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Inside Brüssel:
Autoritär
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Die Krise im europäischen Denken begünstigt den Aufbau des bürokratisch-autoritären Apparats. Von Kai Rogusch und Thomas Deichmann.
Die
Arbeit der beiden Konvente ist insofern positiv zu werten, als dass sie
das bislang intransparente Geflecht an EU-Verträgen, europäischer
Rechtsprechung und zwischenstaatlicher Zusammenarbeit in zwei abgeschlossenen
Dokumenten zusammenfügen und dadurch dem "Normalbürger"
verständlicher machen. Jedoch gibt es offenbar ein elementares Problem
bei dem ganzen Prozedere: die Arbeit der beiden Konvente ist politisch
entwurzelt, weil die "Idee Europa" in den letzten Jahren ihren
visionären zukunftsoffenen Charakter vollends verloren hat. Daran
können auch die gern zitierten Vergleiche mit den Verfassungsgebungen
im alten Europa und in Amerika nichts ändern, sie gehen fehl. Im
Unterschied zu den aktuellen Integrationsbestrebungen auf europäischer
Ebene entsprangen die Verfassungen Frankreichs, Amerikas und anderer Länder
im 18. Jahrhundert und später im wesentlichen der Aufklärung
verpflichteten politischen Bewegungen, die eine positive Vision einer
fortschrittlicheren Gesellschaft hatten. Die großen europäischen
Ideengeber und Philosophen um Voltaire und Locke waren eingebunden in
soziale Bewegungen, die für Freiheitsrechte kämpften und alte
feudale Strukturen durch neue, bessere ersetzen wollten. Die zu dieser
Zeit gebildeten Verfassungskonvente waren entsprechend das Produkt großer
gesellschaftlicher Strömungen. Und ihre Arbeit brachte die Menschheit
einen Sprung nach vorn. Die Konventsmitarbeiter unter dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing waren sich zweifelsohne der Legitimationskrise der Europa-Idee bewusst, und ebenso sicher war es kein Zufall, dass mit d'Estaing ein altgedienter Verfechter eines geeinten Europas dem Konvent vorsaß. Nicht in Abrede zu stellen ist, dass Europa durch die Implementierung der erarbeiteten Verfassung zum Teil transparenter und die Europäische Union als Institution lebendiger und realer werden könnte. Dennoch vermochte der Konvent am Grunddilemma nichts zu ändern. Es ist ihm nicht gelungen, Europa als für seine Bürger kulturell und politisch lohnenswerte Initiative neu zu erfinden. Nicht einmal unter den handverlesenen Konventsvertretern der EU-Mitgliedsstaaten konnte Einigkeit über grundlegende Prinzipien einer gemeinsamen Verfassung erzielt werden. Nationalstaatliche Präferenzen und Streitigkeiten spielten bis zum Schluss eine große Rolle, und d'Estaing wurde der Vorwurf gemacht, autoritär über die Köpfe der anderen hinweg entscheiden zu wollen. So entstand schließlich ein Kompromisspapier, das die gegenwärtige Krise der europäischen Idee mehr spiegelt als überwindet. Zentrale Ergebnisse der Konventsarbeit bleiben sogar hinter alten demokratischen Errungenschaften zurück. Insgesamt wirkt der Verfassungsentwurf künstlich und den aktuellen Problemen unangemessen. Der Eindruck entsteht, als wolle man das so genannte "Europa der Bürger", das über Jahrzehnte in weiten Teilen der Bevölkerung auf spontane Zustimmung stieß, heute mangels Rückhalt und Begeisterung mit institutionellen Mitteln aus dem Boden stemmen. Anders formuliert: Der Verlust des Positiv-Visionären der Europa-Idee wird durch einen technokratischen Paragraphen- und Regulierungsdschungel kompensiert - wodurch das Negativimage von Brüssel sicher nicht abgebaut wird. Die Erfahrung mit dem Konvent hat also wieder einmal gezeigt: Ohne eine politische Bewegung, die für das Zusammenwachsen Europas nicht nur mit einengenden pragmatischen "Notwendigkeiten" argumentiert (die Notwendigkeit, den Euro besser zu schützen, die Notwendigkeit, militärpolitisch zu reifen, die Notwendigkeit, die EU-Grenzen besser überwachen zu können usw.), sondern die stattdessen positive Ziele hinsichtlich freiheitlicher und demokratischer Lebensweisen überzeugend vermittelt und dafür Rückhalt im Volk gewinnt, wird es keine demokratische europäische Öffentlichkeit geben. Noch vor einigen Jahrzehnten war der Europagedanke auch von solchen Visionen getragen. Zwar dominierte seit jeher bei den europäischen Eliten ein technokratischer und politischer Pragmatismus, der das Visionäre immer in den Hintergrund drängte. Insofern ist es den Eliten selbst zuzuschreiben, dass sich die Menschen immer weniger für Europa begeistern ließen. In der Nachkriegszeit hatte sich rasch die Idee entwickelt, Europa neben den USA zu einer eigenständigeren wirtschaftlichen und politischen (und später auch militärischen) Weltmacht werden zu lassen. Doch spielten neben solchem primär auf wirtschaftspolitische Fragen abzielenden Pragmatismus in der Diskussion auch die Prinzipien des Transatlantismus, der Völkerverständigung und Versöhnung eine Rolle. Die Idee Europa war in die Zukunft gerichtet und versprach eine "bessere Welt". So gelang es trotz aller Engstirnigkeit, die in den Europadiskussionen immer wieder durchschlug, den europäischen Integrationsprozess seit den 50er-Jahren weit voranzutreiben, ohne dabei große Teile der europäischen Bevölkerung zu verlieren. Ein Geflecht von EU-Verträgen hat der EU eine institutionelle Gestalt und viele neue Aufgaben gegeben. Obwohl kein Bundesstaat, ist die EU auch kein bloßer Staatenbund mehr: als ein Staatenverbund ist sie eine institutionelle Innovation, die supranationale Beschlussverfahren und zwischenstaatliche Zusammenarbeit in sich vereinigt. Die EU hat eine gemeinsame Währung, gemeinsame Zollgrenzen, eine gemeinsame Handelspolitik; sie betreibt "Innenpolitik" auf den Feldern des Sozialen bis hin zur Umwelt, und die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten bei rechtlichen Angelegenheiten nimmt ebenfalls langsam Gestalt an. Doch
dieser institutionelle Aufbau ist längst zu einem Problem geworden,
da er mangels öffentlichem Interesse und befriedigender Strukturen
keiner demokratischen Kontrolle unterliegt. Heute rächt es sich,
dass Diskussionen und institutionelle Innovationen immer von einem technokratischen
Pragmatismus dominiert wurden. Von fortschrittlichen Wegmarken eines langsam
zusammenwachsenden Kontinents, der nach vorne blickt, ist in den letzten
Jahren jedenfalls nichts mehr zu spüren. Der Einigungsprozess ist
zwar auf formeller Ebene nicht ins Stocken geraten. Aber sein Charakter
und seine Wahrnehmung haben sich stark geändert. Man könnte
auch sagen, er zeigt heute sein wahres Gesicht, bzw. er verkörpert
heute nur noch das, was die europäischen Eliten aus einer im Grunde
ansprechenden Idee haben werden lassen: Bürokratie, Machtspielchen
und gewichtige Demokratiedefizite. All diese Initiativen wären freilich jede für sich gesondert zu analysieren und zu bewerten. Doch auch ohne eine tief greifende Behandlung der GASP oder der ESVP, die hier den Rahmen sprengen würde, wird deutlich, in welche Richtung sich die Diskussion um Europa in den letzten Jahren gedreht hat: es geht einerseits um Reglementierung, andererseits um Militär- und weltpolitische Machtaspekte. Daneben gibt es immer offener ausgetragene Sticheleien und Machtspiele zwischen den EU-Mitgliedsstaaten. Die Ereignisse nach der turnusgemäßen Übernahme der Rats-Präsidentschaft durch Italien sprechen dafür Bände. Anders formuliert: Es geht innerhalb der EU-Bürokratie verstärkt darum, die EU als exklusiven Lebens- und Wirtschaftsraum intern zu disziplinieren und nach außen machtvoll zu positionieren und abzuschotten. Von den alten Visionären, die für mehr Offenheit warben, fehlt jede Spur. Der europäischen Bevölkerung ist die Rolle von Statisten zugewiesen. Es hat primär mit dem Verlust positiver Leitbilder zu tun, dass die Dynamik des europäischen Einigungsprozesses verblasst ist. Die letzten ergebnisarmen Regierungskonferenzen, die Verwerfungen während der Irakkrise und das "Debakel" am Anfang der italienischen Ratspräsidentschaft sind die augenfälligen Symptome dieser grundlegenden Krise im politischen System (siehe hierzu auch den nachfolgenden Artikel "Gaga-Politik" von Matthias Heitmann in diesem Novo). Statt zusammenzuwachsen, erwachsen heute neue Verständigungsschwierigkeiten und Barrieren selbst innerhalb Europas. Parlamentarier in Straßburg fühlen sich offenbar weniger einem "demokratischen Auftrag" verpflichtet als ihren persönlichen Präferenzen. Und das transatlantische Verhältnis zeigt tiefe Risse. Deutlich wird die Misere auch an der von öffentlichen Intellektuellen geführten Diskussion: hier ist die Degeneration der alten positiven Europa-Idee besonders augenfällig. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, früher ein überzeugter Transatlantiker und Ideengeber für ein vereintes Europa, wirbt neuerdings mit seinem französischen Kollegen Jacques Derrida für die abgrenzende Idee eines so genannten Kerneuropa. Demnach soll Europa eine neue Identität durch Abgrenzung von den "unilateralen" USA bekommen. Das
fundamentale Problem mit der Entzauberung der Europa-Idee spiegelt sich
auch in der konkreten Arbeit der EU-Konvente für die Grundrechte
und Europäische Verfassung. Die Konvente setzen sich aus Repräsentanten
von EU-Institutionen und der Mitgliedstaaten zusammen. Sie zeigten zwar
in Umrissen, wie ein Fortschreiten des Europäischen Integrationsprozesses
theoretisch möglich sein könnte. So werden die richterrechtlich
entwickelten Grundrechte nun in einem einzigen Dokument sichtbar. Aber
sobald es um konkrete Vorhaben geht, stellt sich unmittelbar die Frage
nach ihrer demokratischen Legitimation. Die Frage, wie mit dem Demokratiedefizit
auf EU-Ebene umgegangen werden soll, wird immer dringlicher. Oft wird
diese Frage falsch verstanden. Es geht nicht nur darum, wie die internen
Entscheidungsprozesse in Brüssel und Straßburg transparenter
und "demokratischer" gehandhabt werden könnten. Die ganz
grundlegende Frage ist die nach der öffentlichen demokratischen Legitimation
und Kontrolle dieser Prozesse durch die EU-Bürger, die ihre Regierungen
auf jeweiliger Landesebene wählen und abwählen können,
die aber an dem, was in Brüssel oder Straßburg geschieht, nicht
nur wenig Interesse zeigen, sondern auch keine vergleichbaren Möglichkeiten
haben, EU-Politiker und Diplomaten zur Rechenschaft zu ziehen. So wird
es heute als Fortschritt im "Demokratisierungsprozess" der EU
bewertet, dass zukünftig beim Erlass von EU-Rechtsakten der Grundsatz
der Ministerratsentscheidung per qualifizierter Mehrheit gelten soll -
bislang sind einstimmige Entscheidungen notwendig. Für den Bürger
ist dieser angebliche "Demokratiezuwachs" allerdings nicht so
leicht nachvollziehbar. Eine Mehrheitsentscheidung im Ministerrat kann
zur Folge haben, dass sich die dort mitwirkenden Vertreter der von ihm
demokratisch gewählten Nationalregierung bei EU-Rechtsakten unterordnen
müssen, sollte ihre Position in der Minderheit sein. Damit wird das
parlamentarisch-demokratische System in den Nationalstaaten unterlaufen.
Das fundamentale Problem mit allen Verfahrensnovellierungen in Brüssel
besteht also darin, dass für eine postnationale Vertretung in der
EU noch kein überzeugendes demokratisches Modell gefunden werden
konnte. Der
Konvent scheiterte darin, die Europäische Union mit demokratischem
Geist zu beleben. Der Text erinnert vielmehr an die pragmatische Flickschusterei
früherer Dokumente, die dem Tagesgeschäft bedeutend mehr Gewicht
einräumen als den in Präambeln und anderen Zusätzen wortreich,
aber konsequenzlos ausformulierten Visionen über das "Europa
der Bürger" und dergleichen. Zudem fühlt sich die EU heute
offenbar verstärkt der Aufgabe verpflichtet, durch den Aufbau eines
bürokratisch-autoritären Apparats ein auseinanderfallendes Gemeinwesen
zusammenzuhalten.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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