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71  Juli/August 2004 ÜBERALTERUNG

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NOVO 71

Cover NOVO 71

Wenn das Leben
schwerer fällt


von Alexander Ewald


 
 
 
 
 
 
 
 

Schirrmacher gefällt sich in der Rolle des großen Warners. Er interpretiert die Menschheit als biologische Zeitbombe.

 

Heft 71: Übersicht
 




Wenn das Leben schwerer fällt

 

Alexander Ewald über einen neuen Bestseller über bedrohte Alte und bedrohliche Araber.



Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott, Karl Blessing Verlag, München 2004, EUR 16

Frank Schirrmacher stellt unserer Gesellschaft im Umgang mit älteren Menschen ein erschreckend schlechtes Zeugnis aus. Ältere Menschen würden stigmatisiert und ihnen werde ohne Grundlage pauschal geringere Leistungsfähigkeit unterstellt. Schon heute töteten "die Jungen ... die Alten, indem sie die Identität der Alten zerstören" (S.54). Man mag sich fragen, in welchen Kreisen sich der Autor bewegt, wenn er zudem von einem sich abzeichnenden "Altersrassismus" spricht. Aber Schirrmacher scheint sich in der Rolle des großen Warners zu gefallen. Er interpretiert die Menschheit als biologische Zeitbombe. Bereits in fünf bis zehn Jahren erwartet er einen qualitativen Wandel des gesellschaftlichen Klimas. Dann nämlich würden die geburtenstarken Jahrgänge der heute etwa 40-Jährigen definitiv nicht mehr zu den Jüngeren gehören, "wie mit Zauberhand" würde dann "eine veränderte Gesellschaft im Gesichtskreis jedes Einzelnen" erscheinen (S.10). Den Zeitpunkt dieses "Umschlagens" berechnete Schirrmacher anhand der Zahlenverhältnisse zwischen Jung und Alt. Schon seit Jahrzehnten werde seiner Meinung nach die Gesellschaft in ihrer Substanz untergraben, weil "die Jungen, die wir für die Zukunft benötigen, niemals geboren" werden.

Aber wie viele Junge müssten es denn sein, damit wir eine Zukunft hätten? Schirrmacher geht davon aus, dass nur eine Gesellschaft mit sich selbst erhaltenden Geburtenraten zukunftsfähig ist. Seine Zahlenspiele zur Untermauerung seiner Thesen erinnern an andere Hochrechnungen und Explorationen aus der Vergangenheit, die (weil sie die Gesellschaft weniger als dynamischen Prozess denn als statistisches System verstehen) regelmäßig Schrecken verbreiteten, aber in der Regel immer danebenlagen. Schirrmacher legt seiner Analyse zugrunde, dass die Geburtenrate in Deutschland auf durchschnittlich 1,4 Kinder pro Frau abgesackt ist. Länder wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern "werden zu beträchtlichen Teilen von der Zivilisation zurück an die Natur fallen ... Städte werden sich entvölkern" (S.42), resümiert er.

Die Alterung der Gesellschaft ist zurzeit zweifelsohne ein absehbarer Trend. Aber sinkende Geburtenraten oder Zahlenverhältnisse zwischen Jung und Alt sind bestimmt keine neue Gattungsfrage, oder, wie es Schirrmacher schon auf dem Buchcover formuliert, "das Problem der Welt". Das Altern des Gemeinwesens ist ein gesellschaftlicher Prozess, der von allerlei Faktoren abhängt und zumindest in den industrialisierten Ländern seit über 100 Jahren im Gange ist. So gehen auch in Deutschland die Geburtenraten schon seit Jahrzehnten zurück. Am Ende des vorletzten Jahrhunderts lag der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bei knapp fünf Prozent, heute liegt er bei etwa 20 Prozent. Die Tendenz ist weiter steigend. Doch noch nie hat dieser Prozess eine derart negative Bewertung erfahren - im Gegenteil: die zunehmende Lebenserwartung und der medizinische Fortschritt, die ein längeres Leben ermöglichen, wurden immer eher als Segen empfunden. Und die allgemeine Alterung der Gesellschaft war dabei selten Diskussionsgegenstand.

Warum es jetzt zum zentralen Thema wird, bleibt unklar, wenn man nur demographische Zahlen hin- und herschiebt. Selbst wenn innerhalb der nächsten 50 Jahre der Anteil der Alten auf 30 Prozent wachsen sollte: Warum soll nun gerade diese Relation den Niedergang des Abendlandes einleiten? Schließlich könnte man ebenso argumentieren, dass sich der Anteil der Alten an der Gesamtbevölkerung in 100 Jahren vervierfacht hat - in den nächsten 50 Jahren ist hingegen "nur" mit einer Vergrößerung dieses Bevölkerungsanteils um 50 Prozent zu rechnen. Man könnte also auch jubeln, weil die "Entschleunigung" des Alterungsprozesses absehbar ist. Noch dazu sehen wir, dass unsere Gesellschaft im letzten Jahrhundert mit ihren Alten und mit ihrem Altern ganz gut zurechtgekommen ist. Jedenfalls sind ältere Menschen heute in der Regel gesünder und besser versorgt als früher, und von "rassistischen" Übergriffen auf Alte hat man auch noch nicht viel gehört. Es handelt sich also wohl vor allem um eine Frage des subjektiven Blickwinkels, ob man sich angesichts demographischer Trends von Panik heimsuchen lässt.

Die Frage, warum es gerade jetzt zu brennen beginnen soll, beantwortet Schirrmacher jedenfalls ebenso unschlüssig wie die meisten seiner Mitstreiter in der aktuellen Krisendiskussion zur Überalterung. Er reiht sich damit nahtlos in die Reihe der zukunftspessimistischen Bedenkenträger ein, die (zu Überbevölkerung, Klimakollaps oder zum Wald- und Walsterben) regelmäßig unfundierte, aber umso aufgeheiztere Hiobsbotschaften absetzen und Katastrophenszenarien ausmalen. Der Artikel von Phil Mullan in diesem Novo widerspricht der inzwischen zum Allgemeingut gewordenen Vorstellung, dass einer alternden Gesellschaft unweigerlich die finanziellen Ressourcen ausgehen. Für Schirrmacher könnte das jedoch ein Auslöser eines "explodierenden" Konflikts zwischen Jung und Alt sein.

Regelrechte Panikattacken scheinen Schirrmacher bei seinen Schilderungen, wie sich dieses Szenario auf der globalen Ebene reproduziert, ereilt zu haben. Die Bedrohung der Älteren verschärft sich seiner Auffassung nach, weil der alternden westlichen Gesellschaft eine jugendliche überwiegend arabische Gesellschaft gegenüberstehe. So werde die Alterung der Industrienationen "wie eine Sinuskurve in den nächsten 30 Jahren durch die gewaltige Jugendwelle der muslimischen Länder überdeckt" (S.50). Beispielhaft führt er an, dass sich dieser globalisierte "Krieg der Generationen" darin äußern könnte, dass "die Chinesen … von den Amerikanern eines Tages verlangen, dass sie ihr Gesundheitssystem reformieren" (S.58), also die Aufteilung globaler Ressourcen zu ihren Gunsten.

Schirrmacher entwickelt dieses Bedrohungsszenario weiter. Für ihn sind die vom amerikanischen Politologen Samuel Huntington in seiner viel beachteten Publikation Clash of Civilizations aus dem Jahr 1993 beschriebenen Konfliktlinien der Weltpolitik zwischen westlicher und arabischer Welt brutale Realität geworden. Nach Schirrmachers Auffassung ist der "Kampf" schon heute in einen veritablen Krieg zwischen diesen Kulturen gemündet. Er prognostiziert: "Wir werden aus dem terroristischen Krieg der Kulturen zeit unseres Lebens nicht mehr entlassen werden - der 11. September markiert auch hier den Beginn einer neuen Zeitrechnung." (S.51) Schirrmacher sieht die westliche Gesellschaft bei Strafe ihres Untergangs dazu gezwungen, den Krieg aufzunehmen. Doch er fragt sich, wie sich eine alternde, potenziell schwache Gesellschaft gegen die biologisch dynamischeren und teilweise terroristisch agierenden Massen effektiv zur Wehr setzen solle. Er folgert, dass eine effektive Kriegsstrategie nur auf Basis einer gesellschaftlichen Geschlossenheit entstehen könne.

Hier liegt wohl die eigentliche Bedeutung und Botschaft des Buches: Schirrmacher, der vordergründig den Umgang mit den Älteren kritisiert, sieht in dem Selbstzerfleischungsprozess, der als Folge des Generationenkonflikts entstehen könnte, ein wesentliches Gefahrenpotenzial für die westliche Zivilisation, weil die Gesellschaft aufgrund wachsender innerer Zerrissenheit nicht mehr in der Lage sei, einer Bedrohung von außen Paroli zu bieten. Wir müssen also verstehen, so das Credo, dass die Alten in unserer Gesellschaft nicht die Feinde, sondern wichtige Verbündete im Überlebenskampf der Kulturen seien.

Die von Schirrmacher empfohlene Kriegsstrategie ist das "Methusalem-Komplott". Diejenigen, die heute zu den 40ern und schon bald zu den Alten gehören (darunter der Autor selbst), sollen dieses Komplott schmieden, um später nicht selbst Opfer dieser globalen Bevölkerungskatastrophe zu werden: "Es geht um die Verschwörung gegen die besondere Form menschlichen Selbsthasses, die in der Diffamierung des Alters liegt. Unsere Gesellschaften können nicht überleben, wenn ihre künftigen Mehrheiten als störend, verbraucht, vergesslich und Boten des Todes denunziert werden … Gelingt es uns nicht, das Altern des Menschen neu zu definieren, und zwar als eines der einzigartigsten zivilisatorischen Ereignisse, die Menschen überhaupt beschieden sind, werden wir in eine Zivilisation der Euthanasie eintreten." (S.63) Man sollte wohl besser das Leben als "einzigartigstes zivilisatorisches Ereignis" rühmen. Dann fallen vielleicht auch das Altern und die Einordnung der Weltpolitik nicht mehr ganz so schwer.

 

 

 


 

Alexander Ewald lebt als freier Journalist in Berlin. In Novo67/68 entlarvte er in seinem Artikel "Re(a)gieren nach Kassenlage" das Märchen von der demographischen Zeitbombe und der Kostenexplosion im Gesundheitswesen.


 



 

LITERATURTIPPS

Phil Mullan: The Imaginary Time Bomb: Why an Ageing Population Is Not a Social Problem, IB Tauris & Company 2002, 256 S., EUR 18,28
Kevin Yuill: "Der Tod ist keine Lösung", Novo69.



 



   
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