Inhalt
POLITIK &
GESELLSCHAFT
ZUR SACHE:
Neue Friedensordnung
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Zur Reformdebatte
(Teil II).
Von Sabine Reul
Alexander Ewald:
Re(a)gieren nach Kassenlage
Frank Füredi:
Nesthocker im Nimmerland
Katharina Rutschky:
Die Schule als Manieren-Manager: Cool oder uncool?
[Heft S.20]
Kenan Malik:
Der Mensch ein Naturwesen?
[Heft S.22]
Edgar Dahl:
Das Geschlecht der Kinder ist egal
MEDIZIN
Thilo Spahl:
75 Jahre Penicillin: ein Grund zum Feiern!
Wolfgang Vahle:
Die Homöopathie ist ein großer Irrtum
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Sandy Starr:
Zukunft? Abgesagt. Zu gefährlich!
Tillmann Prüfer:
Klein aber Gemein?
[Heft S.44]
Kathleen Richardson:
Menschliche Maschinen, mechanistische Menschen
[Heft S.46]
Stuart Derbyshire:
Tut fischen Fischen weh?
Thomas Deichmann:
Im Osten geht die Sonne auf
EINSPRUCH:
Gesunde Kühe, tote Menschen
Von Thilo Spahl
[Heft S.53]
Graham Brookes:
Rumänische Erfolgsgeschichte: Transgene
Sojabohnen lohnen sich
Edgar Gärtner:
Klimaforschung oder Der zweite Abschied vom geozentrischen Weltbild
[Heft S.56]
Michael Breu:
Wahrnehmungsprobleme und Katastrophenrhetorik
[Heft S.58]
Thomas R. DeGregori:
Loblied auf den Kuhdung
KRIEG UND
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Grenzüberschreitender Terrorismus: ein
vom Westen verursachtes Schlamassel
Philip Cunliffe:
Die neuen Retter der Welt?
[Heft S.70]
MEDIEN UND
KULTUR
Hanko Uphoff:
Fadenscheinigkeit mit Fadenscheinigkeit bekämpfen:
Schlingensief und die Church of Fear
Hazel Rosenstrauch:
Zwischenhändler in der Geistesproduktion
[Heft S.76]
Sabine Rothemann:
Erfundene oder wirkliche Welten?
Stefan Chatrath:
Torhüter sind anders
[Heft S.80]
RUBRIKEN
INHALT /
DAFÜR STEHT NOVO
BRIEFE / IMPRESSUM
[Heft S.6]
UPDATES
[Heft S.12]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.13]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.38]
MEHRWERT
Crashkurs Ökuhnomie
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.39]
MITTE
von Michael Najjar
[Heft S.42]
BÜCHER
[Heft S.74]
ANSCHNALLEN
von Klaus Bittermann:
Günter Grass
[Heft S.77]
ANSTOSS
von Bernd Herrmann:
1954 - war da was?
[Heft S.81]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Deutschland ist Weltmeisterin
[Heft S.81]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.82]
|
Loblied auf den Kuhdung
Vandana Shiva proklamiert einen Weg zurück in eine Vergangenheit,
die es nie gab, und in eine Zukunft, die niemand will. Von Thomas
R. DeGregori. Der vorliegende Text ist auch auf der Website www.butterfliesandwheels.com
erschienen.
Einst galt das postmoderne anti-wissenschaftliche Gedankengut primär
als Eigentum europäischer und nordamerikanischer Geisteswissenschaftler.
Heute ist sein Einfluss nicht nur international, er hat sich auch auf
Diskurse über Globalisierung, Gentechnologie in der Landwirtschaft
und über Umweltschutz ausgedehnt.
Niemand kann die vorherrschende Internationalisierung des Postmodernismus
und seinen Respekt vor anderen Kulturen und Völkern anzweifeln (sieht
man von den Kulturen ab, die sich der modernen Wissenschaft und Technologie
und ihren Vorzügen verschrieben haben). Auch können wir die
Aussage nicht widerlegen, dass wir alle Vorurteile haben, obwohl es gerade
wissenschaftliche Methoden sind, die uns helfen, persönliche und
kulturelle Begrenzungen zu überwinden. Der postmoderne Glaube an
den Wert und die Würde aller menschlichen Wesen ist tadellos. Dennoch:
Was hier beleuchtet werden soll, ist der grundlegende Widerspruch zwischen
dem, was das postmoderne Gedankengut propagiert, und seinen praktischen
Konsequenzen in den Entwicklungsländern. Dieser Widerspruch ist oft
so eklatant, dass er alle Verdienste überschattet. Um es auf den
Punkt zu bringen: Der Respekt für "traditionelles Wissen"
befördert nicht etwa Multikulturalismus, sondern resultiert in der
Unterstützung haarsträubender Formen von kulturellem Chauvinismus
und von Intoleranz, die schnell auch in Gewalt umschlagen können.
Traditionelles
Wissen und reaktionäre Politik
Vandana Shiva ist wohl eine der bekanntesten Ökofeministinnen weltweit:
Ihr Denken ist zutiefst ökologisch und ganzheitlich, postmodernistisch
und technologiefeindlich. Sie ist eine führende Globalisierungsgegnerin
und Sprecherin derjenigen, die ihrer Ansicht nach keine Stimme haben.
Als ausgebildete Wissenschaftlerin agiert Dr. Shiva als lebendiger Gegenbeweis
für eine Fülle anti-wissenschaftlicher Ansichten sowie für
das Misstrauen gegen wissenschaftliche Methoden per se (es sei denn, diese
unterstützen ihre eigene ideologische Agenda).
Zeitgemäße ökofeministische Literatur ist fast unlesbar,
vor allem, wenn es um die Grüne Revolution in der Landwirtschaft,
von der gesagt wird, sie sei ein Reinfall, oder um "organische"
Landwirtschaft geht. In der Lage zu sein, Shiva als Autorität zu
zitieren, ermöglicht den Vertretern dieses Denkens, über globale
Landwirtschaft zu reden, ohne genaue Kenntnisse darüber zu besitzen,
wie die Völker der Erde Getreide anbauen und ihre Familien ernähren.
Eine Anführerin allein definiert mit Sicherheit noch keine Bewegung,
aber Shiva ist mit ihrer Verdammung des "wissenschaftlichen Reduktionismus"
innerhalb der globalen ökologischen und ökofeministischen Bewegung
derart prägend, dass ein ernsthaftes Hinterfragen ihrer Person in
vielerlei Hinsicht Fragen zur gesamten Bewegung aufwirft. Shivas Ideen,
die in der westlichen Welt von Ökofeministinnen und anderen als radikal
und revolutionär angesehen werden, führen in der Praxis oft
zu reaktionären Konsequenzen.
Dies mag für gutmeinende Anhänger ein Schock sein, für
viele jedoch ist der Glaube an die fundamentale Richtigkeit von Shivas
Botschaft so stark, dass es schier unmöglich ist, sie vom Gegenteil
zu überzeugen. Die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda
zeigt auf, dass der viel gepriesene "ganzheitliche Weg des Wissens
... tief im Herzen des indischen Kastenwesens und der Geschlechterhierarchie
verwurzelt ist"1: "Die Rolle, die die Göttinnen und Ideen
der Heiligkeit der Natur dabei gespielt haben, Frauen bis heute zu unterdrücken,
wird von den Enthusiasten alternativer Wissenschaften nicht richtig verstanden."2
Es ist das hochverehrte "lokale Wissen" der Hindu-Kosmologie
von "Karma und Kaste", das benutzt wurde, die Unterdrückung
der Dalits (die Unwürdigen, Unterdrückten und Unberührbaren)
zu rechtfertigen. Die Befreiung der Frau ist verknüpft mit dem Überwinden
genau der kulturellen Ansichten über Heiligkeit und Ganzheitlichkeit,
die von Shiva propagiert werden.
Viele von denen, die heute "regionale Wege des Wissens" propagieren,
waren zu vor-postmodernen Zeiten, wie wir hoffen, selbst deren Gegner:
Von 1948 an, seit der Wahl der National Party in Südafrika, bis in
die frühen 90er-Jahre, nannte man eine ähnliche Verehrung traditionellen
Wissens "Bantu-Erziehung". Dieses System war hierzulande besser
bekannt unter dem Namen "Apartheid", und viele von uns verbrachten
einen Großteil ihres Erwachsenseins in aktivem Widerstand dagegen,
ähnlich den Aktivisten, die heute die Tugenden regionalen Wissens
preisen.
Eine
von vielen Begründungen für den Widerstand gegen die Apartheid
und ihre vielen unterdrückenden Programme war, dass die so genannte
"Bantu-Erziehung" selbst einen weißen Studenten daran
hinderte, sich rationales Wissen anzueignen, mit dem er in der modernen
Welt Erfolg hätte haben können. Heute gibt es etwas, das fälschlich
als "Wissenschaftsstudien" bezeichnet wird und eine "Navajo-Methode
des Wissens" (die "gewiss spiritueller und ganzheitlicher ist
als europäische Methoden") beim Lernen von Mathematik propagiert.
Diese Methode zeichnet sich aus durch das Lehren der Integralrechnung
vor der Bruchrechnung. Eines von vielen Problemen dieser Lehrmethode ist
die Schwierigkeit, die Krümmung einer Linie - eines der fundamentalen
Dinge der Integralrechnung - anders als mittels Bruch- oder Dezimalrechnung
auszudrücken. "Während also wohlmeinende Lehrer sich derlei
Schwierigkeiten ausdenken, müssen Navajo-Kinder aufwachsen, ohne
gelernt zu haben, wie man eine Mehrwertsteuer berechnet."3 Von den
Elitebezirken westlicher Universitäten ausgehend hat sich der "Multikulturalismus"
in weitere Teile der Welt ausgebreitet. Während also in Indien Shivas
Ökofeminismus den Hindu-Chauvinismus unterstützt, berufen sich
auf der anderen Seite der Grenze pakistanische Befürworter der "islamistischen
Wissenschaft" in ihren Kampagnen auf die Arbeiten feministischer
Wissenschaftskritiker, um Schulen von westlichen Ideen zu säubern.
Und gewisse feministische Professoren im Westen - vielleicht geschmeichelt
von der Tatsache, dass ihre Arbeiten am anderen Ende der Welt zitiert
werden - zitieren ihrerseits wiederum auf freundliche Weise die Islamisten.4
Doch
damit nicht genug: Als die rechtsgerichtete indische Bharatiya Janata
Partei (BJP) in Uttar Pradesh 1992 an die Macht kam, wollte sie den "Nationalstolz"
erwecken, indem sie "wedische Mathematik zum Pflichtfach in indischen
High Schools machte".5 Diese "Hindu-Methoden des Wissens"
umfassten regierungsgeprüfte Texte, die die Standardalgebra und die
Integralrechnung durch sechzehn Sanskrit-Verse ersetzte.
Die Hinduisierung geht weit über die Mathematik hinaus: sie propagiert
die Überlegenheit der "arischen Rasse" und die Abscheu
gegen alle Fremden, Moslems eingeschlossen. Die BJP ist ein Ableger der
RSS (Organisation Nationaler Freiwilliger), die aktiv den Hass gegen Moslems
und Christen in Indien geschürt hat, an der Zerstörung moslemischer
und christlicher Andachtsstätten beteiligt war und tödliche
Aufstände gegen Nicht-Hindus unterstützte. Postmoderner ökofeministischer
Multikulturalismus mag in manchen Bereichen ein wertvolles Ansinnen sein.
Wenn es jedoch durchsetzt ist von der "Verdächtigung moderner
Wissenschaft als einer Metabeschreibung von binärem Dualismus, Reduktionismus
und konsequenter Beherrschung der Natur, Frauen und der Dritten-Welt-Bevölkerung",
unterstützt es reaktionäre Hindu-Modernisten in ihrer Forderung
nach den "gleichen ganzheitlichen, nicht-logozentrischen Wegen des
Wissens, und dies nicht als Anleitung für die Unterdrückten,
sondern zum Ruhme der Hindu-Nation selbst".6
Die
"Chipko-Bewegung"
Viele lokale Aktivisten wie Shiva, die im Westen von globalisierungskritischen
grünen Kreisen gefördert werden und unkritisches Lob erhalten,
sind in ihren eigenen Ländern massiver Kritik ausgesetzt - eine Tatsache,
die weitgehend unter den Teppich gekehrt wird. Nachdem ein höchst
schmeichelhafter Artikel in einer malaysischen Zeitung Shiva als Anführerin
der Chipko-Bewegung (Baumschützer) in Indien bezeichnet hatte, schickten
die örtlichen Chipko-Aktivisten Protestbriefe an den Herausgeber,
in denen sie kritisierten, dass Shiva "nachweislich Falschaussagen
über Chipko in der ausländischen Presse publiziere".
Shiva
bezeichnete Chipko als Modell radikalökologischer und ökofeministischer
Ideologien. Für den Wissenschaftler und Umweltschützer Jayanta
Bandyopadhyay sind solche Ideologien "Mythen ohne faktische Basis".
Als aktiver Unterstützer der Chipko-Dörfer sieht er diese Bewegung
"verwurzelt in wirtschaftlichen Konflikten über die Nutzung
von Bergwäldern" und als "soziale Bewegung basierend auf
der Zusammenarbeit der Geschlechter", sie ist somit alles andere
als eine "feministische Bewegung basierend auf Geschlechterkonflikten".7
Chipko ist nur ein Beispiel dafür, wie externe Aktivisten und wohlmeinende
Idealisten eine Bewegung für sich und die eigene ideologische Agenda
vereinnahmen. Ursprünglich wollte man "an den Chipko-Protesten
teilnehmen", um die regionale Kontrolle über die Baumbestände
zu erlangen, um eine forstwirtschaftliche Industrie zu errichten und den
Himalaya-Dorfbewohnern die Möglichkeit zu eröffnen, Arbeit zu
finden, ohne in die großen Städte abwandern zu müssen.
Nicht nur werden lokale Belange beiseite gewischt, oftmals verschlechtert
sich die Situation der Ortsansässigen sogar durch die "Unterstützung
von außen". Dies trifft vor allem auf Umweltschutzprojekte
zu, sei es in Afrika, in Zentralamerika oder in Indien.
Eine von Shivas "Chipko-Frauen" stellte verbittert fest, dass
die Bewegung das Leben im Tal verschlechtert hat: "Jetzt sagen die
mir, dass die Strasse [zu unserem Dorf] nicht gebaut werden kann, weil
alles jetzt parovarian [Umwelt] ist ... Wir bekommen nicht einmal Holz,
um ein Haus zu bauen... Unsere ha-haycock [Rechte und Konzessionen] wurden
uns entrissen."8
Die
Grüne Revolution
Vandana Shiva tendiert häufig dazu, in seitenlangen Schmähschriften
gegen die Grüne Revolution und ihr unersättliches Verlangen
nach chemischen Düngemitteln zu Felde zu ziehen und zu behaupten,
es gebe bessere Wege, die gleichen Erträge in der Landwirtschaft
zu erzielen (Shiva 1991). Aber Pflanzen benötigen Nährstoffe,
um zu wachsen. Jedes Molekül und jeder Bestandteil einer Pflanze
muss von irgendwo herkommen. Pflanzen entnehmen alle notwendigen Nährstoffe
dem Boden, Ausnahmen sind das Kohlendioxid aus der Luft oder das atmosphärische
Nitrogen, das über Zyanbakterien aufgenommen wird. Ein höherer
Pflanzenertrag bedarf demzufolge einer höheren Nährstoffzufuhr.
Der oft wiederholte Vorwurf Shivas, gentechnisch veränderte Pflanzen
bedürften mehr Düngemittel, ist ungefähr so gewichtig wie
der, dass drei Kinder mehr essen als eines. Wenn der Boden nicht genügend
Nährstoffe bereithält, müssen diese zugesetzt werden. Vandana
Shivas Argumente bedeuten letztlich, dass man Pflanzen ohne Nährstoffe
ziehen oder mit herkömmlichen Pflanzen den gleichen Ertrag erzielen
könne wie mit gentechnisch veränderten, wenn man Nährstoffe
zuführe, die "organischen" Quellen entstammten. Dies ist
offenkundig unsinnig und widerspricht unserem grundlegenden Verständnis
der Physik.
Über
die Jahre hat Shiva eine große Anzahl solcher Unsinnigkeiten über
Erträge in der traditionellen indischen oder in anderen traditionellen
Landwirtschaften geäußert. Schon bevor die Grüne Revolution
die Nachfrage nach synthetischen Düngemitteln dramatisch steigen
ließ, gab es eine große Differenz zwischen der Menge an Nährstoffen,
die dem Boden in Indien entzogen, und den verfügbaren "organischen"
Nährstoffen, die ihm wieder zurückgegeben werden. Tatsächlich
wurde dem Boden doppelt soviel entzogen, wie zurückgeführt wurde.
Entgegen Shivas Behauptung kann man diesen Prozess auf Dauer nicht fortsetzen.
Angesichts des dramatischen Anstiegs der landwirtschaftlichen Erträge
in Indien in den vergangenen vier Jahrzehnten - bedingt durch die Verdoppelung
der Einwohnerzahl - wird das Defizit an "organischen" Nährstoffen
in Zukunft weiter wachsen.
Shiva
hängt auch dem Glauben an, dass die lokale Getreideproduktion "wassersparend"
sei.9 Dabei gilt für gentechnisch veränderte Pflanzen, dass
sie, gemessen an ihrem Gesamtgewicht, einen höheren Fruchtanteil
produzieren (Ernteindex) und somit insgesamt eine geringere Nährstoff-
und Wasserzufuhr pro Ertragseinheit nötig ist. Es ist diesen Zugewinnen
an landwirtschaftlicher Effizienz und Ertrag pro Hektar - im Besonderen
durch den Einsatz biotechnologisch veränderter Pflanzen - zu verdanken,
dass heute die Versorgung einer doppelt so großen Weltbevölkerung
mit 30 Prozent mehr Nahrung möglich ist, und dies bei einem nur geringen
Zuwachs an kultivierter Ackerbaufläche (etwa vier Prozent für
Getreide). Bei Reis waren die Steigerungen der Wasserproduktivität
bemerkenswert: Gemäß eines kürzlich veröffentlichten
Berichts der UN Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsorganisation (FAO)
"besitzen die modernen Reisvariationen einen dreifachen Zuwachs an
Wasserproduktivität im Vergleich zu traditionellen Sorten".10
Für den Gesamtwasserverbrauch in der Landwirtschaft gilt, dass "die
Wasserproduktivität zwischen 1961 und 2000 um mindestens 100 Prozent
gestiegen ist", während sich der Pro-Kopf-Wasserverbrauch halbiert
hat.11 Was die FAO vorrangig beschreibt, ist der Ertragszuwachs und die
gesteigerte Pflanzen-Effizienz durch Technologien der Grünen Revolution,
die Shiva so vehement kritisiert.
Biotechnologen
arbeiten an der Züchtung noch effizienterer Pflanzen - ein Ziel,
gegen das Shiva und ihre Gefolgschaften heftig opponieren. In Lobgesängen
auf den Kuhdung beschreibt Shivas prä-Grüne Revolution der indischen
Landwirtschaft einen gesunden, autarken, mit ausreichend Kalorien versorgenden,
nährstoffreichen Nahrungsmittelvorrat auf ökologisch nachhaltiger
Basis. Warum Hunderte Millionen indischer Landbauern diese utopische Existenz
verweigern und stattdessen gentechnisch verändertes Getreide sowie
moderne landwirtschaftliche Technologien befürworten, wird hingegen
nie erklärt. Gleichsam unerklärt bleibt, warum, wenn moderne
Technologien die Bevölkerung in Armut und in vielen Fällen in
den Selbstmord treiben, wie Shiva behauptet, die Lebenserwartung sowohl
der Land- wie auch der Stadtbevölkerung in ganz Asien so stark gestiegen
ist. Vielleicht wissen diejenigen, die tatsächlich Getreide anbauen
und ihre Familien damit ernähren, etwas über die Landwirtschaft,
was Shiva und ihre Aktivistenkamerad(inn)en nicht wissen.
Widersprüche,
Fehler und doppelte Standards
Widersprüche und Fehler sind in Shivas Arbeiten und derer, die sie
verehren, vorherrschend. So behauptete sie beispielsweise in einer öffentlichen
Lesung im kanadischen Toronto, dass das Preisniveau für Nahrungsmittel
in Indien sowohl sich verdopple als auch sinke. Mit der Begründung,
dass die Technologien der Grünen Revolution versagt hätten,
lässt sie den Preis für Nahrungsmittel in Indien sich verdoppeln,
so dass die Konsumenten sich angeblich nichts mehr leisten können.
Wenn sie jedoch die Vereinigten Staaten dafür kritisieren möchte,
Nahrungsmittel in den indischen Markt zu "dumpen" und dadurch
indische Bauern in den Selbstmord zu treiben, behauptet sie, dass subventionierte
ausländische Nahrungsmittel die "Preise nach unten drücken".12
Shiva-inspirierte
Technologiekritik erreichte ihren Höhepunkt, als humanitäre
Hilfe für Menschen in Not für den Einsatz von moderner Technologie
kritisiert wurde. Nach einem verheerenden Wirbelsturm sammelten Mitarbeiter
von Shiva im Rahmen von "Hilfsarbeiten" Muster gespendeten Getreides
ein und ließen diese auf genetische Modifikationen testen. Nach
der Behauptung, sie seien genetisch modifiziert, verlangte Shivas Organisation
"Diverse Women for Diversity", dass das indische Parlament die
Getreide-Soja-Mischung von Orissa unverzüglich zurücknehmen
solle. Offensichtlich sind Shiva und ihre Kollegen eher bereit, den Hungertod
der Wirbelsturmopfer in Kauf zu nehmen, als ihre Vorurteile gegenüber
angeblich kontaminierten (für sie ein Synonym für "genmanipulierten")
Nahrungsmitteln zu überdenken.13
Shiva bewegte sogar Umweltaktivisten wie Prinz Charles dazu, für
Hungerhilfe vorgesehene Gelder in Höhe von jährlich mehreren
zehn Millionen Dollar direkt in die Fonds von Greenpeace und anderen Umweltorganisationen
umzuleiten. Man darf sich fragen, wie vielen Bauern von Shivas "Diverse
Women for Diversity" oder ihrem "Research Foundation for Science,
Technology and Ecology" geholfen wurde, um mehr Getreide anzubauen.
Wie viele Bedürftige haben diese Organisationen ernährt? Und
im Namen der Transparenz: Welches sind die Quellen ihrer Finanzierung?
Regionales
vs. modernes Wissen
Diejenigen, die regionales Wissen favorisieren, respektieren es oftmals
nur so lange, wie es konform läuft mit ihrer eigenen ideologischen
Agenda. Ideen, die der Befreiung dienen, enden als Instrumente der Unterdrückung.
Ihre Befürworter in entwickelten Ländern scheinen in virtuellen
Potemkinschen Dörfern zu leben, in seliger Unwissenheit darüber,
dass regionales Wissen traditionelle Eliten (tendenziell zusammengesetzt
aus der männlichen Oberklasse) privilegiert. Diese nutzen den rhetorischen
Ökofeminismus für ihre Zwecke, hegen jedoch keinen Wunsch nach
Klassen-, Rassen- und Geschlechtergleichstellung. Jeder, der an der ökonomischen
Entwicklung teilhat, ist sich der Wichtigkeit regionalen Wissens bewusst
und der Notwendigkeit, es zusammen mit anderem verfügbaren Wissen
anzuwenden. Es gibt jedoch einen sehr großen Unterschied zwischen
der Anwendung regionalen Wissens und der Tatsache, von ihm dominiert und
limitiert zu werden.
Der Modernismus, der Gesellschaften geöffnet hat und ethnischen und
anderen Minoritäten erlaubte, gleiche Rechte zu fordern und der es
nicht zuletzt Frauen ermöglichte, die männliche Vorherrschaft
herauszufordern, wird nun denen verweigert, die in den ärmeren Ländern
am meisten des Wandels bedürfen. Die Unterdrückten und Benachteiligten
brauchen weniger eine herablassende Würdigung ihres Wissens als vielmehr
Möglichkeiten, dieses Wissen herauszufordern.
Modernes
Wissen erlaubte es Menschen wie Meera Nanda, sich von Praktiken wie erzwungener
Heirat und anderen Formen der Vorherrschaft zu lösen und dennoch
ein Gefühl der Identität mit ihrer Ursprungskultur zu wahren.
Genau diese Rationalität der Aufklärung, Wissenschaft und Moderne
ist es, die zur Bildung toleranterer multikultureller Gesellschaften beitrug.
Wie Nanda sagt: "Wir sind jetzt alle Hybriden."14 Ich würde
hinzufügen, dass wir bereits seit einiger Zeit Hybriden sind. Vor
mehr als 60 Jahren skizzierte der Anthropologe Ralph Linton den "soliden
amerikanischen Bürger", der aufwacht in einem "Bett, entstanden
aus einer Vorlage, die dem Nahen Osten entstammte", der durch den
Tag geht und Gegenstände seiner täglichen Routine, die diversen
globalen Ursprungs sind, als gegeben hinnimmt, und ihn beendet, indem
er einer "jüdischen Gottheit in einer indo-europäischen
Sprache dafür dankt, ein hundertprozentiger Amerikaner" zu sein.15
Wichtiger noch: die Moderne gibt uns die Freiheit, vollständig an
ihr teilzuhaben und gleichzeitig eine lokal orientierte persönliche
Identität zu wahren. Dies ist eine Toleranz für Diversivität,
die in traditionellen Gesellschaften, wie sie Shiva proklamiert, nur selten
existiert. Moderne Wissenschaft und Technologie sind zentrale Bestandteile
dieser Hybride. Wie viele von uns schon lange argumentieren (Nanda eingeschlossen),
bedeutet die Bezeichnung von Wissenschaft und Technik als "westlich"
nichts anderes, als dass man die Anmaßung des 19. Jahrhunderts der
exklusiven Urheberschaft anerkennt, obwohl doch der Fortschritt ein universelles
Bemühen ist und bleibt, zu dem alle Völker beigetragen haben,
genauso wie sie zu Lintons Artefakt des hundertprozentigen Amerikaners
beitrugen.
Shiva und die ihren mögen die moderne Wissenschaft einen logophallozentrischen
Reduktionismus nennen und mit weiteren negativ besetzten Slogans belegen,
die den feministischen Prinzipien entgegenstehen; dennoch aber ist modernes
Wissen in der Tat befreiend. Shiva und ihre Kollegen mögen sich "fremdartigen"
Ideen "geopfert" sehen, aber es ist zu bezweifeln, dass dies
für so viele in der Welt zutrifft, die davon profitiert haben, sei
dies durch mehr Getreide oder durch Impfungen oder Antibiotika.
Man
kann darüber streiten, wie weit wir gekommen sind in Richtung einer
gerechteren Gesellschaft und wie weit wir noch gehen wollen; unzweifelhaft
ist aber, dass in Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika
und in Europa sich die rechtliche und soziale Situation von Minderheiten
und von Frauen in den vergangenen Jahrzehnten enorm verbessert hat. Vandana
Shiva proklamiert einen Weg zurück in eine Vergangenheit, die es
nie gab, und in eine Zukunft, die niemand wirklich will, eingeschlossen
diejenigen, die ihr blind folgen.
Aus dem Englischen übersetzt von Jutta Roever.
Thomas R. DeGregori ist Professor für Ökonomie an der
Universität von Houston in Texas, USA. Dieser Artikel entstammt zum
Großteil dem Buchmanuskript des Autors Origins of the Organic Agriculture
Debate (Ames, Iowa State Press 2003). Weitere Passagen wurden seinen zwei
kürzlich veröffentlichten Büchern The Environment. Our
Natural Resources, and Modern Technology (Ames, Iowa State Press, A Blackwell
Scientific Publisher 2002) sowie Bountiful Harvest: Technology, Food Safety
and the Environment (Cato 2002) entnommen. Die Homepage des Autors mit
weiteren Literaturhinweisen findet sich unter www.uh.edu/~trdegreg.
ANMERKUNGEN
1
Meera Nanda: Breaking the Spell of Dharma: A Case for Indian Enlightenment,
Three Essays Press, Delhi 2002.
2 Meera Nanda: "Anti-Science" in: The Oxford Companion
to the History of Modern Science, Oxford University Press, New York
2003.
3 Walter Olson: "Benighted Elite: Postmodernist Critics
of Science Get Their Comeuppance", Reason online, Juni 1999.
4 ebd.
5 Meera Nanda: "The Science Wars in India", Dissent
44(1), 1996.
6 Meera Nanda: "Dharma and the Bomb: Post-Modern Critiques
of Science and the Rise of Reactionary Modernism in India", paper
read at the American Sociological Association, August 2000.
7 Jayanta Bandyopadhyay: "Chipko Movement: Of Floated
Myths and Flouted Realities", ein Beitrag zur E-Konferenz "Mountain
People, Forests, and Trees" des Mountain Forums, 1999, www.mtnforum.org/resources/library/bandj99a.htm.
8 Haripriya Rangan: Of Myths and Movements: Rewriting Chipko
into Himalayan History, London / New York 2000.
9 Vandana Shiva in: BBC Reith Lectures 2000, BBC online network,
12.5.00.
10 FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations):
Unlocking the Water Potential of Agriculture. Rome: Food and Agriculture
Organization of the United Nations, 2003, S.28, www.fao.org/ag/AGL/aglw/aquastat/kyoto/index.stm.
11 ebd., S.25f.
12 Aaron Oakley: "Hating Modern Agriculture", The
New Australian Nr.151, 10.4.00; Kathleen O'Hara: "The Stolen Harvest",
ebd.
13 Press Release Diverse Women for Diversity, The Research
Foundation for Science, Technology and Ecology: "US Government
Dumping Genetically Engineered Corn-soya Mix on Victims of Orissa Super-cyclone"
New Delhi Juni 2000.
14 Meera Nanda: "We Are All Hybrids Now: The Dangerous
Epistemology of Post-Colonial Populism", Journal of Peasant Studies
28(2), 2001, S.162-187.
15 Ralph Linton: The Study of Man, New York, Appleton-Century-Crofts
1963.
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