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Siebenundvierzig neue Ausschweifungen von Ror Wolf, vorgestellt von Sabine Rothemann.
"In
Bitsch wohnte ein netter, etwas ungehobelter Mann. Eines Tages lernte
er eine Frau kennen." So beginnt eine der siebenundvierzig ausschweifenden
Begebenheiten. "Ein Mann, dessen Namen ich zum Glück vergessen
habe, kam auf mich zu und sagte etwas, das ich zum Glück vergessen
habe" - so eine andere. Mit Ror Wolf sehen wir, dass die ganz gewöhnliche
Welt voll von Geschichten ist, die ihrerseits offensichtlich unablässig
nach neuen Geschichten dürsten. Diesen Durst stillt der Autor großzügig
und weitestflächig und lässt so die Wirklichkeit zu einer für
uns bewohnbaren Welt werden. Voraussetzungsvoll geht er mit dem Leser
einen Komplott ein. Er erinnert ihn, wovon die Rede war, und rechnet auf
seinen Zuspruch, nun zu etwas Interessantem zu kommen. Wer will schon
etwas von Noll wissen? Spätestens nach diesem Satz ist es jeder:
"Es ist wahr, von Noll war bisher wenig die Rede. Man wird also annehmen,
dass es schwer ist, etwas über Noll zu sagen. Ich bin da ganz anderer
Meinung." Der neue Prosaband mit seinen sehr kurzen Geschichten, die an das Erzählverfahren des 1987 erschienenen Buches Mehrere Männer anknüpfen, und seinen längeren erzählten Nachrichten vereinigt die Spannbreite der Figurenwelt in Ror Wolfs gesamtem Werk. Sie reicht von Figuren, die am Erzähler entlangstreifen, deren Flüchtigkeit er einfängt und die, weil sie Abenteurer sind, mit einer "unübertrefflichen Geschwindigkeit durch die Welt [jagen]" und "höhere Lustschichten [durcheilen]" bis zu solchen, die plötzlich vor dem Blickfeld des Erzählers auftauchen, wieder verschwinden oder bewegungslos in Ecken kauern oder solchen, die in Cafés und Bahnhofsrestaurants sitzen, die essen und trinken und auf eine Geschichte warten oder dort vielleicht selbst eine schreiben, wie der Erzähler in dem kurzen Stück Ankunft 15 Uhr 25. Nachdem er die aus einem Bahnhofsgebäude strömenden Leute registriert hat, lauter ehemalige Doktoren, Lehrer, einen Heizer und eine ehemalige Dolmetscherin, die von weither, aus Afrika und Amerika, am Bonner Bahnhof eintreffen und sich unter die Leute mischen, ist die Geschichte fünf Minuten später, 15 Uhr 30 abgeschlossen. Ror
Wolfs Literaturminiaturen sind dialogisch angelegt. Neue Geschichten ergeben
sich aus den vorausgehenden, durch den Bezug auf Gehörtes und aus
Kommentaren zu den dem Erzähler zu Ohren gekommenen Meinungen anderer,
aus ihm überlieferten fiktiven fremden Einschätzungen der Wirklichkeit.
Mit Leichtigkeit verbindet Ror Wolf in seiner Literatur alle diese Elemente. Woraus
bestehen Ror Wolfs Geschichten? Wie ein Alchemist zählt sein Erzähler-Ich
die Elemente, durch die eine Geschichte zu einer Geschichte wird, auf
und lässt sie währenddessen entstehen. Geschichten bestehen
aus einem Anfang und einem Ende, aus einer Mitte und manchmal auch aus
Versatzstücken dichterischer Freiheiten, wie beispielsweise Mondbeschreibungsmöglichkeiten
am Abend. Die werden wortreich erörtert und auf ihre Tauglichkeit
hin geprüft. Im diesem Sinne wälzt ein Text einen "sehr
gewöhnlichen ganz elenden kleinen Vorfall", von dem gesagt wird,
er sei erfunden, nach allen Seiten des Möglichen aus und lässt
das Erfundene im Erzählen zur Wirklichkeit werden. In Eines Tages
am Donnerstag im Dezember lesen wir, der Erzähler habe den Tag, den
er erfunden hat, nicht vergessen, was ihn aber nicht daran hindert, den
Verlauf dieses Tages weiter zu beschreiben und mit genauen Zeitangaben
zu versehen. Äußerst
facettenreiche Hinweise darauf, dass das Erzählte im Grunde nicht
erwähnenswert sei, öffnen den Erzählraum für das scheinbar
Unwahrscheinliche, für das, was als die reine Phantasiewelt eines
Autors gelten könnte. Dagegen aber steht Wolfs präzise Sprache,
die den realen Boden niemals verlässt. Aus dem Redefluss heraus entsteht
ein Raum für die schreckenreichste und zugleich abenteuerlichste
Welt aller Welten, die aber keine andere ist als diejenige, auf der wir
laufen: die bewohnte Welt - auch zwei oder drei Jahre später noch.
Was nun ist unwahrscheinlich oder auch absonderlich? Absonderlich ist
nicht, dass der Erzähler in Die Gewalt des Gesangs aus Nevada offensichtlich
der Einladung zu einer privaten Abendveranstaltung folgt. Was aber an
diesem Abend passiert, kann als ungewöhnlich gelten. Unter seinem
Blick werden Zeitverläufe aufgehoben und die Räume in einer
Wohnung, deren Wände sich während des unüberschaubaren
Kommens und Gehens der Gäste verschieben, werden unbestimmt. Große
und kleine Reptilien fallen von der Zimmerdecke, und dünngewischte
Fußböden lassen sich mit einem Finger leicht durchstoßen.
Das Ich bewegt sich dabei auf einer kleinsten Fläche um einen Rauchtisch
herum, dem eigentlichen Zentrum des Abends, und versucht, jemandem zu
entkommen, der sich ihm mit seinen Plänen zur Schallerweiterung in
jeder freien Sekunde aufdrängt und immer wie zum ersten Mal davon
unaufgefordert berichtet. Er wirkt wie ein Schatten des Erzählers,
eine leere Fläche ohne feste Umrisse, ist aber eine Figur, die im
wirbelstromartigen Versinken der Gegenstände und mit ihnen der eingeladenen
Gäste einen Ruhepol bildet. Der
Übergang von einem gewöhnlichen kleinen Vorfall und seiner überraschenden
Entwicklung, die sich bei Ror Wolf oft bis zum Undenkbaren steigert, verläuft
unmerklich. Der Schrecken bricht unvermittelt ein. Das
erdachte, scheinbar Undenkbare bekommen wir als eine mögliche Wirklichkeit
vor Augen geführt. Wie sich am Ende der Geschichte aufklärt,
ist diesem wohnsitzlosen Menschen ein Stein auf den Kopf gefallen. Der
Sturz in die Tiefe wird zwar irreal ausgeweitet, es zeigt sich aber doch,
dass die schreckenreiche Welt die ist, auf der wir gehen, sitzen und eben
stürzen. Das macht diese Literatur so aufregend. Weil "niemand sagen [kann], was danach passiert", so der letzte Satz in Die letzte Geschichte, können wir auf noch viele neue Geschichten hoffen. Und so möchte ich gerne mit Ror Wolfs Worten hinausrufen: Alles andere später.
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