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Innovation: Reden ist Silber, Handeln wär' Gold
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Potenzielle Mörder präventiv umbringen
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Coaching auf der Couch
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"Schwarzes" Gold - eine Chance für die Kleinen
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BRIEF AUS BERLIN
von Klaus Bittermann:
Der enttäuschte Bürger
[Heft S.50]
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Coaching auf der Couch
Muss die deutsche Wirtschaft in Therapie? Von Tillmann
Prüfer.
Wenn man Verkehrspolitiker nach Bahnchef Hartmuth Mehdorn fragt, bekommt
man schnell deutliche Einschätzungen: "Ein Psychopath, der die
Deutsche Bahn zu seinem Therapiefeld erklärt hat", raunt einer.
Und auch dafür, dass andere Größen der deutschen Konzernlandschaft
jüngst ins Straucheln geraten sind, werden klare Erklärungen
angeboten: "Breuer, Schrempp, Ackermann", kommentiert etwa Die
Zeit, "so unterschiedlich die Fälle auch sind, so klar stehen
sie doch für das gleiche Phänomen: für Manager, bei denen
Selbstbewusstsein in Selbstherrlichkeit umgeschlagen ist."
Ist die deutsche Wirtschaft nicht mehr ganz richtig im Kopf? Noch vor
wenigen Jahren wurden Entschlusskraft, Mut und die visionäre Gabe
der Manager-Elite gelobt. Heute ist die Wirtschaft in der Krise, die Deutsche
Bank patzt beim Börsengang der Postbank, die Bahn lahmt auf dem Weg
zur Börse und DaimlerChrysler ist nicht zur Welt AG gewachsen. Und
vom Glanz der Chefs ist nichts geblieben.
Es ist gar nicht lange her, da wurde Daimler-Chef Jürgen Schrempp
als "Manager des Jahres" gefeiert. Nun sieht es so aus, als
hätte man in die Jury von 1998 besser ein paar Psychologen setzen
sollen, die schon damals warnend die Finger hätten heben können.
Dafür tun sie das jetzt: Schrempp, melden sie, habe eine narzisstische
Störung. Der amerikanische Psychoanalytiker Michael Maccobys nennt
Jürgen Schrempp einen typischen Narzissten. Narzisstische Manager
seien zwar innovativ und in der Lage, Visionen zu entwickeln. Sie würden
ihrem Unternehmen aber leicht gefährlich. Sie seien nämlich
auch "aggressiv und misstrauisch". Je erfolgreicher und bewunderter
sie würden, desto leichter fühlten sie sich unbesiegbar. Sie
verhielten sich dann selbstgerecht und arrogant, ignorierten Warnungen
von Mitarbeitern und Kollegen und nähmen unverantwortliche Risiken
in Kauf. So habe auch der DaimlerChrysler-Chef einen ausgeprägten
Veränderungswillen. Für die Implementierung allerdings interessiere
er sich nicht und sei auch kaum bereit, Verantwortung für Fehler
zu übernehmen.
Nun
werden Führungskräfte normalerweise deshalb eingestellt, weil
sie gut führen können. Neuerdings aber erscheint ausgerechnet
diese Eigenschaft als die problematischste: Die persönliche Macht,
gepaart mit starkem psychischen Druck durch die hohe Verantwortung, mache
gerade Topmanager anfällig für Irrationalität und dysfunktionale
Beziehungen, argumentiert Manfred Kets de Vries, Professor an der französischen
Elite-Universität Insead. Das führe dazu, dass die Chefs von
ihren Mitarbeitern idealisiert würden. Besonders narzisstische Topmanager
würden so Menschen um sich sammeln, die in ihnen unkritisch eine
Führerfigur sähen. Dabei gerieten die Narzissten "bis zu
einem Punkt, an dem sie ohne die Bewunderung ihrer Mitarbeiter gar nicht
mehr auskommen können". Die Folge sei eine persönliche
und wirtschaftliche Bauchlandung.
Kets de Vries geht sogar so weit, ganze Unternehmen zu Therapiefällen
zu erklären. Denn die Persönlichkeitsstruktur der Führer
übertrage sich allzu oft parallel auf die Organisation des Unternehmens.
Ganze fünf Arten "neurotischer" Organisationen hat Kets
de Vries identifiziert. Allen voran die "zwanghafte" Organisation,
die durch rigide Regeln, ausufernde Informationssysteme und Hierarchiedenken
gekennzeichnet sein soll. Deren Chef sei von Perfektionismus und Effektivitätsdenken
besessen - Merkmale, die bislang als höchste Managertugenden galten.
Freilich
haben solche Einschätzungen eine gewisse Berechtigung. Schließlich
werden Firmenlenker darin ausgebildet, Zahlen wichtiger zu nehmen als
Menschen. Sie müssen kühl und berechnend sein, herzlose Entscheidungen
treffen können - und dürfen dabei nicht mehr Betroffenheit zeigen,
als hätten sie eine Mücke an die Wand geklatscht. Wer mit so
jemandem in einer Wohngemeinschaft zusammenleben müsste, würde
das schnell als unsozial empfinden.
Neu ist aber, dass lockere Schrauben im Kopf als Erklärung für
komplexe wirtschaftliche Probleme herhalten müssen. Dass DaimlerChrysler
derzeit Probleme hat, liegt nicht an der Person Schrempps. Vielmehr wurde
die Marktentwicklung Ende der 90er-Jahre zu optimistisch bewertet und
der Sanierungsbedarf bei den Firmen, in die Daimler einstieg, unterschätzt.
Aber solche Einschätzungen werden von vielen Menschen getroffen,
nicht von einem einzelnen Lenker - auch wenn er am Ende die Verantwortung
tragen muss.
Dass neuerdings viel Augenmerk auf die seelischen Abgründe von Managern
gerichtet wird, hat vermutlich wenig mit den betreffenden Personen selbst
zu tun. Aber doch einiges mit der wahrgenommenen Verunsicherung in der
Gesellschaft. Die wirtschaftliche Lage ist unübersichtlich wie selten.
Prognosen zu treffen, fällt schwer. Es ist vielen sogar kaum möglich,
den ganz persönlichen Karriereweg abzusehen. Wer in solchen Zeiten
als Manager behauptet, die Lage einschätzen zu können, gar Visionen
zu haben und ganz fest daran zu glauben - muss der uns nicht suspekt sein?
Entschlusskraft,
Selbstsicherheit und Risikobereitschaft sind unablässige Merkmale
eines guten Managers, aber in verunsicherten Zeiten macht Selbstvertrauen
verdächtig. So mahnt Robert Hare, Professor für Psychologie
an der kanadischen Universität von British Columbia, allen Ernstes
zu besonderer Vorsicht, wenn bei einem Einstellungsgespräch ein außergewöhnlich
viel versprechender Kandidat auftaucht. Wer smart, erfahren und besonders
kompetent wirke, könne eine Traumbesetzung sein - oder ein gefährlicher
Psychopath.
"Psychopathen sind smarte Betrüger. Sie führen selbst erfahrene
Psychologen mit Leichtigkeit an der Nase herum", warnt der Professor.
Und sind sie erst einmal eingestellt, ist es um den Arbeitgeber geschehen,
glaubt Paul Babiak, Psychologe aus New York: Hätten sie sich erst
einmal in einer Organisation festgesetzt, schafften sie sich "einflussreiche
Netzwerke". Dadurch werde es sehr schwer, sie wieder loszuwerden,
und es gelinge ihnen möglicherweise, rasch aufzusteigen. Networking
und Karrierebewusstsein werden so zu Krankheitsmerkmalen.
Die
Psychologisierung der Wirtschaft betrifft nicht nur die Topmanager. In
den Unternehmen macht sich eine Therapiekultur auf allen Führungsebenen
breit. Vor wenigen Jahren galt es noch, bei Managerseminaren eisernen
Willen zum Erfolg einzutrichtern und möglichst jeden menschlichen
Ärmelschoner zum Gewinnertypen umzukrempeln. Heute werden hingegen
immer mehr Praktiken, die aus der Psychotherapie bekannt sind, im so genannten
"coaching" angewandt: Ob Gruppentherapie, NeuroIinguistisches
Programmieren (NLP) oder klassische Psychoanalyse - nur dass es nicht
mehr darum geht, den Leidensdruck von Individuen zu mindern, sondern darum,
professionelle Betriebe zu therapieren.
Experten zufolge gibt es einen massiven Bedarf an Mitarbeitertherapie.
Unternehmen investieren 35 Milliarden Euro im Jahr in die Weiterentwicklung
ihrer Mitarbeiter. Allein der Automobilhersteller BMW gibt jährlich
160 Millionen Euro für Mitarbeiterschulungen aus. Das entspricht
dem Budget einer mittleren Universität.
Die Manager, die dort geprägt werden sollen, hätte man zu anderen
Zeiten als Weicheier bezeichnet. "Der männlich geprägte
Führungsstil" sei passé, sagt Lutz Rosenstiel, Professor
für Organisationspsychologie an der Uni München: "Die Zukunft
ist eher androgyn. Heute hängt der Erfolg einer Führungskraft
davon ab, wie gut sie in verschiedene Rollen schlüpfen kann."
"Wir wollen den Führungskräften gar nicht so sehr beibringen,
wie sie andere zu führen haben, sondern wie sie sich selbst kennen
lernen", sagt Anette Kreitel-Suciu, die bei einem Telekom-Unternehmen
für das Management-Development zuständig ist: "Denn nur,
wer weiß, wer er selbst ist, kann auch andere erkennen." Sie
hat für alle Führungskräfte ihrer Firma ein obligatorisches
Emotionsseminar angesetzt, bei dem es nur um "Soft-Skills" geht:
Umgang mit Veränderungen, Konflikten, Widersprüchen.
Derlei
Psychotrainings können kuriose Formen annehmen. So bietet der Münchener
Managertrainer Thomas Dietz "Betriebsaufstellungen" an. Das
Prinzip hat er von den aus der Psychotherapie bekannten "systematischen
Aufstellungen" übernommen. Dies ist eine Form von Gruppentherapie,
bei denen die Teilnehmer verschiedene Personen im Raum postieren - stellvertretend
für Familienmitglieder. Aus der Aufstellung sollen sich dann die
Beziehungen und Konflikte innerhalb der Familie ablesen lassen. Bei Dietz
hingegen verteilen Manager die Mitarbeiter ihrer Abteilung im Raum. Hat
man erst einmal Günstlinge, Zögerer und Blockierer im Seminar
in Position gebracht, soll es auch im Arbeitsleben besser laufen.
So beliebt solche Praktiken auch sein mögen, einen messbaren Erfolg
bringen sie selten. "Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel gruppendynamische
Schulungen dem Teilnehmer sehr wohl einen Nutzen im Umgang mit dem Partner
und Kindern bringen, aber kaum in der Arbeit", sagt Professor Rosenstiel:
"Ich würde mir gut überlegen, ob nicht Jobrotation besser
wäre als teure Trainings."
Falls sich der Kandidat zu einem neuen Job noch psychisch in der Lage
sieht.

Tillmann Prüfer ist Reporter bei der Tageszeitung Financial
Times Deutschland und Novo-Redakteur. In Novo67/68 brach er in "Klein
aber Gemein?" eine Lanze für die Nanotechnologie.
LITERATURTIPP
Frank Füredi:
Therapy Culture. Cultivating Vulnerability in an Uncertain Age, London
2004, 256 S., EUR 18,48
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