Inhalt
In eigener Sache
Von Thomas Deichmann
KRIEG UND
TERRORISMUS
STICHWORT:
Das morbide Spiel mit dem Terror
Von Sabine Reul
Matthias Heitmann:
Europa: Auferstehen aus Ruinen?
Brendan O'Neill:
Der Terror als Kind des Westens
Vasile V. Poenaru:
Großer Staat, was nun? Kleiner Mensch,
was tun?
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Walter Krämer:
Brüsseler Synthetophobie
[Heft S.16]
RATGEBER:
Von Kennzeichnung und Volksverdummung
Von Thomas Deichmann
Edgar Gärtner:
Der europäische Emissionshandel wird zur
Farce
Roland Wilhelm:
Impfen ja oder nein - wirklich eine Kontroverse?
Michael Breu:
Der Wunderheiler aus Ägypten
[Heft S.23]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Thilo Spahl:
Ein Anflug von Verbitterung
Susanne Ahrens:
Wie ich beinahe das "Fischen auf dem Wellnessozean" lernte
[Heft S.26]
Kai Rogusch:
Sicher ist sicher?
Sabine Beppler-Spahl:
Was heißt hier Gewalt?
EINSPRUCH:
Essen mit Spaß
Von Mick Hume
[Heft S.34]
Edmond Nawrotzky-Török:
Rumäniens schwieriger Weg nach Europa
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Kapitalismus von unten
MEDIEN UND
KULTUR
Martin Kaluza:
Erziehungsanstalt Stadion
Lutz Rathenow:
Die Vergangenheit hört nicht wirklich auf
[Heft S.46]
Klaus Bittermann:
ANSCHNALLEN: Der Unterwäscheschnüffler
[Heft S.50]
RUBRIKEN
INHALT /
DAFÜR STEHT NOVO
BRIEFE / IMPRESSUM
[Heft S.6]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.24]
UPDATES
[Heft S.35]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.43]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Dicke Luft!
[Heft S.45]
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Das morbide Spiel mit dem Terror
Von Sabine Reul.
"Terror
lähmt Konjunktur", "Terroristen gewinnen Wahlen in Madrid",
"Bin Laden droht ganz Europa mit Terror", verkündeten die
Schlagzeilen der letzten Wochen. Gleichzeitig wird allabendlich auf sämtlichen
TV-Kanälen das Grauen vor dem Terror zelebriert, als gäbe es
nichts Besseres zu tun, als sich partout selbst zu demoralisieren.
Dem Terror wird durch solche Meldungen eine Allmacht zuerkannt, über
die das diffuse Netz seiner gewaltberauschten Urheber selbst überhaupt
nicht verfügt. Die Konjunktur lahmt schließlich auch ohne bin
Laden, und nicht Terroristen, sondern die spanischen Wähler haben
eine neue Regierung gewählt. Doch die Kassiber und Videos der Bombenleger,
ihrer Hintermänner und Trittbrettfahrer werden inzwischen vermeldet,
als handele es sich um Verlautbarungen souveräner Staaten. Erst daraus
aber beziehen sie die beabsichtigte traumatisierende Wirkung. Erst der
politische und mediale Umgang mit dem Terror bietet der nihilistischen
Kampagne der Gewalt die gewünschte Wirkung und damit laufend frischen
Anreiz zu ihrer Fortsetzung.
Als
George Bush auf die Anschläge vom 11. September 2001 mit dem Aufruf
zum globalen "Krieg gegen den Terror" reagierte, brachte er
die Urheber der Massaker von New York und Washington vermutlich überhaupt
erst auf den Gedanken, sich als satisfaktionsfähige Feinde der globalen
Supermacht USA zu fühlen. Wer weiß, ob sich das diffuse Terrormilieu
nicht inzwischen verlaufen hätte, hätte man es nicht auf solch
melodramatische Weise aufgewertet. Aber nach jedem erfolgreichen Anschlag
auf die Psyche der westlichen Gesellschaften findet dieser Terror neue
Nachahmer, fast so, als handele es sich um eine neue globale Sportart.
Und vermutlich sind die Terroristen dabei selbst über die weitreichende
Wirkung ihrer Taten erstaunt.
Dass sich hier ein Spiel mit der Verunsicherung der westlichen Gesellschaften
zu institutionalisieren droht, ist inzwischen schwer von der Hand zu weisen
(siehe den Artikel von Brendan O'Neill in dieser Novo-Ausgabe). Im Zusammenspiel
zwischen Politik und Medien hat sich im Westen eine Kultur der Emotionalisierung
entwickelt, die dem Terror laufend die gewünschten psychologischen
Erfolge beschert. Statt sich darauf zu beschränken, mit entsprechenden
polizeilichen, geheimdienstlichen und diplomatischen Mitteln auf die physische
Gefahr, die von den Terrorakten ausgeht, zu reagieren, sucht die Politik
an die emotionalen Reaktionen anzuknüpfen, die sie bei Hinterbliebenen
und in der schockierten Bevölkerung auslösen.
Das geschieht mit unterschiedlicher Akzentuierung. Die amerikanische Regierung
reagierte auf den 11. September mit dem Versuch, die Bevölkerung
in einer morbiden, von Angst, öffentlicher Trauer und geducktem Trotz
geprägten Stimmung hinter dem Präsidenten zu vereinen. Die Vermutung,
dass erst durch diese Politik der Gefühle dem Terror die Möglichkeit
eröffnet wurde, sich nicht nur in die Zwillingstürme von New
York, sondern tief in den Seelenhaushalt Amerikas einzugraben, scheint
keinesfalls abwegig. Erst indem die Regierung den emotionalen Schock nach
dem tragischen Ereignis auf solche Weise politisierte, definierte Amerika
sich als traumatisiertes Opfer des Terrors - mit weitreichenden Folgen
für den Charakter seiner Politik und Gesellschaft.
Wenige
Tage nach dem Massaker von Madrid lieferte der neue spanische Ministerpräsident
eine andere Variante dieses unangemessenen Umgangs mit dem Terror. Mit
der Ankündigung, die spanischen Truppen aus dem Irak abzuziehen,
suchte der Sozialist Zapatero den Anschluss an die Angst, die das Blutbad
in der Bevölkerung ausgelöst und ihm zu seinem unverhofften
Wahlsieg verholfen hatte. Doch erst damit lieferte er den Bombenlegern
die politische Logik ihrer Tat, die das anonym verübte Verbrechen
bis dahin gar nicht besessen hatte. Anhänger und Trittbrettfahrer
des antiwestlichen Fanatismus von Europa bis in den Irak und nach Afghanistan
werden es ihm danken.
Zapatero wurde zu Recht scharf kritisiert, doch ob die Dynamik, die hier
abläuft, schon richtig erfasst wird, ist die Frage. Denn auch Politiker,
die auf die Haltung Zapateros mit äußerster Ablehnung reagierten,
versuchten ihrerseits durch Bezugnahme auf die emotionalen Wirkungen des
Terrors Profil zu gewinnen.
In Deutschland forderte Innenminister Schily den Aufbau einer neuen "europäischen
Sicherheitsarchitektur"; Theo Waigel forderte die Einrichtung eines
Heimatschutzministeriums nach dem Modell der Vereinigten Staaten, während
die Union insgesamt sich für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren
stark machte. Dieser parteipolitische Wettstreit um das bessere Sicherheitskonzept
ist zwar - noch - eine vergleichsweise gedämpfte Version der Politisierung
des Schreckens, was wohl hauptsächlich damit zusammenhängt,
dass hierzulande noch kein Anschlag stattgefunden hat. Wer die Berichterstattung
der Medien verfolgt, die Abend für Abend die Angst vor der Gewalt
einüben, kommt aber nicht umhin zu fürchten, dass im Ernstfall
auch in Deutschland das gleiche morbide Spiel mit dem Schrecken zu erwarten
ist.
Am
weitesten in diese Richtung wies bislang Außenminister Joschka Fischer,
der nach den Anschlägen von Madrid Europa aufforderte, sich im Zeichen
des Terrors zu vereinen (siehe hierzu den Artikel von Matthias Heitmann
in dieser Novo-Ausgabe). Gibt es keine besseren Gründe für Europa,
trotz zweifellos bestehender Interessenkonflikte gemeinsam an der Zukunft
zu arbeiten, als die Furcht vor anonymen Bombenlegern? Die Erfahrung Amerikas
sollte uns gerade dieser Tage eher lehren, dass am Ende der Politik der
Angst bloß ein gewaltiger Scherbenhaufen wartet.
Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin der Textbüro
Reul GmbH in Frankfurt am Main (www.textbuero-reul.de).
In Novo69 kommentierte sie in ihrem Stichwort "Ohne Überzeugung
geht es halt nicht" die Entwicklung der deutschen Reformdebatte.
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