Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Jennie Bristow:
Vom 11. September zum Irakkrieg
Phil Mullan:
Bomben auf Bagdad - Alarm an der Börse
[Heft S.12]
Brendan O'Neill:
Die erfundene Welt der Öl-Fetischisten
Josie Appleton:
NGOs als Kriegsgewinnler
[Heft S.16]
Klaus Bittermann:
Alte und neue Kriege
[Heft S.19]
Jennie Bristow:
Die verschwundenen Millionen oder Sprachlosigkeit verbindet
[Heft S.20]
WELLNESS &
KÖRPERKULT
Matthias Heitmann und Eva Balzer:
Leben zwischen Yin und Yang
Erland Erdmann:
Fischgalle gegen Gelbsucht?
[Heft S.25]
Tillmann Prüfer:
Tanz der Therapeuten
Peter Marsh:
Schlechte Angewohnheiten, sie leben hoch!
Hans-Joachim Maes:
Einheit mit dem Kosmos - all inclusive
[Heft S.32]
Michael Breu:
Quanten-Kügelchen?
[Heft S.35]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Peter Treue:
Party mit dem Tod
Ulrike Gonder:
Lieber fit und fett als schlapp und schlank
Hubert Markl:
Ist der Mensch biotechnisch optimierbar?
[Heft S.44]
Stuart Derbyshire:
Ansteckende Ängste
Helene Guldberg:
Björn Lomborg - Opfer der Öko-Inquisition
[Heft S.53]
Alexander Gourevitch:
Länger leben mit Chemie
Dan Goodman:
Wählerfang mit Walen
Timandra Harkness:
Tiefe Einblicke
[Heft S.61]
Norman E. Borlaug:
Nicht die Wissenschaft, der Hunger ist der Feind
Edgar Gärtner:
Lieber verbrannt als vergiftet?
[Heft S.64]
POLITIK &
GESELLSCHAFT
Jim Butcher:
Ökotourismus - Elend als (Urlaubs-)Ziel
Matthias Heitmann:
Weise aus dem "Morgen-Land"?
[Heft S.70]
Sabine Rothemann:
Das Konzept Ich-AG
[Heft S.76]
MEDIEN &
KULTUR
Vicky Richardson:
Libeskind: Das Trauma als Bauwerk
Stefan Ehrhardt:
Fußball made in USA: Im Abseits oder mittendrin?
[Heft S.78]
Bernd Herrmann:
100 Jahre Tour de France
RUBRIKEN
STICHWORT
Krieg der Impressionen
von Sabine Reul
EINSPRUCH
von Thomas Deichmann:
Schon wieder die UNO?
UPDATES
von Matthias Heitmann
[Heft S.21]
MITTE
Michael Najjar
[Heft S.42]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.66]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.73]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann: Vom Becken- zum Ökobauer
[Heft S.81]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.82]
|
Party mit dem Tod
Peter Treue beschreibt, wie Impfgegner und Paramediziner
die Gesundheitspolitik sabotieren und der Staat ihnen dabei hilft.
Es war zeitiges Frühjahr und noch sehr kalt, als die fünfjährige
Simone an Masern erkrankte. Innerhalb weniger Stunden verschlechterte
sich ihr Zustand rapide. Hohes Fieber belastete den kleinen Körper,
Simone wurde lethargisch und musste stationär behandelt werden. 48
Stunden später kämpften die Ärzte in der ostdeutschen Provinz
mit zusätzlichen Komplikationen: Eine beginnende Hirnentzündung
ließ sich nicht mehr beherrschen, der ganze Körper des Kindes
war von Flecken übersät. Drei Tage nach dem Ausbruch der Krankheit
starb Simone. Die Immunabwehr des bis dahin völlig gesunden Mädchens
war nicht mehr in der Lage, die Infektion des Gehirns und der Lunge unter
Kontrolle zu bringen. Das war 1968. Zwei Jahre später wurde die Masernimpfung
in der DDR flächendeckend eingeführt - seit 1973 wird sie auch
in der Bundesrepublik empfohlen. Dennoch sterben auch heute noch Menschen
an dieser meldepflichtigen Infektionskrankheit. Fanatische Impfgegner
kämpfen gleichzeitig gegen jede Form der Impfung und behaupten, dass
Masern und Keuchhusten harmlose und "nützliche" Kinderkrankheiten
seien und Impfungen großen Schaden anrichten würden.
Strafgerichte
Gottes
Der Mensch ist vergesslich, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Traumatische
Erlebnisse verdrängt er im Laufe der Zeit. Der Mensch muss vergessen,
um überleben zu können, um handlungsfähig zu bleiben. Doch
das kollektive Gedächtnis scheint inzwischen auch in Angelegenheiten
zu versagen, bei denen es besser wäre, sich gut zu erinnern. Vielleicht
liegt es daran, dass die Zahl der Menschen, die Hunger, Krieg und Seuchen
noch selbst erlebt und überlebt haben, unaufhaltsam kleiner wird
und wir kaum noch Erfahrungen aus erster Hand vermittelt bekommen. Vielleicht
sollten wir noch einmal genau zuhören, wenn die Großeltern
uns berichten von den Ängsten, die sie selbst als junge Eltern hatten,
von den zwei Kindern, die es in der sechsköpfigen Familie nicht schafften
und von der Normalität des Sterbens und Verkrüppelns - nicht
nur im hohen Alter. Es ist noch keine hundert Jahre her, da löschte
die so genannte "Spanische Grippe", die ihren Ursprung allerdings
vermutlich in den USA hatte, weltweit innerhalb von wenigen Wochen das
Leben von rund 20 Millionen Menschen aus - allein in Deutschland erkrankten
1918 rund 10 Millionen, von denen fast 250.000 starben. Die Mediziner
konnten nur mehr oder weniger tatenlos zusehen, bis die Epidemie 1919
wie von Geisterhand wieder verschwand. Heute noch sterben jährlich
einige Tausend nicht geimpfte, meist ältere Menschen an den Folgen
der Virusgrippe (Influenza), obwohl in jedem Herbst wirksame Impfstoffe
für die aktuellen Varianten des Grippe-Virus zur Verfügung stehen.
Seuchen
galten in vergangenen Jahrhunderten als göttliche Strafgerichte.
Die Kenntnis von den Erregern und den Infektionswegen verdanken wir hauptsächlich
der Forscherleistung der letzten reichlich hundert Jahre. Seit Robert
Koch Ende des 19. Jahrhunderts mit der Entdeckung der Milzbrand-, Cholera-
und Tuberkelbazillen den Anfang machte, war der Weg für wirksame
Behandlungen und vor allem Vorbeugung bereitet. Der damals aufkeimende
Optimismus erlebte seinen Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als
Massenimpfungen in den Industriestaaten rasante Erfolge verzeichneten.
Ende der dreißiger Jahre starben in Deutschland noch pro Jahr rund
2500 Kinder bis zehn Jahren an Keuchhusten. An Diphtherie starben zu dieser
Zeit jährlich fast 5500 Menschen. 1950 erkrankten in der Bundesrepublik
noch rund einhundert von 100.000 Menschen an dieser gefährlichen
Atemwegskrankheit. Nach den Impfaktionen bis zum Jahr 1962 gingen die
Erkrankungen auf unter zwei pro 100.000 Einwohner zurück. Seit 1995
traten keine dokumentierten Fälle von Diphtherie mehr in Deutschland
auf.
Es liegt wohl auch in der Natur des Menschen, dass ihn seine Erfolge überheblich
machen, und so stellten sich Visionen vom baldigen Ende aller Infektionskrankheiten
schnell als gefährlich naive Utopie heraus. Die Medizin musste harte
Rückschläge einstecken. Das Auftauchen neuer, bisher unbekannter
Virusarten, wie dem HIV, das binnen weniger Jahre eine weltweite Epidemie
auslösen konnte, zeigt den Forschern bis heute ihre Grenzen auf.
Menschenfreundliche
Heilpraktiker
Ungeachtet dieser Entwicklungen leben wir heute unter Bedingungen, die
den Menschen noch vor hundert Jahren geradezu paradiesisch erschienen
wären. Der seit Jahrzehnten wachsende Wohlstand und ein trotz aller
Missstände hochmodernes und effektives Gesundheitswesen lässt
uns bei steigender Lebensqualität immer älter werden. Unsere
Lebensmittel sind, auch wenn sie noch so industriell hergestellt sein
mögen und trotz aller ökologisch-ideologischer Unkenrufe, in
ihrer Qualität und Sauberkeit der durchschnittlichen Vor- und Nachkriegskost
weit überlegen. Niemals in der Menschheitsgeschichte konnten wir
uns so gesund und ausgewogen ernähren wie heute - auch ohne das staatlich
verordnete Biosiegel. Unsere Kinder wachsen schneller, und die Menschen
sind im Durchschnitt größer und gesünder als noch vor
wenigen Jahrzehnten. Nicht zu vergessen ist, dass unzählige Mitmenschen
heute nicht mehr unter uns weilen würden, wenn es die gern als "Apparatemedizin"
geschmähte Intensivmedizin nicht gäbe. Zahllose Eltern müssten
ohne die enormen Fortschritte in der Medizin auf das Glück ihres
heranwachsenden Nachwuchses verzichten, denn noch vor wenigen Generationen
wurden jährlich zigtausend Kinder von heute gut behandelbaren oder
inzwischen fast ausgerotteten Krankheiten dahingerafft.
Unter Umständen notwendige Kritik am Gesundheitswesen verkommt zum
medial inszenierten Spektakel, das immer eine hohe Einschaltquote oder
Auflage verspricht. Einzelne Kassenbetrügereien werden als symptomatisch
für die Abgehobenheit der "Götter in Weiß" gegeißelt,
und wenn das Klischee vom pharmakonzerngesponserten Abzocker nicht greift,
ist es eben das Schreckgespenst der so genannten "Schulmedizin"
an sich. Der Arzt, der skrupellos und ohne Hemmungen bei jedem Schnupfen
Antibiotika verschreibt, ohne dem Patienten zuzuhören, ist im täglichen
Leben ein häufig kolportiertes Argument für den Wechsel zum
"menschenfreundlichen" Heilpraktiker geworden. Jeder Reiki-Lehrer
darf sich in diesem Land "Heiler" nennen und ahnungslose Patienten
unter Umständen von einer dringend notwendigen ärztlichen Behandlung
abhalten, bis es mitunter zu spät ist. Gerade eine nicht fachgerecht
durchgeführte Anamnese im Anfangsstadium einer lebensbedrohlichen
Krankheit kann tödliche Folgen haben. Die Zahl der Opfer solcher
Praktiken, besonders unter Krebspatienten, wird wohl dauerhaft im Dunkeln
bleiben.
Denn kaum haben Gesundheit und Wohlergehen als alltägliche Selbstverständlichkeiten
in den Köpfen und Herzen der Menschen ihren Platz eingenommen, steht
auch schon die Clique der aus natürlichen Ängsten der Menschen
schmarotzenden Unheilsboten aller Couleur parat, um den eigentlich gebildeten
Bürger eines Schlechteren zu belehren. Praxen von Heilpraktikern
ohne solide medizinische Ausbildung schießen wie Pilze aus dem Boden,
und als ginge es den gesetzlichen Kassen nicht schon schlecht genug, zielt
das neue Heilpraktikergesetz der Bundesregierung darauf ab, diese in Honorierung
und Status den ausgebildeten Medizinern gleichzustellen. Weltweit wohl
einmalige Sonderregelungen im Arzneimittelgesetz der Bundesrepublik erlauben
es den Herstellern einschlägiger Alternativpräparate, vollkommen
unwirksame oder niemals in einer einzigen wissenschaftlichen Studie für
wirksam befundene Tinkturen, Wässerchen oder anthroposophische Schwermetallpräparate
über Apotheken zu vertreiben oder in einschlägigen Krankenhäusern
zu verabreichen. Das europäische Recht hebelt diese Praxis zwar langsam
aus - im Jahr 2001 wurden allein 3000 Präparate mit nicht geprüften
Wirkstoffen aus dem Verkehr gezogen -, aber noch immer stehen reihenweise
Pseudoarzneimittel in den Regalen der Apotheken, für die nie eine
eigentlich erforderliche Wirksamkeitsstudie vorlag.
Botschafterinnen
der Hausgeburt
In Deutschland ist so etwas möglich. Eine Nebenwelt aus Esoterikern,
ideologischen Fanatikern und Profiteuren hat sich da aufgetan, die nicht
nur wissenschaftliche und ethische Grundprinzipien außer Kraft setzt,
sondern über eine massive Medienpräsenz die verunsicherten und
leichtgläubigen Menschen zu erreichen trachtet. Mit den Schlagwörtern
"natürlich", "sanft" und "alternativ"
versucht man, den frustrierten Wohlstandsbürger zuerst zu verunsichern
und anschließend zur Kasse zu bitten. Gerade das Fernsehen trägt
zu dieser Entwicklung massiv bei. Nachdem Fernsehpfarrer Fliege am Nachmittag
die Vorzüge der "Anthroposophischen Medizin" widerspruchslos
präsentieren darf, wofür er noch das Lob der Anthroposophischen
Gesellschaft erntet, schildern öffentlich-rechtliche oder private
Magazine am Abend den neuesten Skandal in einem Vorort-Krankenhaus, kolportieren
ungeprüft die aufgebrachten Berichte der Betroffenen und verurteilen
die Ärzteschaft schneller, als jeder Staatsanwalt einen Aktenordner
öffnen könnte. Am Morgen dann palavert ein "Gesundheitsexperte"
und Nichtmediziner im Morgenmagazin über die vorzüglichen Wirkungen
naturheilkundlicher Scharlatanerie.
Verunsichert sind naturgemäß vor allem junge Menschen, die
zum ersten Mal Eltern werden. Wie wird man mit den neuen Lebensumständen
fertig, was ist gut und richtig für unser Kind? Diese Fragen sind
normal und wichtig. Die unüberschaubare Fülle an Ratschlagewerken,
Sendungen und Internetpräsenzen macht es den werdenden Müttern
und Vätern nicht gerade einfach. Ganz schnell gerät man besonders
im Internet in Foren, die sich ausschließlich mit diesen Fragen
beschäftigen, wie zum Beispiel das Familienportal "urbia.de".
Unter zahlreichen Themenkomplexen kann man jede erdenkliche Frage zu allen
Problemen der Schwangerschaft, der Geburt und des Elterndaseins stellen.
Und meistens erhält man schon nach wenigen Stunden zahlreiche Tipps
und Informationen von Müttern, Hebammen und selbst ernannten BotschafterInnen
der Hausgeburt. Aber kaum ein Thema schwappt mit derart stoischer Regelmäßigkeit
und der vollen Wucht des ideologischen Kampfes durch Foren dieser Art
wie das Thema Impfen.
"Impfen
verursacht Krebs und Aids"
Eine Riege überzeugter und offensichtlich verblendeter Mütter
und Väter, die auch noch glaubt, besonders gut aufgeklärt zu
sein, kämpft dort eine Schlacht im Namen einiger weniger, aber zunehmend
lautstark agierender Drahtzieher. Die so genannten Impfgegner sind nicht
unbedingt besorgte Menschen, die kritisch die eine oder andere Impfung
hinterfragen oder sich sachlich mit der Thematik auseinander setzen. In
unglaublicher Sorglosigkeit werden in diesen Kreisen Impfungen als die
Geißel der Menschheit schlechthin bezeichnet. Kaum ein gesundheitlicher
Missstand, der nicht auf das Impfen zurückgeführt wird: Hirnschäden,
Krebs, Aids, Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, Schwächung
des Immunsystems und alle möglichen Allergien sind nur ein Auszug
des Schreckensregisters der Impfgegner. Eingebettet ist diese Verbohrtheit
in eine fundamentale Feindschaft gegenüber der Medizin und der naturwissenschaftlichen
Forschung. Sogar der angebliche gesellschaftliche Verfall wird hin und
wieder als direkte Folge der Massenimpfungen erklärt.
Vermehrt
stehen Eltern, aber auch einige Ärzte auf dem Standpunkt, dass das
Risiko einer Erkrankung wesentlich geringer sei als das Risiko des Erleidens
eines Impfschadens. Dass die Geschichte des Impfens immer auch mit Misserfolgen
und Fehleinschätzungen verbunden war, ist keine Erfindung von Impfgegnern.
Ohne Zweifel: Impfstoffe haben Nebenwirkungen, so wie alle "wirksamen"
Medikamente. Die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung führte früher
bei rund einem von einer halben Million Impflingen zu Lähmungserscheinungen.
Ursache war eine Rückmutation des Impfvirus zum Wildvirus. Die Impfung
war dennoch sinnvoll, weil noch 1952 in der Bundesrepublik rund 21.000
Menschen an Kinderlähmung erkrankten. 1960, im Jahr vor Beginn des
Impfprogramms, waren es noch mehrere tausend Erkrankungen, bis dann ab
1961 nahezu keine Neuerkrankungen mehr auftraten. Inzwischen wird ein
Spritzimpfstoff eingesetzt, der keinerlei Gefahr einer Schädigung
des Impflings mehr darstellt.
Auch der "alte" Impfstoff gegen Keuchhusten war tatsächlich
ausgesprochen unverträglich - insbesondere hohes Fieber wurde häufig
beobachtet. Hirnschäden, wie Mitte der 70er-Jahre und von einigen
bis heute behauptet, hat er dennoch nicht verursacht. Der neue Keuchhusten-Impfstoff
ist deutlich besser verträglich und diesbezüglich mit dem "alten
Produkt" überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Keuchhusten dagegen
war und ist eine oftmals dramatisch verlaufende und mitunter tödliche
Kinderkrankheit, die wegen impfmüder Eltern heute wieder verstärkt
zu beobachten ist. Der Nutzen von Massenimpfungen war insgesamt immer
wesentlich größer als das Risiko, einen ernsthaften Impfschaden
zu erleiden. Dazu kommt, dass die heutigen Impfstoffe in ihrer Qualität
und Zusammensetzung nicht mehr mit den Produkten von vor 50 Jahren zu
vergleichen sind.
Diese Tatsachen zu kennen ist sehr wichtig, wenn man sich mit den Argumenten
der Impfgegnerszene auseinander setzen will. Wichtig ist auch zu wissen,
dass Masern eine sehr schwere Erkrankung im Kindesalter darstellen, die
unbehandelt zu Lungen- und Hirnentzündung führen kann und bis
heute in rund einem von 1500 Fällen tödlich endet. Zwischen
1938 und 1939 starben in Deutschland noch rund 1500 Kinder an Masern -
die meisten in den ersten fünf Lebensjahren. Bis heute sind Tod oder
schwere bleibende Hirnschäden durchaus realistische mögliche
Folgen dieser hochansteckenden Erkrankung. Nicht zu vergessen ist auch
das schmerzhafte und lang andauernde Leiden bei dieser Erkrankung, das
Eltern ihrem Kind ersparen sollten.
Russisches
Roulette
Glaubt man aber den zahlreichen Ammenmärchen, dann sind Kinderkrankheiten
wie die Masern harmlos und sollten sogar durchaus auftreten, um das Kind
stark und immun zu machen. Legendär sind inzwischen die so genannten
"Masern-Parties", bei denen ein an Masern infiziertes Kind mit
einem Schlag alle anderen anwesenden Kinder der wohlmeinenden Eltern anstecken
soll - mit voller Absicht! Ob dieses "Russische Roulette" nicht
vorsätzliche Körperverletzung ist, müssten Juristen entscheiden.
Auffallend aber ist die Doppelmoral, nach der die "Schulmedizin"
einerseits wegen ihrer "Härte" abgelehnt und "sanfte
Medizin" propagiert wird, andererseits aber der potenzielle Tod oder
die Schädigung eines Kindes in Kauf genommen wird. Es bleibt dem
nicht-juristischen Fachmann jedenfalls ein Geheimnis, weswegen Todesfälle
an einer impfpräventablen Krankheit in Deutschland nicht strafrechtlich
verfolgt werden. Das Verfahren gegen einen naturheilkundlich arbeitenden
Kinderarzt aus Schleswig-Holstein, der Impfungen offensiv ablehnt und
damit seine Aufklärungspflicht eklatant missachtet, wurde ohne Nennung
von Gründen eingestellt. Ausgelöst wurden die Ermittlungen und
die eingeholten Gutachten durch zwei Erkrankungsfälle und einen Todesfall
durch das Haemophilus Influenza Typ B Virus (HiB) unter seinen jungen
Patienten. Seit 1991 existiert ein wirksamer Impfschutz vor dieser Krankheit,
die in zehn Prozent der Fälle tödlich endet und an der vor 1991
noch rund 1600 Menschen pro Jahr erkrankten.
Impfen
scheint nicht "in" zu sein. Die Durchimpfungsrate für MMR
(Masern, Mumps, Röteln) im Kindesalter beträgt in Deutschland
nur rund siebzig Prozent. Dagegen stehen rund fünfundachtzig Prozent
Durchimpfung gegen DTP (Diphtherie, Tetanus, Pertussis/Keuchhusten), was
auf die große Angst vor Tetanus zurückzuführen ist, obwohl
der Wundstarrkrampf auch ohne Impfung eine vergleichsweise sehr seltene
Krankheit ist, die nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch ist entscheidend für
die große Mehrzahl der impfpräventablen Krankheiten. Das Maß
hierfür ist die Basisreproduktionsrate R0. Dieser Wert liegt bei
infektiösen Krankheiten wie Masern und Keuchhusten zwischen 15 und
17, was bedeutet, dass bei Null Prozent Durchimpfung ein Erkrankter durchschnittlich
bis zu 17 Personen infiziert. Tritt dieser ungünstigste Fall ein,
spricht man von einer Epidemie. Erst bei 92 bis 95 Prozent Durchimpfung
wird ein R0-Wert kleiner Eins erreicht, was heißt, dass die Zahl
der Neuinfektionen stetig abnimmt und die Krankheit nach und nach eliminiert
wird. Die Rate von 70 Prozent bei Masernimpfungen ist demzufolge nicht
annähernd ausreichend, um Epidemien wie vor einigen Monaten in Coburg
zu verhindern. Kennt man diese einfachen Zusammenhänge, braucht man
auch keine hellseherischen Fähigkeiten, um festzustellen, dass es
in Westdeutschland immer Masern-Epidemien gegeben hat und dass es sie
auch künftig geben wird. Neu ist, dass diese Epidemien jetzt durch
die Bestimmungen des neuen Infektionsschutzgesetzes erstmals einer breiten
Öffentlichkeit bekannt werden.
Esoterischer
Sumpf
Nach und nach hat sich in unserer Gesellschaft das Zerrbild einer angeblichen
wissenschaftlichen Gleichberechtigung von Medizin und so genannten alternativen
Heilverfahren breit gemacht. Dass es sich bei den meisten alternativen
Verfahren um Paramedizin handelt, um Verfahren, die durch keine Studie
als signifikant wirksam befunden wurden, wird selten erwähnt. Besonderen
Stellenwert erlangten in den letzten Jahren wieder die Homöopathie
nach Samuel Hahnemann (1755-1843) und die anthroposophische "Medizin",
die auf den Erkenntnissen von Rudolf Steiners Partnerin Anna Eunike beruht.
Besonders aus diesem esoterischen Sumpf rekrutieren sich paramedizinisch
agierende Impfgegner, aber auch Ärzte, die wiederum ihre ideologisch
dispositionierten Patienten in diese Richtung beeinflussen. Glaubt man
einer wichtigen Umfrage von 1998 zur Impfkritik unter 219 ärztlichen
und klassischen Homöopathen und 281 schulmedizinisch arbeitenden
Ärzten, so finden sich unter den Ärzten, die eine Impfung stark
ablehnen, mit 47,3 Prozent gehäuft die so genannten "orthodoxen
klassischen Homöopathen". Ärztliche Homöopathen lehnten
nur in 24,5 Prozent die Impfungen strikt ab, während Schulmediziner
nur in 6 Prozent eine starke Impfabneigung hatten. Pikant an dieser Umfrage
ist jedoch das eigene Impfverhalten der Homöopathen. 94,5 Prozent
der Schulmediziner und 55,8 Prozent der Homöopathen waren selbst
in den letzten zehn Jahren einmal geimpft worden. Hatten die Mediziner
selbst minderjährige Kinder, so war der Anteil geimpfter Kinder mit
85,5 Prozent (Homöopathen) bzw. 98,1 Prozent (Schulmediziner) sehr
hoch. Diese Umfrage zeigt aber auch deutlich, dass nicht alle deutschen
ärztlichen Homöopathen automatisch Impfgegner sind, wie schon
1996 Sieglinde Schulz, die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer
Ärzte (DZVhÄ), betonte.
Gesellschaftliche
Verpflichtung
Dass mit den Impfungen das große Geld zu machen ist und die Pharmafirmen
aus reiner Profitgier die Impfung propagieren, wie die Impfgegner als
ein Standardargument ins Feld führen, muss angesichts immens hoher
Entwicklungskosten bezweifelt werden. Natürlich muss ein Pharmaunternehmen
Geld verdienen, doch die Entwicklung eines Impfstoffes zählt mittlerweile
zu den Hochrisiko-Investitionen. Die Firma Wyeth Lederle musste erst kürzlich
einen neuen Impfstoff gegen Durchfall durch Rotaviren wieder vom Markt
nehmen. Mehrere 100 Millionen US-Dollar an Entwicklungskosten waren damit
verloren. Was wäre, wenn einer der großen Impfstoffhersteller
Konkurs anmelden müsste und mit ihm die entsprechende Produktionskapazität
ausfiele? Angesichts aktueller Bedrohungsszenarien gewinnt dieses Problem
zusätzlich an Brisanz. Doch auch ohne diese Gefahr wären enorme
Zusatzkosten für unser Gesundheitssystem die Folge: Alleine die neuen
Keuchhusten-Impfstoffe sparen dem Beitragszahler in Deutschland mehr als
200 Millionen Euro an Krankheitskosten jedes Jahr. Dagegen steht ein Arzthonorar
von teilweise nur sechs Euro für die Impfung gegen sechs Krankheiten,
inklusive Aufklärungsgespräch über die Wirksamkeit der
Impfstoffe, Nebenwirkungen und mögliche Komplikationen.
Impfen ist nicht nur eine private, sondern auch eine gesellschaftliche
Verantwortung. Nur eine hohe Durchimpfungsrate garantiert eine hinreichende
Sicherheit aller Bürger vor Epidemien gefährlicher Krankheiten,
besonders im Kindesalter. Dazu ist es notwendig, dass die Bundesländer
ihre Pflicht zur Aufklärung der Bevölkerung, wie im Infektionsschutzgesetz
gefordert, ernst nehmen. Mit mehr oder weniger beiläufigen Faltblattkampagnen
erreicht man die Menschen offensichtlich nicht genügend. Offensiv
muss über die Pseudoargumente der ideologisch vermauerten Impfgegner
diskutiert werden. Ärzte sind stärker in die Pflicht zu nehmen.
Dazu gehört aber auch, dass sich vor allem Kinderärzte genügend
Zeit nehmen können, um die Eltern ihrer Patienten aufzuklären
und zum Impfen zu ermutigen. Es ist fraglich, ob die Krankenkassen in
Zukunft in der Lage sein werden, die Kosten dafür zu übernehmen,
wenn sie gleichzeitig die alten und neu auf den Markt drängenden
Pseudomediziner mitfinanzieren sollen. Die Bundesregierung sollte sich
klar darüber sein, dass sie mit dem geplanten Gesetz diejenigen Kräfte
massiv unterstützt, die nachweislich offensiv gegen das Impfen argumentieren,
und somit einer Gesundheitspolitik, die diesen Namen auch verdient, einen
Bärendienst erweist.
Eltern wie die von Simone fühlen sich durch die Argumente der Impfgegner
verhöhnt. Ihr einziges Kind starb, weil es damals keinen wirksamen
Schutz vor der für ihre Tochter tödlichen Krankheit gab. Genauso
geht es wahrscheinlich den vielen Eltern in unserem Land, deren Kinder
heute an den schweren Folgen solcher Erkrankungen leiden. Wir sollten
genauer zuhören, wenn Menschen von Zeiten berichten, in denen der
Tod im Kindesalter noch zum Alltag gehörte. Vielleicht werden wir
uns dann wieder bewusst, in welcher Sicherheit unsere Kinder heute heranwachsen
können - eine Sicherheit, die aber nicht umsonst zu haben ist.

Dr. agr. Peter Treue ist Naturwissenschaftler und arbeitet als
freier Wissenschaftsjournalist. In Novo58/59 ist vom ihm zuletzt "Wenn
der Mond auf den Hintern scheint" über Ökolandbau und die
politische Renaissance der Anthroposophie erschienen.
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