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67/68 Nov. 2003 - Feb. 2004  MEDIEN UND KULTUR

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NOVO 67/68

Cover NOVO 67/68

Erfundene oder
wirkliche Welten?


von Sabine Rothemann


 
 
 
 
 
 
 
 

Ror Wolf erzählt Geschichten, die nicht erzählt werden sollen, während von ihnen als kleinere Vorfälle und größere Fälle ausführlich berichtet wird. Auch auf Ungereimtheiten und Gefahren wirft er Licht und knipst es dann wieder aus.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

"Plötzlich hörte ich, wie sich die Tür, die ich auch erfunden habe, öffnete."

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Das erdachte, scheinbar Undenkbare bekommen wir als eine mögliche Wirklichkeit vor Augen geführt. Das macht diese Literatur so aufregend.

 

Heft 67/68: Übersicht
 




Erfundene oder wirkliche Welten?

 

Siebenundvierzig neue Ausschweifungen von Ror Wolf, vorgestellt von Sabine Rothemann.



Was passiert in einer Welt, die wir kennen, weil sie uns täglich umgibt und wir uns täglich in ihr bewegen, und was ist so besonders an ihr, dass es wert ist, es festzuhalten? Als ein genauer Beobachter der wirklichen Welt ist uns Ror Wolf noch aus seinem letzten großen Erzählungsband Nachrichten aus der bewohnten Welt bekannt. Auch in dem neuen, nun vorgelegten Buch Zwei oder drei Jahre später, das die Darmstädter Jury zum Buch des Monats September gewählt hat, ist Ror Wolfs Erzähler Zeuge der Ereignisse, er ist der Chronist, der in der Geste eines Nachrichtenübermittlers aus der bewohnten Welt berichtet.

"In Bitsch wohnte ein netter, etwas ungehobelter Mann. Eines Tages lernte er eine Frau kennen." So beginnt eine der siebenundvierzig ausschweifenden Begebenheiten. "Ein Mann, dessen Namen ich zum Glück vergessen habe, kam auf mich zu und sagte etwas, das ich zum Glück vergessen habe" - so eine andere. Mit Ror Wolf sehen wir, dass die ganz gewöhnliche Welt voll von Geschichten ist, die ihrerseits offensichtlich unablässig nach neuen Geschichten dürsten. Diesen Durst stillt der Autor großzügig und weitestflächig und lässt so die Wirklichkeit zu einer für uns bewohnbaren Welt werden. Voraussetzungsvoll geht er mit dem Leser einen Komplott ein. Er erinnert ihn, wovon die Rede war, und rechnet auf seinen Zuspruch, nun zu etwas Interessantem zu kommen. Wer will schon etwas von Noll wissen? Spätestens nach diesem Satz ist es jeder: "Es ist wahr, von Noll war bisher wenig die Rede. Man wird also annehmen, dass es schwer ist, etwas über Noll zu sagen. Ich bin da ganz anderer Meinung."
An anderer Stelle erfahren wir von einem unbekannten Mann, der wortlos eine Frau überfällt. So seine Unbekanntheit und Wortlosigkeit ausstellend, reißt die kurze Geschichte Kein Wort ihn aus beidem und lässt ihn fortan als keinen Unbekannten mehr durch die Welt schwirren, hüpfen, laufen oder in ihr, je nachdem, auch nur stehen. Und ähnlich paradox hören wir von Geschichten, die nicht erzählt werden sollen, während von ihnen als kleinere Vorfälle und größere Fälle in Keine Geschichte ausführlich berichtet wird.
Auch auf Ungereimtheiten und Gefahren wirft der Erzähler Licht und knipst es dann wieder aus. Kehren wir zu dem Mann aus Bitsch in Gelächter zurück. Nach einem entsetzlichen Lachen, das zu dem Erzähler dringt, tritt dieser ans Fenster und sieht den Lachenden sitzen. Jetzt stumm, wie es scheint. "Er saß an einer Ecke der Welt und sperrte so weit er konnte den Mund auf. Das sah gefährlich aus, hatte aber nichts zu bedeuten."

Der neue Prosaband mit seinen sehr kurzen Geschichten, die an das Erzählverfahren des 1987 erschienenen Buches Mehrere Männer anknüpfen, und seinen längeren erzählten Nachrichten vereinigt die Spannbreite der Figurenwelt in Ror Wolfs gesamtem Werk. Sie reicht von Figuren, die am Erzähler entlangstreifen, deren Flüchtigkeit er einfängt und die, weil sie Abenteurer sind, mit einer "unübertrefflichen Geschwindigkeit durch die Welt [jagen]" und "höhere Lustschichten [durcheilen]" bis zu solchen, die plötzlich vor dem Blickfeld des Erzählers auftauchen, wieder verschwinden oder bewegungslos in Ecken kauern oder solchen, die in Cafés und Bahnhofsrestaurants sitzen, die essen und trinken und auf eine Geschichte warten oder dort vielleicht selbst eine schreiben, wie der Erzähler in dem kurzen Stück Ankunft 15 Uhr 25. Nachdem er die aus einem Bahnhofsgebäude strömenden Leute registriert hat, lauter ehemalige Doktoren, Lehrer, einen Heizer und eine ehemalige Dolmetscherin, die von weither, aus Afrika und Amerika, am Bonner Bahnhof eintreffen und sich unter die Leute mischen, ist die Geschichte fünf Minuten später, 15 Uhr 30 abgeschlossen.

Ror Wolfs Literaturminiaturen sind dialogisch angelegt. Neue Geschichten ergeben sich aus den vorausgehenden, durch den Bezug auf Gehörtes und aus Kommentaren zu den dem Erzähler zu Ohren gekommenen Meinungen anderer, aus ihm überlieferten fiktiven fremden Einschätzungen der Wirklichkeit. Mit Leichtigkeit verbindet Ror Wolf in seiner Literatur alle diese Elemente.
Im Bahnhofsrestaurant von Bad Tölz hat es der Erzähler mit einer Situation zu tun, die "nicht nur Scheizhofer, sondern auch Lemm und Collunder in ihren Aufzeichnungen beschrieben haben". Am Ende der Ausführungen angelangt, kommt einer, der den Eindruck macht, als wolle er etwas Wichtiges sagen, etwas, das die ganze Geschichte vordergründig zum Kippen bringen würde und der selbstgesetzten Aufgabe des Erzählers, die sich wie eine immer neu variierende, fast manisch vorgebrachte Selbstfertigung liest, entgegenstünde, nämlich die "Dinge so genau wie möglich zu beschreiben". Vielleicht also, so geht es in der Geschichte, die in Bad Tölz oder eben auch woanders spielt, weiter, würde der unbekannte Mann alle anderen darüber aufklären, wenn er sprechen würde, dass das Gebäude, in dem sich der Erzähler wähnt zu sitzen, gar nicht das Bahnhofsrestaurant von Bad Tölz ist.
In Ror Wolfs Literatur bleibt das, was als wirklich angenommen wird, stets ungesichert. Aber gerade durch die ausdrückliche Nennung möglicher irrtümlicher Einschätzungen über die wirklichen Verhältnisse wird die Wirklichkeit, so, wie sie ist und wie sie im nächsten Moment auch ganz anders sein kann, äußerst präsent.

Woraus bestehen Ror Wolfs Geschichten? Wie ein Alchemist zählt sein Erzähler-Ich die Elemente, durch die eine Geschichte zu einer Geschichte wird, auf und lässt sie währenddessen entstehen. Geschichten bestehen aus einem Anfang und einem Ende, aus einer Mitte und manchmal auch aus Versatzstücken dichterischer Freiheiten, wie beispielsweise Mondbeschreibungsmöglichkeiten am Abend. Die werden wortreich erörtert und auf ihre Tauglichkeit hin geprüft. Im diesem Sinne wälzt ein Text einen "sehr gewöhnlichen ganz elenden kleinen Vorfall", von dem gesagt wird, er sei erfunden, nach allen Seiten des Möglichen aus und lässt das Erfundene im Erzählen zur Wirklichkeit werden. In Eines Tages am Donnerstag im Dezember lesen wir, der Erzähler habe den Tag, den er erfunden hat, nicht vergessen, was ihn aber nicht daran hindert, den Verlauf dieses Tages weiter zu beschreiben und mit genauen Zeitangaben zu versehen.
Das traditionelle Verhältnis zwischen Wirklichkeit und dem, was gemeinhin als dichterische Freiheit gilt, kehrt Ror Wolf um. Eine selbstverständliche Erzählhandlung wird hier zu einer am meisten zu bestaunenden. "Plötzlich hörte ich, wie sich die Tür, die ich auch erfunden habe, öffnete."

Äußerst facettenreiche Hinweise darauf, dass das Erzählte im Grunde nicht erwähnenswert sei, öffnen den Erzählraum für das scheinbar Unwahrscheinliche, für das, was als die reine Phantasiewelt eines Autors gelten könnte. Dagegen aber steht Wolfs präzise Sprache, die den realen Boden niemals verlässt. Aus dem Redefluss heraus entsteht ein Raum für die schreckenreichste und zugleich abenteuerlichste Welt aller Welten, die aber keine andere ist als diejenige, auf der wir laufen: die bewohnte Welt - auch zwei oder drei Jahre später noch. Was nun ist unwahrscheinlich oder auch absonderlich? Absonderlich ist nicht, dass der Erzähler in Die Gewalt des Gesangs aus Nevada offensichtlich der Einladung zu einer privaten Abendveranstaltung folgt. Was aber an diesem Abend passiert, kann als ungewöhnlich gelten. Unter seinem Blick werden Zeitverläufe aufgehoben und die Räume in einer Wohnung, deren Wände sich während des unüberschaubaren Kommens und Gehens der Gäste verschieben, werden unbestimmt. Große und kleine Reptilien fallen von der Zimmerdecke, und dünngewischte Fußböden lassen sich mit einem Finger leicht durchstoßen. Das Ich bewegt sich dabei auf einer kleinsten Fläche um einen Rauchtisch herum, dem eigentlichen Zentrum des Abends, und versucht, jemandem zu entkommen, der sich ihm mit seinen Plänen zur Schallerweiterung in jeder freien Sekunde aufdrängt und immer wie zum ersten Mal davon unaufgefordert berichtet. Er wirkt wie ein Schatten des Erzählers, eine leere Fläche ohne feste Umrisse, ist aber eine Figur, die im wirbelstromartigen Versinken der Gegenstände und mit ihnen der eingeladenen Gäste einen Ruhepol bildet.
In der Metaphorik der Wahrnehmung bringt Ror Wolf das Ensemble des Geschehens in seiner Realität auf den Punkt: ein geselliges Zusammentreffen zum gegenseitigen Zeitverkürzen - so könnte man das Ereignis des Abends zusammenfassen.

Der Übergang von einem gewöhnlichen kleinen Vorfall und seiner überraschenden Entwicklung, die sich bei Ror Wolf oft bis zum Undenkbaren steigert, verläuft unmerklich. Der Schrecken bricht unvermittelt ein.
"In Mainz, in der Mombacher Straße, saß am Abend ein wohnsitzloser Mann auf dem Geländer der Unterführung. Ein anderer Mann, ein Spaziergänger, sah von der gegenüberliegenden Seite, wie plötzlich die Beine des Mannes nach oben klappten und der ganze Körper hinab in die unsichtbare Tiefe stürzte."

Das erdachte, scheinbar Undenkbare bekommen wir als eine mögliche Wirklichkeit vor Augen geführt. Wie sich am Ende der Geschichte aufklärt, ist diesem wohnsitzlosen Menschen ein Stein auf den Kopf gefallen. Der Sturz in die Tiefe wird zwar irreal ausgeweitet, es zeigt sich aber doch, dass die schreckenreiche Welt die ist, auf der wir gehen, sitzen und eben stürzen. Das macht diese Literatur so aufregend.
Das Schreckliche, sowohl die Lust an ihm als auch das Entsetzen vor ihm, wird im Duktus eines unbeeindruckten, neutralen Protokollanten vorgetragen, der allein die Aufgabe zu haben scheint, alltägliche und unalltägliche Bewegungen der Welt festzuhalten. Zu sitzen und zu fallen und darin Teil der bewohnten Welt zu sein, ist bei Ror Wolf, der im Frühjahr den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie erhalten hat, gleichermaßen ein Abenteuer.

Weil "niemand sagen [kann], was danach passiert", so der letzte Satz in Die letzte Geschichte, können wir auf noch viele neue Geschichten hoffen. Und so möchte ich gerne mit Ror Wolfs Worten hinausrufen: Alles andere später.

 

 

 


 

Sabine Rothemann ist freie Publizistin und lebt in Berlin. Sie veröffentlicht Rezensionen und Essays in Zeitschriften, u.a. Frankfurter Hefte und mare. Zuletzt ist von ihr als Buch erschienen: Spazierengehen - Verschollengehen. Zum Problem der Wahrnehmung und der Auslegung bei Robert Walser und Franz Kafka (Tectum Verlag 2000, 221 S., EUR 25,46). In Novo64/65 ist zuletzt von ihr erschienen "Das Konzept Ich-AG: die Praxis der Zukunft auf dem Arbeitsmarkt?" E-Mail-Kontakt zur Autorin: s-rothe@gmx.de.


 



 

LITERATURTIPPS

Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später. Siebenundvierzig Ausschweifungen., Frankfurter Verlagsanstalt 2003, 180 S., EUR 17,90
Ror Wolf: Nachrichten aus der bewohnten Welt, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 1994, 273 S., EUR 8,45.



 



   
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