Inhalt
POLITIK &
GESELLSCHAFT
ZUR SACHE:
Neue Friedensordnung
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Zur Reformdebatte
(Teil II).
Von Sabine Reul
Alexander Ewald:
Re(a)gieren nach Kassenlage
Frank Füredi:
Nesthocker im Nimmerland
Katharina Rutschky:
Die Schule als Manieren-Manager: Cool oder uncool?
[Heft S.20]
Kenan Malik:
Der Mensch ein Naturwesen?
[Heft S.22]
Edgar Dahl:
Das Geschlecht der Kinder ist egal
MEDIZIN
Thilo Spahl:
75 Jahre Penicillin: ein Grund zum Feiern!
Wolfgang Vahle:
Die Homöopathie ist ein großer Irrtum
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Sandy Starr:
Zukunft? Abgesagt. Zu gefährlich!
Tillmann Prüfer:
Klein aber Gemein?
[Heft S.44]
Kathleen Richardson:
Menschliche Maschinen, mechanistische Menschen
[Heft S.46]
Stuart Derbyshire:
Tut fischen Fischen weh?
Thomas Deichmann:
Im Osten geht die Sonne auf
EINSPRUCH:
Gesunde Kühe, tote Menschen
Von Thilo Spahl
[Heft S.53]
Graham Brookes:
Rumänische Erfolgsgeschichte: Transgene
Sojabohnen lohnen sich
Edgar Gärtner:
Klimaforschung oder Der zweite Abschied vom geozentrischen Weltbild
[Heft S.56]
Michael Breu:
Wahrnehmungsprobleme und Katastrophenrhetorik
[Heft S.58]
Thomas R. DeGregori:
Loblied auf den Kuhdung
KRIEG UND
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Grenzüberschreitender Terrorismus: ein
vom Westen verursachtes Schlamassel
Philip Cunliffe:
Die neuen Retter der Welt?
[Heft S.70]
MEDIEN UND
KULTUR
Hanko Uphoff:
Fadenscheinigkeit mit Fadenscheinigkeit bekämpfen:
Schlingensief und die Church of Fear
Hazel Rosenstrauch:
Zwischenhändler in der Geistesproduktion
[Heft S.76]
Sabine Rothemann:
Erfundene oder wirkliche Welten?
Stefan Chatrath:
Torhüter sind anders
[Heft S.80]
RUBRIKEN
INHALT /
DAFÜR STEHT NOVO
BRIEFE / IMPRESSUM
[Heft S.6]
UPDATES
[Heft S.12]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.13]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.38]
MEHRWERT
Crashkurs Ökuhnomie
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.39]
MITTE
von Michael Najjar
[Heft S.42]
BÜCHER
[Heft S.74]
ANSCHNALLEN
von Klaus Bittermann:
Günter Grass
[Heft S.77]
ANSTOSS
von Bernd Herrmann:
1954 - war da was?
[Heft S.81]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Deutschland ist Weltmeisterin
[Heft S.81]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.82]
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75 Jahre Penicillin - ein Grund zum Feiern!
Thilo Spahl plädiert für einen rationalen
Umgang mit Antibiotika.
Vor 75 Jahren machte der Engländer Alexander Fleming eine der größten
Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Er bemerkte, dass ein Schimmelpilz
Gift produzierte, das Bakterien tötet. Der Name des Schimmelpilzes
war Penicillium notatum, das Gift ist bis heute unter dem Namen Penicillin
wohl bekannt. Fleming stieß 1928 zufällig auf die segensreiche
Wirkung des Pilzes, als er ein paar stehen gebliebene Bakterienkulturen
entsorgen wollte und bemerkte, dass sie teilweise abgestorben waren und
sich stattdessen ein Pilz, eine Art grünlicher Schimmel, in den Petrischalen
ausgebreitet hatte. Der Bakteriologe sah sich die Sache genauer an und
erkannte um die Schimmelkolonien herum eine Zone, in der keine Bakterien
wuchsen. Der Pilz schien für sie tödlich zu sein. Er experimentierte
weiter und fand heraus, dass Staphylokokken, Streptokokken, die Erreger
von Milzbrand, Diphterie, Pfeifferschem Drüsenfieber und Starrkrampf
von dem Penicillin-Extrakt vernichtet wurden. Eigentlich hätte dieser
Zufallstreffer einschlagen müssen wie eine Bombe. Doch als Fleming
seine Ergebnisse im British Journal of Experimental Pathology veröffentliche,
nahm kaum jemand Notiz davon. Fleming übergab das Projekt an ein
Team aus Chemikern und Pilz-Spezialisten, das sich nach einiger Zeit ohne
große Erfolge auflöste. Erst 1938 stolperte Ernst Chain, ein
Mitarbeiter des Pathologen Howard Florey von der Oxford University, wieder
über Flemings ursprüngliche Arbeit, stürzte sich auf den
famosen Pilz und testete dessen Gift an Mäusen und Menschen. Am 12.2.1941
wurde der erste Patient von Chain erfolgreich behandelt. Der an Staphylokokken-
und Streptokokkensepsis erkrankte 43-jährige Mann erhielt Penicillin.
Danach ging es ihm deutlich besser. Nach dieser Behandlung war der Penicillin-Vorrat
jedoch aufgebraucht und der Mann starb einen Monat später. Das große
Problem bestand darin, ausreichende Mengen der Bakterien tötenden
Substanz herzustellen, die nur durch einen aufwändigen Prozess zu
gewinnen war.
Doch
wieder stockte die Forschung, da England sich mittlerweile im Krieg befand.
Florey besorgte daher neue Gelder von der amerikanischen Rockefeller-Stiftung
und führte das Projekt in den USA fort. Dort gelang schließlich
der Durchbruch, wobei wieder der Zufall eine große Rolle spielte.
Florey half zunächst dem Team bei der Auswahl der geeigneten Nahrung
für den Pilz. In den USA wurde in großem Maßstab Mais
angebaut und aus nahe liegenden Gründen auch als Nährsubstanz
für Bakterienkulturen verwendet. Der Pilz zeigte sich darüber
hoch erfreut und steigerte seine Giftproduktion gleich auf das 500-fache.
Als es anschließend darum ging, einen Penicilliumstamm zu finden,
der aufgrund seiner individuellen genetischen Ausstattung noch größere
Mengen des begehrten Giftes produzierte, half erneut der Zufall nach.
Die US-Luftwaffe sammelte Bodenproben aus aller Welt, aber ausgerechnet
auf einer verschimmelten Melone auf einem Markt in der Kleinstadt Petoria
in Illinois, direkt vor der Tür des Forschungsinstituts, fand sich
schließlich der Champion, mit dem man in die Großproduktion
des Antibiotikums ging, die nun, da auch die USA in den Zweiten Weltkrieg
eingetreten waren, von der Regierung massiv ausgebaut wurde. 1945 erhielten
Chain, Fleming und Florey den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Ein
zweischneidiges Schwert?
Mit dem Penicillin wurde die Medikamentenklasse der Antibiotika begründet.
Sie haben einen guten Teil dazu beigetragen, dass die Welt in der zweiten
Hälfte des letzten Jahrhunderts eine bessere geworden ist. Für
uns Spätgeborenen ist es nicht einfach, sich vorzustellen, dass es
vor nicht allzu langer Zeit eine große Ausnahme war, wenn in einer
Familie alle Kinder das Erwachsenenalter erreichten. Und auch das dauerte
in der Regel nicht lange genug, um schließlich an Krebs oder Herzinfarkt
zu sterben. Man starb an Pest und Cholera, an Syphilis und Tuberkulose,
an Lungen- und Hirnhautentzündung. Neben den Impfstoffen und der
öffentlichen Hygiene ist es in erster Linie das Verdienst von Antibiotika,
dass heute in den entwickelten Ländern Infektionskrankheiten Lebensdauer
und -qualität nicht mehr drastisch vermindern.
Dennoch
erfreuen sich Antibiotika heute keineswegs allgemeiner Wertschätzung.
In der verbreiteten Praxis, medizinische Methoden in sanfte und weniger
sanfte einzuteilen, landen sie oft in der brutalen Ecke. Viele reagieren
mit Unbehagen, wenn ihnen selbst oder ihren Kindern ein Antibiotikum verabreicht
werden soll, manche nehmen sogar große Schmerzen in Kauf, wenn sie
sich etwa entschließen, eine schwere Mittelohrentzündung ohne
Antibiotika zu durchleiden. Dieses Unbehagen kommt nicht von ungefähr.
Es hat einen rationalen Kern. Doch worin genau der besteht, davon haben
viele keine sehr präzise Vorstellung. Entsprechend unsicher sind
sie im Umgang mit diesen Medikamenten.
Zunächst
einmal sollte man festhalten, dass Antibiotika nicht, wie viele andere
Medikamente, für den Menschen selbst ein Gift darstellen. Nebenwirkungen
einer Antibiotikatherapie sind selten schwer. Wie der Name sagt, handelt
es sich zwar um Substanzen, die "gegen das Leben" gerichtet
sind, glücklicherweise jedoch nur gegen das Leben bestimmter Bakterien.
Für Menschen sind Antibiotika hingegen ungiftig, sonst könnten
sie ihren Zweck nicht erfüllen. Dies liegt daran, dass Bakterienzellen
sich stark von menschlichen oder anderen tierischen Zellen unterscheiden.
Die Moleküle, an denen Antibiotika in den Stoffwechsel des Bakteriums
eingreifen, existieren bei Menschen gar nicht. Man darf also nicht von
hoher Wirksamkeit auch auf starke Nebenwirkungen schließen. Ein
Antibiotikum wird von uns in kurzer Zeit abgebaut, ohne eine Wirkung auf
unsere eigenen Zellen zu entfalten. Nebenwirkungen entstehen in erster
Linie durch die Schädigung von Bakterien, die in unserem Darm leben
und uns bei der Verdauung helfen, und in Form allergischer Reaktionen.
Trotz der spezifisch antibakteriellen Wirkung und der Unschädlichkeit
für den Menschen werden Antibiotika oft umstandslos mit Umweltgiften
in eine Reihe gestellt. So schreiben etwa die europäischen Grünen
in einem Papier zur Agrarpolitik: "Dioxin, PCB, Hormone, Antibiotika,
gentechnisch veränderte Organismen (GMO) und viele andere gesundheitsgefährdende
Stoffe konzentrieren sich zunehmend in Futter- und Lebensmitteln."
Als Gifte kann man jedoch gewiss nur die beiden ersten der fünf genannten
bezeichnen.
Insbesondere wird suggeriert, Fleisch von mit Antibiotika behandelten
Schweinen, Puten oder anderen Tieren sei ungesund. Tatsächlich stellen
jedoch Antibiotikarückstände im Fleisch aus heutiger medizinischer
Sicht kein Gesundheitsrisiko dar, da sie keinerlei Wirkung auf den menschlichen
Organismus haben. Berechnungen haben ergeben, dass man bei der gängigen
Praxis in der Mast ungefähr 100.000 Hähnchenschenkel essen müsste,
bis die therapeutische Tagesdosis einer Behandlung mit Chinolon-Antibiotika
erreicht wäre. Im Fall eines anderen Antibiotikums, dem Chloramphenicol,
wäre diese Dosis sogar erst nach Verzehr von weit mehr als einer
Million Schenkeln erreicht.
Ein
stumpfes Schwert?
Eine Gesundheitsgefährdung durch den Einsatz von Antibiotika ergibt
sich erst auf Umwegen. Der rationale Kern des diffusen Unbehagens in Hinblick
auf Antibiotika ist das Problem der Antibiotikaresistenzen. Vereinfacht
gesagt ist damit gemeint, dass sich die Bakterien schlicht an das Gift
gewöhnen, mit dem man gegen sie vorgeht, und es daher nicht mehr
wirkt. Und wo kein verfügbares Antibiotikum mehr wirkt, stirbt der
Patient im Zweifelsfall. Die heutige Situation ist somit zwar weit besser
als vor Erfindung der Antibiotika, denn es wird Millionen geholfen, denen
vorher nicht geholfen werden konnte. Doch sie ist schlechter als zu Beginn
der Ära der Antibiotika, als man optimistisch davon ausging, dass
das Kapitel der (bakteriellen) Infektionskrankheiten nun abgeschlossen
sei, denn zumindest einigen Wenigen kann mittlerweile mit den Wunderwaffen
nicht mehr geholfen werden.
Um den Prozess der Resistenzbildung zu verstehen, müssen wir uns
etwas mit Evolutionsbiologie beschäftigen. Jedes Lebewesen lebt in
einer bestimmten Umwelt, und je nachdem, wie gut es in dieser zurechtkommt,
vermehrt es sich gut oder weniger gut. Jedes Lebewesen ist jedoch ein
Individuum und unterscheidet sich in seiner genetischen Ausstattung von
seinen Artgenossen. Es gibt immer welche, deren Gene für die jeweils
aktuelle Umwelt etwas vorteilhafter sind, und andere, die weniger gut
angepasst sind. Die ersten vermehren sich besser als die zweiten. Das
gilt gleichermaßen für Bakterien wie für Gänseblümchen
oder Menschen. Im speziellen Fall geht es um Bakterien, die in eine giftige
antibiotische Umwelt geraten. Sobald sie mit einem spezifisch wirksamen
Antibiotikum in Kontakt kommen, sterben viele von ihnen; einige jedoch
sind zäh und halten durch. Sie vermehren sich meist nicht mehr so
schnell, aber sie vermehren sich. Unter ihren Nachkommen haben wiederum
vor allem die Überlebenschancen, die noch etwas besser mit der giftigen
Umgebung klarkommen, indem sie zum Beispiel Antibiotika, die durch ihre
Zellwand dringen, einfach wieder nach draußen pumpen, wie jemand,
der Wasser aus einem lecken Boot eimert. Das Antibiotikum darf daher erst
abgesetzt werden, wenn auch diese Standhaften weitgehend ausgelöscht
sind. Ist das noch nicht der Fall, entstehen in kurzer Zeit wieder eine
große Menge von Bakterien, die nun aber alle von den ursprünglich
nur wenigen Resistenten abstammen und daher ebenfalls resistent sind.
Wie eine Eiszeit dazu führt, dass die Tierwelt sich auf jene Arten
reduziert, die an ein frostiges Dasein angepasst sind, bildet sich dort,
wo viele Antibiotika eingesetzt werden, eine Bakterienpopulation aus resistenten
Stämmen. Solche Reservoirs für resistente Keime sind zum Beispiel
Krankenhäuser oder Schweineställe.
Daher sollten Antibiotika entweder richtig oder gar nicht angewendet werden.
Leider geschieht dies aber nicht immer so. Zu oft werden Antibiotika bei
leichten Infekten verabreicht oder sogar bei Viruserkrankungen, bei denen
sie gar nicht helfen. Und ausgerechnet das schlechte Image von Antibiotika
führt bei vielen Patienten zu dem fatalen Fehler, die Behandlung
schnell abzubrechen, wenn die Symptome verschwunden sind. Doch genau durch
dieses Verhalten entstehen, wie oben erläutert, die resistenten Stämme.
So tragen sowohl Antibiotika-Fans, die bei jedem Pups nach ihnen verlangen,
als auch Antibiotika-Skeptiker, die sie zu schnell wieder absetzen, zur
Resistenzbildung bei.
Eine weit geringere Rolle spielen die Schweine bzw. ihre Mäster,
die ihnen Antibiotika in kleinen Mengen ins Futter mischen und damit das
Wachstum fördern. Da das Problem der Resistenzbildung seit langem
bekannt ist, wurden schon in den 50er-Jahren diejenigen Fütterungsantibiotika
verboten, die auch in der menschlichen Medizin Verwendung finden, unter
anderem das Penicillin. Es gibt heute eine klare Trennung zwischen solchen
Antibiotika, die als Leistungsförderer in der Tierfütterung
verwendet werden, und solchen, die in der menschlichen Medizin eingesetzt
werden. Ende 1998 wurden schließlich sogar alle bis auf vier Mittel
für die Fütterung in der EU verboten. Diese sind von ihrer chemischen
Struktur her von den in der Humanmedizin verwendeten so verschieden, dass
auch Kreuzresistenzen vermieden werden. Ab 2006 werden auch diese verboten
sein.
Dies mag hilfreich sein für die Verhinderung der Ausbreitung resistenter
Stämme; sehr viel dringlicher wäre jedoch ein rationalerer Einsatz
von Antibiotika in der Humanmedizin durch Ärzte und Patienten.
Gefahr
vom Acker?
Der Antibiotikaeinsatz in der Tiermast trug zumindest in der Vergangenheit
in gewissem Maße zur Resistenzproblematik bei. Ganz und gar unberechtigt
ist jedoch die diesbezügliche Kritik an transgenen Nutzpflanzen.
Viele Gentech-Pflanzen, insbesondere die der ersten Generation, sind aus
technischen Gründen mit Antibiotikaresistenzgenen ausgestattet. Die
Frage, inwieweit ein horizontaler Gentransfer auf Darm- oder Bodenbakterien
stattfinden kann, wurde hinlänglich erforscht, und es wurde festgestellt,
dass dieses Risiko annähernd Null ist. Ein Gentransfer wäre
nur dann erfolgreich, wenn die resistenten Gene komplett von Pflanzenzellen
in Bakterien übertragen würden. In der Natur konnte ein solcher
Gentransfer aber noch nie nachgewiesen werden. Der Erfinder des "Goldenen
Reises", Ingo Potrykus, und seine Kollegin Kirsten Schlüter
haben die Wahrscheinlichkeit eines Transfers eines Resistenzgens gegen
das Antibiotikum Kanamycin von transgenen Tomaten auf Darmbakterien berechnet.
Die Hochrechnung ergab, dass bei täglichem Konsum einer solchen Tomate
bei 260 Menschen höchstens eine Übertragung des Resistenzgens
auf ein Darmbakterium zu erwarten wäre. Berechnungen der Übertragungswahrscheinlichkeit
von Amipicillinresistenzgenen lauten ähnlich. Die Wahrscheinlichkeit
solcher Transfers liegt schätzungsweise zwischen 2x10-11 bis 1,3x10-21
- mithin zwischen 0,000.000.002 und 0,000.000.000.000.000.000.13 Prozent.
Wie unbedeutend eine solche Übertragung ist, wird klar, wenn man
bedenkt, dass im Boden von Natur aus viele Bakterien mit den gleichen
Resistenzen wie bei den in der Grünen Gentechnik verwendeten Markergenen
vorkommen. Tagtäglich nehmen wir etwa 1 bis 1,5 Millionen antibiotikaresistente
Bakterien mit unserer konventionellen Nahrung auf. Hinsichtlich der erwähnten
Kalkulationen beim Verzehr transgener Tomaten errechneten Schlüter
und Potrykus, dass eine transformierte Bakterienzelle zu 260.000.000.000
bereits existierenden kanamycinresistenten Bakterien im Darm hinzukommen
würde. Wenn sich also in unseren Darm alle hundert Jahre ein Bakterium
hinzugesellt, das sein Resistenzgen aus einer Gentechpflanze hat, wäre
das in etwa so gravierend, wie wenn der Wind ein Sandkorn in die Sahara
weht. Streng genommen lügt Greenpeace also nicht, wenn die Organisation
behauptet, Antibiotikaresistenzgene könnten "auf dem Acker oder
im Magen-Darm-Trakt von Menschen und Tieren von Bakterien aufgenommen
werden". Doch über die Dimension dieses Problems, vor dem so
eindringlich gewarnt wird, schweigen sich die Aktivisten aus.
Angesichts
dieser Zahlen kann mit gutem Recht behauptet werden, dass heute die verbreitete
Angstmacherei und Desinformation rund um Antibiotika dadurch, dass verunsicherte
Patienten ihre Behandlung zu früh abbrechen, mehr zur Bildung von
Resistenzen beiträgt als der Einsatz in Tiermast und Gentechnik.
Angst, Unbehagen und emotionale Abwehr erweisen sich im Umgang mit den
nützlichen Bakterienkillern sowohl bei der medizinischen Behandlung
als auch in der Ernährung und der Pflanzenzucht als schädlich.
Das Penicillin hat etwas Besseres verdient.
Thilo Spahl ist Novo-Redakteur und Co-Autor des im Oktober 2003
im Eichborn Verlag erschienenen Buches Leben, Natur, Wissenschaft.
In Novo58/59 schrieb er zuletzt in "Mutierter Mais überrennt
Mexiko" über die angebliche Bedrohung der genetischen Diversität
des Maises.
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