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67/68 Nov. 2003 - Feb. 2004  POLITIK UND GESELLSCHAFT

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NOVO 67/68

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Re(a)gieren nach
Kassenlage


von Alexander Ewald


 
 
 
 
 
 
 
 

Die Orientierungslosigkeit in der Diskussion um die Renten- und Krankenversicherungen schafft Probleme, wo eigentlich keine existieren.

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Westliche Gesellschaften altern demographisch bereits seit 100 Jahren. Bislang ist es immer gelungen, diesen Prozess sozialpolitisch abzufangen - noch dazu mit einem heutigen Rentenniveau, von dem Vorgängergenerationen nur träumen konnten.

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Die deutsche Gesellschaft erzeugt genügend Reichtum, um sich ein ständig teurer werdendes Gesundheitssystem leisten zu können.

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Für die Stabilität der Renten- und Krankenversicherung ist ein moderates Wirtschaftswachstum die grundlegende Voraussetzung.

 

Heft 67/68: Übersicht
 




Re(a)gieren nach Kassenlage

 

Alexander Ewald über das gefährliche Märchen von der demographischen Zeitbombe und der Kostenexplosion im Gesundheitswesen.



Bisher ist es der Politik nicht gelungen, schlüssige Reformkonzepte für die Renten- und Krankenversicherung vorzustellen und langfristige Perspektiven zu entwickeln. Das Hickhack um diese Themen wird uns also auch in den nächsten Jahren verfolgen. In Berlin ist man inzwischen in operative Hektik verfallen und reagiert je nach Kassenlage. Täglich ergeben sich neue Hiobsbotschaften über Finanzierungslücken, aus denen Notoperationen resultieren. Vorhersagen und Versprechungen, mit denen die Bürger planen könnten, werden dadurch regelmäßig zur Makulatur.
Das gesamte Spektakel auf der politischen Bühne hat wenig mit der vermeintlichen Instabilität der sozialen Sicherungssysteme zu tun. Auch wenn die "demographische Zeitbombe" oder auch die "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen zu einer kaum hinterfragten Grundannahme geworden sind, so lässt sich leicht zeigen, dass zur Umkrempelung von Renten- und Krankenversicherung kein Anlass besteht und diese Versicherungssysteme auf stabilen Grundlagen basieren.
Die Entwicklung der letzten Jahre ist aber trotzdem Besorgnis erregend. Der Grundpfeiler der Renten- und Krankenversicherung ist ein zumindest moderates Wirtschaftswachstum. Wird dieses in Frage gestellt oder gefährdet, ergeben sich erhebliche Probleme. Die Orientierungslosigkeit, die in der Diskussion um die Renten- und Krankenversicherungen von den politischen Entscheidungsträgern ausgeht und die Bevölkerung in ihren Bann zieht, ist bedauerlicherweise dazu geeignet, Probleme zu schaffen, wo eigentlich keine existieren.

Rentenlüge
Das Problem der Rentenversicherung wird darin gesehen, dass sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartung zu einer Überforderung der Beitragszahler führen. Während heute etwa 2,5 Beitragszahler eine Rente finanzieren, rechnen diverse Prognosen damit, dass bis zum Jahr 2040 ein Beitragszahler einen Rentner finanzieren muss.
Dieses Szenario unterstellt, dass sich die niedrige gegenwärtige Geburtenrate in Deutschland von etwa 1,3 bis 1,4 Geburten je Frau auch langfristig durchsetzen wird. Selbst wenn man dieses recht pessimistische Szenario als Grundlage akzeptiert, so ist damit die Überforderung der Beitragszahler noch längst nicht amtlich.
Zunächst ist festzustellen, dass die Gesellschaft nicht auf der Alterspyramide "von oben", sondern "von unten" altert. Die Ursache für die ungünstige gesellschaftliche Altersverteilung liegt also nicht darin, dass wir immer älter werden. Seit 1970 ist die Überlebenswahrscheinlichkeit von Männern im Alter von 65 Jahren von 12 auf inzwischen 15 Jahre gestiegen. Aufgrund des medizinischen Fortschritts und anderer gesellschaftlicher Faktoren wird erwartet, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit 65-jähriger Männer bis zum Jahr 2040 auf 19 Jahre ansteigt. Aufgrund dieser Entwicklung würde sich keine massive Verschiebung der Altersstruktur ergeben. Die veränderte Altersverteilung ergibt sich also primär durch die geringere Größe der nachwachsenden Generationen.
Um seriöse Aussagen über die Auswirkungen der demographischen Alterung machen zu können, ist es erforderlich, das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und allen abhängigen Personen (Rentner und junge Menschen unter 25 Jahren) heranzuziehen. Das üblicherweise herangezogene Verhältnis zwischen Erwerbspersonen und Rentnern ist volkswirtschaftlich wenig aussagekräftig.
1990 standen vier abhängige Personen fünf Erwerbstätigen gegenüber. Bis 2040 wird sich dieses Verhältnis auf fünf zu fünf einpendeln (vgl. Josef Schmitt: "Das demographische Dilemma Deutschlands", FAZ, 31.5.00). Die Steigerung fällt also äußerst moderat aus. Die zusätzlichen Kosten für die Altersversorgung der Rentner werden durch die geringeren Aufwendungen für Erziehung und Ausbildung der wenigen Neugeborenen teilweise kompensiert. Die Gesamtbelastung der Erwerbstätigen stiege also nur relativ geringfügig, wenn eine gesellschaftliche Reform angegangen würde, die die frei werdenden Ressourcen für Ausbildung und Erziehung in die Altersversorgung umlenkt.
Obwohl die Rentendiskussion von demographischen Überlegungen dominiert wird, üben dennoch wirtschaftliche Entwicklungen den maßgeblichen Einfluss auf das mögliche Rentenniveau aus. In einer wenig beachteten Modellrechnung der Deutschen Bundesbank wurde gezeigt, dass - unter der Voraussetzung einer moderaten jährlichen Produktivitätssteigerung von einem Prozent - allein hierdurch, ein erheblicher zusätzlicher Reichtum generiert wird. Der innerhalb von 30 Jahren geschaffene Verteilungsspielraum wäre so groß, dass sich selbst unter Beachtung der ungünstigen demographischen Trends eine Einkommensverbesserung von über 30 Prozent für Rentner und Erwerbstätige erzielen ließe (Deutsche Bundesbank: "Möglichkeiten und Grenzen...", Monatsbericht Dez. 1999, S.15ff).

Dieses Ergebnis lässt sich auch durch eine historische Betrachtung begründen. Westliche Gesellschaften altern demographisch bereits seit 100 Jahren. Bislang ist es immer gelungen, diesen Prozess sozialpolitisch abzufangen - noch dazu mit einem heutigen Rentenniveau, von dem Vorgängergenerationen nur träumen konnten. Eine wichtige Grundlage dafür ist die durch Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerung bewirkte Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums, der sich etwa alle 30 Jahre verdoppelt.

Kranke Kassen
Wie elementar wirtschaftliches Wachstum ist, zeigt sich beim Blick auf das Gesundheitswesen. In den letzten Jahrzehnten ist das Gesundheitssystem qualitativ stark verbessert worden. Neue und oft auch entsprechend teure Behandlungsmethoden und Medikamente sind entwickelt worden. Krankheiten, die früher nicht behandelbar waren, können heute therapiert werden. Es ist offensichtlich, dass das Gesundheitswesen trotz der Sparmaßnahmen heute erheblich mehr Ressourcen verschlingt als noch vor 30 Jahren.
Diese Entwicklung ist volkswirtschaftlich betrachtet nicht Besorgnis erregend, solange das Wachstum der Gesundheitsausgaben mit dem Wachstum der Einkommen im Einklang ist. Dies ist in Deutschland der Fall. Nimmt man nämlich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Indikator für die Steigerung der Einkommen, so lässt sich erkennen, dass der Anteil der Ausgaben für das Gesundheitswesen am BIP seit Mitte der 70er-Jahre nur geringfügig gestiegen ist. Von 1975 bis 1998 stieg der Anteil lediglich um 0,5 Prozent auf 13,4 Prozent ("Kostenexplosion im Gesundheitswesen", DIW Wochenbericht 7/03, S.1, www.diw.de). Anders formuliert: Insgesamt erzeugt die deutsche Gesellschaft genügend Reichtum, um sich ein ständig teurer werdendes Gesundheitssystem leisten zu können.
Für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zeigen sich die gleichen Entwicklungstrends. Seit 1975 ist der Anteil der Ausgaben der GKV am BIP von sechs auf knapp sieben Prozent angestiegen. Der Anstieg um ein Prozent war ein einmaliger Effekt, der hauptsächlich auf die Wiedervereinigung zurückzuführen ist. In Ostdeutschland sind die Gesundheitsausgaben pro Person zwar niedriger als in Westdeutschland. Die vergleichsweise niedrige ostdeutsche Wertschöpfung bewirkt aber, dass die Ausgaben der GKV dort über elf Prozent des BIP ausmachen (Susanne Erbe: "Kostenexplosionen im Gesundheitswesen?", HWWA Wirtschaftsdienst 2000/05, www.hwwa.de).
Es müsste also anzunehmen sein, dass die Beitragssätze zur GKV bis Ende der 80er-Jahre stabil waren und in den 90er-Jahren einen Sprung noch oben machten. Seit Mitte der 70er-Jahre ist tatsächlich eine moderate Steigerung der Beiträge zur GKV zu erkennen. Von 1975 bis kurz vor der Wiedervereinigung sind die durchschnittlichen Beitragssätze zur GKV von 11 auf 12,5 Prozent angestiegen. Inzwischen liegt der Beitragssatz bei 14,3 Prozent.
Neben dem Einfluss der Wiedervereinigung ergibt sich die Steigerung der durchschnittlichen Beitragssätze vor allem aus der Tatsache, dass die Einnahmen der GKV im Verhältnis zu der Anzahl der dort Versicherten zurückgegangen sind. Das liegt einerseits daran, dass der relative Anteil der Löhne am gesellschaftlich produzierten Reichtum zurückgegangen ist. Vor allem aber ist der Anteil derer, die nur relativ geringe Beiträge zur GKV leisten, deutlich gestiegen. Hinter dieser schleichenden Erosion der Beitragsbasis steckt wiederum die seit Mitte der 90er-Jahre steigende Arbeitslosigkeit.

Welche Reform?
Es lässt sich also feststellen, dass die Renten- und Krankenversicherungen in den vergangenen Jahrzehnten äußerst stabil waren und sich die Rahmenbedingungen nicht grundlegend geändert haben. Insbesondere die demographische Entwicklung hat auch zukünftig eine nur untergeordnete Bedeutung.
Die aktuellen Diskussionen über die Renten- und Krankenversicherung haben herzlich wenig mit den langfristigen Entwicklungstendenzen zu tun. Hier dominiert vielmehr der kurzfristige Wunsch, die Beitragssätze zu stabilisieren oder gar zu senken, obwohl die wirtschaftliche Situation dies kaum zulässt. Aus der akuten Situation heraus wird nach Kassenlage "reformiert". Diese chaotische Politik wird auch von den Wirtschaftsforschungsinstituten in ihrem Herbstgutachten als "Finanzpolitik auf Zuruf" bemängelt. Schwerwiegend ist hierbei nicht nur für den Einzelnen, der seine private Lebensplanung organisieren muss, sondern auch für die Entscheidungsträger in der Wirtschaft, dass sich ständig neue Situationen ergeben, vor allem aber die langfristige Perspektive und Sicherheit vollkommen fehlt.
In der aktuellen Situation wird die Verunsicherung in der Bevölkerung bezüglich der Renten- und Krankenversicherung noch zusätzlich angeheizt, weil aus der aktuell schwierigen Situation eine langfristige Entwicklung abgeleitet wird. Da zum Beispiel die demograhische Alterung stetig voranschreitet, scheint es gerade so, als ob die sozialen Sicherungssysteme langfristig immer instabiler werden. Die Bevölkerung wird so immer stärker verunsichert und in ihrem Entscheidungsspielraum eingeschränkt.
Dies kann langfristig schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Für die Stabilität der Renten- und Krankenversicherung ist ein moderates Wirtschaftswachstum die grundlegende Voraussetzung.
Die wachsende Verunsicherung wirkt jedoch als Wachstumsbremse. Es ist zu erwarten, dass sich die pessimistischen Zukunftserwartungen in einem steigenden Sicherheitsdenken niederschlagen. Wer in ständiger Angst leben muss, dass die Vorsorge für das Alter nicht ausreichen könnte, wird sicherlich weniger experimentierfreudig handeln und die wenigen Sicherheiten wie etwa ein sicheres Arbeitsverhältnis nicht so schnell aufgeben.
Dies wiederum könnte auf die reale wirtschaftliche Entwicklung Auswirkungen haben. Der geforderte dynamische und risikobereite Jungunternehmer, der neue Technologien entwickelt oder anwendet, entspricht jedenfalls nicht dieser gesellschaftlichen Grundstimmung.
Die Hauptaufgabe der Politik sollte daher darin liegen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ein zumindest moderates Wirtschaftswachstum zu schaffen. Dadurch würde, wie auch in der Vergangenheit, die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft so nachhaltig gestärkt, dass die Finanzierung von Renten und Kranken kein Problem darstellen würde.

 

 

 


 

Alexander Ewald lebt als freier Journalist in Berlin. In Novo61/62 beleuchtete er in seinem Artikel "Warum die Tobin-Steuer nichts taugt" die zweckfreien Forderungen von Attac.


 



 

LITERATURTIPP

Phil Mullan: The Imaginary Time Bomb: Why an Ageing Population is Not a Social Problem, IB Tauris 2000, EUR 37,87.


 



   
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