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67/68 Nov. 2003 - Feb. 2004  KRIEG & TERRORISMUS

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NOVO 67/68

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Der grenzüberschreitende
Terrorismus - ein vom
Westen verursachtes
Schlamassel


von Brendan O'Neill


 
 
 
 
 
 
 
 

Während die bewaffneten Gruppen früherer Zeiten den Aufbau oder Umbau von Nationalstaaten anstrebten, speisen sich die heutigen Terrorgruppen aus dem Versagen der Autorität des Staates.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Es waren westliche Interventionen in der Dritten Welt, vor allem die so genannten "humanitären Interventionen" der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges, die den Aufstieg der heutigen grenzüberschreitenden Terroristen begünstigt haben.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Während der zehn Jahre, in denen der Nordirak der Kontrolle der Bath-Partei entzogen wurde, ist die Region zu einer Zufluchtsstätte für die von Amerika am meisten gesuchten "globalen" Terroristen geworden.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

In den frühen 90er-Jahren gingen viele Mudschaheddin nach Bosnien, um dort an der Seite der Muslime zu kämpfen. Und zwar mit westlicher Unterstützung. Durch diesen Prozess "globalisierte" sich der islamistische Terrorismus.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Die heutigen nihilistischen Terrorgruppen spiegeln den selbstzerstörerischen Angriff des Westens gegen die Prinzipien staatlicher Souveränität und der Integrität von Grenzen in der Ära nach dem Kalten Krieg.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Westliche Kriegsgegner befürworten UN-Interventionen oder andere Formen nichtamerikanischer Einmischung und fördern auf diese Weise genau die Entwicklung, die durch die Aushöhlung staatlicher Souveränität die Dritte Welt destabilisierte und zum Aufstieg des Terrors führte. Dieser "Internationalismus" der heutigen Eliten ist sogar noch schlimmer als die herkömmlichen nationalstaatlichen Strukturen.

 

Heft 67/68: Übersicht
 




Der grenzüberschreitende Terrorismus - ein vom Westen verursachtes Schlamassel

 

Grenzüberschreitende Terrorgruppen beleben die Angstphantasien des westlichen Publikums. Brendan O'Neill erklärt die Hintergründe ihres Aufschwungs.



Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat ein neuer Akteur die weltpolitische Bühne betreten: der "globalisierte Terrorist". Anders als die alten nationalen Befreiungsbewegungen wie die PLO oder die IRA beschränken sich global ausgerichtete Terrorgruppen nicht auf eine bestimmte Region. Sie verlagern Geld, Rekruten und Material ohne Rücksicht auf staatliche Grenzen. Auch ihre Ziele liegen weit verstreut. Das bekannteste Beispiel dieses neuen Schlages von Terroristen ist Al Qaida. Diese Terrororganisation ist berüchtigt für seine sporadischen Anschläge, sie verlegt ihre Operationsbasen von einem zerfallenen Staat zum nächsten, ihr Netzwerk zieht sich über den gesamten Globus von Südostasien über Florida bis nach Deutschland. Zwar hat der "Krieg gegen den Terror" als Reaktion auf den 11. September Al Qaida stark geschwächt, aber die letzten Anschläge in Saudi-Arabien, Marokko und anderswo rufen in Erinnerung, dass einige lose Gruppierungen dieses Terrornetzes es weiterhin darauf anlegen, Bomben zu zünden.
In Zentralasien, im Nahen Osten, am Horn von Afrika und auf dem Balkan operieren kleine islamistische Gruppen, die nach den Worten von Pentagon-Sprechern Grenzen miss- und staatliche Institutionen verachten. Grenzüberschreitende Terrorgruppen beleben die Angstphantasien des westlichen Publikums. Sie gelten als eine neue Bedrohung für den Weltfrieden.

Wie konnten diese Terrorgruppen eine solch bedeutende Rolle auf der weltpolitischen Bühne erlangen? Trotz all des Geredes, die Antwort auf diese Frage liege in den Höhlen Afghanistans oder in den Slums des Nahen Ostens: die Entwicklung des grenzüberschreitenden Terrorismus hat ihre eigentliche Ursache in den grundlegenden Veränderungen der internationalen Beziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges. Wer die Ursachen für den grenzüberschreitenden Terror verstehen will, muss sich mit den westlichen Interventionen in der Dritten Welt in den letzten 15 Jahren befassen und dabei besonders deren zersetzende Wirkung auf die bestehende Weltordnung beachten.

Der neue Terrorismus
Was genau ist das Besondere an heutigen Terroristen? Eigentlich waren auch schon die nationalen Befreiungsbewegungen der 60er-, 70er- und 80er-Jahre "grenzüberschreitend". Sie überquerten Grenzen, um Anschläge zu verüben, um einen sicheren Unterschlupf zu finden oder um Waffen zu schmuggeln. Doch waren diese Gruppen politisch und organisatorisch an ein bestimmtes Gebiet gebunden. Sie hatten begrenzte Ziele in Bezug auf dieses Gebiet und eine Mitgliedschaft, die sie fast ausschließlich vor Ort rekrutierten. Die PLO wollte Israel Teile Palästinas wieder abtrotzen; die IRA bekämpfte die Besetzung der nördlichen Teile Irlands durch Großbritannien; die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) verlangte eine Autonomieregion im Südosten der Türkei; baskische Separatisten konzentrierten ihre Kampagnen auf Nord-Spanien. Selbst wenn solche Gruppen, wie etwa die PLO, international operierten, so doch nur, um ihre lokalen, nationalen Ziele dem Weltpublikum zu präsentieren und so Unterstützung zu bekommen.

Diese Gruppen hatten staatenbasierte Ziele; ihre politischen Bestrebungen und Handlungen waren eingebettet in Grundannahmen von Souveränität und Territorium. Ihr Ziel war die Schaffung souveräner Nationalstaaten. Die heutigen grenzüberschreitenden Terroristen haben keine solche Verbindung zu einem bestimmten Gebiet. Sie beurteilen solche Gebiete unter dem Gesichtspunkt, ob sie ihnen von gelegentlichem Nutzen sind, sie betrachten sie als eine vorübergehende Basis, von der aus sie ihre global ausgerichteten Anschläge organisieren. Im Unterschied zu den lokal definierten Anliegen alter Terrorgruppen haben sie ausdrücklich global angelegte Sichtweisen, und ihre Mitglieder beziehen sie aus den verschiedensten Staaten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die ägyptische Gruppe al-Wa'd, eine terroristische Organisation, die junge ägyptische Rekruten in Camps nach Kosovo oder Pakistan schickt, um sie später auf die Philippinen, nach Kaschmir oder wo immer sie nach ihrer Ausbildung und Indoktrination gebraucht werden, zu entsenden. Kuriere versorgen sie mit Geld, Flugtickets und Papieren.
Außenpolitische Experten gehen so weit, diese Gruppen mit international operierenden Konzernen zu vergleichen. Die neuen Terrorgruppen nutzen genauso wie multinationale Konzerne die globalen ökonomischen Verkehrs- und Kommunikationssysteme für ihre Operationen. Doch während die multinationalen Firmen sich Staaten aussuchen, die politische Stabilität bieten, zieht es die Terrorgruppen in zerfallende Staaten, wo der Zusammenbruch von Autorität sie in die Lage versetzt, ihre Operationen ohne Risiko oder erhebliche Störungen auszuführen.

Während die bewaffneten Gruppen früherer Zeiten den Aufbau oder Umbau von Nationalstaaten anstrebten, speisen sich die heutigen Terrorgruppen aus dem Versagen der Autorität des Staates. Wo nationale Befreiungsbewegungen die staatlichen Grenzen lediglich neu ziehen wollten, ist es für die heutigen grenzüberschreitenden Gruppen kein Problem, von einem zerfallenen Staat zum nächsten zu ziehen. Während sich gewalttätige Gruppen früher auf lokal begrenzte Ziele konzentrierten, reden die heutigen Terrorgruppen darüber, den "Heiligen Krieg" auf dem ganzen Globus zu führen.

Auf diese Weise reflektiert die Erscheinung des grenzüberschreitenden Terrors viele Tendenzen unserer veränderten Welt. Viele versuchen, die sporadischen Anschläge der 90er-Jahre und von heute zu verstehen, indem sie die inneren Zusammenhänge des islamischen Fundamentalismus analysieren, die zu dessen Aufstieg beitragen. Ohne Zweifel gibt es hier viel zu lernen. Jedoch ist hierbei die Tendenz zu beklagen, dass die viel wichtigeren Fragen übergangen werden: Was hat überhaupt die Bedingungen für die Methoden des neuen Terrors geschaffen? Was hat die Verlagerung weg von einem auf Staaten gegründeten Terror hin zum globalen Terroristen verursacht?

Diese Antwort findet sich nicht in Afghanistan, in Pakistan oder in Somalia. Es waren westliche Interventionen in der Dritten Welt, vor allem die so genannten "humanitären Interventionen" der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges, die den Aufstieg der heutigen grenzüberschreitenden Terroristen begünstigt haben. Indem sie die Autorität des Staates und die Idee der "nationalen Souveränität" untergruben, schufen die "humanitären Interventionen" die Bedingungen für den Aufstieg der heutigen nichtstaatlichen Akteure. Und indem sie lokale Konflikte internationalisierten, trugen westliche Interventionen sehr stark zur Verachtung traditioneller Grenzen bei und ermöglichten die unbehelligte Bewegungsfreiheit bewaffneter Gruppen zwischen verschiedenen Gebieten.
Während die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg um die Prinzipien souveräner Gleichheit organisiert war und so den Aufstieg von bewaffneten Gruppen mit territorialen Zielen begünstigte, ermöglichte die "humanitäre" Periode den Aufstieg staatenloser Terrornetzwerke. Bei all den Klagen über Al Qaida und andere Gruppen ist der grenzüberschreitende Terror doch in vieler Hinsicht ein vom Westen verursachtes Schlamassel.

Humanitarismus und das Ende der Souveränität
Das Ende des Kalten Krieges verursachte eine Krise innerhalb der westlichen Eliten. Der Kollaps der Sowjetunion wurde anfänglich als Sieg gefeiert, führte aber schnell zu einer tiefen Unsicherheit. Der Westen hatte sein "Reich des Bösen" verloren, gegen das er sich 40 Jahre lang definiert hatte. Westliche Mächte hatten ihre globale Rolle mit negativen Begriffen umschrieben und standen nun ohne einen solchen internationalen Fokus da.
Die Doktrin der humanitären Intervention war eine Antwort auf solche westlichen Unsicherheiten. In ihrer Suche nach einer neuen moralischen Mission projizierten sie ihre innenpolitischen Probleme auf die Weltbühne, um ihr eigenes Ansehen zu steigern: Der Humanitarismus galt als "selbstlose" und moralische Verpflichtung, in andere Länder zu intervenieren und den Menschen zu helfen. Nur für außenpolitische Projekte dieser Art konnte noch breite Unterstützung gewonnen werden.

Sogar der Golfkrieg 1991, der erste Versuch der USA, ihre Macht kurz nach Ende des Kalten Krieges zu testen, wurde als Versuch gepriesen, die Schiiten im Südirak vor Saddam Husseins Regime zu schützen. Im Jahre 1993 leiteten die USA eine Invasion namens "Operation Hoffnung" ein, um die Zivilbevölkerung in Somalia vor skrupellosen Kriegsherren und vor Armut zu bewahren. Auch der Kosovo-Krieg im Jahre 1999 wurde im Namen der Humanität geführt; die "unschuldigen Kosovaren" sollten vor Slobodan Milosevic und den Serben geschützt werden. Die Invasion Afghanistans 2001 und des Irak 2003 wurden ebenfalls mit vorgeblich humanitärer Hilfe für die dort lebenden Völker gerechtfertigt.

"Human" waren diese "humanitären Kriege" nicht. Tausende starben, alte Konfliktgräben wurden vertieft und neue geschaffen. Aber die humanitäre Intervention wurde vor einem einheimischen Publikum aufgeführt. Sie war ein Versuch, moralische Autorität zu gewinnen, die in der Innenpolitik fehlte. Jedoch barg diese Politik Gefahren für den Westen: Während sie der innenpolitischen Ordnung eine neue Legitimität verleihen sollte, destabilisierte sie die bestehende Weltordnung. Während sie die innenpolitische Krise vorübergehend kompensierte, zersetzte sie die Institutionen, welche die internationale Ordnung der Nachkriegsperiode aufrechterhielten. Der neue Humanitarismus hegt eine tiefe Abneigung gegen den souveränen Nationalstaat, der für 50 Jahre der wichtigste Baustein des internationalen Regelwerks war.

Indem sich die internationale Gemeinschaft das Recht zusprach, jeden Nationalstaat anzugreifen, in dem die "Menschenrechte" missachtet wurden, wirkte sie aktiv an der Untergrabung staatlicher Autorität mit. Während der humanitären Periode wurde "Souveränität" zum Schimpfwort - zusehends betrachtet als eine "überholte" Idee, hinter der sich grausame Tyrannen versteckten.
In den frühen 90er-Jahren brachte Bill Clinton seine Verachtung für die Idee der Nichtintervention in die Angelegenheiten souveräner Staaten klar zum Ausdruck: "Die Idee der Nation, wie wir sie kennen, wird überholt sein. Alle Staaten werden eine einzige globale Autorität anerkennen... Ein neuer Begriff, wie er in der Mitte des 20. Jahrhunderts kurzzeitig in Mode kam - der "Weltbürger" -, wird eine wahre Bedeutung am Ende des 20. Jahrhunderts angenommen haben."1
Ende der 90er-Jahre interessierte sich UN-Generalsekretär Kofi Annan mehr für das Wohlergehen des Individuums als für die Unversehrtheit staatlicher Grenzen. Die Vorstellung vom souveränen Nationalstaat wurde vom Prinzip verdrängt, wonach die Souveränität jedes einzelnen "Weltbürgers" vorzuziehen sei. Auf diese Weise wurden westliche Interventionen im Namen des Schutzes verletzlicher Individuen vor außer Kontrolle geratenen Staaten legitimiert.
Vor kurzem rief der britische Premierminister Tony Blair dazu auf, Interventionen in die Angelegenheiten anderer Staaten als ein internationales Rechtsprinzip zu formalisieren: "Wo die Bevölkerung ernsthafte Schäden erleidet aufgrund eines Bürgerkrieges, von Aufruhr, Unterdrückung oder dem Versagen staatlicher Strukturen, und der betreffende Staat nicht willens ist, dies zu stoppen oder abzuwenden, da sollte das Prinzip der Nichtintervention der internationalen Pflicht zum Schutz weichen."2

Eine solche ausdrückliche Verachtung der Idee des souveränen Nationalstaats ist ein bedeutender Schritt. Seit der Gründung der Vereinten Nationen und der Veröffentlichung ihrer Charta 1945 wurden internationale Beziehungen um das Prinzip der formalen Gleichheit aller Nationalstaaten organisiert. Die UN-Charta statuierte, dass Staaten gleiche legale und politische Rechte hätten, unabhängig von ihrer jeweiligen Macht. Natürlich gab es trotzdem Kriege; westliche Mächte überrollten die angenommene "souveräne Gleichheit" der Staaten überall, sei es in Südamerika, in Korea oder in Vietnam. Dennoch sorgte die UN-Charta für einige Ordnung in der Weltpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, indem sie internationale politische Prinzipien kodifizierte.

Die "Humanitaristen" änderten all das. Sie sprachen nun vom Schutz verletzlicher Individuen vor tyrannischen Staaten. Doch indem sie das Konzept der nationalen Souveränität aushöhlten, legten sie den Grundstein für einige gefährliche Umbrüche in den 90er-Jahren - weg von internationalen Beziehungen, die auf Staaten und staatlichen Akteuren beruhen, hin zu etwas Unberechenbarem und Labilem. Wenn die Integrität staatlicher Grenzen immer weniger gilt, dann schwindet auch immer mehr traditionelle staatliche Autorität. Und so tauchten schließlich nichtstaatliche Akteure in immer bedeutenderen Rollen auf.

Der Aufstieg nichtstaatlicher Akteure
Einige westliche Kommentatoren und Akademiker erkannten die Gefahren, die dem Westen aufgrund seiner von ihm betriebenen Aushöhlung staatlicher Souveränität drohten. Schon früh wurde darauf hingewiesen, dass man ein so nützliches Konzept wie das der nationalen Souveränität nicht einfach verwerfen dürfe, ohne etwas Besseres an seine Stelle zu setzen.3
Aber vielleicht waren diejenigen, die sich am meisten vor dem Schwund nationaler Souveränität fürchteten, die Führer zerbrechlicher Staaten in der Dritten Welt, denen die nationale Souveränität eines der verbliebenen Mittel war, durch welche sie Kontrolle ausüben konnten - besonders über Gruppen, die sie in ihrer Autorität herausforderten. Im Jahre 1997 rief eine Gruppe afrikanischer Führer die Vereinten Nationen auf, ihre Abkehr vom Konzept der nationalen Souveränität ernsthaft zu überdenken. 1999 sagte der frühere indische Außenminister Singh: "Ich verstehe schon, warum die Leute sich für die Menschenrechte einsetzen, die über dem souveränen Recht des Staates stehen sollen ... aber dieses Anliegen muss gründlicher durchdacht werden. Damit diese Idee auch wirklich funktioniert, muss die Welt ein wenig gleicher sein, als sie es heute ist."4
Einige Staaten hegten die ernsthafte Sorge, auf der Empfängerseite "humanitärer Kriegsführung" zu landen, wie es beim Irak, bei Somalia und Serbien geschah. Aber sie fürchteten auch, in einer Welt, in der staatliche Souveränität immer weniger zählte, etwas zu verlieren, das ihnen die alten völkerrechtlichen Normen bislang garantiert hatten: ein wenig Autorität. Wo sie so wenig Autorität besaßen, konnten sich die Staaten der Dritten Welt wenigstens an das Konzept der nationalen Souveränität klammern und dadurch Kontrolle über ihr Territorium ausüben. Das heraufziehende Zeitalter des Humanitarismus drohte, ihnen das letzte Überbleibsel ihrer Legitimität zu rauben.

Indem der Westen das Konzept der Souveränität angriff, löste er Politik von nationalen Interessen. Die Prämisse lautete nun, es gäbe eine höhere Form des politischen Lebens. Indem die westliche Intervention zwischen dem politisch Guten und dem nationalen Interesse unterschied, untergrub sie staatliche Autorität in weltpolitischen Angelegenheiten. Westliche Interventionen schufen ein Vakuum, das bewaffnete Gruppen immer weiter ausfüllten; als Parasiten nährten sie sich von der Schwäche der untergrabenen Regierungen.
Ein frühes Beispiel ist der Irak. Infolge des Golfkriegs von 1991 entzog man den Nordirak aus dem Machtbereich von Saddams Regime und verwandelte ihn in eine "Schutzzone" der UN, in der die Kurden nun eine begrenzte Selbstverwaltung ausüben konnten. Der "unregierte" Nordirak zog wie ein Magnet Verbrecherbanden und Terroristen an. Der Vizepräsident einer türkischen Hilfsorganisation, Muzaffer Baca, beschrieb diesen Zustand folgendermaßen: "Die zentralen Autoritäten oder die traditionellen Institutionen üben hier keine wirksame Kontrolle aus. Nordirak ist ein Sammelplatz für Drogen- und Waffenschmuggler ... Die Instabilität hier schafft eine Atmosphäre, in welcher der Terror und terroristische Organisationen immer neue Blüten treiben."5
Während der zehn Jahre, in denen der Nordirak der Kontrolle der Bath-Partei entzogen wurde, ist die Region zu einer Zufluchtsstätte für die von Amerika am meisten gesuchten "globalen" Terroristen geworden. Die kurdische islamistische Gruppe Ansar al-Islam, der Verbindungen mit Al Qaida nachgesagt werden, baute ihre Schlagkraft in diesem staatenlosen Gebiet in den 90er-Jahren immer weiter auf. Sie übernahm sogar die Kontrolle über einen kleinen Teil vom Nordirak, wo sie relativ unbehelligt operierte - etwas, wovon sie unter irakischer Kontrolle nur hätte träumen können.

Nach den Worten des amerikanischen Außenministers Colin Powell war sogar Al Qaida im Nordirak für einige Jahre präsent. Einige Leute behaupten, Al Qaida-Mitglieder betrachteten den Nordirak als einen Ort, wo sie in den letzten zehn Jahren immer wieder "auftanken" und unter sympathisierenden Gruppen immer wieder Zuflucht finden konnten. Powell behauptet, Al Qaida-Mitglieder seien aus Afghanistan während des Bombenkrieges 2001/02 hierher geflohen, und er beschreibt den Nordirak als einen "guten" Ort für solche Leute.6
Nach den Ausführungen amerikanischer Regierungsmitarbeiter deutet dieser Umstand auf einen "düsteren Nexus zwischen Irak und Al Qaida" hin. Aber in Wirklichkeit kann man hieraus eher folgern, dass die Untergrabung staatlicher Autorität diese Region zu einem "guten" Ort für staatenlose Terroristen macht. Kurz vor dem jüngsten Irakkrieg drückte Washington seine Betroffenheit über "das zunehmend komplizierte Flickwerk an Kräften im Nordirak" aus - dabei übersah es seine Verantwortung, dieses gesetzlose Territorium erst geschaffen zu haben.

Der Aufstieg nichtstaatlicher Akteure, der mit dem Niedergang staatlicher Autorität einhergeht, ereignete sich in vielen "humanitären" Zielen des Westens. Man nehme nur den Balkan, jenen Wendepunkt in der Entwicklung westlicher Interventionen. In den frühen 90er-Jahren, nachdem westliche Staaten die Sezession zahlreicher Regionen und den folgenden Zerfall des jugoslawischen Staates ermutigt hatten, sickerten bewaffnete islamistische Gruppen in die Region ein und kämpften an der Seite bosnischer Muslime gegen serbische Sicherheitskräfte. Einige von ihnen übernahmen Städte und Dörfer, sie wurden "so etwas wie das Gesetz in einem gesetzlosen Land". Eine Kultur der Gesetzlosigkeit schlug Wurzeln, begünstigt durch den Zusammenbruch eines Staates; sie wurde zum Nährboden für Terroristen, sie ermöglichte Menschenhandel, Waffenschmuggel und die Ausbreitung von Drogen.7
Die Ereignisse auf dem Balkan zeigen außerdem, wie die Bildung neuer "Nationen" traditionelle staatliche Souveränität weiter aushöhlt. Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro, Slowenien und die frühere jugoslawische Republik Mazedonien sind weniger unabhängige Nationalstaaten als vielmehr die instabilen Resultate westlicher Intervention. Bosnien-Herzegowina hat einen Hohen Repräsentanten der Vereinten Nationen, der unbegrenzte Autorität hat, alle demokratischen Institutionen eines souveränen Mitgliedstaates der Vereinten Nationen zu überstimmen. Auch bei der Bildung neuer Nationen untergräbt westliche Intervention die Idee staatlicher Unabhängigkeit und Integrität - und so bleiben Teile des Balkans labil und sind damit ein fruchtbarer Boden für nichtstaatliche Akteure, welche die Schwäche dieser neugeschaffenen "Staaten" ausnutzen.
In Afghanistan schuf die Vertreibung der Taliban durch den Westen Platz für die Wiederkehr der alten Kriegsherren der Mudschaheddin. Gegenwärtig ist Kabul der einzige Ort in Afghanistan, wo annähernd so etwas wie Recht und Ordnung herrschen - der Rest des Staates ist ein Ort für Banditen und Räuberbanden. Im Irak vollzog sich nach Kriegsende der Aufstieg kleiner bewaffneter Gruppen, die in das Vakuum drängten, das der Sturz des Regimes hinterließ.

Aber in der humanitären Periode waren es nicht bloß Akte der Intervention, die Staaten destabilisierten. Schon der Humanitarismus als ein de facto die internationale Politik organisierendes Prinzip reicht aus, in der Dritten Welt Instabilität hervorzurufen. Die neue humanitäre Ordnung des Westens, mit ihrer starken Voreingenommenheit gegen staatliche Souveränität, schuf eine Welt, die ein eingebautes Potenzial für Aktionen birgt, die sich gegen den Staat richten.
Bewaffnete Gruppen beuten die humanitäre Agenda für ihre Zwecke aus, indem sie ihre Staaten in einer Weise herausfordern, die darauf abzielt, internationale Kräfte in den Konflikt mit hineinzuziehen. Eine Weltordnung, die auf tiefem Misstrauen gegen staatliche Souveränität beruht, hat dazu beigetragen, einen fruchtbaren Boden für neue Konflikte zu schaffen, die nicht länger durch die alten Normen von Souveränität eingehegt werden.

In Theorie und Praxis destabilisierte die humanitäre Intervention die Nachkriegsordnung. Aber sie schuf nicht bloß die Bedingungen für den Aufstieg nichtstaatlicher Akteure, sondern sie ermutigte auch noch in aktiver Weise die Überschreitung staatlicher Grenzen. Westliche Intervention trug nicht bloß zur Schwächung staatlicher Strukturen bei, sondern internationalisierte obendrein lokale Konflikte und ermöglichte so die Bewegung nichtstaatlicher Gruppen zwischen verschiedenen Territorien. Der Humanitarismus schuf den Platz für nichtstaatliche Akteure und ermutigte zunehmende grenzüberschreitende Bewegungen. Und nirgends hatte diese doppelte Wirkung westlicher Intervention fatalere Folgen als auf dem Balkan.

Die Lehren aus Bosnien
Es ist ausgiebig dokumentiert, dass die USA eine Hauptrolle beim Aufbau der Mudschaheddin in Afghanistan spielten, die mit dem Aufstieg von Osama bin Ladens Al Qaida in Verbindung stehen. Amerikanische Dienste finanzierten und bewaffneten die Mudschaheddin in den 80er-Jahren, als sie gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans kämpften. Was weniger bekannt ist, ist die Rolle, die der Westen in der ersten Hälfte der 90er-Jahre spielte, als er die Bewegung islamischer militanter Gruppen von Zentralasien nach Europa förderte. Wenn westliche Intervention in Afghanistan die Mudschaheddin produzierte, dann globalisierte westliche Intervention sie im Balkan.
Amerika unterstützte die Mudschaheddin in den 80er-Jahren, nachdem sowjetische Panzer in Afghanistan im Jahre 1979 eingerollt waren. Diese islamischen Kämpfer wurden von der britischen SAS ausgebildet. Schätzungsweise 12.500 Ausländer wurden zwischen 1985 und 1992 trainiert: im Bombenbasteln, Sabotage, städtischer Guerillakriegsführung und anderen militärischen Taktiken, und dies in afghanischen Camps, bei deren Aufbau die CIA half. Bin Ladens Office of Services, das für die Mudschaheddin-Kämpfer aus dem Ausland rekrutierte, erhielt finanzielle Unterstützung von der CIA.
Als die Sowjetunion ihre Soldaten 1989 abzog und Afghanistans Konflikte 1992 zu einem vorübergehenden Ende kamen, verloren die Mudschaheddin aus amerikanischer Sicht ihren Nutzen. Bin Laden war einer von tausenden Arabern, die in Afghanistan gestrandet zurückgelassen wurden. In seinem neuen Buch Al-Quaida: Casting a Shadow of Terror beschreibt der Journalist Jason Burke, wie die Mudschaheddin 1992 nach dem Ende des Unternehmens Afghanistan ihre Orientierung verloren hatten. Burke meint nun, Al Qaida habe erst 1996 so etwas wie eine terroristische Struktur angenommen, als bin Laden aus dem Sudan in das nun von den Taliban regierte Afghanistan zurückkehrte.8

Doch was geschah mit den Mudschaheddin im Zeitraum zwischen dem Ende des Afghanistankrieges 1992 und bin Ladens Rückkehr nach Afghanistan 1996? Frönten sie dem Müßiggang? Nein: In den frühen 90er-Jahren gingen viele Mudschaheddin nach Bosnien, um dort an der Seite der Muslime zu kämpfen. Und zwar mit westlicher Unterstützung. Durch diesen Prozess "globalisierte" sich der islamistische Terrorismus; kleine Gruppen mit einer lokalen Mission in Afghanistan verwandelten sich in kleine Gruppen mit einer grenzenlosen Mission, der Ausbreitung des "Heiligen Krieges".
Viele meinen, die jugoslawische Tragödie sei durch ein Zuwenig und ein Zuspät an westlicher Intervention verursacht worden. In Wirklichkeit aber verschärfte die westliche Intervention im Balkan die Spannungen und hielt die Feindschaften am Leben. Indem sie die Bestrebungen der separatistischen Republiken und Gruppen 1990/91 anerkannten, untergruben westliche Eliten die Regierungsstrukturen in Jugoslawien, steigerten die Unsicherheiten, entflammten den Konflikt und vertieften die ethnischen Spannungen. Indem sie mehrere Kriegsparteien während des Krieges logistisch unterstützten, hielten westliche Interventionen den Konflikt bis in die Mitte der 90er-Jahre hinein aufrecht.
Interventionen von außen internationalisierten die lokalen Spannungen auf dem Balkan. Die Anerkennung der Republiken Slowenien und Kroatien durch Deutschland 1991, Russlands Unterstützung der Serben, die Anerkennung der Republik Bosnien-Herzegowina 1992 durch die USA und die amerikanische Unterstützung der bosnischen Muslime - all dies verwandelte Jugoslawiens innere politische Konflikte in erhitzte internationale Themen und ebnete damit den Weg zu einer Eskalation des Krieges. Westliche Einmischung zerriss Jugoslawiens innere Strukturen, und zugleich lastete ein Druck von außen auf der Region. Ein Beitrag zu diesem destabilisierenden Prozess lag darin, dass die USA die Verlagerung islamistischer Kämpfer vom Mittleren Osten hin nach Bosnien erlaubten.
Im April 2002 verfasste Professor Cees Wiebes von der Universität Amsterdam als Beitrag zum holländischen Untersuchungsausschuss zum Massaker in Srebrenica, wo bosnische Muslime in einer UN-Schutzzone im Juli 1995 getötet worden waren, einen Bericht mit dem Titel Intelligence and the War in Bosnia. In diesem Bericht befasste er sich ausführlich mit der "geheimen Allianz zwischen dem Pentagon und radikalen islamistischen Gruppen des Mittleren Ostens". Wiebes beschrieb, wie im Zeitraum von 1992 bis 1995 das Pentagon die Verlegung einer "enormen Menge an Waffen" und schließlich "Kämpfern der Mudschaheddin" nach Bosnien organisierte, und zwar in Zusammenarbeit mit der Türkei, dem Iran und "einer Reihe von islamischen Gruppen, unter ihnen afghanische Mudschaheddin und die pro-iranische Hisbollah".9
Manch einer regte sich während der Balkankriege über die "uneuropäischen Methoden" der Mudschaheddin auf, zu denen auch Enthauptungen gehörten. Doch trotz dieser fragwürdigen Methoden sagte Richard Holbrooke, der damalige amerikanische Beauftragte für den Balkan: "Ich denke, die [bosnischen] Muslime hätten ohne diese Hilfe nicht überleben können."10

Unter den Bedingungen des Daytoner Friedensabkommens von 1995, das den kriegerischen Parteien die Beilegung des Konfliktes auferlegte, wurden die ausländischen Einheiten der Mudschaheddin aufgefordert, sich aufzulösen und den Balkan zu verlassen. Doch viele blieben - nach Schätzungen bis zu 500 - und hielten ihre Organisation und ihr Training in instabilen Gegenden Bosniens weiter aufrecht. Als Amerika vor zwei Jahren seinen Krieg gegen Afghanistan als Antwort auf den 11. September begann, führte die Los Angeles Times aus, dass eine große Zahl an bin-Laden-Anhängern versuchen könnte, aus Afghanistan zu fliehen, um bei militanten Sympathisanten in Bosnien Unterschlupf zu finden.11
Gegen Ende der 90er-Jahre zeigten sich amerikanische Regierungsvertreter zunehmend besorgt über die Präsenz der Mudschaheddin auf dem Balkan. Im Jahre 2000 verfasste das amerikanische Außenministerium einen Bericht, wonach "Hunderte von ausländischen islamistischen Extremisten, die nach ihrem Kampf gegen serbische und kroatische Sicherheitskräfte zu Bürgern Bosniens wurden, eine potentielle Bedrohung Europas und der Vereinigten Staaten darstellen".12
Ein Jahr vor den Anschlägen des 11. September sorgte sich das amerikanische Außenministerium darüber, dass "unter den Extremisten [in Bosnien] durchgängig Terroristen sind, einige von ihnen mit Verbindungen zu bin Laden", und dass Bosnien-Herzegowina ein "Zufluchtsort für Terroristen" geworden sei.13 Clintons Regierung erhöhte den Druck auf die Regierung in Sarajevo, die Islamisten auszuweisen. Aber es ist eine Sache, solche Kräfte auf Europa loszulassen und dabei einen "Zufluchtsort für Terroristen" durch Intervention zu schaffen; es ist eine andere Sache, diesen Kräfte wieder heimzuleuchten.
Obwohl Clintons Regierungsmitarbeiter sich immer wieder betroffen über islamistische Extremisten auf dem Balkan äußerten, erlaubten sie doch in den 90er-Jahren durchgängig den Zustrom der Mudschaheddin nach Europa. Ende der 90er-Jahre unterstützten die USA die Kosovarische Befreiungsorganisation UCK gegen Serbien. Laut einem Bericht der Jerusalem Times aus dem Jahre 1998 wurde die UCK mit "finanzieller und militärischer Hilfe aus islamischen Ländern versorgt" und wurde "durch Hunderte von Mudschaheddin unterstützt", von denen einige "in Terroristencamps von Osama bin Laden in Afghanistan" ausgebildet worden waren.

Die Kosovo- und die Mazedonienkrise der letzten fünf Jahre zeigen die destabilisierenden Wirkungen, die eintreten, wenn man die humanitäre Intervention zu einem Organisationsprinzip der Außenpolitik macht. In den Jahren 1997/98 hatte die UCK ihre gewalttätigen Angriffe gegen serbische Sicherheitskräfte vermehrt. Doch bestand ihr Ziel nicht so sehr darin, sich Serbien vorzunehmen und dabei souveräne Unabhängigkeit zu gewinnen. Vielmehr lag ihr Ziel darin, ihre lokalen Anliegen zu einem internationalen Thema zu machen und dadurch eine westliche Beilegung des Konfliktes zu provozieren. Das ist ein großer Unterschied zu früher, als die Befreiungsarmeen noch für ihren eigenen souveränen Staat kämpften. Heute, in einer Welt, die sich um das Misstrauen gegen staatliche Autorität organisiert, wo die Souveränität nichts mehr gilt, leiten Befreiungsorganisationen Angriffe ein, um so eine weitergehende Intervention herbeizuführen.

Nach den Balkankriegen der 90er-Jahre sind gewalttätige islamistische Beteiligungen an Konflikten im Nahen Osten und in Zentralasien zu einem immer wiederkehrenden Thema geworden. Frühere Kämpfer der Mudschaheddin suchen sich für ihre Mission des "Heiligen Krieges" immer neue Ventile. Einige derjenigen, die im Tschetschenienkonflikt gegen Russland kämpfen, sind ausländische Söldner aus arabischen Staaten; im letzten Irakkrieg kämpften arabische Freiwillige aus Algerien, Ägypten, Afghanistan und dem Kosovo gegen Amerikaner und Briten.

Dieses Phänomen grenzüberschreitender Bewegungen, bei dem islamistische Gruppen ohne weiteres in der Ausführung ihrer "Mission" staatliche Grenzen überschreiten, ist eine westliche Schöpfung. Erst seit dem Bosnienkrieg begannen einige islamistische Gruppen mit ihren sporadischen Anschlägen gegen westliche Ziele im Süden (und einmal auch im Westen), Anschläge, die mittlerweile das außenpolitische Denken des Westens dominieren.
Durch diesen Prozess, in dem staatliche Autorität geschwächt und Konflikte internationalisiert wurden, trugen westliche Interventionen zum Aufstieg einer neuen Art von Terroristen bei - Terroristen, die sich aus der Abwesenheit staatlicher Autorität speisen und sich ohne nennenswerte Probleme über mehrere Territorien bewegen in der Ausführung ihrer "globalen" Kampagnen. So lehren uns die Erfahrungen im Balkan die beiden Gefahren, die darin liegen, dass man staatliche Souveränität zum einen untergräbt und andererseits lokale Spannungen zu einem internationalen Thema macht.

Westliche Interventionen sind das Problem
Heute ringen westliche Politiker ihre Hände über nihilistische Terroristen, die sich unzivilisiert benehmen. Aber solche Terrornetze sind das Produkt der Aushöhlung des internationalen Regelwerks durch den Westen. Die alten nationalen Befreiungsbewegungen mit ihren Bestrebungen, Territorium zu gewinnen oder die Grenzen bestehender Staaten neu zu ziehen, spiegelten eine Welt, die sich um die Prinzipien souveräner Gleichheit und staatlicher Autorität organisierte. Die heutigen nihilistischen Terrorgruppen spiegeln den selbstzerstörerischen Angriff des Westens gegen die Prinzipien staatlicher Souveränität und der Integrität von Grenzen in der Ära nach dem Kalten Krieg.
Über die letzten 15 Jahre hinweg haben westliche Interventionen zur Entwicklung des Terrors in der Dritten Welt maßgeblich beigetragen - aber nicht so, wie viele Kriegsgegner heute meinen. Während des Irakkrieges hatten viele Kriegsgegner für eine UN-Intervention statt eines Krieges plädiert, für fortgesetzte Waffeninspektionen statt shock and awe. Sie argumentierten, "überstürzter" Amerikanismus würde die Araber aufstacheln und sie so zum Terror verleiten. Die Ironie hierbei liegt darin, dass diese Kriegsgegner UN-Interventionen oder andere Formen nichtamerikanischer Einmischung durchaus befürworten und auf diese Weise die Entwicklung fördern, die durch die Aushöhlung staatlicher Souveränität die Dritte Welt destabilisierte und so zum Aufstieg des Terrors führte.

Die alte Weltordnung, die sich um Nationalstaaten organisierte, war weit davon entfernt, perfekt zu sein. Bei all dem Gerede von "souveräner Gleichheit" war es immer noch eine Ordnung, in der imperialistische Mächte die Erde beherrschten und die die Menschen zwischen fragwürdigen nationalen und ethnischen Grenzen aufteilte. Natürlich wäre es sehr zu begrüßen, sich in Richtung eines Internationalismus zu bewegen und zu erkennen, dass Menschen überall auf der Welt gemeinsame Interessen haben, die sich oft von denen der Nationalstaaten, in denen sie zufällig leben, unterscheiden. Doch der "Internationalismus" der heutigen Eliten ist sogar noch schlimmer als die herkömmlichen nationalstaatlichen Strukturen. Er hat die Bausteine der internationalen Beziehungen entfernt, ohne etwas anderes an ihre Stelle zu setzen. Er hat zu einem Anstieg "selbstloser" westlicher Intervention geführt, die Teile der Dritten Welt zu einem Niemandsland gemacht haben. Und er hat den Aufstieg des nihilistischen Terrors ermutigt, der nicht durch traditionelle oder rationale Bestrebungen begrenzt ist, sondern dessen einziges Ziel es ist, Chaos zu verbreiten.

Zu westlichen Interventionen aufzurufen, um diese Terroristen zu bekämpfen, ist genauso, als wenn man Feuer mit Benzin löschen will. Es war westliche Einmischung, die eine Welt schuf, in welcher der Terror gedeiht. Wer ein Ende des Terrors will und etwas Frieden in der Dritten Welt, täte gut daran, wenn er anfinge, sich gegen westliche Interventionen zu stellen - in all ihren Verschleierungen.

Aus dem Englischen übersetzt von Kai Rogusch.

 

 

 


 

Brendan O'Neill ist Redakteur des britischen Novo-Partnermagazins Sp!ked (www.spiked-online.com), in dem auch dieser Artikel erschienen ist. Zuletzt war von ihm in Novo66 der Artikel "Der Allerweltskrieg in Nahost" zu lesen..


 



 

ANMERKUNGEN

1 Time, 20.7.92.
2 Ben Russel: "World leaders reject Blair's move over military action", Independent, 15.7.03.
3 Peter Ford: "Few borders sacred to new UN", Christian Science Monitor, 29.9.99.
4 ebd.
5 Muzaffer Baca: "War would threaten Iraq's Kurds and Shias, AlertNet, 29.11.02.
6 Brendan O'Neill: "Powell doesn't wow", www.spiked-online.com.
7 Ray Takeyh / Nikolas Gvosdev: "Do terrorist networks need a home", www.twq.com/02summer.
8 Jason Burke: "What is al-Quaeda", Observer, 13.7.03.
9 Richard J. Aldrich: "America used Islamists to arm the Bosnian Muslims", Guardian, 22.4.02.
10 Craig Pyes / Josh Meyer / William C. Rempel: "Terrorists use Bosnia as base and sanctuary", Los Angeles Times, 7.10.01.
11 ebd.
12 ebd.
13 ebd..



 



   
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