Inhalt
POLITIK &
GESELLSCHAFT
ZUR SACHE:
Neue Friedensordnung
Von Thomas Deichmann
STICHWORT:
Zur Reformdebatte
(Teil II).
Von Sabine Reul
Alexander Ewald:
Re(a)gieren nach Kassenlage
Frank Füredi:
Nesthocker im Nimmerland
Katharina Rutschky:
Die Schule als Manieren-Manager: Cool oder uncool?
[Heft S.20]
Kenan Malik:
Der Mensch ein Naturwesen?
[Heft S.22]
Edgar Dahl:
Das Geschlecht der Kinder ist egal
MEDIZIN
Thilo Spahl:
75 Jahre Penicillin: ein Grund zum Feiern!
Wolfgang Vahle:
Die Homöopathie ist ein großer Irrtum
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Sandy Starr:
Zukunft? Abgesagt. Zu gefährlich!
Tillmann Prüfer:
Klein aber Gemein?
[Heft S.44]
Kathleen Richardson:
Menschliche Maschinen, mechanistische Menschen
[Heft S.46]
Stuart Derbyshire:
Tut fischen Fischen weh?
Thomas Deichmann:
Im Osten geht die Sonne auf
EINSPRUCH:
Gesunde Kühe, tote Menschen
Von Thilo Spahl
[Heft S.53]
Graham Brookes:
Rumänische Erfolgsgeschichte: Transgene
Sojabohnen lohnen sich
Edgar Gärtner:
Klimaforschung oder Der zweite Abschied vom geozentrischen Weltbild
[Heft S.56]
Michael Breu:
Wahrnehmungsprobleme und Katastrophenrhetorik
[Heft S.58]
Thomas R. DeGregori:
Loblied auf den Kuhdung
KRIEG UND
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Grenzüberschreitender Terrorismus: ein
vom Westen verursachtes Schlamassel
Philip Cunliffe:
Die neuen Retter der Welt?
[Heft S.70]
MEDIEN UND
KULTUR
Hanko Uphoff:
Fadenscheinigkeit mit Fadenscheinigkeit bekämpfen:
Schlingensief und die Church of Fear
Hazel Rosenstrauch:
Zwischenhändler in der Geistesproduktion
[Heft S.76]
Sabine Rothemann:
Erfundene oder wirkliche Welten?
Stefan Chatrath:
Torhüter sind anders
[Heft S.80]
RUBRIKEN
INHALT /
DAFÜR STEHT NOVO
BRIEFE / IMPRESSUM
[Heft S.6]
UPDATES
[Heft S.12]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.13]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.38]
MEHRWERT
Crashkurs Ökuhnomie
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.39]
MITTE
von Michael Najjar
[Heft S.42]
BÜCHER
[Heft S.74]
ANSCHNALLEN
von Klaus Bittermann:
Günter Grass
[Heft S.77]
ANSTOSS
von Bernd Herrmann:
1954 - war da was?
[Heft S.81]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann:
Deutschland ist Weltmeisterin
[Heft S.81]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.82]
|
Nesthocker im Nimmerland
Frank Füredi über Erwachsene, die Kinder
bleiben wollen.
Zum ersten Mal stieß ich vor einigen Jahren auf das Phänomen.
Als ich einen Freund durch meine Universität führte, sahen wir
eine Gruppe Studenten, die sich in der Uni-Kneipe die Teletubbies im Fernsehen
anschauten.
Normalerweise
hätte ich mir über junge Erwachsene, die für Kleinkinder-Fernsehen
schwärmen, weiter keine Gedanken gemacht - wäre mir die Sendung
nicht allzu vertraut gewesen, da mein damals zweijähriger Sohn die
dumm-süßlichen Figuren liebte. Erst am Vorabend hatte ich erfolglos
versucht, ihn von den Teletubbies loszueisen, indem ich auf anspruchsvollere
visuelle Kost umschaltete. Es ging ganz und gar daneben. Jetzt hatte ich
den Eindruck, dass derselbe Versuch auch bei diesen jungen Erwachsenen
ähnlich vergeblich enden würde.
Nicht,
dass alle 20- bis 30-Jährigen treue Teletubbies-Gucker wären.
Dennoch halten es viele Studenten von heute eher mit den Vorschulsendungen
aus ihrer Kindheit. Sie schwärmen von "Rappelkiste" und
"Barbapapas". Wenn ich über den Kult, den junge Erwachsene
um das Fernsehen ihrer Kindheit treiben, lästere, zuckt John Russell,
ein 28-jähriger erfolgreicher Anwalt, hoffnungslos mit den Schultern.
Er interessiert sich nicht für "Erwachsenensachen". Stattdessen
hängt er vor seiner PlayStation und gibt einen nicht geringen Teil
seines Einkommens für Hi-Tech-Spielzeug aus.
Fred
Simons und Oliver Bailer, beide Makler und Ende 20, spielen den lieben
langen Tag Nintendo und sind sehr stolz darauf, dass sie sich seit ihrer
Schulzeit nur wenig verändert haben. Die Designerin Helen Timerman
(27) zeigt mir glücklich ihre Stofftiersammlung. Sie knuddelt sie
gerne und glaubt, die kleinen, proper aufgereihten Tierchen gäben
ihr Sicherheit und Geborgenheit.
Endlich treffe ich eine junge Frau, die gerne Erwachsenensachen macht.
Kate Stevens, 27 und Lehrerin in den USA, berichtet mir, dass in San Francisco
die meisten Männer ihres Alters, "wenn sie nicht gerade an sich
selbst herumspielen, an ihren Spielsachen basteln. Erwachsene Männer
sausen von der Arbeit nach Hause, um möglichst schnell am Computer
spielen zu können. Später machen sie die Straßen dann
auf ihren Tretrollern unsicher. Und wie sieht's in London aus?" fragt
sie mich, fast schon ein wenig verzweifelt.
London
ist ein Sammelpunkt für junge Erwachsene, die nichts lieber tun,
als ihre Kindheit nachzuspielen. Woche für Woche kommen Tausende
20- bis 30-Jährige in Schuluniformen zur "School Disco".
Leute aus allen Schichten und Berufen - Ärzte, Programmierer, Frisöre
und Anwälte - begeistern sich für diese Retro-Welle. Verkleidet
gibt man vor, verbotene Dinge zu tun, und heimlich knutscht man in der
Ecke. Im Februar 2002 war "School Disco Spring Term" Nummer
1 der britischen Album-Charts.
In
New York kaufen 20- bis 40-Jährige die Waren ihrer Kindheit. Sie
stehen vor der Magnolia Bakery Schlange nach gelben Napfkuchen mit Schokoglasur
und Streuseln. Und in Dylan's Candy Bar hängen sie vor Pez-Automaten.
Die US-Werber Becky Ebenkamp und Jeff Odiorne bezeichnen diesen Trend
als Peter-Pan-Dämonium, nach Peter Pan, dem Jungen, der nicht erwachsen
werden wollte. "Menschen zwischen 20 und 40 suchen Halt und Geborgenheit
durch den Kauf von Produkten, die sie an eine glücklichere, unschuldigere
Zeit erinnern - ihre Kindheit".1
Früher
war Nostalgie Sache der Großeltern. Sie schwärmten vom Wirtschaftswunder
oder von der guten alten Zeit. Heute ist Nostalgie ein cooler Zeitvertreib
für Menschen, die ihre Teenagerjahre gerade hinter sich gelassen
haben. Die gute alte Zeit wird heute vorwiegend mit den 70er-, 80er- oder
sogar 90er-Jahren in Verbindung gebracht - der Erfolg entsprechender Retroformate
im Fernsehen (in Deutschland die "70er-", "80er-Jahre Show"
oder die DDR-Revival-Sendungen) zeigt, dass heute Menschen früher
denn je rückwärts gewandt leben. Entsprechende Websites sind
gleichermaßen erfolgreich, in Großbritannien "Friends
Reunited", in Deutschland beispielsweise die Freunde-Suchmaschine
von Spiegel Online.
Es ist ein gutes Geschäft. Auf der Second Childhood Page können
"Erwachsene kindlich sein, ohne kindisch zu sein. Denn wer sagt,
dass wir unser Spielzeug beiseite legen müssen, nur weil wir erwachsen
sind?" Das Angebot an Barbie und Papierpuppen zielt auf "kidults"
(Kinderwachsene), die sich "bewusst für das Kind in sich entschieden"
haben.2
Ähnlich
funktioniert die Marke "Purple Ronnie", unter der Glückwunschkarten,
Schlüsselringe und Poesiealben verkauft werden. Besonders beliebt
sind Karten mit kindersprachlichen Wendungen und niedlichen Abbildungen.
Die Zielgruppe sind Erwachsene, und das überrascht nicht: 2002 ergab
eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Mintel, dass für 43
Prozent aller Briten zwischen 20 und 24 ein Kuscheltier das beste Valentinstagsgeschenk
ist.
Viele Spielzeughersteller machen heute einen Großteil ihres Umsatzes
mit Erwachsenen (die das Spielzeug nicht etwa Kindern schenken). Alte
Figuren und Modelle werden wieder aufgelegt, seien sie aus Star Trek oder
dem rosaroten Panther.3
Die
Retrowelle ist kein bloß angloamerikanisches Phänomen. So ist
"Hello Kitty", ein weißes Kätzchen mit einer Blume
oder einer roten Schleife, bei erwachsenen Japanerinnen äußerst
beliebt. In japanischen Büros sieht man Kitty-Papier, in den Bars
telefonieren Frauen mit ihren Kitty-Handys, und männlichen Kollegen,
die Snoopy-Schlipse tragen, bieten sie aus ihren Kitty-Etuis eine Zigarette
an.
Es gibt ein neues Marktsegment, das gleichermaßen zwei unterschiedliche
Zielgruppen anvisiert: Kinder, die erwachsen werden wollen, und Erwachsene,
die am liebsten Kinder wären. Im Computerspielebereich ist das bereits
sehr deutlich, aber auch der Buchmarkt zieht nach. In der Zeitschrift
Booklist heißt es: "Wir glauben, dass Erwachsene ... heute
gerne qualitätsvolle Kinderbücher lesen."4 Der britische
Verlag der Harry-Potter-Bücher hat Ausgaben speziell mit einem Cover
für Erwachsene herausgebracht. Das war möglicherweise eine Fehlkalkulation.
Erwachsenen ist es heute nicht mehr peinlich, bei der Lektüre eines
Kinderbuchs in der U-Bahn gesehen zu werden.
Am
deutlichsten kommt dieser Mischmarkt in Film und Fernsehen zum Ausdruck.
Das Cartoon Network ist bei 18- bis 34-Jährigen einer der beliebtesten
Sender. Und bei Kinohits wie Shrek, Die Monster AG, Hennen rennen und
Toy Story bestand ein nicht geringer Teil des Publikums aus Erwachsenen,
die nicht in Begleitung von Kindern waren.
Lebte er heute in London, New York oder Tokio, hätte Peter Pan, der
Junge, der nicht erwachsen werden wollte, wenig Grund, sich aus dem Staub
zu machen. Dort, wo Manager auf Abenteuerspielplätzen tollen und
sich mit Farbkugeln abballern, müssen kleine Jungs nicht fürchten,
man dränge sie dazu, erwachsen zu werden. Nimmerland muss nicht mehr
herbeigeträumt werden, es ist allgegenwärtig.
In "Peter Pan" kehren alle verlorenen Jungen zu ihren Müttern
zurück - das Erwachsenwerden kann nicht endlos hinausgeschoben werden.
James M. Barrie, der Autor von Peter Pan, hatte einen starken Hang zur
Kinderwelt. Eine Welt aber, in der man diejenigen hochhält, die sich
weigern, erwachsen zu werden, hätte er sich nicht vorstellen können.
In den 60er-Jahren sangen The Who "I hope I die before I get old".
Altwerden ist heute eine Frage des Lifestyles geworden. Warum also sterben,
bevor man dort anlangt?
Die Gesellschaft wimmelt von verlorenen Jungen und Mädchen, die am
Rande des Erwachsenseins herumlümmeln. Wie aber nennt man sie? Das
Fehlen eines Begriffs für diese verkindlichten Erwachsenen zeigt,
dass es sich um ein gespenstisches Phänomen handelt. Werber und Spielzeughersteller
haben im Englischen für dieses Marktsegment den Ausdruck "kidult"
erfunden. Eine weitere englische Vokabel, "adultescent" (etwa
"heranerwachsend"), wird gelegentlich verwendet, um die 20-
bis 35-Jährigen zu bezeichnen, die sich weigern, feste Bindungen
einzugehen, ein erwachsenes Leben zu führen und lieber weiterfeiern
wie früher.
Die "adultescents" darf man dabei nicht verwechseln mit der
Gruppe, die auch "middle youth" (mitteljugendlich) genannt wird.
Mitteljugendliche sind 35- bis 45-jährige, die sich für die
Speerspitze der Jugendbewegung halten. Sie durchlaufen eine Phase, die
"middlescence" (etwa "Mittelerwachsensein") genannt
wird, eine Geisteshaltung, in der man sich entschieden gegen all das zu
Wehr setzt, das mit dem real eingetretenen mittleren Alter zu tun hat.
Begriffe wie "kidult" und "adultescent" haben sich
bislang nicht durchgesetzt. Das liegt daran, dass die Gesellschaft nicht
weiß, wie sie mit der zunehmenden Auflösung der Trennlinie
zwischen Erwachsensein und Kindheit umgehen soll. Im anglo-amerikanischen
Raum fällt die Reaktion auf diese Entwicklung zwiespältig aus.
Hin und wieder gibt es öffentliches Gezeter um einen besonders absurden
Aspekt dieses Trends. Im Großen und Ganzen jedoch sind die meisten
stillschweigend der Meinung, erwachsen zu werden sei alles andere als
schön und wünschenswert. Da die Weigerung, erwachsen zu werden,
von vielen als attraktiver Weg gesehen wird, ist es unwahrscheinlich,
dass Begriffe, die darauf hindeuten, etwas daran sei grundfalsch, große
Verbreitung erlangen.
Die Vertreter der verlängerten Kindheit und Jugend befinden sich
in der Offensive. Die Zeitschrift KidultGame zielt auf Menschen, die "gerne
Spaß haben" und denen "ihre Leidenschaft fürs Spielen
nicht peinlich ist".5 Auch Fachleute loben die ins Endlose verlängerte
Kindheit. Therapeuten raten länger schon, man solle sich zum Kind,
das in jedem von uns wohnt, bekennen. Regression, Rebirthing und Urschreitherapie
sind alternative Formen für diejenigen, die zu ihrem früheren
Selbst zurück wollen. Lenore Terr, Professorin für klinische
Psychiatrie an der Universität von San Francisco, vertritt die Ansicht,
der Drang Erwachsener zu spielen, sei kein Grund zur Sorge, sondern, im
Gegenteil, äußerst gesund.6
Gesellschaftlich
ist es mittlerweile akzeptiert, dass man nicht vor Ende 30 erwachsen ist.
Die Jugend wird entsprechend ausgedehnt. Die amerikanische Society for
Adolescent Medicine kümmert sich um Menschen "im Alter von 10
bis 26". Die MacArthur-Stiftung hat kürzlich mit "Transitions
to Adulthood" ein groß angelegtes Forschungsprojekt finanziert,
das zu dem Ergebnis kam, der Übergang zum Erwachsenwerden ende mit
34. Eine Reihe von Sozialwissenschaftlern erklärt, die Verschiebung
der Reife sei heute Tatsache. Stephen Richardson, Sozialpsychologe aus
Kalifornien, behauptet, dass der Mensch heute erst im Alter von 35 reif
ist.
Aber spielt es eine Rolle, dass allmählich der Unterschied zwischen
Erwachsenen und Kindern verschwimmt? Zu allen Zeiten gab es wunderliche
Männer und Frauen, die ganz in kindischen Dingen aufgingen. Auch
der Wunsch nach ewiger Jugend ist nicht eben neu. Schon sehr lange haben
Menschen das Geheimnis der ewigen Jugend gesucht.
Die Verkindlichung aber, die die Gesellschaft aktuell erfährt, wird
von Ursachen angetrieben, die ganz und gar von heute sind. Der verständliche
Wunsch, nicht alt auszusehen, ist ersetzt worden durch die selbstverliebte
Betonung der Unreife. Früher wollten Menschen jung und gut aussehen;
sie wollten sich nicht wie Kinder aufführen. Der Kult, der heute
um Kinderkram gemacht wird, mag auf den ersten Blick als trivialer Trend
erscheinen. Aber die weit verbreitete Nostalgie bei jungen Erwachsenen
für Kindheit und Jugend drückt eine tief sitzende Unsicherheit
aus über das, was da kommen mag. Der zögerliche Eintritt ins
Erwachsenwerden geht einher mit einer geringen Neigung zur Unabhängigkeit
und dazu, Verantwortung zu übernehmen und Neues auszuprobieren.
Nicht wenige Eltern stehen der geringen Neigung ihrer 20- bis 30-jährigen
Kinder, das Heim zu verlassen, verständnislos gegenüber. Giuseppe
Andreoli, Professor für Anatomie an der Universität von Neapel
und ehemaliges Mitglied des italienischen Parlaments, wurde 2002 von einem
Gericht dazu verdonnert, weiterhin seinem 30-jährigen Sohn Marco
700 Euro pro Monat zu bezahlen - so lange, bis dieser eine Beschäftigung
gefunden habe, die seinen Neigungen entspreche.7
Als ich 1997 in meinem Buch Culture of Fear berichtete, dass mittlerweile
Eltern ihre Kinder zu Auswahlgesprächen an die Universität begleiteten
und dort auch bei anderen Veranstaltungen immer öfter an der Seite
ihrer Kinder zu sehen wären, behauptete eine irritierte Lektorin
noch, ich würde ziemlich übertreiben. Sie hatte in den 70er-Jahren
studiert und konnte sich nicht vorstellen, dass Studenten je ihre Eltern
bei einem Lebensschritt, der ihre Unabhängigkeit symbolisiert, an
ihrer Seite haben wollten. Die Reaktion der Lektorin zeigt, wie neu diese
Entwicklung ist. Erst in den letzten fünf bis zehn Jahren sind die
Eltern der Studenten auf dem Universitätsgelände allgegenwärtig
geworden. Bei öffentlichen Veranstaltungen und Tagen der offenen
Tür hört man mittlerweile mehr von den Eltern als von den Studenten.
Einige britische und amerikanische Universitäten geben mittlerweile
Schriften speziell für die Eltern der Studenten heraus, Schriften,
in denen klar wird, dass inzwischen die Uni als Verlängerung der
Schule gesehen wird.
Es ist noch nicht lange her, da wäre es britischen Studenten sehr
peinlich gewesen, an der Universität in Begleitung ihrer Eltern gesehen
zu werden. Die Uni war die Möglichkeit, sich endgültig vom Elternhaus
zu verabschieden. Normalerweise zogen Studenten in eine eigene Wohnung
oder in eine WG, und Besuche bei den Eltern waren die seltene Ausnahme.
Heute ist dieser Wunsch nach Unabhängigkeit von pragmatischen Erwägungen
verdrängt worden. Viele Studenten begeben sich scheinbar gerne in
die Abhängigkeit zurück, die sie von der Schule her kannten.
Studenten stört die Anwesenheit der Eltern an der Uni nicht mehr,
es scheint ihnen ganz selbstverständlich zu sein.
Eine
stetig steigende Zahl von Studenten wohnt bei ihren Eltern: Waren es 1994
in Großbritannien noch 14,5 Prozent der Studienanfänger, stieg
bis 1999 ihr Anteil auf 20,1 Prozent. Dieser Trend wird häufig damit
erklärt, dass sich die finanzielle Situation der Studenten verschlechtert
habe. Aber die finanzielle Lage ist im Allgemeinen nicht der Grund. Der
Geschäftsführer von UCAS, der britischen Zulassungsbehörde
für die Universitäten, Tony Higgins, sagt, dass viele Studenten
"die Geborgenheit ihres Zuhauses, ihrer Familie und Freunde schätzen,
wenn sie das Studium beginnen." Dieser Wunsch nach Sicherheit und
Geborgenheit drückt sich auch anderweitig aus. Beispielsweise zahlen
viele Studenten die Miete für das Wohnheim weiter, selbst wenn sie
die gesamten Semesterferien zu Hause verbringen. Finanzielle Probleme
scheinen kein wesentlicher Grund zu sein. Studenten geben heute viel Geld
für Freizeit und Reisen aus; 2001 investierten 20 Prozent der 16-
bis 24-Jährigen im Durchschnitt über 4200 Euro pro Jahr in Reisen.
Der Nesthocker-Trend schlägt sich auch auf die Jahre nach dem Studium
nieder. Die Verkindlichung wird bestätigt durch die fortwährend
wachsende Zahl junger Frauen - und mehr noch junger Männer - über
30, die bei ihren Eltern wohnen. Der Social Trends Studie 2002 zufolge
lebt fast ein Drittel der Männer zwischen 20 und 35 noch zu Hause
(verglichen mit einem Viertel 1977). Andere Studien zeigen, dass die Anzahl
von Männern zwischen 30 und 34, die noch bei ihren Eltern wohnen,
im Laufe der letzten fünf Jahre um 20 Prozent zugenommen hat.
Hillary
und Roger Smythe hatten sich auf ein ruhiges Leben nach dem Auszug der
Kinder gefreut. Bis vor einigen Jahren ihr Sohn Matthew wieder einzog,
nachdem seine Freundin ihn verlassen hatte. "Wir haben alles versucht,
wirklich alles, aber Matt rührt sich nicht vom Fleck", sagt
Hillary, und man hört die Verärgerung.
James und Ruth Alcock haben ein etwas anderes Problem. Ihr 28 Jahre alter
Sohn Tom ist nie ausgezogen. Viele tausende Eltern machen heute die unangenehme
Erfahrung, dass ihre erwachsenen Kinder gar nicht daran denken, auf eigenen
Beinen zu stehen. In ihrem Buch The Nesting Syndrome bezeichnet Valerie
Wiener diese Kinder als Nesthocker. In Japan nennt man sie "parasitische
Singles", und in den USA gibt es dafür eine Reihe von Ausdrücken
- "Bumerang-Kinder", "erwachsene Mitbewohner" oder
"Rückkehrer".
In Großbritannien ist man kürzlich erst auf das Phänomen
der Bumerang-Kinder aufmerksam geworden. Im Jahre 2001 äußerte
Jane Falkingham von der London School of Economics ihr Erstaunen, dass
eine stetig wachsende Anzahl älterer Menschen mit ihren Kindern zusammenwohnt
- nicht etwa, weil die Eltern pflegebedürftig wären, sondern
weil die Kinder noch von den Eltern unterstützt werden. Eine von
der Bausparkasse Abbey National 2001 beauftragte Studie bestätigte
diese Feststellung und kam zu dem Resultat, dass die Anzahl der Kinder,
die, nachdem sie das Elternhaus einmal verlassen hatten, zu ihren Eltern
zurückkehren, sich von 25 Prozent im Jahr 1950 auf 46 Prozent im
Jahr 2001 erhöht hat. Eine Umfrage von BTopenworld kam 2002 zu dem
Ergebnis, dass 27 Prozent der Kinder, die ausziehen, zumindest einmal
wieder einziehen und dass "eines von zehn unabhängig gewordenen
Kindern bis zu viermal wieder zu Hause einzieht, bevor es endgültig
die Familie verlässt".8
Die Zahl der nesthockenden Erwachsenen steigt weltweit. In Japan leben
70 Prozent der alleinstehenden berufstätigen Frauen zwischen 30 und
34 bei ihren Eltern. In den USA ist die Zahl der Erwachsenen, die bei
ihren Eltern leben, seit den 70er-Jahren stetig gestiegen. Heute leben
dort 18 Millionen der 20- bis 34-jährigen bei den Eltern - das sind
38 Prozent aller alleinstehenden Erwachsenen.
Mittlerweile
gibt es zahlreiche Bücher für Eltern, die ihre Kinder nicht
loswerden, wie etwa Richard Melheims 101 Ways to Get Your Adult Children
to Move Out (And Make Them Think It Was Their Idea). Und auch für
die Eltern, die sich mit dem Problem arrangieren wollen, gibt es Titel
wie All Grown Up: Living Happily With Your Adult Children.
Viele Autoren gehen davon aus, dass wir erst am Anfang einer neuen Entwicklung
stehen. Als Grund für den Trend sehen sie häufig die steigende
Scheidungs- und Trennungsrate. Andere Autoren vermuten, dass die größere
Fürsorge moderner Eltern dafür verantwortlich ist, dass sich
Kinder immer schwerer von ihnen lösen. Am häufigsten ist jedoch
die Erklärung zu hören, die Bumerang-Kinder kehrten aus wirtschaftlichen
Gründen nach Hause zurück. Dieser Ansatz geht davon aus, dass
immer mehr junge Erwachsene sich einen eigenen Haushalt einfach nicht
mehr leisten können.
Aber
sind es tatsächlich wirtschaftliche Probleme, die diese Entwicklung
ausgelöst haben? In Japan, wo der Trend am weitesten fortgeschritten
ist, stellen Beobachter immer wieder fest, dass die 20- bis 34-jährigen
Singles, die bei ihren Eltern wohnen, sehr wohlhabend sind. Den boomenden
Absatz von Luxusgütern führt man dort wesentlich auf die steigende
Anzahl zu Hause wohnender parasitärer Singles zurück, Leute
wie die 26-jährige Miki Takasu, die einen BMW fährt und abwechselnd
ihre Chanel- und die Gucci-Handtasche spazieren trägt. Selbstverständlich
wohnt sie bei ihren Eltern.9
In den USA wird diese Zielgruppe besonders intensiv umworben, verfügt
sie doch über ein hohes Einkommen, über das sie frei verfügen
kann. "Die neue Generation derjenigen, die auch nach der Universität
zu Hause wohnen bleiben, unbelastet von Mieten und anderen Lebenshaltungskosten,
ist liquide, konsumfreudig und eine immer wichtiger werdende Käuferschicht",
heißt es in einem Bericht.10 Und obwohl in Großbritannien
die Immobilienpreise sehr gestiegen sind, geht es jungen britischen Erwachsenen
heute besser als der Generation vor ihnen. Wirtschaftliche Probleme mögen
der Grund dafür sein, dass einige Erwachsene zu Hause wohnen bleiben;
der Trend in seiner ganzen Breite lässt sich damit nicht erklären.
Für gewöhnlich zogen junge Männer und Frauen nicht von
zu Hause aus, weil ihr Leben dadurch billiger und simpler wurde, sondern
weil sie unbedingt auf eigenen Beinen stehen wollten. Unabhängig
und selbständig zu leben, das war vielen eine Zeit vergleichbar einfachen,
anspruchslosen Lebens wert. Jennie Bristow bringt es auf den Punkt: "Entscheidend
ist nicht, ob man es sich leisten kann, selbständig zu leben, entscheidend
ist, ob man es will."11 So sind es heute weniger wirtschaftliche
Gründe, die junge Erwachsene zurück zu den Eltern treiben, es
ist ihre Unfähigkeit, in Beziehungen zu leben.
In
den letzten Jahrzehnten scheinen die zwischenmenschlichen Beziehungen
zunehmend komplizierter geworden zu sein. Mit Ehe und selbst Lebensgemeinschaft
verbinden heute sehr viele vor allem die Begriffe "Krise" und
"scheitern". Enge persönliche und erst recht intime Beziehungen
werden deshalb häufig von Anfang an mit angezogener Handbremse angegangen:
Wenn man nicht zu viel erwartet, nicht zu viel investiert, kann man auch
nicht allzu viel verlieren.
Zwischenmenschliche Beziehungen werden heute als Risiken wahrgenommen
und entsprechend mit einer Verbraucherschutzwarnung versehen. Die pragmatische
Lösung lautet: "Erwarte nicht zu viel, und du wirst auch nicht
allzu sehr verletzt werden." Die dadurch ausgelösten Bindungsängste
haben dazu geführt, dass immer mehr Erwachsene feste Beziehungen
immer weiter hinausschieben.
Im Vergleich zu diesen Unwägbarkeiten kann die Geborgenheit des Elternhauses
sehr anziehend wirken. Der Antrieb junger Erwachsener, auf eigenen Beinen
zu stehen, verringert sich dementsprechend. Nicht wenige junge Erwachsene
schieben die Selbständigkeit immer weiter hinaus, da sie die damit
verbundenen Risiken scheuen.
Aber nicht nur Erwachsenen, die bei ihren Eltern wohnen, geht es so. Sehr
viele junge Erwachsene, die von zu Hause ausgezogen sind, vermehren die
immer größere Gruppe der Singlehaushalte. Als Single zu leben
ist für Millionen von Frauen und Männern zwischen 20 und 40
der Normalzustand.
Die
Zunahme der Singles ist ein Phänomen in allen industriellen Staaten.
1950 lebten drei Prozent der Bevölkerung in Europa und Nordamerika
allein. Seitdem ist die Zahl der Einpersonenhaushalte in den Industriestaaten
ganz erheblich angestiegen. In Großbritannien leben heute sieben
Millionen Menschen allein - dreimal so viel wie noch vor 40 Jahren. Schätzungen
gehen davon aus, dass im Jahre 2020 40 Prozent aller Briten alleine leben
werden.
In den USA sind Alleinlebende die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe.
Zwischen 1970 und 2000 nahm die Zahl der Einpersonenhaushalte um neun
Prozent zu. In Frankreich hat sich die Zahl der Einpersonenhaushalte seit
1968 mehr als verdoppelt. Beinahe 40 Prozent aller Schweden lebt allein.
Besonders deutlich ist diese Entwicklung in den städtischen Ballungsräumen
der Industriestaaten. Über 50 Prozent der Haushalte in München,
Frankfurt und Paris bestehen aus nur einer Person.
"Viele sagen, die Schulzeit ist die beste Zeit unseres Lebens. Eben
darum geht es bei SchoolDisco.com ..." Sehr wenige Schüler würden
diesem Statement zustimmen. Dennoch scheint sich die Nostalgie für
Kinderstreiche und Teeniegefummel sehr rasch unter Erwachsenen zu verbreiten.
An britischen Universitäten veranstalten bereits Studienanfänger
nostalgische Schuldiskos. Und nimmt man die Schulzeit tatsächlich
als die beste Zeit im Leben wahr, will man von dem, was kommen wird, immer
weniger wissen.
Die
rückblickende Verklärung der Jugendzeit sagt weniger über
die tatsächliche eigene Jugend, sie sagt mehr über die Ängste
des Erwachsendaseins aus. Teenager selbst sind nur selten der Meinung,
sie verbrächten gerade die herrlichste Phase ihres Lebens. Die Nostalgie
für die Jugend wird ausgelöst durch die ungemütliche Gegenwart
des Erwachsenenlebens. Entsprechend sucht sich die Popkultur ihre Vorbilder
bei der Jugend.
Die Jugendzeit wird von den Medien ständig verklärt. In Ally
McBeal verbinden sich Klassenzimmerräusche mit dem Kater des Erwachsenenlebens.
Spätestens seit der Fernsehserie "Wunderbare Jahre" ist
die Verklärung der Jugend das Hauptgeschäft von Fernsehserien
geworden. Immer ist das Dasein der Erwachsenen im Hier und Jetzt schal
und bedeutungsleer, während die Jugend wahre Würde kennt, Ernst,
Heiterkeit und Lebendigkeit.
Die Nostalgie für die beste Zeit, die man hatte (und je haben wird),
wird vom Fernsehen und Kino konsequent ausgeschlachtet. "Für
alle älteren Zuschauer, die ihrem verruchten Schulhofimage nachtrauern,
sind die intelligenten, aus der Masse herausstechenden Jugendlichen in
Serien wie "Felicity", "My So-Called Life" und "Buffy"
die Sehnsuchtsfolien ihres mittleren Alters: Einmal nur, gewappnet mit
der ganzen mittlerweile gewonnenen Selbsterkenntnis, zurückgehen
zu können in die eigene Jugend und jede Verletzung dort auszulöschen,
jede Entscheidung zu berichtigen", so formuliert es die Journalistin
Joyce Millman.12
So
wie die Jugend im Fernsehen immer höher in den Himmel gehoben wird,
gleiten die Erwachsenen immer mehr ins Fegefeuer. Im Fernsehen sieht man
häufig gestörte, unreife Erwachsene, die sich bei Teenagern
Rat holen, beispielsweise in "Dawson's Creek". In der amerikanischen
"Drew Carey Show" sehen wir den Alltag von vier Erwachsenen,
denen es nicht gelingt, erwachsen zu werden. In "Buffy" sind
Erwachsene Unterdrücker, Hohlköpfe oder zu alt geratene Jugendliche.
In vielen Sitcoms wie "Frasier", "Friends" und "Ellen"
sieht man erwachsene Männer und Frauen beim Versuch, ihre Jugend
immer weiter in die Länge zu ziehen.
In "Seinfeld" wurde in den Charakteren Jerry, George, Elaine
und Kramer die Pathologie des Erwachsenendaseins drastisch vorgeführt.
Wirrwarr, Sinnlosigkeit und Herumdümpeln zeichnen in "Seinfeld"
das Leben der Erwachsenen aus. Den Figuren gefällt ihr kindisches
Tun nur allzu gut, und regelmäßig versuchen sie, jeder Art
von Verantwortung aus dem Wege zu gehen, die normalerweise Erwachsene
auf sich nehmen müssen. In der Serie wird das Erwachsenwerden komplett
verdammt, es hat nicht einen guten Zug.
Dieses
Gefühl der Sinnlosigkeit und Verzweiflung kann erklären, warum
es dem Kulturbetrieb heute kaum gelingt, eine Grenzlinie zwischen Kindern
und Erwachsenen zu ziehen. Das Kindliche und das Kindische wird allein
deswegen hochgehalten, weil uns das andere - erwachsen zu leben - allzu
trübe und hoffnungslos scheint. Die Entwertung des Erwachsenseins
folgt aus dem gebrochenen Verhältnis, das wir zu den Idealen haben,
die mit dieser Stufe der Entwicklung einhergehen.
Reife, Verantwortung und Hingabe zählen heute wenig. Diese Ideale
stehen in krassem Widerspruch zur tagtäglich erfahrenen Verunsicherung.
Diese fortlaufende Entleerung dessen, was es bedeutet, erwachsen zu sein,
gibt jungen Männern und Frauen wenig Anlass dazu, sich in diese Richtung
weiterzuentwickeln.
Aus
dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann.
Frank Füredi ist Professor für Soziologie an der Universität
von Kent in Canterbury. Sein neues Buch Therapy Culture: Cultivating
Vulnerability in an Anxious Age ist soeben bei Routledge erschienen.
Dieser Artikel wurde zuerst im britischen Novo-Partnermagazin Sp!ked veröffentlicht
(www.spiked-online.com).
Auf Deutsch ist zuletzt 2002 bei Eichborn das Buch Die Elternparanoia.
Warum Kinder mutige Eltern brauchen erschienen. In Novo61/62 beschrieb
Füredi in seinem Artikel "Sind wir alle wie Ally McBeal?"
den wachsenden Trend zur Beziehungsunfähigkeit.
ANMERKUNGEN
1
B. Ebenkamp / J. Odiorne: "Panic regression" in: Brandweek,
28.1.02.
2 Minx's Second Childhood Page: http://home.xnet.com/~countzi/2ndchild.html.
3 Sonia Sequeira: "Harry Potter toys hot for holidays",
21.12.01, www.cnn.com.
4 "Crossovers: Children's Books for Adults", Booklist
Magazine, April 2000.
5 Kidult Website: www.kidultgame.it.
6 Lenore Terr: Beyond Love and Work: Why Adults Need To Play,
Touchstone 2000.
7 Philip Willan: "Italian court tells father to support
stay-at-home son, 30", Guardian, 6.4.02, www.guardian.co.uk.
8 "Boomerang kids keep bouncing back to the family nest",
BTopenworld, 21.3.02, www.btplc.com.
9 Kathryn Tolbert: "Japan's new material girls",
Washington Post, 10.2.00, www.washingtonpost.com.
10 Pamela Paul: "Echo Boomerang", American Demographics,
Juni 2001.
11 Jennie Bristow: "An anti-independence culture",
www.spiked-online.com.
12 Syrie Johnson: "Here come the SaRaHs", Evening
Standard, 12.4.02, www.thisislondon.co.uk.
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