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70  Mai/Juni 2004 STICHWORT

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NOVO 70

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Das morbide Spiel
mit dem Terror


von Sabine Reul


 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Heft 70: Übersicht
 




Das morbide Spiel mit dem Terror

 

Von Sabine Reul.

 

"Terror lähmt Konjunktur", "Terroristen gewinnen Wahlen in Madrid", "Bin Laden droht ganz Europa mit Terror", verkündeten die Schlagzeilen der letzten Wochen. Gleichzeitig wird allabendlich auf sämtlichen TV-Kanälen das Grauen vor dem Terror zelebriert, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als sich partout selbst zu demoralisieren.
Dem Terror wird durch solche Meldungen eine Allmacht zuerkannt, über die das diffuse Netz seiner gewaltberauschten Urheber selbst überhaupt nicht verfügt. Die Konjunktur lahmt schließlich auch ohne bin Laden, und nicht Terroristen, sondern die spanischen Wähler haben eine neue Regierung gewählt. Doch die Kassiber und Videos der Bombenleger, ihrer Hintermänner und Trittbrettfahrer werden inzwischen vermeldet, als handele es sich um Verlautbarungen souveräner Staaten. Erst daraus aber beziehen sie die beabsichtigte traumatisierende Wirkung. Erst der politische und mediale Umgang mit dem Terror bietet der nihilistischen Kampagne der Gewalt die gewünschte Wirkung und damit laufend frischen Anreiz zu ihrer Fortsetzung.

Als George Bush auf die Anschläge vom 11. September 2001 mit dem Aufruf zum globalen "Krieg gegen den Terror" reagierte, brachte er die Urheber der Massaker von New York und Washington vermutlich überhaupt erst auf den Gedanken, sich als satisfaktionsfähige Feinde der globalen Supermacht USA zu fühlen. Wer weiß, ob sich das diffuse Terrormilieu nicht inzwischen verlaufen hätte, hätte man es nicht auf solch melodramatische Weise aufgewertet. Aber nach jedem erfolgreichen Anschlag auf die Psyche der westlichen Gesellschaften findet dieser Terror neue Nachahmer, fast so, als handele es sich um eine neue globale Sportart. Und vermutlich sind die Terroristen dabei selbst über die weitreichende Wirkung ihrer Taten erstaunt.
Dass sich hier ein Spiel mit der Verunsicherung der westlichen Gesellschaften zu institutionalisieren droht, ist inzwischen schwer von der Hand zu weisen (siehe den Artikel von Brendan O'Neill in dieser Novo-Ausgabe). Im Zusammenspiel zwischen Politik und Medien hat sich im Westen eine Kultur der Emotionalisierung entwickelt, die dem Terror laufend die gewünschten psychologischen Erfolge beschert. Statt sich darauf zu beschränken, mit entsprechenden polizeilichen, geheimdienstlichen und diplomatischen Mitteln auf die physische Gefahr, die von den Terrorakten ausgeht, zu reagieren, sucht die Politik an die emotionalen Reaktionen anzuknüpfen, die sie bei Hinterbliebenen und in der schockierten Bevölkerung auslösen.
Das geschieht mit unterschiedlicher Akzentuierung. Die amerikanische Regierung reagierte auf den 11. September mit dem Versuch, die Bevölkerung in einer morbiden, von Angst, öffentlicher Trauer und geducktem Trotz geprägten Stimmung hinter dem Präsidenten zu vereinen. Die Vermutung, dass erst durch diese Politik der Gefühle dem Terror die Möglichkeit eröffnet wurde, sich nicht nur in die Zwillingstürme von New York, sondern tief in den Seelenhaushalt Amerikas einzugraben, scheint keinesfalls abwegig. Erst indem die Regierung den emotionalen Schock nach dem tragischen Ereignis auf solche Weise politisierte, definierte Amerika sich als traumatisiertes Opfer des Terrors - mit weitreichenden Folgen für den Charakter seiner Politik und Gesellschaft.

Wenige Tage nach dem Massaker von Madrid lieferte der neue spanische Ministerpräsident eine andere Variante dieses unangemessenen Umgangs mit dem Terror. Mit der Ankündigung, die spanischen Truppen aus dem Irak abzuziehen, suchte der Sozialist Zapatero den Anschluss an die Angst, die das Blutbad in der Bevölkerung ausgelöst und ihm zu seinem unverhofften Wahlsieg verholfen hatte. Doch erst damit lieferte er den Bombenlegern die politische Logik ihrer Tat, die das anonym verübte Verbrechen bis dahin gar nicht besessen hatte. Anhänger und Trittbrettfahrer des antiwestlichen Fanatismus von Europa bis in den Irak und nach Afghanistan werden es ihm danken.
Zapatero wurde zu Recht scharf kritisiert, doch ob die Dynamik, die hier abläuft, schon richtig erfasst wird, ist die Frage. Denn auch Politiker, die auf die Haltung Zapateros mit äußerster Ablehnung reagierten, versuchten ihrerseits durch Bezugnahme auf die emotionalen Wirkungen des Terrors Profil zu gewinnen.
In Deutschland forderte Innenminister Schily den Aufbau einer neuen "europäischen Sicherheitsarchitektur"; Theo Waigel forderte die Einrichtung eines Heimatschutzministeriums nach dem Modell der Vereinigten Staaten, während die Union insgesamt sich für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren stark machte. Dieser parteipolitische Wettstreit um das bessere Sicherheitskonzept ist zwar - noch - eine vergleichsweise gedämpfte Version der Politisierung des Schreckens, was wohl hauptsächlich damit zusammenhängt, dass hierzulande noch kein Anschlag stattgefunden hat. Wer die Berichterstattung der Medien verfolgt, die Abend für Abend die Angst vor der Gewalt einüben, kommt aber nicht umhin zu fürchten, dass im Ernstfall auch in Deutschland das gleiche morbide Spiel mit dem Schrecken zu erwarten ist.

Am weitesten in diese Richtung wies bislang Außenminister Joschka Fischer, der nach den Anschlägen von Madrid Europa aufforderte, sich im Zeichen des Terrors zu vereinen (siehe hierzu den Artikel von Matthias Heitmann in dieser Novo-Ausgabe). Gibt es keine besseren Gründe für Europa, trotz zweifellos bestehender Interessenkonflikte gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten, als die Furcht vor anonymen Bombenlegern? Die Erfahrung Amerikas sollte uns gerade dieser Tage eher lehren, dass am Ende der Politik der Angst bloß ein gewaltiger Scherbenhaufen wartet.

 

 


 

Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin der Textbüro Reul GmbH in Frankfurt am Main (www.textbuero-reul.de). In Novo69 kommentierte sie in ihrem Stichwort "Ohne Überzeugung geht es halt nicht" die Entwicklung der deutschen Reformdebatte.


 



   
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