Inhalt
In eigener Sache
Von Thomas Deichmann
KRIEG UND
TERRORISMUS
STICHWORT:
Das morbide Spiel mit dem Terror
Von Sabine Reul
Matthias Heitmann:
Europa: Auferstehen aus Ruinen?
Brendan O'Neill:
Der Terror als Kind des Westens
Vasile V. Poenaru:
Großer Staat, was nun? Kleiner Mensch,
was tun?
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Walter Krämer:
Brüsseler Synthetophobie
[Heft S.16]
RATGEBER:
Von Kennzeichnung und Volksverdummung
Von Thomas Deichmann
Edgar Gärtner:
Der europäische Emissionshandel wird zur
Farce
Roland Wilhelm:
Impfen ja oder nein - wirklich eine Kontroverse?
Michael Breu:
Der Wunderheiler aus Ägypten
[Heft S.23]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Thilo Spahl:
Ein Anflug von Verbitterung
Susanne Ahrens:
Wie ich beinahe das "Fischen auf dem Wellnessozean" lernte
[Heft S.26]
Kai Rogusch:
Sicher ist sicher?
Sabine Beppler-Spahl:
Was heißt hier Gewalt?
EINSPRUCH:
Essen mit Spaß
Von Mick Hume
[Heft S.34]
Edmond Nawrotzky-Török:
Rumäniens schwieriger Weg nach Europa
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Kapitalismus von unten
MEDIEN UND
KULTUR
Martin Kaluza:
Erziehungsanstalt Stadion
Lutz Rathenow:
Die Vergangenheit hört nicht wirklich auf
[Heft S.46]
Klaus Bittermann:
ANSCHNALLEN: Der Unterwäscheschnüffler
[Heft S.50]
RUBRIKEN
INHALT /
DAFÜR STEHT NOVO
BRIEFE / IMPRESSUM
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.24]
UPDATES
[Heft S.35]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.43]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Dicke Luft!
[Heft S.45]
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Impfen ja oder nein - wirklich eine Kontroverse?
Roland Wilhelm Ziegler zeigt, dass Impfgegnerschaft
nicht wissenschaftlich begründbar ist.
Stellen Sie sich einen Kontinent vor, auf dem in einer Großstadt
mehr als 1000 Personen an Masern erkranken und dass dies zwölf Prozent
aller Masernfälle auf diesem Kontinent wären. Denken Sie nicht
auch sofort an Lateinamerika oder Afrika? Leider handelt es sich um den
Regierungsbezirk Köln im Jahr 2002.
2002 wurden in Nordrhein-Westfalen 1600 und in der Bundesrepublik Deutschland
4664 Masernfälle registriert. In Europa traten 10.500 Masernfälle
auf, die sich zu 44,4 Prozent auf Deutschland, zu 48,1 Prozent auf Italien,
zu 3,1 Prozent auf Großbritannien und zu 2,3 Prozent auf Irland
verteilten. Der Rest (191 Fälle bzw. 2,1 Prozent) betraf Dänemark,
Griechenland, Malta, die Niederlande, Norwegen, Portugal, Spanien, Schweden
und die Schweiz. Im Jahr 2001 konnte Deutschland keine andere Nation der
EU den Platz der "Masernschleuder Nummer Eins" abnehmen. Unser
Land stellte damals sogar 81,2 Prozent der 7428 registrierten Masernfälle.1
Bereits 1994 beschlossen alle Nationen Nord- und Südamerikas, die
Masern in ihrem Einflussbereich durch konsequente Impfung auszurotten.
Initiativen der Pan American Health Organization (PAHO) führten dazu,
dass in zwei Impfkampagnen die Zahl der Masernfälle zum Beispiel
in Kuba unter 20 Fälle jährlich sank. Die USA waren aber weiterhin
Masern-Einschleppungen ausgesetzt. Im Jahre 1997 kam es zu 27 Einschleppungen
aus Europa (jeweils acht Fälle aus Deutschland und Italien, fünf
aus der Schweiz und drei aus Frankreich), aber nur zu zwei Einschleppungen
aus Afrika und 18 Einschleppungen aus dem gesamten asiatischen Raum.2
Dank eines konsequenten Impfprogramms sind die Vereinigten Staaten von
Amerika vor Masernausbrüchen mittlerweile geschützt. Staatlicherseits
wird vor der Einschulung der Impfschutz überprüft, ein nicht
geimpftes Kind wird vom Besuch öffentlicher Einrichtungen ausgeschlossen.
Es wird für das Jahr 2010 ein Durchimpfungsgrad von mehr als 95 Prozent
angestrebt.3 Diese aktive Impfpolitik in den von etwa 230 Mio. Bürgern
bewohnten USA führte in den 90er-Jahren zu einer Reduktion der Masernfälle
von etwa 500.000 auf aktuell etwa 80 Fälle jährlich.
In Deutschland ist der Impfgrad nicht nur für Masern immer noch schlecht.
Nach Aussage von Prof. Dr. med. Fritz Beske, Direktor des Instituts für
Gesundheits-System-Forschung in Kiel, werden nur 59 Prozent der empfohlenen
Schutzimpfungen von der Bevölkerung wahrgenommen. Defizite entdeckte
Beske bei seiner aktuellen Studie zur Impfsituation in Deutschland vor
allem bei der Grippeschutzimpfung. Lediglich knapp ein Drittel der älteren
Menschen und nur jeder sechste Krankenhausmitarbeiter seien geimpft. Die
Folge seien jährlich etwa 4,8 Millionen Erkrankungen und 10.000 Todesfälle
durch Influenza. Ähnlich große Impflücken bestünden
bei den Schutzimpfungen gegen Masern und Hepatitis B. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) die Masern bis 2010 ausrotten wollte, erkranken in Deutschland jährlich
noch etwa 5000 Personen. Von einigen Experten wird deshalb auch für
Deutschland eine Impfpflicht vor dem Eintritt in Kindergarten und Schule
frei nach dem Slogan "no vaccination, no school" gefordert.4
Auch bei Tetanus ist der Impfgrad desolat. Hier trifft es weniger Kinder
als Erwachsene. Das Robert-Koch-Institut teilte in einer aktuellen Publikation
mit, dass der Anteil von in den letzten zehn Jahren gegen Tetanus geimpften
Bürgern im Alter von 50 bis 60 Jahren und darüber, die nicht
ins Ausland reisten, zum Teil unter 60 Prozent abgerutscht war. Reisefreudige
ältere Bürger waren auch nur in etwa 80 Prozent gegen Tetanus
geimpft worden.
Harmlose
Kinderkrankheiten?
Die niedrigen Impfraten haben zwei Gründe: Nachlässigkeit und
explizite Impfgegnerschaft. So werden vielfach etwa die so genannten Kinderkrankheiten
Mumps, Masern, Röteln als harmlos betrachtet. Andere Krankheiten
wie Kinderlähmung und Diphtherie werden nicht gefürchtet, da
sie praktisch nicht mehr auftreten. Dass dies eine Unterschätzung
einer beträchtlichen Gefahr ist, lehrt ein Blick in die Welt respektive
in die Vergangenheit: Die Krankheiten, gegen die Kinder heute routinemäßig
geimpft werden, sind nicht harmlos. An Tetanus, Hepatitis B und Masern
sterben noch heute weltweit jährlich jeweils eine Million Menschen,
an Keuchhusten zwischen 200.000 und 500.000 Menschen. Röteln verlaufen
in der Regel harmlos, führen jedoch in der Schwangerschaft sehr häufig
(im ersten Trimester bei 90 Prozent) zu Schädigungen des Embryos.
Tatsächlich ist das Risiko für einen Nichtgeimpften, an Kinderlähmung
zu erkranken, heute gleich Null. Doch sobald die Durchimpfungsrate weit
genug abgesunken ist, kann auch diese Krankheit wieder aufflammen und
neue Epidemien verursachen. Dies bleibt solange der Fall, bis der Erreger
endgültig global ausgerottet ist, was bisher nur bei Pocken geschafft
wurde, gegen die heute nicht mehr geimpft werden muss.
Ähnliches gilt für Diphtherie. Der letzte Todesfall in Deutschland
ereignete sich 1997. Seit 1984 wurden aufgrund der Impfprogramme nur noch
einzelne Erkrankungsfälle erfasst. Doch noch in den 50er-Jahren starben
hierzulande 4302, in den 60er-Jahren noch 273 Menschen an der Krankheit.
Auch Komplikationen und Folgeschäden von in der Regel zwar gut behandelbaren
oder harmlos verlaufenden Krankheiten sind in Betracht zu ziehen. Die
Maserninfektion bedingt eine vorübergehende Immunschwäche von
etwa sechs Wochen Dauer. In der Folge können bakterielle Superinfektionen,
insbesondere Mittelohrentzündung, Bronchitis und Lungenentzündung
auftreten. In einem von 1000 Fällen kommt es zu einer Gehirnentzündung,
die bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen zum Tode führt. Masern-,
Grippe- und Rötelnerkrankungen können bei ungeimpften Kindern
zu Hörminderungen führen. Diese Kinder durchlaufen die ersten
drei Jahre meist relativ unbemerkt und fallen erst im späten Kindergartenalter,
oft auch erst in den unteren Grundschulklassen, durch Sprach- und Hörprobleme
auf. Dann bleiben nicht selten nur noch der Weg zum Facharzt und die Anpassung
eines Hörgeräts, das die unwiederbringlich gesenkte Hörleistung
bis zum Lebensende ausgleichen muss. Im mittlerweile masernfreien Finnland
wurde demonstriert, dass durch konsequente Masern- und Mumpsimpfung der
Anteil von Kindern mit einseitiger Hörminderung von 2,2 pro 1000
Kinder (1970) auf 1,7 pro 1000 (1980) erheblich gesenkt wurde.5
Wer
hat Angst vorm Impfen?
Ein nicht nur für Deutschland wichtiger Faktor ist die ausdrückliche
Impfgegnerschaft. Interessanterweise findet sie sich nach einer Untersuchung
des Soziologen Peter Kriwy im Jahre 2003, der im Rahmen einer Einschulungsuntersuchung
in München 464 Eltern (97 Prozent waren Frauen) befragte, besonders
in gebildeten bürgerlichen Kreisen. Mütter von Kindern mit Impfschutz
hatten zu 49 Prozent Abitur, impfkritische Mütter zu 61 Prozent.
Geht hohe Bildung demnach einher mit schlechtem Impfschutz? Nun, so einfach
ist dies nicht. Es steckt vielmehr eine unterschiedliche Grundeinstellung
dahinter. Mütter, die ihre Kinder impfen, stehen der Hochschulmedizin
deutlich positiver gegenüber als nicht impfende Mütter. Letztere
bevorzugen Naturheilverfahren. Auch die Ärzte, die aufgesucht werden,
werden entsprechend gewählt. Ärzte geimpfter Kinder sind eher
hochschulmedizinisch positioniert, während ungeimpfte Kinder sich
gehäuft bei naturheilkundlich ausgebildeten Ärzten wiederfinden.
Da sich beide Elterngruppen über das Impfen überwiegend beim
Arzt informieren, ist das Kind letztlich Opfer eines Selektionsprozesses.
Dieser wird durch Hebammen verstärkt, die impfkritisch aufklären;
die Umfrage von Kriwy zeigte, dass der Einfluss von Hebammen Nichtimpfen
fördert.6
Wie sieht es mit dem Impfen bei Ärzten aus? Eine repräsentative
Umfrage unter 113 Ärzten der Landesärztekammer Trier im Jahre
2002 ergab ernste Missstände. Trotz teilweise langjähriger beruflicher
Tätigkeit hatten 23 Prozent überhaupt keine Impfweiterbildung,
22,1 Prozent gelegentlich und nur 11,5 Prozent regelmäßig Impffortbildungsveranstaltungen
besucht. Dabei bildeten sich verstärkt nur jene Ärzte fort,
die auch von ihren Patienten auf das Impfen angesprochen worden waren.
Im ausgewählten Kammerbereich Trier fand in vier Jahren nur eine
einzige Impffortbildungsveranstaltung statt. Auch der ärztliche Impfstatus
war nicht sonderlich überzeugend: 12,4 Prozent waren gegen keine
einzige der von der Ständigen Impfkommission als impfbedürftig
genannten Krankheiten geimpft. Der Impfgrad gegen Tetanus (76,1 Prozent),
Hepatitis B (69,6 Prozent) oder Poliomyelitis (66,4 Prozent) war beklagenswert
niedrig! Am besten geimpft und am besten über Impffragen aufgeklärt
waren Ärzte mit der Zusatzbezeichnung "öffentliches Gesundheitswesen"
sowie Gynäkologen und Pädiater, mangelhaft war es jedoch bei
Fachärzten für Innere Medizin, Chirurgie und auch bei Allgemeinmedizinern.
Das Impfwissen hing nicht vom Berufsort (Krankenhaus oder Praxis) ab,
sondern vom Tätigkeitsbereich des Arztes (zum Beispiel Pädiatrie).
Ungeimpfte Ärzte oder Ärzte mit einem besonders schlechten Impfstatus
bewerteten zudem das Impfen im Vergleich zu geimpften Ärzten als
weniger wichtig.7
Verbindet man diese Ergebnisse mit denen von Kriwy, ergibt sich ein gefährlicher
Cocktail: Impfkritische Eltern, obwohl hoch gebildet und damit scheinbar
gut informiert, orientieren sich tatsächlich an qualitativ niedrigen
Informationsquellen.
Dieser Umstand zeigt sich auch an den Ausbrüchen der letzten Jahre.
Die Masernepidemie in Coburg entstand, nachdem zwei naturheilkundlich
eingestellte Ärzte, darunter ein homöopathischer Kinderarzt,
über Jahre hinweg die Ansicht verbreitet hatten, dass man unter anderem
gegen Masern nicht impfen müsse. Dies führte zu einem sehr niedrigen
Durchimpfungsgrad im Stadtgebiet (77 Prozent), nicht jedoch in den direkt
angrenzenden ländlichen Regionen (90-97 Prozent), in denen keine
impfkritischen Ärzte niedergelassen waren.8 Es kam, wie es kommen
musste: nämlich zu einer Masernepidemie im Stadtgebiet im Herbst
2001, die erst im Sommer 2002 abklang. Von den 1284 registrierten Masernfällen
betrafen 1191 (92,7 Prozent) den schlecht immunisierten Stadtbereich und
lediglich 93 das gut geimpfte Umland. Die Nachbefragung von 398 Masernpatienten
ergab, dass 89 Prozent überhaupt nicht geimpft waren, acht Prozent
lediglich die erste Dosis erhalten hatten und nur bei drei Prozent eine
korrekte Impfung vorlag.
Weltanschauliche Einstellungen wie etwa die Anthroposophie führen
ebenfalls zu einer Impfverweigerung. Dies hat Folgen: Im niedersächsischen
Verden kam es zwischen Dezember 2001 und Februar 2002 zu einer Masernepidemie,
die 130 Fälle betraf und ebenfalls ihre Ursache in einem niedrigen
Durchimpfungsgrad (86,8 Prozent für die erste Masernimpfung, aber
nur 56,2 Prozent für die zweite Impfung) hatte. Die Infektionswelle
trat in einem anthroposophischen Kindergarten beziehungsweise Schulkomplex
auf, dessen Träger zum damaligen Zeitpunkt keine Schuleingangsuntersuchung
hatte durchführen lassen. Dieser Infektionsherd führte dazu,
dass sich im Umland ein Kind mit Masern infizierte und so stark erkrankte,
dass es wegen einer Hirnhautentzündung (Masernencephalitis) stationär
behandelt werden musste.9 Zwar ist einzuräumen, dass die lokalen
Ausbrüche der letzten Jahre glimpflich verlaufen sind. Doch wenn
der Impfgrad weiter absinkt, kann es schnell zu deutlich höheren
Fallzahlen kommen, und dann finden sich auch die aus der Vergangenheit
bekannten schweren Komplikationen und Todesfälle wieder.
Begründungen
für die Impfskepsis
Begründet wird die Impfangst häufig durch Gerüchte über
Nebenwirkungen von Impfungen. Vor der Einführung des Infektionsschutzgesetzes
(IfSG) im Jahre 2001 gab es leider keine ausreichende rechtliche Grundlage
für eine entsprechende Erfassung. Gemäß § 6 Abs.1
Nr.3 IfSG liegen aber die ersten verwertbaren Zahlen des Robert-Koch-Instituts
vor.10 Im Zeitraum vom 1. Januar bis 19. Oktober 2001 wurden in Deutschland
etwa 30 Mio. Impfdosen ausgereicht. Neun Fälle mit Nebenwirkungen
und bleibendem Gesundheitsschaden wurden dem Institut mitgeteilt. Deren
Nachprüfung ergab aber keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen
Impfung und Gesundheitsschaden.
Daraus ist natürlich nicht zwingend zu folgern, alle Impfstoffe seien
grundsätzlich harmlos und Impfschäden reine Hirngespinste. Zur
Zeit werden zum Beispiel zwei Sechsfachimpfstoffe (jeweils gegen Hepatitis
B, Tetanus, Diphterie, Kinderlähmung, Keuchhusten und Infektionen
mit Haemophilus influenzae Typ b) genau beobachtet, nachdem nach der Abgabe
von 1,6 Mio. Impfdosen EU-weit innerhalb von drei Jahren sechs Todesfälle
bei Kindern registriert wurden, die zumindest in unmittelbarem zeitlichen
Zusammenhang mit der Impfung auftraten. Ob ein ursächlicher Zusammenhang
besteht, ist schwer zu beurteilen.11 Weil die betreffenden Impfstoffe
mit Immunisierungsraten von 26 Prozent bzw. 41 Prozent bei Hepatitis B
schlecht abschneiden, kann hier durchaus zu einem Ausweichen auf die bewährten,
weniger Kombinationen beinhaltenden Impfstoffe geraten werden.12
Ein weiteres Argument der Impfgegner besagt, dass auch geimpfte Kinder
erkranken und deshalb Impfungen wirkungslos seien. Richtig ist, dass etwa
fünf bis sieben Prozent der korrekt geimpften Kinder keine Immunität
im Sinne ausreichender Antikörperspiegel im Blut entwickeln. Ursachen
dafür können mangelnde Qualität des Impfstoffes, falsche
Lagerung und unsachgemäßer Transport, fehlerhafte Impftechnik
oder ein Nichtansprechen des Impflings sein.13 Gerade deshalb ist es wichtig,
den Durchimpfungsgrad auf ein Maximum zu steigern, weil man selbst bei
100-prozentiger Erfassung aller Impflinge nur einen realen Schutz von
93 bis 95 Prozent erreicht.
Zudem wird immer wieder auf langfristige Schäden verwiesen, die auch
durch bewährte Impfstoffe erzeugt würden. So wurde der Masern-Mumps-Röteln-Impfung
unterstellt, sie führe zu Autismus. Eine dänische Studie mit
537.303 Kindern, die zwischen 1991 und 1998 geboren wurden, ergab jedoch
eindeutig, dass dieses Gerücht falsch ist. Autismus trifft ungeimpfte
wie geimpfte Kinder in gleichem Maße.14 Die Autorengruppe, die 1998
in der Zeitschrift Lancet einen möglichen Zusammenhang angedeutet
hatte, hat kürzlich diese Schlussfolgerung zurückgezogen.15
Eine gewisse Widersprüchlichkeit der Impfkritiker belegt auch eine
Umfrage unter 219 ärztlichen Homöopathen sowie 281 hochschulmedizinisch
arbeitenden Ärzten: Eine besonders hohe Impfablehnung fand man unter
"orthodoxen klassischen Homöopathen" (47,3 Prozent), reguläre
ärztliche Homöopathen lehnten in 24,5 Prozent Impfungen stark
ab, Hochschulmediziner taten dies nur in sechs Prozent der Fälle.
Beachtenswert war aber das Impfverhalten der Homöopathen. 94,5 Prozent
der Hochschulmediziner und 55,8 Prozent der ärztlichen Homöopathen
waren in den letzten zehn Jahren selbst einmal geimpft worden. Hatten
die Mediziner minderjährige Kinder, so war der Anteil geimpfter Kinder
mit 85,5 Prozent (Homöopathen) beziehungsweise 98,1 Prozent (Schulmediziner)
sehr hoch. Die generelle Aussage, minderjährige Kinder zu impfen,
wurde aber nur von 68,2 Prozent der Homöopathen, jedoch von 98,1
Prozent der Schulmediziner positiv beantwortet.16 Man misst in homöopathischen
Kreisen demzufolge mit unterschiedlichen Maßstäben. Geht es
um das eigene Kind, impft man offenbar wesentlich bereitwilliger als bei
sich selbst oder bei Kindern Dritter.
Wenn es gelingt, die Diskussion über das Impfen zu versachlichen
und jenen Kreisen, die aus der Angst nicht wirklich über das Impfen
aufgeklärter Eltern Kapital schlagen, durch Aufklärung den Wind
aus den Segeln zu nehmen, wäre viel erreicht. Impfen ist keine Glaubensfrage,
sondern eine klare Abwägung von Vor- und Nachteilen.

Roland Wilhelm Ziegler ist Verleger und Unternehmensberater (www.vrzverlag.com).
Er beschäftigt sich seit 15 Jahren beruflich und privat mit alternativen
und naturheilkundlichen Heilverfahren und hat darüber sowohl kritische
(Ayurveda & Co - Sanfte Killer aus Fernost, Weiskirchen 2001; Aphanizomenon
Flos Aquae - Ritalinersatz oder Algengift?, Weiskirchen 2002) als auch
wohlmeinende Bücher (Lipidsenker im Fadenkreuz, Weiskirchen 2002)
publiziert. Seine Familie nützt selbstverständlich die Möglichkeiten
moderner Impfstoffe, ohne Nebenwirkungen erlitten zu haben.
Anmerkungen
1
NRW Textdienst: Pressemitteilung, 3. Quartal: Masern bis 2007 eliminieren:
Neues Impfmobil des Landes startet heute in Köln. Ministerin Birgit
Fischer: Impfung gegen Masern dauert nur einem Moment - und schützt
ein Leben lang. 22.9.03; "European Communicable Disease Bulletin.
Measles in Europe in 2001-2002", Euro Surveillance, 8 (6), 2003,S.
123-129.
2 Ciro A. de Quadros, Bradley S. Hersh, Gina Tambini u.a.:
"Measles eradication. Experiences in the Americas", MMWR,
48 (Suppl.1), 1999, S. 57-64.
3 K. Shaw, C. Stanwyck, M. McCauley: "Vaccination coverage
among children entering school - United States, 2002-03 school year",
MMWR, 52, 2003, S. 791-793.
4 Eva A. Richter: "Impfschutz: Defizite in Deutschland",
Deutsches Ärzteblatt, 101 (7), 2004, S. 378.
5 E. Vartiainen, S. Karjalainen: "Prevalence and etiology
of unilateral sensorineural hearing impairment in a Finnish childhood
population", International Journal of Pediatric Otorhinolaryngology,
43, 1998, S. 253-259.
6 Peter Kriwy: "Münchner Eltern zum Thema Impfen'.
Ergebnisse einer Befragung im Rahmen des DFG-Projektes", Epidemiologisches
Bulletin des Robert-Koch-Instituts, Nr. 9, 2003, S. 65-67.
7 C. Regh: "Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen
und persönliches Impfverhalten von Ärzten im westlichen Rheinland-Pfalz",
Medizinische Dissertation, Universität Mainz 2002.
8 Stephan Arenz, Helen Kalies, Maria-Sabine Ludwig, Wolfgang
Hautmann, Anette Siedler, Bernhard Liebl, Gabi Morlock, Rüdiger
von Kries: "Der Masernausbruch in Coburg. Was lässt sich daraus
lernen?", Deutsches Ärzteblatt, 100, 2003, S. 3245-3249.
9 Niedersächsisches Landesgesundheitsamt: Zu einem aktuellen
Masernausbruch in Niedersachsen. Erstveröffentlichung im Epidemiologischen
Bulletin Nr. 5/2003, aktualisiert und gekürzt am 7.2.03.
10 Robert-Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung des
Bundes, Heft 1, überarbeitete Neuauflage 2004.
11 "Todesfälle unter Sechsfachimpfstoffen (Hexavac,
Infanrix Hexa)", Arzneitelegramm, 34 (5), 2003, S. 56.
12 "Sechsfach-Impfstoffe Hexavac und Infanrix Hexa",
Arzneitelegramm, 32 (7), 2001, S. 73-74.
13 Robert-Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung des
Bundes, Heft 1, überarbeitete Neuauflage 2004.
14 Kreesten Meldgaard Madsen, Anders Hviid, Mogens Vestergaard,
Diana Schendel, Jan Wohlfahrt, Poul Thorsen, Jørn Olsen, Mads
Melbye: "A population-based study of measles, mumps, and rubella
vaccination and autism", The New English Journal of Medicine, 347,
2002, S. 1477-1482.
15 Richard Horton: "The lessons of MMR", The Lancet,
363, 2004, S. 747-749.
16 Philipp Lehrke: "Impfkonzepte in der Homöopathie.
Eine Erhebung zum Impfverhalten homöopathischer Ärzte",
Edition Forschung, Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1998, S. 114-115.
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