und nachdrücklich operiert und die Region flächendeckend zum Stillhalten gezwungen wurde, ist nun sogar dieses Minimalziel der allgemeinen Desillusionierung und Verunsicherung zum Opfer gefallen: Die afghanische Regierung hat ohne Präsenz internationaler Streitkräfte nicht einmal mehr die Hauptstadt Kabul im Griff. Im Irak deutet sich Ähnliches an. Kein Wunder also, dass die beiden Regierungen förmlich darum betteln, dass die Besatzer "ihre" Souveränität verteidigen - auch wenn damit der Anspruch, tatsächlich "souverän" werden zu wollen, ad absurdum geführt wird. Warum
führt westliche Friedenspolitik immer wieder in derartige Sackgassen?
Vielfach wird auf die schwierige Lage vor Ort verwiesen, derer man nicht
Herr geworden sei. Auch die Schwerfälligkeit international abgestimmten
Eingreifens, die fehlende Koordination und mangelnde Durchschlagskraft
werden als Gründe für das Scheitern humanitärer Missionen
angeführt. Andere kritisieren, es gehe den Politikern (leider) nicht
um "humanitäre" Motive, sondern um strategisch-ökonomische
Interessen, was der Grund dafür sei, dass die Initiativen scheiterten. Tatsächlich
zeigt aber die Geschichte der westlichen Interventionen seit Beginn der
90er-Jahre, dass nicht Menschlichkeit, Zivilisation und Demokratie, sondern
die eigene Orientierungslosigkeit sowie der Verdruss gegenüber der
eigenen Gesellschaft exportiert wurden. Von einem Scheitern des Humanitarismus
zu sprechen, ist daher irreführend, denn eine solche Sicht verkennt
den Charakter und die Ursachen dieser Einmischungspolitik. Der Humanitarismus ist daher mitnichten als reines Ablenkungsmanöver oder als propagandistisches Feigenblatt einer ansonsten traditionellen staatlichen Machtpolitik zu verstehen. Er ist im Gegenteil Ausdruck ihres Niedergangs. Und er ist Symbol einer politischen Übergangsphase, deren Protagonisten in Ermangelung eigener Perspektiven und Überzeugungen aus kurzsichtigen strategischen Erwägungen heraus nahezu alles in Frage zu stellen bereit sind, was einst als fortschrittlich galt: von individuellen Freiheiten und demokratischen Rechten über die Verteidigung staatlicher Souveränität und der Unantastbarkeit von Landesgrenzen bis hin zum Infragestellen traditioneller Staatenbündnisse und diplomatischer Gepflogenheiten. Der Drang, sich draußen in der Welt mit kurzfristigen und kurzsichtigen Initiativen die Legitimation zu holen, die zu Hause nicht verfügbar ist, hat die soziale und politische Regression der westlichen Welt nicht nur verschärft, er hat sie globalisiert. Diese Globalisierung der westlichen Politikkrise hat sich seit dem 11. September 2001 zusätzlich beschleunigt. Der Krieg gegen den Terrorismus konnte dem westlichen Lager nur sehr kurz und sehr oberflächlich neue Entschlossenheit und Einigkeit einhauchen. Tatsächlich wird seit 9/11 von Tag zu Tag deutlicher, dass weder die traditionelle Kriegsführung oder das Bauen auf alte Bündnisse noch das Beschwören alter Politikstile erfolgversprechende Rezepte für die Zukunft sind. Das wankelmütige Vorgehen der Amerikaner im Irak, die wachsende Unentschlossenheit und Angstbesessenheit in Europa sowie die Spannungen zwischen Amerikanern und Europäern sind Indizien dafür, dass sich die Zeiten ändern: Der humanitäre Aktionismus, der die internationalen Beziehungen in den 90er-Jahren prägte, verliert an Integrationskraft, sowohl außenpolitisch, da es den westlichen Staaten immer weniger gelingt, den gemeinsamen Führungsanspruch in ein gemeinsames Handeln umzumünzen, als auch innenpolitisch, da es zunehmend schwerer wird, daheim Zustimmung für außenpolitisches Eingreifen zu gewinnen. Ob diese Entwicklung den Krisenregionen zur Hilfe gereichen wird, darf getrost bezweifelt werden. Die zurzeit populäre Absage an außenpolitisches Handeln erfolgt nicht aufgrund eines konstruktiven und läuternden Lernprozesses, sondern aufgrund emotionaler Befindlichkeiten: einer lähmenden Angst, einem wachsenden Pessimismus und einer gehörigen Portion Gleichgültigkeit. Es sind nicht die Methoden des Eingreifens, die verworfen werden; es ist der grundsätzliche Glaube daran, tatsächlich positive Veränderungen herbeiführen zu können, der durch die Erfahrungen der letzten Jahre immer stärker in Mitleidenschaft gezogen wurde. Mit Sicherheit wäre es ein erster konstruktiver Schritt, den Menschen auf dem Balkan, im Irak oder sonst wo nicht weiter die Herrschaft ausgelaugter politischer Konzepte und abgehalfterter Politiker angedeihen zu lassen, derer wir selbst überdrüssig sind. Sich aber mit einer zynischen "Ohne mich!"-Haltung aus der Suche nach Lösungen zu verabschieden, hilft weder uns noch den Irakern weiter.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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