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71  Juli/August 2004 POLITIK UND GESELLSCHAFT

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Coaching auf der Couch

von Tillmann Prüfer


 
 
 
 
 
 
 
 

Führungskräfte werden normalerweise eingestellt, weil sie gut führen können. Neuerdings aber erscheint ausgerechnet diese Eigenschaft als die problematischste.

 


 
 
 


 
 
 
 

Neu ist, dass lockere Schrauben im Kopf als Erklärung für komplexe wirtschaftliche Probleme herhalten müssen.

 

Heft 71: Übersicht
 




Coaching auf der Couch

 

Muss die deutsche Wirtschaft in Therapie? Von Tillmann Prüfer.



Wenn man Verkehrspolitiker nach Bahnchef Hartmuth Mehdorn fragt, bekommt man schnell deutliche Einschätzungen: "Ein Psychopath, der die Deutsche Bahn zu seinem Therapiefeld erklärt hat", raunt einer. Und auch dafür, dass andere Größen der deutschen Konzernlandschaft jüngst ins Straucheln geraten sind, werden klare Erklärungen angeboten: "Breuer, Schrempp, Ackermann", kommentiert etwa Die Zeit, "so unterschiedlich die Fälle auch sind, so klar stehen sie doch für das gleiche Phänomen: für Manager, bei denen Selbstbewusstsein in Selbstherrlichkeit umgeschlagen ist."
Ist die deutsche Wirtschaft nicht mehr ganz richtig im Kopf? Noch vor wenigen Jahren wurden Entschlusskraft, Mut und die visionäre Gabe der Manager-Elite gelobt. Heute ist die Wirtschaft in der Krise, die Deutsche Bank patzt beim Börsengang der Postbank, die Bahn lahmt auf dem Weg zur Börse und DaimlerChrysler ist nicht zur Welt AG gewachsen. Und vom Glanz der Chefs ist nichts geblieben.
Es ist gar nicht lange her, da wurde Daimler-Chef Jürgen Schrempp als "Manager des Jahres" gefeiert. Nun sieht es so aus, als hätte man in die Jury von 1998 besser ein paar Psychologen setzen sollen, die schon damals warnend die Finger hätten heben können. Dafür tun sie das jetzt: Schrempp, melden sie, habe eine narzisstische Störung. Der amerikanische Psychoanalytiker Michael Maccobys nennt Jürgen Schrempp einen typischen Narzissten. Narzisstische Manager seien zwar innovativ und in der Lage, Visionen zu entwickeln. Sie würden ihrem Unternehmen aber leicht gefährlich. Sie seien nämlich auch "aggressiv und misstrauisch". Je erfolgreicher und bewunderter sie würden, desto leichter fühlten sie sich unbesiegbar. Sie verhielten sich dann selbstgerecht und arrogant, ignorierten Warnungen von Mitarbeitern und Kollegen und nähmen unverantwortliche Risiken in Kauf. So habe auch der DaimlerChrysler-Chef einen ausgeprägten Veränderungswillen. Für die Implementierung allerdings interessiere er sich nicht und sei auch kaum bereit, Verantwortung für Fehler zu übernehmen.

Nun werden Führungskräfte normalerweise deshalb eingestellt, weil sie gut führen können. Neuerdings aber erscheint ausgerechnet diese Eigenschaft als die problematischste: Die persönliche Macht, gepaart mit starkem psychischen Druck durch die hohe Verantwortung, mache gerade Topmanager anfällig für Irrationalität und dysfunktionale Beziehungen, argumentiert Manfred Kets de Vries, Professor an der französischen Elite-Universität Insead. Das führe dazu, dass die Chefs von ihren Mitarbeitern idealisiert würden. Besonders narzisstische Topmanager würden so Menschen um sich sammeln, die in ihnen unkritisch eine Führerfigur sähen. Dabei gerieten die Narzissten "bis zu einem Punkt, an dem sie ohne die Bewunderung ihrer Mitarbeiter gar nicht mehr auskommen können". Die Folge sei eine persönliche und wirtschaftliche Bauchlandung.
Kets de Vries geht sogar so weit, ganze Unternehmen zu Therapiefällen zu erklären. Denn die Persönlichkeitsstruktur der Führer übertrage sich allzu oft parallel auf die Organisation des Unternehmens. Ganze fünf Arten "neurotischer" Organisationen hat Kets de Vries identifiziert. Allen voran die "zwanghafte" Organisation, die durch rigide Regeln, ausufernde Informationssysteme und Hierarchiedenken gekennzeichnet sein soll. Deren Chef sei von Perfektionismus und Effektivitätsdenken besessen - Merkmale, die bislang als höchste Managertugenden galten.

Freilich haben solche Einschätzungen eine gewisse Berechtigung. Schließlich werden Firmenlenker darin ausgebildet, Zahlen wichtiger zu nehmen als Menschen. Sie müssen kühl und berechnend sein, herzlose Entscheidungen treffen können - und dürfen dabei nicht mehr Betroffenheit zeigen, als hätten sie eine Mücke an die Wand geklatscht. Wer mit so jemandem in einer Wohngemeinschaft zusammenleben müsste, würde das schnell als unsozial empfinden.
Neu ist aber, dass lockere Schrauben im Kopf als Erklärung für komplexe wirtschaftliche Probleme herhalten müssen. Dass DaimlerChrysler derzeit Probleme hat, liegt nicht an der Person Schrempps. Vielmehr wurde die Marktentwicklung Ende der 90er-Jahre zu optimistisch bewertet und der Sanierungsbedarf bei den Firmen, in die Daimler einstieg, unterschätzt. Aber solche Einschätzungen werden von vielen Menschen getroffen, nicht von einem einzelnen Lenker - auch wenn er am Ende die Verantwortung tragen muss.
Dass neuerdings viel Augenmerk auf die seelischen Abgründe von Managern gerichtet wird, hat vermutlich wenig mit den betreffenden Personen selbst zu tun. Aber doch einiges mit der wahrgenommenen Verunsicherung in der Gesellschaft. Die wirtschaftliche Lage ist unübersichtlich wie selten. Prognosen zu treffen, fällt schwer. Es ist vielen sogar kaum möglich, den ganz persönlichen Karriereweg abzusehen. Wer in solchen Zeiten als Manager behauptet, die Lage einschätzen zu können, gar Visionen zu haben und ganz fest daran zu glauben - muss der uns nicht suspekt sein?

Entschlusskraft, Selbstsicherheit und Risikobereitschaft sind unablässige Merkmale eines guten Managers, aber in verunsicherten Zeiten macht Selbstvertrauen verdächtig. So mahnt Robert Hare, Professor für Psychologie an der kanadischen Universität von British Columbia, allen Ernstes zu besonderer Vorsicht, wenn bei einem Einstellungsgespräch ein außergewöhnlich viel versprechender Kandidat auftaucht. Wer smart, erfahren und besonders kompetent wirke, könne eine Traumbesetzung sein - oder ein gefährlicher Psychopath.
"Psychopathen sind smarte Betrüger. Sie führen selbst erfahrene Psychologen mit Leichtigkeit an der Nase herum", warnt der Professor. Und sind sie erst einmal eingestellt, ist es um den Arbeitgeber geschehen, glaubt Paul Babiak, Psychologe aus New York: Hätten sie sich erst einmal in einer Organisation festgesetzt, schafften sie sich "einflussreiche Netzwerke". Dadurch werde es sehr schwer, sie wieder loszuwerden, und es gelinge ihnen möglicherweise, rasch aufzusteigen. Networking und Karrierebewusstsein werden so zu Krankheitsmerkmalen.

Die Psychologisierung der Wirtschaft betrifft nicht nur die Topmanager. In den Unternehmen macht sich eine Therapiekultur auf allen Führungsebenen breit. Vor wenigen Jahren galt es noch, bei Managerseminaren eisernen Willen zum Erfolg einzutrichtern und möglichst jeden menschlichen Ärmelschoner zum Gewinnertypen umzukrempeln. Heute werden hingegen immer mehr Praktiken, die aus der Psychotherapie bekannt sind, im so genannten "coaching" angewandt: Ob Gruppentherapie, NeuroIinguistisches Programmieren (NLP) oder klassische Psychoanalyse - nur dass es nicht mehr darum geht, den Leidensdruck von Individuen zu mindern, sondern darum, professionelle Betriebe zu therapieren.
Experten zufolge gibt es einen massiven Bedarf an Mitarbeitertherapie. Unternehmen investieren 35 Milliarden Euro im Jahr in die Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter. Allein der Automobilhersteller BMW gibt jährlich 160 Millionen Euro für Mitarbeiterschulungen aus. Das entspricht dem Budget einer mittleren Universität.
Die Manager, die dort geprägt werden sollen, hätte man zu anderen Zeiten als Weicheier bezeichnet. "Der männlich geprägte Führungsstil" sei passé, sagt Lutz Rosenstiel, Professor für Organisationspsychologie an der Uni München: "Die Zukunft ist eher androgyn. Heute hängt der Erfolg einer Führungskraft davon ab, wie gut sie in verschiedene Rollen schlüpfen kann."
"Wir wollen den Führungskräften gar nicht so sehr beibringen, wie sie andere zu führen haben, sondern wie sie sich selbst kennen lernen", sagt Anette Kreitel-Suciu, die bei einem Telekom-Unternehmen für das Management-Development zuständig ist: "Denn nur, wer weiß, wer er selbst ist, kann auch andere erkennen." Sie hat für alle Führungskräfte ihrer Firma ein obligatorisches Emotionsseminar angesetzt, bei dem es nur um "Soft-Skills" geht: Umgang mit Veränderungen, Konflikten, Widersprüchen.

Derlei Psychotrainings können kuriose Formen annehmen. So bietet der Münchener Managertrainer Thomas Dietz "Betriebsaufstellungen" an. Das Prinzip hat er von den aus der Psychotherapie bekannten "systematischen Aufstellungen" übernommen. Dies ist eine Form von Gruppentherapie, bei denen die Teilnehmer verschiedene Personen im Raum postieren - stellvertretend für Familienmitglieder. Aus der Aufstellung sollen sich dann die Beziehungen und Konflikte innerhalb der Familie ablesen lassen. Bei Dietz hingegen verteilen Manager die Mitarbeiter ihrer Abteilung im Raum. Hat man erst einmal Günstlinge, Zögerer und Blockierer im Seminar in Position gebracht, soll es auch im Arbeitsleben besser laufen.
So beliebt solche Praktiken auch sein mögen, einen messbaren Erfolg bringen sie selten. "Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel gruppendynamische Schulungen dem Teilnehmer sehr wohl einen Nutzen im Umgang mit dem Partner und Kindern bringen, aber kaum in der Arbeit", sagt Professor Rosenstiel: "Ich würde mir gut überlegen, ob nicht Jobrotation besser wäre als teure Trainings."
Falls sich der Kandidat zu einem neuen Job noch psychisch in der Lage sieht.

 

 

 


 

Tillmann Prüfer ist Reporter bei der Tageszeitung Financial Times Deutschland und Novo-Redakteur. In Novo67/68 brach er in "Klein aber Gemein?" eine Lanze für die Nanotechnologie.


 



 

LITERATURTIPP

Frank Füredi: Therapy Culture. Cultivating Vulnerability in an Uncertain Age, London 2004, 256 S., EUR 18,48



 



   
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