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Inside Schlechte Angewohn-
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Die Gesundheitspolitik erhebt Gesundheit zum Selbstzweck, dem das Leben unterzuordnen ist. Peter Marsh plädiert stattdessen dafür, Gesundheit aufzubrauchen, um zu leben.
Trotz
dieser gewachsenen Sicherheit fürchten wir unsere Umwelt mehr denn
je. Dort, wo Risiken verschwunden sind, haben wir uns zahlreiche neue,
oft bizarre Gefahrenquellen erfunden. Am einfallsreichsten ist dabei der
wohlhabende Teil der Gesellschaft. Diejenigen, die am wenigsten Sorgen
haben, sehen in jedem Lebensmittel eine Lebensgefahr - es sei denn, es
wird mit äußerster Sorgfalt eingekauft. Jeder Fitness- und
Wellness-Welle folgen sie, um sich gegen die Gefahren der Zivilisation
zu imprägnieren. In diesem Zustand gereizten, ängstlichen Jammerns verlieren wir das Vertrauen in alles, was sich Wissenschaft nennt und setzen lieber auf neue, "ganzheitliche" Methoden, auf Homöopathie zum Beispiel. Unsere Kinder lassen wir nicht mehr impfen, obwohl das vernünftig und sicher wäre, denn wir haben gehört, dass die Schulmedizin unvorhersehbare Nebenwirkungen haben kann. Die
Abkehr von der Rationalität zeigt sich auch in anderen Ängsten.
Die Biotechnologie, durch die sich in vielen Teilen der Welt der Hunger
mildern ließe, wird behindert durch die Angst der Wohlgenährten
vor Frankensteins Monster, und das ungeachtet der Tatsache, dass Amerikaner
seit über einem Jahrzehnt gentechnisch veränderte Nahrungsmittel
essen - und zwar ohne Nebenfolgen. In
unserer nach-rationalen Zeit ist das Konzept der "Lifestyle Correctness"
entstanden, demzufolge eine gesunde, "natürliche" Lebensführung
zwar nicht den Eintritt ins Paradies garantiert, vielleicht aber doch
Gewissheit im Hier und Jetzt bringt. Vorstellungen vom gesunden Leben
haben die alten Religionen abgelöst. Spiritualität bedeutet
heute, sich bewusst zu ernähren, auf seinen Körper zu achten
und Artifizielles, sei es Medizin oder Technik, zumindest rhetorisch abzulehnen. "In unserer weltlichen Zeit ist bewusste Ernährung, ist ein prononcierter Lifestyle die Alternative zum Gebet, zum gottesfürchtigen Leben; es ist eine Haltung, die dem Leben und Sterben Sinn verleihen soll. Nicht Gottesfürchtigkeit, sondern Gesundheitsfürchtigkeit ist heute der Maßstab für gute Lebensführung. Gesundheitspolitik und öffentliche Vorsorgeprogramme können demnach verstanden werden als Teil einer moralischen Ordnung der Gesellschaft, denn beide betonen die Bedeutung des ethisch richtigen Umgangs mit dem eigenen Körper."1 Die
neue Gesundheitsreligion ermöglicht es vielen, ein moralisch positives
Bild ihrer selbst zu entwerfen. Die religiöse Sicht von Gesundheit
versetzt sie darüber hinaus in die Lage, abweichendes Verhalten von
einem mit Autorität versehen Standpunkt aus zu kritisieren. Menschen,
die sich weigern, Teil dieses "Zwangs-Gesundheitssystems" zu
sein, sind in unserer ängstlichen - und immer weniger toleranten
- Welt die neuen Außenseiter. In seinem Buch The Tyranny of Health: Doctors and the Regulation of Lifestyle formuliert Fitzpatrick seine einfache Botschaft: "Ärzte sollen ihren Patienten keine Moralpredigten halten, sie sollten sie behandeln." Und er führt den Mikrobiologen Renee Dubos an, der 1960 in seinem Buch The Mirage of Health schrieb: "Ein weiser Arzt sagte einmal: Zu den Aufgaben eines Arztes gehört, es den Patienten möglich zu machen, all die angenehmen Dinge zu tun, die schlecht für sie sind - zu viel rauchen, essen und trinken -, ohne dass sie sich dadurch früher als nötig umbringen.'"2 Für Fitzpatrick ist das die Aufgabe des Hausarztes. Der Hausarzt soll eben nicht ein Lifestyle-Lehrer sein, der seinen Patienten die Gesundheitsgebote des Staates predigt, und erst recht soll er nicht die Behandlung derjenigen ablehnen, die angeblich selbst schuld sind an ihrer Krankheit. Ein Arzt ist ein Arzt und kein Priester. Fitzpatricks Plädoyer wie auch das von Petr Skrabanek, der befürchtete, wir steuerten dem "Tod der menschlichen Medizin"3 entgegen, erinnert an George Bernard Shaws Tirade gegen die Medizin. In einer Rede vor der Medical-Legal Society 1909 griff Shaw die Arroganz eines Berufsstandes an, der in die Bürgerrechte der Einzelnen auf eine Art und Weise eingriff, wie es in keinem anderen Bereich möglich wäre. Abschließend sagte Shaw: "Ganz zum Schluss möchte ich ihnen Folgendes sagen: Sie müssen den Beruf des Arztes zu einem Teil der Gesellschaft machen, denn immer mehr Mediziner treibt es dahin, die Freiheit der einfachen Leute immer stärker einzuschränken - und dabei geht es um persönliche Freiheiten, die man nie, an keine Körperschaft abtreten darf." Shaw
ging es dabei nicht um eine mögliche Verstaatlichung des Gesundheitswesens.
Er fügte erläuternd hinzu: "Um es ganz klar zu machen,
Ärzte dürfen nie die Macht haben, Patienten zu etwas zu zwingen,
nicht einmal zu deren eigenem Besten." Samuel Longhorn Clemens, besser bekannt als Mark Twain, drückte etwas Ähnliches aus, als er schrieb: "Es gibt Menschen, die auf alles Essbare, Trinkbare, Rauchbare verzichten, das ein irgend schlechtes Ansehen bekommen hat. Sie machen dieses Opfer für die Gesundheit. Und alles, was sie davon haben, ist Gesundheit. Wie merkwürdig. Es ist, wie wenn man ein Vermögen bezahlte für eine Kuh, die keine Milch mehr gibt." Mark
Twain warnte uns auch vor den möglicherweise tödlichen Folgen
der Lektüre von Gesundheitsratgebern: "Sie könnten an einem
Druckfehler sterben." "Es ist ein Paradox des Zeitalters der Aufklärung, dass einerseits falsche Gewissheiten, religiöse Dogmen zerstört und die Menschen vom Aberglauben befreit wurden, andererseits aber gleichzeitig neue Ketten geschaffen wurden, die Menschen zu versklaven, indem man sie als Maschinen betrachtete, die von materialistischen und deterministischen Gesetzen bestimmt werden."4 In
anderen Teilen Europas entstanden im 18. Jahrhundert verwandte Formen
zwanghafter Gesundheitspolitik. In Deutschland trugen beispielsweise viele
medizinische Journale in ihrem Titel den Ausdruck "Medizinalpolizei"
und später auch "Gesundheitspolizei".5 Der Medizinhistoriker
George Rosen ist der Meinung, das Konzept einer obrigkeitlichen Aufsicht
über die Gesundheit sei Teil einer umfassenden politischen Bewegung
gewesen, die darauf abzielte, den Wohlstand der Kaufleute und der Aristokratie
zu sichern, indem die arbeitende Bevölkerung so gesund gehalten wurde,
dass sie weiterhin ihrer Fronarbeit nachgehen konnte. "Die Medizin wandelte sich von einem freien Beruf zu einem, in dem der Arzt in die Rolle eines Beamten schlüpfte, der nicht die Interessen des einzelnen Patienten, sondern die der Gesellschaft und kommender Generationen vertrat."6 In Großbritannien schlug sich diese Konvergenz von staatlichen und medizinischen Interessen nach 1900 in der wachsenden Bedeutung der eugenischen Bewegung nieder. Für die Eugeniker konnte die Menschheit, wie bei der Tierzucht, dadurch verbessert werden, dass man die Reproduktion von Menschen minderer Qualität verhinderte und sie bei "besseren" Menschen förderte. Der Ausdruck "Sozialhygiene", der im Gefolge der eugenischen Bewegung entstand, verband eine derartige genetische Auswahl mit Themen wie Hygiene, Ernährung, Lebensführung und Kinderbetreuung. Während man zuvor Krankheiten eher als unvermeidliches Unglück angesehen hatte, wurde sie nun, zumindest teilweise, zur Folge ungesunden Verhaltens erklärt. Diese gefährlichen Vorstellungen von "Volksgesundheit" wurden vor dem Ersten Weltkrieg auch von vielen Reformern aufgegriffen, da es im Boom von Gründerzeit, Gründerkrise und Industrialisierung in erster Linie darum ging, die Nation auf Vordermann zu bringen. Für die britische Charity Commission (eine Wohlfahrtsbehörde) wie auch für die meisten Mediziner war die Anzahl der "schmarotzenden" Armen in der Gesellschaft zu hoch. Vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrisen schien es unabdingbar, tätig zu werden. Eugenik wurde von fast allen politischen Lagern begrüßt. Viele Linke, Liberale und Rechte waren sich darin einig, dass der Staat Fortpflanzung und Lebensführung regulieren dürfe und müsse. Einigen Historikern zufolge ist diese Konvergenz von Medizin und Staat unter dem Banner der "Volksgesundheit" der direkte Vorläufer der völkischen Politik des Dritten Reichs. Ähnliche Muster findet man heute auch bei supra-nationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Beispielsweise werden ohne Rücksicht auf Sinn und Zweck westliche (Gesundheits-)Konzepte in die Dritte Welt exportiert. So gibt es in Mosambik eine Kampagne, die die Bevölkerung über das Tragen von Sicherheitsgurten aufklärt ungeachtet der Tatsache, dass es im Lande nur wenig PKW-Verkehr gibt. Die bereits zitierte Deborah Lupton merkt hierzu an, der Gesundheits-Diskurs habe mittlerweile dazu geführt, dass "Gesundheit" zum Selbstzweck geworden und eben nicht mehr ein Mittel zum Zweck ist. Die WHO hat den Begriff so vergegenständlicht, dass sie Gesundheit definiert als "den Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und gesellschaftlichen Wohlbefindens". Dieser Satz lässt, gerade vor dem Hintergrund des soeben Ausgeführten, das Schlimmste befürchten. David Seedhouse, Direktor des neuseeländischen National Centre for Health and Social Ethics, gibt zu bedenken: "... in pluralistischen Gesellschaften muss jede Behauptung, man wisse objektiv, was ein gutes Leben ausmache, zumindest mit Vorsicht behandelt werden."7 Seedhouse tritt dafür ein, das Konzept des "Wohlbefindens" ganz aus den Aufgaben der WHO zu streichen. Nicht nur ist es reichlich verschwommen, es riecht auch verdächtig nach einer Politik, die schon von vornherein weiß, was für die Menschen am besten ist. Robert Downie und seine Kollegen treten mit ihrem Buch, einer der "Gesundheits-Bibeln", die von der WHO benutzt werden, auch gleich den Beweis an, dass sie zu jener Schule von Medizinern gehören, die nur das Beste wollen - und auch genau wissen, was das Beste ist. Downie und Kollegen führen aus, "Wohlbefinden" könne einerseits als subjektives Urteil verstanden werden, als die Selbsteinschätzung von Einzelnen über ihre körperliche und geistige Gesundheit. Gewöhnliche Sterbliche jedoch, schränken sie ein, könnten - im Unterschied zu Gesundheitspolitikern und Ärzten, muss man annehmen - leicht Illusionen anheimfallen, wenn es um ihr eigenes Wohlbefinden geht. Tatsächlich gehe es diesen Menschen nämlich nicht gut, denn: "Subjektives Wohlbefinden ... kann fiktiv sein, es kann von Einflüssen herrühren, die dem Funktionieren und der Entwicklung sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft zuwiderlaufen."8 Diese Sicht der Dinge bedeutet, dass die massige Dame aus Polynesien, die in ihrer Kultur ob ihrer Größe und ihres Umfangs hoch angesehen ist und die ein zufriedenes langes Leben führt, Opfer einer Illusion ist. Ihr Körpermassenindex (BMI) liegt über 30, und das lässt sich nicht mit der "objektiven" Definition der WHO für Wohlbefinden vereinbaren - die Dame ist übergewichtig. Man muss sie deshalb dazu "ermutigen", eine eher "normale" Statur zu bekommen, auch wenn das vermutlich für sie einen Verlust an Ansehen mit sich bringt und sie unglücklich machen wird. Dafür, dass sie dann wenigstens auch tatsächlich länger leben wird, gibt es keine Beweise. Für
Seedhouse und andere ist das Konzept der WHO, Wohlbefinden lasse sich
objektiv messen, bloßes Vorurteil. Hinter diesem Vorurteil verstecken
sich Gesundheitspolitiker, deren tatsächliche Vorlieben und Absichten,
so Seedhouse, "nur allzu erkennbar sind".9 Das ist nicht alles. Risiko wird auch sehr einseitig definiert. Welche Aspekte eines Lifestyles sind besonders riskant und also sündig? Und welchen Teil der Gesellschaft muss man davon überzeugen, zum Wohle der Gesamtheit den Weg des Risikos zu verlassen? Das sind keine abstrakten Fragen; vielmehr deuten sie auf einen weiteren, fatalen Aspekt der Gesundheitsreligion hin - ihre kulturelle Einseitigkeit. Risiken werden von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft definiert, einem Segment der weißen Mittelklasse, von Gesundheitspolitikern, Pädagogen, Wissenschaftlern. Es handelt sich um Menschen, die mehrheitlich nicht rauchen, mäßig trinken und selten wechselnde Sexualpartner haben. In Fitness- und Tennisclubs trifft man sie relativ häufig, sie ernähren sich fettarm (und sie mögen einem äußerst langweilig vorkommen). Rauchen, trinken, fett- und salzreich oder viel Süßes essen, zu wenig Bewegung und ungeschützter Sex mit wechselnden Partnern - all diese "riskanten" Verhaltensmuster finden sich vorwiegend in anderen Bevölkerungsschichten, bei den Ärmeren, bei Randgruppen und ethnischen Minderheiten. Änderungen im Lifestyle, wie sie die Vertreter der Gesundheitsreligion fordern, betreffen vor allem das Leben anderer Menschen. Es ist eine Moralkampagne, die andere ihres Fehlverhaltens wegen an den Pranger stellt. Charles Rosenberg, Professor für Wissenschaftsgeschichte in Harvard, formulierte es so: "Kulturelle Werte und gesellschaftliche Stellung waren schon immer das Material, aus dem aus Eigeninteresse heraus epidemiologische Risiken konstruiert wurden. Die Armen, die Fremden, die Sünder waren allesamt zweckdienliche Objekte für derartige stigmatisierende Vermutungen."10 Die Gesundheitsapostel nehmen, wie Mary Douglas es ausdrückt, eine gesellschaftliche Position ein, die davon ausgeht, dass sich "gesellschaftliche Kräfte individuell beherrschen lassen". Auf Grund ihrer vergleichsweise privilegierten Stellung fühlen sie sich persönlich dazu verpflichtet, die Kultur, als deren Träger sie sich sehen, zu verteidigen. Folglich verschreiben sie der Gesellschaft einen Diät-Lifestyle, der ihren Werten entspricht. In seinem Buch The Pleasure Police formuliert es David Shaw etwas weniger akademisch als Douglas und Kollegen: "Die Ärmeren, die Unterernährten, die Arbeitslosen und die Obdachlosen - wo immer sie auch leben, ob sie Kinder haben oder keine - sind nicht diejenigen, die Rauchverbote fordern, Silikonimplantate ablehnen oder fettiges Popcorn aus dem Kino verbannt sehen wollen... Die Alarmisten, die Kassandrarufer, die den Tod überall lauern sehen, sind fast immer Menschen von überdurchschnittlicher Bildung und mit hohem gesellschaftlichen Status, Menschen, die absolut sicher gehen wollen, dass sie so lange wie möglich leben und ihr Leben genießen können - was ihnen jedoch nicht gelingt, da ihre allgegenwärtigen Ängste ihnen die Energie und den Antrieb dazu nehmen, irgendetwas zu genießen. Aus ihren eigenen Ängsten versuchen sie gesetzliche Vorschriften zu machen, die dann dem Rest von uns den Spaß am Leben so gründlich wie möglich verderben."11 Verteufelt man diejenigen, die Risiken eingehen, übersieht man dabei, dass es gerade die Risikofreudigkeit unserer Vorfahren war, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Forschung, Fortschritt und soziale Experimente im Großen wie Kleinen sind nur möglich, wenn mit Gewohntem gebrochen und etwas Neues versucht wird. Das ist immer riskant. Geht man das Risiko nicht ein, wird man nie erfahren, was funktioniert und was nicht - jede Verbesserung wird unmöglich. Zwar können wir Menschen versuchen, die Neigung, uns auf Risiken einzulassen, zu regulieren, so wie auch der Geschlechtstrieb und andere biologische Anlagen zivilisiert und reguliert worden sind. Eine Gesellschaft aber, deren oberstes Gebot die Vorsicht ist und die Risikofreude zur Sünde erklärt, können wir nicht schaffen. Sobald
unsere Gesellschaft zu sicher wird, versuchen wir fast zwanghaft, wieder
Risiken in unser Leben einzuführen - man denke nur an das Bungee-Jumping.
Eine derart sinnlose Freizeitaktivität lässt sich nur mit den
Verschiebungen erklären, die unsere Gesellschaft in neuerer Zeit
durchlaufen hat. Wenn Menschen dafür zahlen, um von Brücken
zu springen und im letzten Moment von einem Gummiband dem Tod entrissen
zu werden, muss etwas entscheidendes Anderes in ihrem Leben fehlen. Vielleicht können wir dieses Dilemma lösen, indem wir unsere Moralvorstellungen reformieren? Moral war schon immer bestimmt durch Umstände. Wäre es etwa vorstellbar, dass in Zukunft Raucher dafür bewundert werden, weil sie ihr Leben auf so selbstlose Weise verkürzen? Und könnte entsprechend die Chipstüte ihre Konsumenten als besonders uneigennützige, fast heilige Menschen auszeichnen, da ja Cholesterin, glaubt man unseren heutigen Gesundheitsaposteln, schnell zum Herztod führt? Wer weiß. Bei einem gemütlichen Essen in Oxford, bei dem mehr als die empfohlenen drei täglichen Alkoholeinheiten zum Einsatz kamen, überredeten wir meinen alten Freund Desmond Morris dazu, für unsere Website einen Artikel zu schreiben über "Ernährung aus der Perspektive eines Zoologen". Wir dachten, er würde einen kurzen, witzigen Text abliefern, in dem es beispielsweise um Löwen ginge und ihre Vorliebe für Zebrafleisch. Stattdessen schickte er mir eine bewegende Schilderung vom Tod seiner Mutter, die kurz zuvor gestorben war. "Bei Anblick dieses Mahls wäre ein Ernährungsbewusster vor Schreck umgekippt. Meine Mutter schaufelte ihren Teller bergvoll mit fettigem Grillfleisch und stopfte sich den Mund genüsslich voll. Wenn ich sage genüsslich', meine ich, sie aß mit dem gierigen Vergnügen eines Raubtiers. Obgleich sie unter der Regentschaft von Königin Victoria geboren wurde, entsprachen ihre kulinarischen Neigungen doch mehr denen des 18. Jahrhunderts, einer Zeit, in der ein Festmahl noch ein Festmahl war und Wörter wie Diät, Tischmanieren und Health Food unbekannt waren. Während ich sie so sah und so gut es ging versuchte, es ihrem Appetit nachzutun, warf ich ein wenig von oben herab ein, sie könne, wenn sie so weitermache und sich nicht gesund und bewusst ernähre, mit einem frühen Tod rechnen. Von Sohn zu Mutter mag das recht barsch klingen. Wobei ich allerdings den Umstand mildernd anführen möchte, dass ich ihr das bei der Feier zu ihrem 99. Geburtstag sagte."12 Im Artikel folgen dann einige Seitenhiebe auf Gesundheitsapostel und, wie Desmond sie nennt, "Ernährungsfaschisten". Nach diesem Exkurs kehrt Desmond zur Geschichte seiner Mutter zurück: "Als meine Mutter im Sterben lag (gerade rechtzeitig noch, wie sie sagte, um der Queen die Mühe zu ersparen, ihr zu ihrem Hundersten ein Telegramm zu schicken), fragte ich sie, ob sie irgend etwas wünsche. Einen Gin Tonic', flüsterte sie. Ich musste ihr mit einem Strohhalm helfen. Wenn ich schon gehen muss, dann lieber, wenn ich einen sitzen habe.'" Für mich ist das Grund genug zu behaupten, dass schlechte Angewohnheiten ihren Wert haben - sie machen uns zu Menschen.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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