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Kann die Gesellschaft sich so viele alte Menschen leisten? Phil Mullan zeigt am Beispiel Großbritanniens: Sie kann.
Die
Pessimisten tun so, als sei das Altern eine neue soziale Herausforderung.
Dabei ignorieren sie die Tatsache, dass dieser Prozess seit dem Ende des
19. Jahrhunderts in bemerkenswert konstanter Weise in den industrialisierten
Ländern fortschreitet und früher nie problematisiert wurde. Dass
die Menschen immer älter werden, galt lange Zeit als eine positive
Begleiterscheinung des Fortschritts im 20. Jahrhundert. Es galt als selbstverständlich,
dass die Generation der Kinder älter würde als die eigene und
man erwartete auch, dass es ihnen besser gehen würde. Vor hundert
Jahren starb in Großbritannien eines von vier Kindern, bevor es
fünf Jahre alt wurde. Heute ist das Verhältnis 1 zu 100. Vor
hundert Jahren wurde nur ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahre alt,
heute dürfen das fünf von sechs Menschen erwarten. Es ist ein
Zeichen der verzerrten Wahrnehmung in unserer angstorientierten Zeit,
dass wir heute kaum noch davon ausgehen, dass das Altern der Gesellschaft
ein Grund zum Feiern ist. Das Thema "Rente" wird in den industrialisierten Ländern ohne Zweifel mit großer Sorge diskutiert. Dafür gibt es gute Gründe, die allerdings mit Demographie zumeist nichts zu tun haben. Wir sollen uns darauf einstellen, dass unsere Altersvorsorge - die staatliche wie die private - sowohl der Dauer als auch der Höhe nach nicht dem entsprechen wird, was wir bislang erwartet haben. Die demographische Entwicklung wird oft als "objektive Rechtfertigung" angeführt, um uns heute schon auf diese Kürzungen vorzubereiten, sie ist aber in Wirklichkeit nicht der Grund für diese Umstellungen. Die Rentendiskussion wird fast immer in engem Zusammenhang mit der übergeordneten politischen Zielsetzung diskutiert, die öffentlichen Ausgaben zu senken und das Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Sektor zu ändern. Doch gerade die privaten Renten haben unter dem Auf und Ab an der Börse, wo die meisten dieser Mittel investiert werden, gelitten. Dabei spielten in Großbritannien Maßnahmen der Regierung und einiger Unternehmen in den 90er-Jahren eine Rolle, die alle auf der Erwartung fußten, der Aktienmarkt werde ewig weiter boomen. Dazu zählte die 1997 eingeführte Besteuerung der Rentenfonds, aber auch, dass manche Unternehmen vorübergehend die Einzahlungen in ihre Pensionskassen einstellten oder die Mittel gar für die Finanzierung von Sozialplänen und Abfindungen missbrauchten. Heute sehen verunsicherte Verwalter solcher Fonds nur noch einen Ausweg: die Auszahlungen irgendwie zu drosseln, um die Gesamtverbindlichkeit zu reduzieren. Als weiteres scheinbar unlösbares Problem werden in Zusammenhang mit der Alterung der Gesellschaft die steigenden Gesundheitskosten thematisiert. Auch hier wird die Lage unnötig schwarz gemalt. Obwohl die Gesundheitskosten mit zunehmendem Alter im Durchschnitt steigen, könnte die finanzielle Belastung dadurch ausgeglichen werden, dass alle Menschen - junge und alte - insgesamt immer gesünder werden. Es ist davon auszugehen, dass wir im Laufe der nächsten 50 Jahre viel gesünder sein werden, da wir in besseren Verhältnissen leben und uns besser ernähren. Zweifellos treten Krankheiten gehäuft in den späteren Lebensjahren auf. Menschen bedürfen insbesondere in den letzten Lebensmonaten verstärkt medizinischer Betreuung. Der Anteil der medizinischen Ressourcen, der in der Periode kurz vor dem Tod gebraucht wird, steigt kontinuierlich, während die Gesundheitsausgaben für jüngere Jahrgänge laufend sinken. Es sind also eher die Kosten des Sterbens als die des Lebens, um welche die Gesundheitskostendebatte kreist. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Kosten des Sterbens mit zunehmendem Alter ebenfalls abnehmen; und wie alt auch immer wir werden: wir sterben nur einmal. Folglich ist anzunehmen, dass auch dieser Kostenfaktor mit zunehmender Lebenserwartung eher zurückgeht als steigt. Auch sinkende Geburtenraten sind inzwischen ein angstbesetztes Thema. In den meisten Industrieländern sinken die Geburtenraten stetig und liegen jetzt schon unter der Sterberate. Bleibt das so, nimmt die Bevölkerung ab, während sie gleichzeitig älter wird.2 Aber die statistische Feststellung, dass die Geburtenraten sinken, sagt nichts darüber aus, ob eine alternde Gesellschaft finanzierbar ist oder nicht. Die aktuelle Panik über niedrige Geburtenraten behindert eine konstruktive Diskussion darüber, was sie eigentlich bedeuten. Was sagt uns beispielsweise die Tatsache, dass Italien bei niedriger Frauenerwerbsquote niedrige Geburtenraten aufweist, während viele Schwedinnen arbeiten und viele Kinder bekommen? Offensichtlich wäre es besser, über mangelnde Krippen und Kindergärten zu diskutieren, statt vermeintliche "demographische" Probleme zu beschwören. Alle Befürchtungen, die Renten- und Gesundheitssysteme stießen künftig auf unüberwindbare Finanzierungsschranken, beziehen sich letztlich auf eine statistische Größe: die Beitragszahlerquote. Die Beitragszahlerquote ist das Zahlenverhältnis zwischen den in die Rentenkasse einzahlenden Arbeitnehmern (gewöhnlich alle Menschen zwischen 16 Jahren und dem Rentenalter) und den aus ihr finanzierten Rentnern. Für Großbritannien wird erwartet, dass diese Quote von derzeit 3,4 (3,4 Beitragszahler finanzieren einen Rentenempfänger) in den nächsten 40 Jahren auf das Rekordtief von 2,4 fallen wird. Diese statistische Veränderung wird immer wieder herangezogen, um einen drohenden alterungsbedingten Bankrott der Sozialsysteme vorherzusagen. Auf den ersten Blick scheint diese Kalkulation logisch: Wenn immer weniger Jüngere immer mehr Ältere unterstützen müssen, muss der Lebensstandard einer der beiden Gruppen oder sogar beider zugleich sinken. Nehmen wir an, X ist eine Anzahl von Einheiten, die eine andere Anzahl von Einheiten Y unterstützt. Wenn Y verhältnismäßig größer wird, werden entweder einige Einheiten (Menschen) von Y zu X wechseln (Erhöhung des Renteneintrittsalters), oder jede Einheit (Mensch) der Gruppe Y erhält weniger Unterstützung (arme Alte), oder X muss kollektiv mehr zur Unterstützung beitragen (höhere Beiträge und Abgaben). Das ist formal korrekt, führt aber sowohl hinsichtlich der Tatsachen als auch der Implikationen in die Irre, wenn eine Reihe anderer Faktoren unberücksichtigt bleiben. Wenn nicht jede Einheit von X heute einen Beitrag zahlt und sich zudem die Anzahl dieser Einheiten in Zukunft ändert, ist es schlecht möglich, klare Schlussfolgerungen zu ziehen - weder über die Höhe der aktuell erforderlichen Beiträge noch über die Notwendigkeit, Y durch Übergang von Einheiten (Menschen) nach X zurückzufahren. Und wenn die aktiven Beitragszahler der Gruppe X schon jetzt eine größere Gruppe Y unterstützen, müssten wir außerdem wissen, wie sich diese Gruppe weiter entwickelt, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen. Wenn jedes Mitglied von X in Zukunft mehr Ressourcen zur Verfügung hat, nehmen wir an, doppelt so viel wie heute, dann ist es kein Problem, die Unterstützung für Y absolut anzuheben, damit jedes Mitglied der Gruppe Y mehr Unterstützung erhalten kann, denn jedem aktiven Mitglied von X werden immer noch mehr Ressourcen zur Verfügung stehen als heute. Das
statistische Verhältnis sagt wenig darüber aus, was auf der
Welt wirklich vor sich geht. Hochrechnungen auf Grundlage der Beitragszahlerquote
lassen außer Acht, dass zurzeit eine große Anzahl von Menschen
im "Arbeitsalter" überhaupt nicht arbeitet. In Großbritannien
sind dies ungefähr neun Millionen Menschen (in Ausbildung und Hochschule,
Arbeitslose und andere, die wirtschaftlich nicht aktiv sind). In den meisten
entwickelten Ländern stellt diese Gruppe ein Viertel bis ein Drittel
der Menschen im "arbeitsfähigen" Alter dar. Mithin entspricht
die angenommene Beitragszahlerquote nicht der tatsächlichen. An sich ist die Höhe der realen Beitragszahlerquote relativ unbedeutend. Wichtig ist aber, wie sich diese Zahl künftig entwickeln wird. Die wie immer pessimistischen offiziellen Projektionen gehen davon aus, dass im Jahre 2030 bei einem Bevölkerungsanstieg um 6 auf 65 Millionen die absolute Anzahl der Arbeitenden auf heutigem Niveau geblieben sein wird. Dementsprechend würde das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden von 0,84 auf 0,71 absinken, also ein Arbeitender im Vergleich zu heute ein Fünftel mehr Unterstützung leisten müssen. Zum Vergleich: Prognosen auf Grundlage der konventionellen und irreführenden Beitragszahlerquote gehen von einer Verdoppelung der individuellen Beitragszahlerlast aus. Der
Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung ist sehr viel
wichtiger als die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Alterungsprozesses
- ein Tatbestand, der hin und wieder von der britischen Regierung anerkannt,
aber nie hervorgehoben wird.3 Dabei ist der Anteil der tatsächlich
aktiven Bevölkerung viel eher zu beeinflussen als die Altersstruktur
der Gesellschaft. Ein
weiterer Denkfehler bezüglich der Beitragszahlerquote - der allerdings
für die reale Beitragszahlerquote ebenso gilt - ist, dass sie den
Anstieg der Produktivität völlig außer Betracht lässt.
In 40 Jahren wird ein Arbeiter durchschnittlich doppelt so viel Wohlstand
produzieren wie heute. Und bei dieser Rechnung wird nur eine sehr bescheidene
Produktivitätsrate von 1,75 Prozent im Jahr angenommen, was knapp
unter den Erfahrungen der letzten Jahre und deutlich unter dem historischen
Durchschnitt liegt. Dies bedeutet eine Verdoppelung des Bruttoeinkommens
und somit auch, dass durchaus 50 Prozent mehr ältere Menschen in
einem Land leben können, das um 100 Prozent reicher ist. Ständig
wachsende Produktivität war der entscheidende Grund, weshalb industrialisierte
Länder im letzten Jahrhundert keine Probleme mit der fallenden Beitragszahlerquote
hatten - und dies, obwohl die Quote viel dramatischer sank als heute.
Zum Vergleich: Die Beitragszahlerquote lag im Jahre 1900 bei 14! Trotz
dieser finanziellen Belastung durch demographische Trends konnten es sich
die Industrieländer leisten, umfangreiche Unterstützungssysteme
für die Alten und Pflegebedürftigen aufzubauen. Vor
diesem Hintergrund lassen sich die offiziellen Projektionen verstehen,
die davon ausgehen, dass in den entwickelten Wirtschaften in den nächsten
50 Jahren zusätzliche vier bis acht Prozent des Bruttosozialprodukts
für ältere Menschen aufgewendet werden.4 Lassen wir einmal außer
Acht, dass dies eine sehr hohe Schätzung ist, und nehmen wir einfach
an, dieser Anstieg komme daher, dass die Gesellschaft ihre älteren
Bürger künftig besser versorgen wolle. Es
ist ein Jammer, dass selbst die konstruktivsten und vernünftigsten
Beiträge zu dieser Debatte in der Regel zögern, höhere
Beiträge zu fordern.5 Wenn wir aber ein anständiges Gesundheitssystem
für alle, Pflege für die, die sie dringend benötigen, und
ein großzügiges staatliches Rentensystem auch in den nächsten
40 bis 50 Jahren haben wollen, muss man auch offen sagen, dass dafür
Steuern, Beiträge oder Abgaben zu zahlen sind. Zieht man also die Folgen der steigenden Produktivität und das wahrscheinliche Entwicklungsszenario der realen Beitragszahlerquote für die nächsten 50 Jahre in Betracht, ist die Annahme, dass das Altern für uns "unbezahlbar" ist, keineswegs stimmig. Im Gegenteil: Wir sollten uns auf größeren Wohlstand für alle Menschen freuen. Das Problem, dem wir heute wirklich gegenüberstehen, ist nicht finanzieller oder wirtschaftlicher Natur, sondern beruht auf unserer fatalistischen Sicht der Zukunft. Dass das Altern als Problem betrachtet wird, ist selbst das eigentliche Problem. Schon heute haben Maßnahmen, die aus Angst vor der Alterung der Gesellschaft getroffen werden, negative Auswirkungen für viele ältere Menschen. Wenn diese Ängste weiter die Politik prägen, werden wir alle dafür bezahlen.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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