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Inside Libeskind: Das
Trauma
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Eigentlich folgt auf Zerstörung Aufbau. Nicht so bei den Plänen zur Gestaltung von Ground Zero. Von Vicky Richardson.
Kaum
hatten sich die Staubwolken nach den Anschlägen in Lower Manhattan
gelegt, da entwickelte sich eine emotionale und furiose Debatte darüber,
was denn nun die untergegangenen Zwillingstürme ersetzen sollte.
Manche Architekten meinten, es sollten aus Trotz sogar noch höhere
Wolkenkratzer an der Stelle des ohnehin schon imposanten World Trade Center
errichtet werden. Andere sagten, Ground Zero solle zu einer Gedenkstätte
gemacht werden. Die konkurrierenden Entwürfe wurden im Dezember 2002 eingereicht. Im Februar 2003 hatte sich die Liste der in Frage kommenden Entwürfe auf zwei reduziert: auf den Entwurf von Daniel Libeskind sowie den einer multinationalen Gesellschaft namens THINK. Schon bevor Libeskind am 27. Februar zum Gewinner ausgerufen wurde, galt er als moralischer Sieger, da es ihm gelungen war, die Unterstützung der Überlebenden des 11. September und der Familien der Opfer zu gewinnen. Und das, obwohl nicht alle Architekturkritiker von seinem Entwurf überzeugt waren. Das
Konzept von THINK schlug vor, das World Trade Center durch ein "Welt-Kulturzentrum"
zu ersetzen. Viele favorisierten dieses großzügige Konzept:
es sah ein Paar offener Gittertürme vor, zusammengesetzt aus Gebäuden,
die mehrere Architekten entworfen hatten. Dies wäre auch eine sichere
Wahl gewesen, denn das Team von THINK wurde von Rafael Vinoly und Frederic
Schwarz geleitet, zwei der erfolgreichsten kommerziellen Architekten New
Yorks. Was
war das Besondere an Libeskinds Ideen, die offenbar so sehr mit der New
Yorker Stimmungslage einpendelten? Libeskinds Entwurf "Memory Foundations"
steht für Amerikas gegenwärtig morbide Konzentration auf Tod
und Konflikt. Der Vorschlag nimmt die klaffende Wunde, die die Zwillingstürme
hinterließen und aus der die Flammen noch Tage nach den Anschlägen
loderten, zum Ausgangspunkt. Überreste der schwarz gesengten Betonmauern
sollen an die Schrecken des 11. September erinnern. Dieser Teil des Entwurfs
kam bei den Überlebenden der Anschläge und den Familien der
Opfer gut an, die meinen, der Ort sei "heilig" und solle deshalb
erhalten bleiben. "Ich kam, um mir den Ort anzuschauen, seine Kraft zu sehen und zu fühlen und seine Stimmen anzuhören, und das ist es, was ich hörte, fühlte und sah. Diese Wände sind ein Wunder, geschaffen, den Hudson River zurückzuhalten. Sie standen beim unvorstellbaren Trauma der Zerstörung, und sie sind so vielsagend wie die amerikanische Verfassung, indem sie die Dauerhaftigkeit der Demokratie und den Wert des Lebens jedes Einzelnen behaupten." Jeder
Aspekt von Libeskinds Entwurf ist dazu gedacht, einem ans Herz zu gehen.
Im "Park of Heroes" sollen die Namen der bei den Anschlägen
eingesetzten Feuerwehr- und Rettungsdienste im Gehweg eingeprägt
sein: Sie werden auf einer Achse angeordnet, die zwischen dem Zentrum
von Ground Zero und der Dienststelle des Rettungsdienstes verläuft. Solche Art von Symbolik wird denjenigen vertraut sein, die Libeskinds Schöpfungen in Europa besichtigt haben: das Jüdische Museum in Berlin und das Imperial War Museum North in Manchester. Diese Gebäude sind durch ihre Zerrissenheit geprägt, sie haben verwinkelte Wände und spitz hervortretende Kanten. Deshalb erinnern sie eher an Gedenkstätten des Krieges als an herkömmliche Architektur. In der Tat: Laut Libeskind repräsentieren die oft als ein Motiv vorgesehenen Glasscherben den "andauernden Konflikt in unserer Gesellschaft". Die
Aufgabe, ein neues Gebäude auf Ground Zero zu errichten, ist für
jeden Architekten die Chance seines Lebens. Aber Libeskind sieht sie als
die Möglichkeit, seine emotionale Vorgehensweise bis zum Äußersten
zu treiben. Libeskind spricht oft davon, wie Krieg und Leiden sein Leben
geprägt hätten. Er wurde in Polen geboren, seine Eltern waren
Überlebende des Holocaust, und er verbrachte seine Kindheit in Israel,
bis seine Familie nach New York zog. Seine Frau lernte er in einem Sommer-Camp
von Überlebenden des Holocaust kennen. "Der Entwurf und der Wiederaufbau des World Trade Center muss ein spiritueller Prozess sein, nicht bloß ein die Architektur betreffender. Es geht nicht nur um die sichtbaren Winkel, sondern um die Verwinkelungen in der Seele. Die innere Entsprechung zur äußeren Haut ist entscheidend." Indem er seine eigenen Gefühle zum 11. September zum Ausgangspunkt seines Entwurfs macht, stellt sich Libeskind über jede Kritik. Ein Autor musste dies schmerzlich erfahren: Am 6. Februar 2003 brach der Architekturkritiker der New York Times, Herbert Muschamp, das Schweigen, als er Libeskinds Vorschlag einer umwerfenden Kritik unterzog und als "emotional manipulierend" bewertete. Muschamp führte aus: "Wäre der Wettbewerb dafür gedacht, den zerrissenen Eindruck des Schocks festzuhalten, den man kurz nach dem 11. September fühlte, so hätte Libeskinds Entwurf den ersten Platz tatsächlich verdient. Aber warum soll ein bedeutender Teil von Manhattan ständig der artistischen Verkörperung eines feindlichen Angriffs gewidmet sein? Dies ist eine erstaunlich geschmacklose Idee. Daraus ist ein vorhersehbar kitschiges Ergebnis hervorgegangen." Obwohl
Muschamp als kontroverser und konflikterfahrener Kritiker bekannt ist,
muss selbst ihn die Flut von Briefen an die New York Times überrascht
haben, die seine Entlassung forderten. Viele der Briefe entstanden jedoch
auf Anregung von Libeskinds Büro-Chef, der eine E-Mail an die Großen
und Guten der Architektur zirkulierte und diese dazu drängte, den
Herausgeber der New York Times zur Entlassung Muschamps aufzufordern.
Die inquisitorische Debatte erreichte einen neuen Tiefpunkt, als Muschamps
Kollege Martin C. Penderson vom Metropolis Magazine sein Editorial mit
dem Titel "Warum die New York Times einen neuen Architekturkritiker
braucht" versah.
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