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DDT könnte Millionen Afrikaner vor dem sicheren Malariatod bewahren - wenn die Umweltschützer es nur zuließen. Von Alexander Gourevitch.
So gab letzten Dezember Jim Muhwezi, Armeeoffizier und Parlamentsmitglied, der heute als Gesundheitsminister von Uganda fungiert, auf einer Versammlung regionaler Gesundheitsminister in Kampala den Beginn einer neuen Kampagne gegen die Epidemie bekannt, bei der Dichlor-Diphenyl-Trichlorethan, bekannt als DDT, verwendet werden solle. Muhwezi erschien DDT - ein in Europa geächtetes und in den USA seit 1972 verbotenes Pestizid - in einem armen Land mit einem minimalen öffentlichen Gesundheitssystem als eine kostengünstige, effektive Waffe gegen Malaria. In Südafrika hatte kürzlich die Wiedereinführung von DDT-Besprühung die Malariafälle in zwei Jahren um 75 Prozent reduziert. "Anstatt sich zurückzulehnen und unsere Leute an Malaria sterben zu sehen und wirtschaftliche Verluste zu ertragen", proklamierte er, "müssen wir die Krankheit mit allen Mitteln bekämpfen." Muhwezi
stieß jedoch sofort auf Widerstand. Im Anschluss an seine Ankündigung
berichtete Andrew Sisson, ein Offizieller der amerikanischen Hilfsorganisation
USAID, der der Konferenz in Kampala beiwohnte, dass man in den USA die
Ansicht vertrete, DDT "verursache Umweltprobleme". Ein ugandisches
Parlamentsmitglied warnte Muhwezi, dass Europa und die Vereinigten Staaten
Importe von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Fisch aus Uganda verbieten
könnten. Da USAID es vorzieht, die Anschaffung großer Moskitonetze
zur Lösung von Ugandas Mückenproblem zu finanzieren, ist sich
Muhwezi nicht sicher, ob er internationale Unterstützung für
ein DDT-basiertes Projekt zur Ausrottung der Malaria erhalten wird. "Wir
hoffen, sie ziehen mit. Aber wenn nicht, machen wir es alleine." Uganda ist nur eines von vielen afrikanischen Ländern, das unter Malaria leidet. Von den weltweit zwei Millionen Toten und 300 Millionen Neuinfizierten jährlich stammen 90 Prozent aus Afrika, und die hieraus entstehenden Kosten belaufen sich auf 1,3 Prozent des kontinentalen Wirtschaftswachstums. Die Insekten entwickeln Resistenzen gegen die Pestizide, die DDT hauptsächlich ersetzt haben; und auch der Parasit, der die Krankheit verursacht, ist in jüngster Vergangenheit gegen das gängigste und billigste Medikament, Chlorozin, immer widerstandsfähiger geworden. Trotzdem sperren sich die meisten internationalen Hilfsorganisationen, Entwicklungshilfe-Unternehmen und Kreditinstitute dagegen, Besprühungsprojekte im Allgemeinen und den Einsatz von DDT im Besonderen zu unterstützen. Ohne Hilfe können die afrikanischen Regierungen sich solche Programme jedoch nicht leisten. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Einsatz von DDT durch Hilfsorganisationen und Regierungen kann damit enden, dass in Afrika unnötigerweise Millionen Menschen sterben. Bittere
Medizin? Doch
dann drehte der Wind zu Ungunsten von DDT. In den 60er-Jahren kamen erste
Berichte auf, dass die Widerstandsfähigkeit von Insekten gegen das
Mittel wachse, eventuell ausgelöst durch den verbreiteten DDT-Einsatz
in der Landwirtschaft. Zeitgleich entstand als neues Modell der Malariakontrolle
die Einzelfallermittlung und -behandlung. 1979 ersetzte die Weltgesundheitsorganisation
das vorbeugende Versprühen von Insektiziden durch diesen neuen Ansatz. Silent
Spring wurde zu einem Motor der modernen Umweltbewegung. Der Environmental
Defense Fund verbiss sich in eine nationale Kampagne und schlug Alarm
und zog gegen den Einsatz von DDT vor Gericht. Die neu gegründete
Environmental Protection Agency (EPA) sah sich genötigt, eine Reihe
von Anhörungen zu DDT abzuhalten. Die Kritiker waren so erfolgreich,
dass die EPA 1972 den Einsatz von DDT verbot, obwohl der Vorsitzende Richter
nach den Anhörungen feststellte, dass "DDT keine karzinogene,
mutagene oder den Boden belastende Bedrohung für den Menschen darstellt".
(Die Chemieunternehmen indes waren natürlich mehr als willig, weniger
praktische, aber teurere Alternativen bereitzustellen.) Wiederaufnahmeverfahren
für einen Aussätzigen Auch
Verbindungen zu anderen Krankheiten blieben bis heute unbestätigt.
In seinen Hochphasen wurde DDT beispielsweise mit einer Bandbreite gefährlicher
Chemikalien gemischt, etwa mit Petroleumderivaten. In jeder Anekdote über
Tod oder Schaden durch DDT, die Carson in ihrem Buch anführte, war
die Chemikalie in einer anderen, hochgiftigen Substanz wie Benzin, Petroleumdestillaten,
Benzol oder Methylnaphtalin aufgelöst worden. Solcherlei "Gemische
mit anderen Chemikalien oder Lösungsmitteln" waren, wie ein
Artikel im Medizinmagazin The Lancet im Jahr 2000 feststellte, verantwortlich
für viele der bekannt gewordenen "Todesfälle durch DDT".
Aber nicht einmal diese Gefahren erstrecken sich auf den Einsatz für
öffentliche Gesundheit, bei dem DDT in Wasser gelöst und als
dünner Film versprüht wird. Der landwirtschaftliche Einsatz von DDT ist eine andere Sache, da hierbei buchstäblich Tonnen dieser Chemikalie alle paar Wochen im Freien versprüht werden. Aber fast niemand, der den Einsatz von DDT zur Bekämpfung von Malaria befürwortet, fordert auch dessen Rückkehr als landwirtschaftliches Pestizid. Das ideale Pestizid bleibt am Getreide haften bis zum Zeitpunkt der Ernte und löst sich dann auf. DDT hingegen ist langlebig und benötigt eine lange Zeit, um abgebaut zu werden - dies ist der Grund, dass es sich in der Umwelt über die Zeit hinweg ansammelt. "Auch wenn es bislang keinen Beweis dafür gibt, dass es schädlich für den Menschen ist, ist es nicht sinnvoll, das Risiko einzugehen, wenn andere Pestizide, die für den landwirtschaftlichen Einsatz besser geeignet sind, zur Verfügung stehen", sagt Donald Roberts, Experte für Tropenkrankheiten an der Uniformed Services University of Health Sciences in Bethesda, Maryland. Trotz allem weigern sich Umweltaktivisten, zwischen dem landwirtschaftlichen Einsatz und dem für die öffentliche Gesundheit zu unterscheiden. Richard Liroff, ein Sprecher des WWF, sagt, "die meisten ihrer Argumente" gegen das Sprühen von DDT basierten auf Studien wie der Longneckers. Aber die eindeutigen Vorteile des Einsatzes von DDT könnten mögliche Gefahren ausbalancieren. Schließlich verursacht auch Malaria ein niedriges Geburtsgewicht bei Neugeborenen (sowie geistige Zurückgebliebenheit bei Kindern). Und während DDT noch unbekannte Nebenwirkungen haben könnte, hat Malaria sehr bekannte direkte Auswirkungen: sie tötet im Jahr Millionen von Menschen. Ökologisches
Mea Culpa Wenige Organisationen lehnen de facto DDT-Projekte ab, noch weniger halten allerdings Gelder für Projekte dieser Art bereit. Keine internationale Hilfsorganisation finanziert den Einsatz von DDT. Momentan finanziert die Weltbank ein Malariakontroll-Projekt in Eritrea unter der Bedingung, dass das Land kein DDT benutzt. Die kürzlich gegründete Global Environmental Facility hat Projekten in Afrika und Südamerika Geld zugesprochen mit der Absicht, den Empfängernationen von DDT abzuraten. In einem Statement per E-Mail hat mich das Malaria-Team der USAID informiert, dass seine "Aktivitäten darauf ausgerichtet sind, die Abhängigkeit von dem Pestizid DDT zu reduzieren". Sie "bevorzugen Prävention, medizinische Intervention und in Pyrethroid getränkte Moskitonetze". Richard Tren, Vorsitzender einer Gruppe, die sich Africa Fighting Malaria nennt, gibt an, internationale Hilfsorganisationen in Schweden, Großbritannien, Norwegen, Japan und Deutschland hätten ihm mitgeteilt, sie würden keine DDT-Projekte finanzieren, ebenso wenig wie UNICEF. Und da sie nicht die Mittel besitzen, nationale Projekte dieser Größenordnung selbstständig zu entwickeln, beugen sich die meisten afrikanischen Länder den Anforderungen dieser internationalen Geldgeber. Die Alternativprojekte, die die Hilfsorganisationen finanziell unterstützen, sind entweder weniger effektiv, teurer, schwerer zu steuern oder völlig unangemessen. Nur wenig erfolgreich waren "umweltfreundliche" Versuche mit mückenabweisenden Bäumen oder mückenlarven-fressenden Fischen. Das Pestizid Pyrethroid wurde ursprünglich als biologisch abbaubare Alternative zu DDT entwickelt, aber die wachsende Widerstandsfähigkeit der Mücken in ganz Afrika macht es zunehmend unnütz. Andere Ersatzpestizide wie Karbonsäure-Salze oder organische Phosphate haben sich als nicht sicherer oder effektiver als DDT erwiesen; den meisten fehlt zudem die Fähigkeit von DDT, Mücken abzuwehren, auch wenn sie schon resistent geworden sind. DDT ist mindestens viermal billiger als die günstigste Alternative - auch wenn es immer noch nur in einer einzigen indischen Fabrik produziert wird - und muss weniger häufig versprüht werden. Dies sind zwei enorme Vorteile für arme afrikanische Länder mit minimaler Infrastruktur, wo jeder Dollar, der nicht dazu ausgegeben wird, Malaria unter Kontrolle zu bringen, in andere Einsatzgebiete der öffentlichen Versorgungssysteme fließen kann, wie beispielsweise die Versorgung mit sauberem Wasser. "DDT hat eine Langzeitwirkung, die Alternativen haben dies nicht", sagt Donald Roberts. "DDT ist billig, die Alternativen sind es nicht. Ende der Geschichte." Amir Attaran, ehemaliger Malariaexperte bei der WHO, unterstützte einst die Finanzierung alternativer Pestizide, änderte aber nach Erfahrungen in Südafrika seine Meinung. "Wenn es Südafrika nicht ohne DDT schafft, kann man wohl sagen, dass es niemand anderes schafft", sagt Attaran. "Sie haben wirklich versucht, das Zeug loszuwerden und sie hatten das Budget, Alternativen einzusetzen... Sie haben es versucht und versagt." Südafrika hatte Mitte der 90er-Jahre von DDT auf Pyrethroid gewechselt, war aber 2000 zu DDT zurückgekehrt, da die Mücken Resistenzen gegen Pyrethroid entwickelt hatten und die Zahl der Malariafälle raketenartig anstieg. Es ist schwierig, von den Hilfsorganisationen eine klare Antwort zu erhalten, weshalb sie den Einsatz von DDT nicht finanzieren würden. Sie mögen zögerlich sein, weil es widersprüchliche Ansichten und Handlungsanweisungen gibt: Nationale DDT-Verbote stehen im Konflikt mit WHO-Richtlinien, die besagen, es sei sicher und effektiv; diese kollidieren wiederum mit dem Entwurf von Roll Back Malaria, demzufolge DDT völlig verboten werden sollte. Keiner scheint den Kopf hinhalten und die Dinge regeln zu wollen. Am wichtigsten ist jedoch, dass bereits unterfinanzierte westliche Hilfsorganisationen davor zurückschrecken, DDT zu finanzieren, da dieser Schritt die latenten DDT-Ängste bei Bürgern wohlhabenderer Länder mobilisieren und deren Spendenbereitschaft drosseln könnte. Verschiedene Experten sagten mir, sie hätten vor allem Angst vor Auseinandersetzungen mit der Lobby der Umweltschützer. Als Attaran vor zwei Jahren in einem Rundbrief gegen das völlige Verbot von DDT protestierte, zog ihm der Vorsitzende von Roll Back Malaria das Fell über die Ohren, weil er die Verbindungen der RBM mit Umweltschutzgruppen untergraben habe. Attaran, ehemals Anwalt des Sierra Club, ist der Ansicht, die Umweltschützer sollten ihre lang gehegten Vorurteile überdenken. "Sie sollten tun, was auch die Pharmazieunternehmen beim Thema Verfügbarkeit von Aids-Medikamenten getan haben: Sie sollten ihre Schuld anerkennen." "Es
kann nicht so schwer sein" Ein
Schuldbekenntnis der Umweltaktivisten wäre ein Anfang; in den Vereinigten
Staaten wird aber nur eine Anhörung im Kongress oder eine Anordnung
der Bush-Administration USAID dazu veranlassen, die eingeschlagenen Pfade
zu verlassen. Der direkteste Weg wäre, das EPA-Verbot von DDT zu
überdenken, zusammen mit einem ausdrücklichen Mandat, einen
Teil des Hilfsbudgets für die Besprühung mit DDT zu verwenden,
sofern die betroffenen Länder dies wünschen. Momentan verfolgt
USAID in Uganda das Ziel, wenigstens 60 Prozent der Bevölkerung Zugang
zu Medikamenten und Moskitonetzen zu verschaffen; Jim Muhwezi möchte,
dass USAID seine Ziele höher steckt.
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