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Inside Ökotourismus
- Elend als
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Für Jim Butcher verschärft die Aufwertung von Ökotourismus als "nachhaltige Entwicklung" durch die UN die Armut in den Entwicklungsländern.
Wozu braucht die Welt einen Ökotourismus-Gipfel? Eine Pauschalurlaub-Konferenz oder ein Sonne-Wasser-Strand-Symposium hat es ja auch nicht gegeben. Vielleicht wären diese aber viel sinnvoller, denn Pauschalurlaube und die einfache Suche nach Erholung sind viel verbreiteter als die Inanspruchnahme der kleinen Nische des Ökotourismus. Was ist dran am Ökotourismus, das konservative Organisationen ebenso wie besorgte Umweltjournalisten und nun auch die Vereinten Nationen in seinen Bann zieht? Die Antwort lautet: Ökotourismus wird heute als moralisch hochwertige Form der Freizeitgestaltung gesehen - eine, die besser für die Erde, besser für die nachhaltige Entwicklung und damit auch besser für den Touristen selbst ist. In diesem Sinne behauptet die Deklaration von Québec, dass Ökotourismus "die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung respektiere" und eine "Vorbildfunktion" für den Rest der Industrie darstelle.1 Dem Ökotourismus komme eine entscheidende Rolle zu, weil er das Umweltbewusstsein stärkte - sowohl in den Ländern, aus denen die Touristen kommen (der entwickelten Welt), als auch in den Ländern, in die sie reisen (oft Entwicklungsländer). Der Ökotourismus-Gipfel kommt insofern nicht überraschend: Während der letzten zehn Jahre wurden nicht nur von den Anbietern ökotouristischer Reisen, sondern auch von einer Reihe konservativ orientierter Nicht-Regierungs-Organisationen, ökologischer Initiativen und Hilfsorganisationen die Werbetrommeln für den ökologischen Tourismus gerührt. Einig war man sich vor allem in einem: Ökotourismus sei eine willkommene "nachhaltige" Alternative zum Massentourismus. Die UN griffen viele der populären Mythen auf, um die offizielle Anerkennung des Ökotourismus zu rechtfertigen. So wurde argumentiert, dass Ökotourismus die Entwicklung von Gemeinschaften fördern und zugleich die Umwelt erhalten könne. Schließlich zahlten Ökotouristen viel Geld, um eine unberührte Natur zu erleben, und dies schaffe Jobs in den Bereichen Umweltschutz und -management, in der Produktion von Kunsthandwerk sowie im touristischen Dienstleistungsgewerbe. Als direkte Reaktion auf die Vorwürfe, dass viele Umweltschutzprojekte die Natur über den Menschen stellten, wurde die Strategie des "Ökotourismus-als-Entwicklungshilfe" in den 90er-Jahren unter ökologischen und Hilfsorganisationen sehr populär. Ökotourismus gilt als Mittel, um auf der Basis des "natürlichen Kapitals" einer Region begrenztes Wachstum zu schaffen. So erscheint eine symbiotische Beziehung möglich zwischen zwei Dingen, die als eigentlich antagonistisch gelten: Naturerhaltung und Wachstum. Diese Argumente reflektieren jedoch ein sehr begrenztes Verständnis der Entwicklungsbedürfnisse und -möglichkeiten armer ländlicher Gegenden in Entwicklungsländern. Kleine Entwicklungsfortschritte werden als Bonus an das Projekt Naturerhaltung angehängt, um gesellschaftliche Akzeptanz für die konservativen Ziele der Ökogruppen zu erlangen. Diese Ziele werden zynischerweise vor allem in den Entwicklungsländern verfolgt, in denen Entwicklung weit wichtiger wäre als die Naturerhaltung. Als Beispiel für diese Politik sei die wohlhabende Organisation "Conservation International" genannt, die in insgesamt 17 Ländern Ökotourismus-Reisen anbietet. Sie benennt den Nutzen dieser Projekte wie folgt: "Alle müssen die Erhaltung der Ökosysteme mit der Schaffung von wirtschaftlichen Möglichkeiten für die Bewohner verbinden...".2 Weiter heißt es: "[Der] Erfolg eines ökotouristischen Projekts hängt davon ab, ob die lokale Bevölkerung dazu gewonnen werden kann, ihre natürlichen Ressourcen zu beschützen." Diese Aussage lässt vermuten, es ginge bei der Unterstützung von Ökotourismus primär um ökologische Interessen und darum, die betroffene Bevölkerung hierfür zu gewinnen. Die US-amerikanische staatliche Hilfsorganisation USAID unterstützt ökotouristische Projekte mit der Begründung, dass diese eine "nachhaltige" Alternative zum Jagen, Holzfällen und zur Landwirtschaft seien. So könnte "lokale Unterstützung für die Einrichtung von Naturparks gewonnen werden".3 Einen Nutzen für die Anwohner zu schaffen, gilt als wichtig, weil so "potenzieller Widerstand gegen den Schutz von Wäldern und Fischgebieten abgemildert werden kann, indem man den Anwohnern Jobs anbietet und ihnen die Möglichkeiten neuer Einkommensquellen durch den Ökotourismus aufzeigt". Selbst die menschenfreundlich gehaltene Rhetorik, mit der das Thema der "lokalen Gemeinschaften" und "Völker" in der Québec-Deklaration und in den Dokumenten der NGOs behandelt wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die örtlichen Bewohner und deren Hoffnung auf Fortschritt als ein Problem gesehen werden, das "nachhaltig" gelöst werden müsse. Die Organisation "Tourism Concern", die sich für einen ethischen Tourismus einsetzt, verbindet die Entwicklungsmöglichkeiten für die Anwohner (oder vielmehr deren Abwesenheit) explizit mit dem Erhalt der natürlichen Umgebung. Die Gemeinschaft solle einen Nutzen haben, aber nur insofern, als dass traditionelle Lebensweisen erhalten werden - tiefgreifende Entwicklungsmaßnahmen werden als schädlich für Umwelt und Kultur betrachtet. Der Nutzen, der den Bewohnern also zugesprochen wird, bezieht sich darauf, dass sie Wächter ihrer natürlichen Welt werden dürfen, was letztlich nichts anderes heißt, als dass man sie daran hindert, einen Lebensstandard zu erreichen, der nicht nur knapp über dem Existenzminimum liegt. Der Aufstieg des Ökotourismus bedeutet in der Realität die Zementierung von Unterentwicklung und die Zerstörung von Fortschrittshoffnungen in der Dritten Welt. Im dem Ökotourismus zugrunde liegenden Denken gelten die bestehenden Beziehungen zwischen ländlichen Gemeinschaften und ihrer natürlichen Umwelt als gegeben, während grundlegende ökonomische Entwicklung als nicht nachhaltig abgelehnt wird. Entwicklung, so sie denn stattfindet, soll sich an den ökologisch orientierten Wertvorstellungen der westlichen Geldgeber orientieren. An deren Spitze stehen nun, seit der Ausrufung des Internationalen Jahres des Ökotourismus, die Vereinten Nationen. Ihr Bericht behauptet, dass Afrika einen "echten Wettbewerbsvorteil beim Ökotourismus" habe und dass diese "Erhaltung der natürlichen Ressourcen zu einem zentralen Faktor der sozio-ökonomischen Entwicklung in Afrika werden" könne.4 In der Praxis bedeutet dies: Große Teile Afrikas können im Namen der Weltgemeinschaft zu Naturschutzgebieten erklärt werden - so geschehen im Ghana-Projekt von "Conservation International", in dem die Bevölkerung als Wildhüter, Führer und Köche für die sich gut erholenden Ökotouristen arbeiten darf. Kirk Leech beschreibt die Strategie "Ökotourismus-als-Entwicklung" als ein Phänomen, das Primitivismus bestärkt.5 Er hat Recht: Die Québec-Deklaration sieht den Nutzen des Ökotourismus darin, "den Prozess der ethnischen Bewusstmachung zu stärken" und "die Fähigkeiten und Traditionen der Gemeinschaften wie zum Beispiel Kunsthandwerk und traditionelles Wohnen zu erhalten". Wo ist hier die Vision, den Menschen Technologie zu bringen, um ihnen die Mühen des Lebens zu erleichtern, sie von der Abhängigkeit vom Land zu befreien oder ihnen sogar zu helfen, selbst einmal zu den Weltenbummlern zu gehören? Dies ist also die große Vision des Ökotourismus der UN: ein Hurra auf die Armut und ein Nein zum Fortschritt, und das alles im Namen nachhaltiger Entwicklung.
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