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66  Sept./Okt. 2003 POLITIK & GESELLSCHAFT

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Die falsche Kapitalisten-
Schelte


von James Malone


 
 
 
 
 
 
 
 

Geschäftsführern großer Konzerne wird vorgeworfen, arrogant zu sein und über das Ziel hinauszuschießen - dabei sind sie gemäßigter, risikoscheuer und ethisch korrekter als jemals zuvor.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Ein größeres Problem als die defensive Haltung in Gehaltsfragen ist die ausgeprägte Risikoangst der Unternehmerriege.

 

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Die heute weit verbreitete Kritik an CEOs wird an Werten festgemacht, die eigentlich für jeden erstrebenswert sein sollten - wie Führungseignung, individuelle Leistung und Ehrgeiz.

 

Heft 66: Übersicht
 




Die falsche Kapitalisten-Schelte

 

Misstrauen gegenüber Unternehmensbossen ist weder neu noch schlecht. James Malone ist jedoch der Ansicht, dass das moderne Anprangern der Bosse am Thema vorbei geht.



Noch bis vor kurzem wurden Geschäftsführer großer Unternehmen als Führer einer mutigen neuen Welt gepriesen. Bill Gates und Jack Welch waren die meistgefeierten amerikanischen CEOs, gepriesene Genies, Superstars und Revolutionäre. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Im Zuge der heftigen Reaktion auf Enron und andere Skandale werden CEOs mittlerweile diffamiert und sogar kriminalisiert.
Microsoft-Gründer Gates gilt heute den meisten als egozentrischer Führer eines Monopols - und nicht einmal wohltätige Spenden in Höhe von 23,5 Milliarden US-Dollar (beinahe fünfmal mehr, als der zweitgrößte Philanthrop spendet) können sein Image aufpolieren.1 Auch der ehemalige Vorsitzende von General Electric Welch hat durch die Enthüllung großzügiger Vergünstigungen und Rentenprovisionen seinen guten Ruf eingebüßt.

Die einst mächtigen und unnahbaren Bosse sind heute ebenfalls Betroffene der Hire-and-Fire-Gesellschaft. Es scheint, als säßen viele CEOs auf Schleudersitzen - und das nicht nur in den USA. Hochprofilierte Titanen wie Thomas Middlehoff (Bertelsmann), Jean-Marie Messier (Vivendi Universal) oder Nobuya Minami (Tokyo Electric Power) mussten ihren Hut nehmen. Die Enronitis hat sich weiter ausgebreitet als SARS. Weltweit wurde eine rekordverdächtige Zahl von Geschäftsführern aus Leistungsgründen im Jahre 2002 an die Luft gesetzt, 70 Prozent mehr als 2001 und fast viermal so viele wie 1995. Im asiatisch-pazifischen Raum, wo CEOs gegen derlei Aktionen bisher relativ immun waren, haben die Rausschmisse nun amerikanisches und europäisches Niveau erreicht.2

Geschäftsführer, die ihrem Job noch nachgehen, werden zunehmend von Shareholdern, Gewerkschaften und den Medien für ihre Gier und die großen Honorarpakete kritisiert. In England veranstalteten die Shareholder des Pharmagiganten GlaxoSmithKline eine "Protestwahl" gegen die Abfindungsarrangements des CEO Jean-Pierre Garnier (der Economist beschrieb ihn als "gallischen, eingebildeten und überheblichen Boss"3). US-Shareholder haben Hunderte von Resolutionen bei den diesjährigen Hauptversammlungen vorgebracht, in denen die Zahlungspraktiken von Führungskräften angegriffen und in Frage gestellt wurden. In Frankreich wurde Alcatel's CEO Serge Tchuruk von den Shareholdern wegen seiner hohen Bezüge gerügt.

Glaubt man der Medienberichterstattung und der öffentlichen Meinung, so sind fast alle Firmenbosse potenzielle Kriminelle und Verbrecher, die eigentlich in Handschellen abzuführen wären. Der letzte ins Gefängnis verfrachtete Unternehmenschef ist eine Frau mittleren Alters: Martha Stewart, Amerikas berühmteste Hausfrau und Gründerin der gleichnamigen Firma. Der Skandal rund um Stewart (kaum der typische Großkapitalist) ist der deutlichste Versuch der Behörden, die Öffentlichkeit von ihrer Anti-Korruptionsmission zu überzeugen.4

Seit Enron und ähnlichen Finanzskandalen bedarf es bei den Amerikanern keiner großen Anstrengung mehr, um Misstrauen gegenüber Unternehmensführern zu schüren. Eine kürzlich vom Investor's Business Daily durchgeführte Befragung ergab, dass nur acht Prozent der Amerikaner hohes Vertrauen in die Ehrlichkeit und Integrität von CEOs haben; nur vier Prozent hegen ihnen gegenüber eine "hohe Wertschätzung".5

Während Unternehmensführer immer stärker ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik geraten, werden die Aktivitäten der Führungskräfte strenger kontrolliert und reguliert als je zuvor. Der US-amerikanische Kongress hat kürzlich das "Sarbanes-Oxley Gesetz" verabschiedet, welches von den CEOs unter anderem fordert, persönlich für die Genauigkeit der Firmenbilanz Sorge zu tragen.
Der britische Investmentbanker Derek Higgs hat einen neuen "Code der Unternehmensführung" vorgeschlagen, der neue Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen von Führungskräften und Vorstandsmitgliedern beim Namen nennt. Frankreich hat dank Daniel Bouton, dem Vorsitzenden der Bank Societé Generale, ebenfalls einen solchen Code. Auch hierzulande debattiert man darüber, wie die Beziehung zwischen Aufsichtsrat und Vorstand künftig zu regeln sei.

All diese Verunglimpfungen und Gängelungen von CEOs gehen am Ziel vorbei. Ihnen wird vorgeworfen, arrogant zu sein und über das Ziel hinauszuschießen - dabei sind sie gemäßigter, risikoscheuer und ethisch korrekter als jemals zuvor.
Das Magazin Fortune hat die "neue Generation" der Unternehmensbosse gelobt: "Der neue Typ ist diszipliniert, respektvoll und sogar ein wenig langweilig. Welch eine Erleichterung."6 Die heutigen CEOs sind derart gefügig, dass sie sich sogar an Berater wenden, die ihnen bei der Rückbesinnung auf "Benimmregeln" helfen sollen und dabei, sich selbst in Frage zu stellen und permanent zu verbessern. Von dem angeblich so verbreiteten Unternehmertyp Marke "Enron-Narziss" fehlt also jede Spur.7

Die meisten CEOs reagieren äußerst defensiv auf die öffentlichen Angriffe. Eric Schmidt, Geschäftsführer von Google, drückt seine Stimmung vorsichtig aus: "Ich habe das Gefühl, auf einmal Mitglied einer Gesellschaftsschicht zu sein, deren Ruf noch unter dem von Pfarrern angesiedelt ist."8 Die Chance, ein Unternehmen zu führen, war einst das höchste Ziel einer Führungskraft. Jetzt sagen mehr als die Hälfte (54 Prozent) der befragten Senior Manager, sie würden eine Führungsposition ablehnen.9

Es scheint, als hätte man sich in den Führungsetagen der Wirtschaft dafür entschieden, möglichst unauffällig zu bleiben in der Hoffnung, der Sturm möge vorüberziehen. Der "Business Roundtable", eine Assoziation US-amerikanischer Top-Manager und Führungskräfte, blieb in den heftigen Debatten relativ zurückhaltend: Wie Fortune berichtete, entschied sich die Organisation, bei Schlüsseldebatten hinter den Kulissen zu operieren und dann Reformen möglichst zu verwässern.10 Nur Wenige sind offensichtlich bereit, das Gehaltsniveau der CEOs zu verteidigen - nicht einmal die "Business Class" selbst. Sogar beim Gebrauch des Begriffes "Markt" ist man heute überaus vorsichtig - schließlich wird das Gehalt von Führungskräften von denselben Marktkräften beeinflusst wie das anderer Angestellter.

Dabei sind es gerade diese Marktkräfte, die für die Saläre der Führungsriegen verantwortlich sind: In den letzten Jahren wurde eine signifikante Anzahl von Unternehmensführern extern eingekauft. Sie saßen bei Gehaltsverhandlungen häufig am längeren Hebel, vergleichbar mit Profisportlern. So konnten sie Deals mit mehrjährigen Abfindungszahlungen aushandeln (die so genannten "Versagerprämien"). Mit der Zeit wurden sogar CEOs, die unternehmensintern aufgestiegen waren, ebenfalls auf diesen Niveaus bezahlt, um zu vermeiden, dass sie das Unternehmen verließen. Als der britische Eiscreme-Produzent Ben & Jerry's einen neuen CEO suchte, wollte man zunächst das übliche Gehalt nicht zahlen, um dann zu merken, dass zu niedrigeren Bezügen kein passender Kandidat zu finden war.
Führungskräften sind die Argumente ihrer Kritiker wohl bekannt; angesichts des momentanen Klimas trauen sie sich jedoch nicht, sich gegen den Vorwurf der Gier zur Wehr zu setzen.

Ein größeres Problem als die defensive Haltung in Gehaltsfragen ist die ausgeprägte Risikoangst der Unternehmerriege. Wie Benjamin Hunt in seinem neuen Buch The Timid Corporation hervorhebt, ist dieser Konservatismus mittlerweile in Unternehmen fest verankert und institutionalisiert.11 Heute können wir feststellen, das Unternehmensleitungen standhaft neue Investitionen und Anstellungen verschieben, obwohl das Wirtschaftswachstum wieder anzieht und die Kämpfe im Irak beendet sind. Alan Greenspan, Vorstandsvorsitzender der Federal Reserve Bank, beklagte kürzlich im Kongress, dass die "nachhaltige wirtschaftliche Zurückhaltung" einen Aufschwung verzögern könnte.12

Manche mögen wenig Sympathie mit Großkapitalisten haben - schließlich erfüllen sie keine altruistische oder der Allgemeinheit dienliche Aufgabe. Die heute weit verbreitete Kritik an CEOs wird aber an Werten festgemacht, die eigentlich für jeden erstrebenswert sein sollten - wie Führungseignung, individuelle Leistung und Ehrgeiz. Gerade auch das Verfolgen ureigenster Interessen und das einfache Bedürfnis nach "Mehr" kann fortschrittlich sein. Zwar haben auch Vorsicht und Mäßigung ihre Berechtigung, sie sind jedoch kaum geeignet, innovative Technologien zu entwickeln, große Städte zu bauen und Krankheiten zu besiegen.
Angesichts der defensiven, gefügigen und ängstlichen neuen Manager- und Wirtschaftsführergeneration könnte wir ein paar schrille Genies, arrogante Superstars und wirkliche Revolutionäre gut gebrauchen.

Aus dem Englischen übersetzt von Jutta Roever.

 

 

 


 

James Malone ist freier Journalist und Wirtschaftsexperte. Sein Artikel ist auch im britischen Novo-Partnermagazin Sp!ked erschienen (www.spiked-online.com).


 



 

ANMERKUNGEN

1 John Byrne / Julia Cosgrove / Brian Hindo / Adam Dayan: "The new face of philanthropy", Business Week, 2.12.02.
2 "CEO succession 2002: deliver or depart", Strategy + Business, Sommer 2003.
3 "Have the fat cats had their day?", The Economist, 24.5.03.
4 "Wrong poster-girl for a greed crusade", Financial Times, 26.5.03.
5 Investor's Business Daily, 12.5.03.
6 Patricia Sellers: "The new breed", Fortune, 3.11.02.
7 Michelle Conlin / Kathleen Kerwin: "CEO coaches", Business Week, 11.11.02.
8 New York Times, 17.7.02.
9 Presseerklärung von Burson-Marsteller (http://www.bm.com), 30.9.02.
10 Jerry Useem: "From heroes to goats...and back again?", Fortune, 3.11.02.
11 Benjamin Hunt: The Timid Corporation, John Wiley & Sons, Chichester 2003, EUR 34,23.
12 "Greenspan predicts recovery, but warns about pessimism", Wall Street Journal, 1.5.03..



 



   
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