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Heft 64/65 Mai-August 2003  WELLNESS & KÖRPERKULT

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NOVO 64/65

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Schlechte Angewohn-
heiten, sie leben hoch!


von Peter Marsh


 
 
 
 
 
 
 
 

Nicht Gottesfürchtigkeit, sondern Gesundheitsfürchtigkeit ist heute der Maßstab für gute Lebensführung.

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Zu den Aufgaben eines Arztes gehört, es seinem Patienten möglich zu machen, all die angenehmen Dinge zu tun, die schlecht für ihn sind.

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Kern der Gesundheitsreligion ist der Versuch, Risiken zu minimieren. "Risiko" ist heute gewissermaßen das weltliche Gegenstück zur Sünde.

 

Heft 64/65: Übersicht
 




Schlechte Angewohnheiten, sie leben hoch!

 

Die Gesundheitspolitik erhebt Gesundheit zum Selbstzweck, dem das Leben unterzuordnen ist. Peter Marsh plädiert stattdessen dafür, Gesundheit aufzubrauchen, um zu leben.



In der westlichen Welt leben wir heute, allen objektiven Kriterien zu Folge, gesünder, als es unsere Vorfahren je waren, und wir leben erheblich länger als selbst die Generation vor uns. Von 1000 Säuglingen sterben heute nur sechs kurz nach der Geburt; vor hundert Jahren waren es noch 150. Selbst noch Ende der 50er-Jahre starben viermal so viele Kinder innerhalb des ersten Lebensjahres wie heute. Zwar hört man viel über Fastfood und Gift im Essen; Tatsache aber ist, dass unsere Nahrungsmittel heute so nährreich sind wie nie zuvor - und auch sicherer, als sie es je waren. Gifte und gefährliche Keime im Essen, einst die Regel, sind heute seltene Ausnahmen.

Trotz dieser gewachsenen Sicherheit fürchten wir unsere Umwelt mehr denn je. Dort, wo Risiken verschwunden sind, haben wir uns zahlreiche neue, oft bizarre Gefahrenquellen erfunden. Am einfallsreichsten ist dabei der wohlhabende Teil der Gesellschaft. Diejenigen, die am wenigsten Sorgen haben, sehen in jedem Lebensmittel eine Lebensgefahr - es sei denn, es wird mit äußerster Sorgfalt eingekauft. Jeder Fitness- und Wellness-Welle folgen sie, um sich gegen die Gefahren der Zivilisation zu imprägnieren.
Unsere Kinder glauben wir ständig von Fremden bedroht - ungeachtet der Tatsache, dass die allermeisten Fälle von Kindesmissbrauch sich innerhalb der Familie ereignen -, und wir fahren unsere Kinder deswegen mit dem Auto zur Schule und ins Kino. Gleichzeitig sorgen wir uns um das Versiegen der Ölquellen, fürchten den Treibhauseffekt und wundern uns, dass unsere Kinder immer dicker werden.

In diesem Zustand gereizten, ängstlichen Jammerns verlieren wir das Vertrauen in alles, was sich Wissenschaft nennt und setzen lieber auf neue, "ganzheitliche" Methoden, auf Homöopathie zum Beispiel. Unsere Kinder lassen wir nicht mehr impfen, obwohl das vernünftig und sicher wäre, denn wir haben gehört, dass die Schulmedizin unvorhersehbare Nebenwirkungen haben kann.

Die Abkehr von der Rationalität zeigt sich auch in anderen Ängsten. Die Biotechnologie, durch die sich in vielen Teilen der Welt der Hunger mildern ließe, wird behindert durch die Angst der Wohlgenährten vor Frankensteins Monster, und das ungeachtet der Tatsache, dass Amerikaner seit über einem Jahrzehnt gentechnisch veränderte Nahrungsmittel essen - und zwar ohne Nebenfolgen.
Die Technikverächter planen dabei ihre Kampagnen übers Internet und mit Handys, während sie uns gleichzeitig erzählen, dass Handys und Sendemasten Hirnschäden verursachen. Belege dafür gibt es einmal mehr nicht. Es ist dieselbe Haltung, mit der vor gut 150 Jahren prophezeit wurde, Fahrgäste würden in Zügen ersticken, sollten diese schneller als 50 Stundenkilometer fahren. Das Problem ist: Damals handelte es sich um wenige Exzentriker, heute wird derlei Humbug von vielen verbreitet.

In unserer nach-rationalen Zeit ist das Konzept der "Lifestyle Correctness" entstanden, demzufolge eine gesunde, "natürliche" Lebensführung zwar nicht den Eintritt ins Paradies garantiert, vielleicht aber doch Gewissheit im Hier und Jetzt bringt. Vorstellungen vom gesunden Leben haben die alten Religionen abgelöst. Spiritualität bedeutet heute, sich bewusst zu ernähren, auf seinen Körper zu achten und Artifizielles, sei es Medizin oder Technik, zumindest rhetorisch abzulehnen.
Dass Gottessuche und gesundheitsbewusste Ernährung häufig miteinander einhergehen, ist Gesellschaftstheoretikern wiederholt aufgefallen. Die Australierin Deborah Lupton schreibt in ihrem Buch The Imperative of Health:

"In unserer weltlichen Zeit ist bewusste Ernährung, ist ein prononcierter Lifestyle die Alternative zum Gebet, zum gottesfürchtigen Leben; es ist eine Haltung, die dem Leben und Sterben Sinn verleihen soll. Nicht Gottesfürchtigkeit, sondern Gesundheitsfürchtigkeit ist heute der Maßstab für gute Lebensführung. Gesundheitspolitik und öffentliche Vorsorgeprogramme können demnach verstanden werden als Teil einer moralischen Ordnung der Gesellschaft, denn beide betonen die Bedeutung des ethisch richtigen Umgangs mit dem eigenen Körper."1

Die neue Gesundheitsreligion ermöglicht es vielen, ein moralisch positives Bild ihrer selbst zu entwerfen. Die religiöse Sicht von Gesundheit versetzt sie darüber hinaus in die Lage, abweichendes Verhalten von einem mit Autorität versehen Standpunkt aus zu kritisieren. Menschen, die sich weigern, Teil dieses "Zwangs-Gesundheitssystems" zu sein, sind in unserer ängstlichen - und immer weniger toleranten - Welt die neuen Außenseiter.
Für den britischen Arzt Dr. Michael Fitzpatrick ist um uns herum eine "Tyrannei der Gesundheit" im Entstehen. Täglich hat er in seiner Londoner Praxis mit Kranken, gelegentlich mit Sterbenden zu tun. Immer häufiger suchen ihn in seiner Praxis aber auch die "ängstlichen Gesunden" auf, Menschen, die die Angst vor ihrer Umwelt und die alltäglichen (fast immer unfundierten) Gesundheitswarnungen in seine Praxis treiben. Dazu kommen vermehrt auch Menschen, die fest davon überzeugt sind, sie seien krank, weil sie ein falsches Leben führten, weil sie gegen Ernährungsregeln verstoßen hätten oder sonst nachlässig seien.

In seinem Buch The Tyranny of Health: Doctors and the Regulation of Lifestyle formuliert Fitzpatrick seine einfache Botschaft: "Ärzte sollen ihren Patienten keine Moralpredigten halten, sie sollten sie behandeln." Und er führt den Mikrobiologen Renee Dubos an, der 1960 in seinem Buch The Mirage of Health schrieb:

"Ein weiser Arzt sagte einmal: ‚Zu den Aufgaben eines Arztes gehört, es den Patienten möglich zu machen, all die angenehmen Dinge zu tun, die schlecht für sie sind - zu viel rauchen, essen und trinken -, ohne dass sie sich dadurch früher als nötig umbringen.'"2

Für Fitzpatrick ist das die Aufgabe des Hausarztes. Der Hausarzt soll eben nicht ein Lifestyle-Lehrer sein, der seinen Patienten die Gesundheitsgebote des Staates predigt, und erst recht soll er nicht die Behandlung derjenigen ablehnen, die angeblich selbst schuld sind an ihrer Krankheit. Ein Arzt ist ein Arzt und kein Priester.

Fitzpatricks Plädoyer wie auch das von Petr Skrabanek, der befürchtete, wir steuerten dem "Tod der menschlichen Medizin"3 entgegen, erinnert an George Bernard Shaws Tirade gegen die Medizin. In einer Rede vor der Medical-Legal Society 1909 griff Shaw die Arroganz eines Berufsstandes an, der in die Bürgerrechte der Einzelnen auf eine Art und Weise eingriff, wie es in keinem anderen Bereich möglich wäre. Abschließend sagte Shaw:

"Ganz zum Schluss möchte ich ihnen Folgendes sagen: Sie müssen den Beruf des Arztes zu einem Teil der Gesellschaft machen, denn immer mehr Mediziner treibt es dahin, die Freiheit der einfachen Leute immer stärker einzuschränken - und dabei geht es um persönliche Freiheiten, die man nie, an keine Körperschaft abtreten darf."

Shaw ging es dabei nicht um eine mögliche Verstaatlichung des Gesundheitswesens. Er fügte erläuternd hinzu: "Um es ganz klar zu machen, Ärzte dürfen nie die Macht haben, Patienten zu etwas zu zwingen, nicht einmal zu deren eigenem Besten."
Shaws Ansichten irritierten seinerzeit die meisten Ärzte. Damals wie heute sind nur wenige Ärzte bereit einzugestehen, dass "Gesundheit" kein Ziel ist, das um seiner selbst willen verfolgt werden darf. Shaw sagte: "Benutzen Sie Ihre Gesundheit, benutzen Sie sie ruhig bis zum Letzten. Dazu ist sie da. Geben Sie alles, bevor Sie sterben."
Shaw greift hier ein altes russisches Sprichwort auf, das Sie, sollten Sie mich im bescheidenen Social Issue Research Centre in Oxford, dessen Direktor ich bin, besuchen, im Eingangsbereich sehen können: "Wenn Sie nicht trinken, wenn Sie nicht rauchen, dann werden Sie gesund sterben."

Samuel Longhorn Clemens, besser bekannt als Mark Twain, drückte etwas Ähnliches aus, als er schrieb:

"Es gibt Menschen, die auf alles Essbare, Trinkbare, Rauchbare verzichten, das ein irgend schlechtes Ansehen bekommen hat. Sie machen dieses Opfer für die Gesundheit. Und alles, was sie davon haben, ist Gesundheit. Wie merkwürdig. Es ist, wie wenn man ein Vermögen bezahlte für eine Kuh, die keine Milch mehr gibt."

Mark Twain warnte uns auch vor den möglicherweise tödlichen Folgen der Lektüre von Gesundheitsratgebern: "Sie könnten an einem Druckfehler sterben."
Heute, hundert Jahre danach, scheinen wir diese weisen, liberalen Einsichten vergessen zu haben - und das, obwohl es zahlreiche Belege dafür gibt, wie negativ sich der Gesundheitswahn auf Einzelne und auf die Gesellschaft auswirkt. Gehen wir etwas weiter in der Geschichte zurück, zur Französischen Revolution beispielsweise, stoßen wir auf die Ursprünge jener Kräfte, gegen die Shaw, Twain und viele andere angingen.
Im revolutionären Frankreich entstand eine Gesundheitspolitik mit dem Ziel, durch Anleitung in Ernährungs- und Gesundheitsdingen die Bevölkerung für die Revolution zu gewinnen. Es war deshalb vielleicht kein Zufall, dass der Leiter des ersten europäischen Ministeriums für Gesundheit (es wurde bereits 1789 gegründet) niemand anderes war als Dr. Guillotin - den meisten bekannt als Erfinder eines neuen Enthauptungsgeräts, der Guillotine. Skrabanek kommentiert diese Zeit so:

"Es ist ein Paradox des Zeitalters der Aufklärung, dass einerseits falsche Gewissheiten, religiöse Dogmen zerstört und die Menschen vom Aberglauben befreit wurden, andererseits aber gleichzeitig neue Ketten geschaffen wurden, die Menschen zu versklaven, indem man sie als Maschinen betrachtete, die von materialistischen und deterministischen Gesetzen bestimmt werden."4

In anderen Teilen Europas entstanden im 18. Jahrhundert verwandte Formen zwanghafter Gesundheitspolitik. In Deutschland trugen beispielsweise viele medizinische Journale in ihrem Titel den Ausdruck "Medizinalpolizei" und später auch "Gesundheitspolizei".5 Der Medizinhistoriker George Rosen ist der Meinung, das Konzept einer obrigkeitlichen Aufsicht über die Gesundheit sei Teil einer umfassenden politischen Bewegung gewesen, die darauf abzielte, den Wohlstand der Kaufleute und der Aristokratie zu sichern, indem die arbeitende Bevölkerung so gesund gehalten wurde, dass sie weiterhin ihrer Fronarbeit nachgehen konnte.
Paul Weindling vom Wellcome Unit für Medizingeschichte sieht darin eine Entwicklung mit sehr weit reichenden Konsequenzen:

"Die Medizin wandelte sich von einem freien Beruf zu einem, in dem der Arzt in die Rolle eines Beamten schlüpfte, der nicht die Interessen des einzelnen Patienten, sondern die der Gesellschaft und kommender Generationen vertrat."6

In Großbritannien schlug sich diese Konvergenz von staatlichen und medizinischen Interessen nach 1900 in der wachsenden Bedeutung der eugenischen Bewegung nieder. Für die Eugeniker konnte die Menschheit, wie bei der Tierzucht, dadurch verbessert werden, dass man die Reproduktion von Menschen minderer Qualität verhinderte und sie bei "besseren" Menschen förderte. Der Ausdruck "Sozialhygiene", der im Gefolge der eugenischen Bewegung entstand, verband eine derartige genetische Auswahl mit Themen wie Hygiene, Ernährung, Lebensführung und Kinderbetreuung. Während man zuvor Krankheiten eher als unvermeidliches Unglück angesehen hatte, wurde sie nun, zumindest teilweise, zur Folge ungesunden Verhaltens erklärt.

Diese gefährlichen Vorstellungen von "Volksgesundheit" wurden vor dem Ersten Weltkrieg auch von vielen Reformern aufgegriffen, da es im Boom von Gründerzeit, Gründerkrise und Industrialisierung in erster Linie darum ging, die Nation auf Vordermann zu bringen. Für die britische Charity Commission (eine Wohlfahrtsbehörde) wie auch für die meisten Mediziner war die Anzahl der "schmarotzenden" Armen in der Gesellschaft zu hoch. Vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrisen schien es unabdingbar, tätig zu werden. Eugenik wurde von fast allen politischen Lagern begrüßt. Viele Linke, Liberale und Rechte waren sich darin einig, dass der Staat Fortpflanzung und Lebensführung regulieren dürfe und müsse. Einigen Historikern zufolge ist diese Konvergenz von Medizin und Staat unter dem Banner der "Volksgesundheit" der direkte Vorläufer der völkischen Politik des Dritten Reichs.

Ähnliche Muster findet man heute auch bei supra-nationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Beispielsweise werden ohne Rücksicht auf Sinn und Zweck westliche (Gesundheits-)Konzepte in die Dritte Welt exportiert. So gibt es in Mosambik eine Kampagne, die die Bevölkerung über das Tragen von Sicherheitsgurten aufklärt ungeachtet der Tatsache, dass es im Lande nur wenig PKW-Verkehr gibt. Die bereits zitierte Deborah Lupton merkt hierzu an, der Gesundheits-Diskurs habe mittlerweile dazu geführt, dass "Gesundheit" zum Selbstzweck geworden und eben nicht mehr ein Mittel zum Zweck ist. Die WHO hat den Begriff so vergegenständlicht, dass sie Gesundheit definiert als "den Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und gesellschaftlichen Wohlbefindens". Dieser Satz lässt, gerade vor dem Hintergrund des soeben Ausgeführten, das Schlimmste befürchten. David Seedhouse, Direktor des neuseeländischen National Centre for Health and Social Ethics, gibt zu bedenken: "... in pluralistischen Gesellschaften muss jede Behauptung, man wisse objektiv, was ein gutes Leben ausmache, zumindest mit Vorsicht behandelt werden."7

Seedhouse tritt dafür ein, das Konzept des "Wohlbefindens" ganz aus den Aufgaben der WHO zu streichen. Nicht nur ist es reichlich verschwommen, es riecht auch verdächtig nach einer Politik, die schon von vornherein weiß, was für die Menschen am besten ist. Robert Downie und seine Kollegen treten mit ihrem Buch, einer der "Gesundheits-Bibeln", die von der WHO benutzt werden, auch gleich den Beweis an, dass sie zu jener Schule von Medizinern gehören, die nur das Beste wollen - und auch genau wissen, was das Beste ist. Downie und Kollegen führen aus, "Wohlbefinden" könne einerseits als subjektives Urteil verstanden werden, als die Selbsteinschätzung von Einzelnen über ihre körperliche und geistige Gesundheit. Gewöhnliche Sterbliche jedoch, schränken sie ein, könnten - im Unterschied zu Gesundheitspolitikern und Ärzten, muss man annehmen - leicht Illusionen anheimfallen, wenn es um ihr eigenes Wohlbefinden geht. Tatsächlich gehe es diesen Menschen nämlich nicht gut, denn: "Subjektives Wohlbefinden ... kann fiktiv sein, es kann von Einflüssen herrühren, die dem Funktionieren und der Entwicklung sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft zuwiderlaufen."8

Diese Sicht der Dinge bedeutet, dass die massige Dame aus Polynesien, die in ihrer Kultur ob ihrer Größe und ihres Umfangs hoch angesehen ist und die ein zufriedenes langes Leben führt, Opfer einer Illusion ist. Ihr Körpermassenindex (BMI) liegt über 30, und das lässt sich nicht mit der "objektiven" Definition der WHO für Wohlbefinden vereinbaren - die Dame ist übergewichtig. Man muss sie deshalb dazu "ermutigen", eine eher "normale" Statur zu bekommen, auch wenn das vermutlich für sie einen Verlust an Ansehen mit sich bringt und sie unglücklich machen wird. Dafür, dass sie dann wenigstens auch tatsächlich länger leben wird, gibt es keine Beweise.

Für Seedhouse und andere ist das Konzept der WHO, Wohlbefinden lasse sich objektiv messen, bloßes Vorurteil. Hinter diesem Vorurteil verstecken sich Gesundheitspolitiker, deren tatsächliche Vorlieben und Absichten, so Seedhouse, "nur allzu erkennbar sind".9
Kern der Gesundheits-Religion ist der Versuch, Risiken zu minimieren. Auf den ersten Blick scheint das ein schönes Ziel zu sein, eines, für das die Gesundheitspolitiker und -erzieher auch energisch eintreten. Die Anthropologin Mary Douglas und andere haben jedoch darauf hingewiesen, dass "Risiko" heute ein hochpolitisches, ein stark moralisch aufgeladenes Konzept ist. Risiko ist heute das weltliche Gegenstück zur Sünde. Sich einem Risiko auszusetzen dann, wenn auch andere Wege gangbar sind, wird als sündhaftes Handeln angesehen.

Das ist nicht alles. Risiko wird auch sehr einseitig definiert. Welche Aspekte eines Lifestyles sind besonders riskant und also sündig? Und welchen Teil der Gesellschaft muss man davon überzeugen, zum Wohle der Gesamtheit den Weg des Risikos zu verlassen? Das sind keine abstrakten Fragen; vielmehr deuten sie auf einen weiteren, fatalen Aspekt der Gesundheitsreligion hin - ihre kulturelle Einseitigkeit. Risiken werden von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft definiert, einem Segment der weißen Mittelklasse, von Gesundheitspolitikern, Pädagogen, Wissenschaftlern. Es handelt sich um Menschen, die mehrheitlich nicht rauchen, mäßig trinken und selten wechselnde Sexualpartner haben. In Fitness- und Tennisclubs trifft man sie relativ häufig, sie ernähren sich fettarm (und sie mögen einem äußerst langweilig vorkommen).

Rauchen, trinken, fett- und salzreich oder viel Süßes essen, zu wenig Bewegung und ungeschützter Sex mit wechselnden Partnern - all diese "riskanten" Verhaltensmuster finden sich vorwiegend in anderen Bevölkerungsschichten, bei den Ärmeren, bei Randgruppen und ethnischen Minderheiten. Änderungen im Lifestyle, wie sie die Vertreter der Gesundheitsreligion fordern, betreffen vor allem das Leben anderer Menschen. Es ist eine Moralkampagne, die andere ihres Fehlverhaltens wegen an den Pranger stellt. Charles Rosenberg, Professor für Wissenschaftsgeschichte in Harvard, formulierte es so:

"Kulturelle Werte und gesellschaftliche Stellung waren schon immer das Material, aus dem aus Eigeninteresse heraus epidemiologische Risiken konstruiert wurden. Die Armen, die Fremden, die Sünder waren allesamt zweckdienliche Objekte für derartige stigmatisierende Vermutungen."10

Die Gesundheitsapostel nehmen, wie Mary Douglas es ausdrückt, eine gesellschaftliche Position ein, die davon ausgeht, dass sich "gesellschaftliche Kräfte individuell beherrschen lassen". Auf Grund ihrer vergleichsweise privilegierten Stellung fühlen sie sich persönlich dazu verpflichtet, die Kultur, als deren Träger sie sich sehen, zu verteidigen. Folglich verschreiben sie der Gesellschaft einen Diät-Lifestyle, der ihren Werten entspricht. In seinem Buch The Pleasure Police formuliert es David Shaw etwas weniger akademisch als Douglas und Kollegen:

"Die Ärmeren, die Unterernährten, die Arbeitslosen und die Obdachlosen - wo immer sie auch leben, ob sie Kinder haben oder keine - sind nicht diejenigen, die Rauchverbote fordern, Silikonimplantate ablehnen oder fettiges Popcorn aus dem Kino verbannt sehen wollen... Die Alarmisten, die Kassandrarufer, die den Tod überall lauern sehen, sind fast immer Menschen von überdurchschnittlicher Bildung und mit hohem gesellschaftlichen Status, Menschen, die absolut sicher gehen wollen, dass sie so lange wie möglich leben und ihr Leben genießen können - was ihnen jedoch nicht gelingt, da ihre allgegenwärtigen Ängste ihnen die Energie und den Antrieb dazu nehmen, irgendetwas zu genießen. Aus ihren eigenen Ängsten versuchen sie gesetzliche Vorschriften zu machen, die dann dem Rest von uns den Spaß am Leben so gründlich wie möglich verderben."11

Verteufelt man diejenigen, die Risiken eingehen, übersieht man dabei, dass es gerade die Risikofreudigkeit unserer Vorfahren war, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Forschung, Fortschritt und soziale Experimente im Großen wie Kleinen sind nur möglich, wenn mit Gewohntem gebrochen und etwas Neues versucht wird. Das ist immer riskant. Geht man das Risiko nicht ein, wird man nie erfahren, was funktioniert und was nicht - jede Verbesserung wird unmöglich.

Zwar können wir Menschen versuchen, die Neigung, uns auf Risiken einzulassen, zu regulieren, so wie auch der Geschlechtstrieb und andere biologische Anlagen zivilisiert und reguliert worden sind. Eine Gesellschaft aber, deren oberstes Gebot die Vorsicht ist und die Risikofreude zur Sünde erklärt, können wir nicht schaffen.

Sobald unsere Gesellschaft zu sicher wird, versuchen wir fast zwanghaft, wieder Risiken in unser Leben einzuführen - man denke nur an das Bungee-Jumping. Eine derart sinnlose Freizeitaktivität lässt sich nur mit den Verschiebungen erklären, die unsere Gesellschaft in neuerer Zeit durchlaufen hat. Wenn Menschen dafür zahlen, um von Brücken zu springen und im letzten Moment von einem Gummiband dem Tod entrissen zu werden, muss etwas entscheidendes Anderes in ihrem Leben fehlen.
Die Überbetonung von Sicherheit und Gesundheit kann noch in ganz anderer Hinsicht ernste Folgen haben. Es wird schon heute immer häufiger die Frage diskutiert, inwiefern eine alternde Gesellschaft überhaupt nachhaltig ist. Die Krise des Rentensystems, die sich ergibt, wenn ein bedeutender Teil der Bevölkerung keiner Erwerbsarbeit mehr nachgeht, scheint kaum abwendbar. Schon wird über freiwillige Euthanasie, unterstützten Selbstmord diskutiert - aber diese Themen sind zu ernst und zugleich zu deprimierend, um sie hier weiter zu verfolgen.

Vielleicht können wir dieses Dilemma lösen, indem wir unsere Moralvorstellungen reformieren? Moral war schon immer bestimmt durch Umstände. Wäre es etwa vorstellbar, dass in Zukunft Raucher dafür bewundert werden, weil sie ihr Leben auf so selbstlose Weise verkürzen? Und könnte entsprechend die Chipstüte ihre Konsumenten als besonders uneigennützige, fast heilige Menschen auszeichnen, da ja Cholesterin, glaubt man unseren heutigen Gesundheitsaposteln, schnell zum Herztod führt? Wer weiß.

Bei einem gemütlichen Essen in Oxford, bei dem mehr als die empfohlenen drei täglichen Alkoholeinheiten zum Einsatz kamen, überredeten wir meinen alten Freund Desmond Morris dazu, für unsere Website einen Artikel zu schreiben über "Ernährung aus der Perspektive eines Zoologen". Wir dachten, er würde einen kurzen, witzigen Text abliefern, in dem es beispielsweise um Löwen ginge und ihre Vorliebe für Zebrafleisch. Stattdessen schickte er mir eine bewegende Schilderung vom Tod seiner Mutter, die kurz zuvor gestorben war.

"Bei Anblick dieses Mahls wäre ein Ernährungsbewusster vor Schreck umgekippt. Meine Mutter schaufelte ihren Teller bergvoll mit fettigem Grillfleisch und stopfte sich den Mund genüsslich voll. Wenn ich sage ‚genüsslich', meine ich, sie aß mit dem gierigen Vergnügen eines Raubtiers. Obgleich sie unter der Regentschaft von Königin Victoria geboren wurde, entsprachen ihre kulinarischen Neigungen doch mehr denen des 18. Jahrhunderts, einer Zeit, in der ein Festmahl noch ein Festmahl war und Wörter wie Diät, Tischmanieren und Health Food unbekannt waren. Während ich sie so sah und so gut es ging versuchte, es ihrem Appetit nachzutun, warf ich ein wenig von oben herab ein, sie könne, wenn sie so weitermache und sich nicht gesund und bewusst ernähre, mit einem frühen Tod rechnen. Von Sohn zu Mutter mag das recht barsch klingen. Wobei ich allerdings den Umstand mildernd anführen möchte, dass ich ihr das bei der Feier zu ihrem 99. Geburtstag sagte."12

Im Artikel folgen dann einige Seitenhiebe auf Gesundheitsapostel und, wie Desmond sie nennt, "Ernährungsfaschisten". Nach diesem Exkurs kehrt Desmond zur Geschichte seiner Mutter zurück:

"Als meine Mutter im Sterben lag (gerade rechtzeitig noch, wie sie sagte, um der Queen die Mühe zu ersparen, ihr zu ihrem Hundersten ein Telegramm zu schicken), fragte ich sie, ob sie irgend etwas wünsche. ‚Einen Gin Tonic', flüsterte sie. Ich musste ihr mit einem Strohhalm helfen. ‚Wenn ich schon gehen muss, dann lieber, wenn ich einen sitzen habe.'"

Für mich ist das Grund genug zu behaupten, dass schlechte Angewohnheiten ihren Wert haben - sie machen uns zu Menschen.

 

 

 


 

Dr. Peter Marsh ist Direktor des Social Issues Research Centre in Oxford (www.sirc.org). Dieser Artikel ist auch im britischen Novo-Partnermagazin Sp!ked erschienen (www.spiked-online.com).


 



 

ANMERKUNGEN

1 Deborah Lupton: The Imperative of Health: Public health and the regulated body, Sage Publications, 1995.
2 Renee Dubos: The Mirage of Health, Allen & Unwin, 1960.
3 Petr Skrabanek: The Death of Humane Medicine and the Rise of Coercive Healthism, Social Affairs Unit 1994.
4 ebd.
5 Es ist zu beachten, dass im 18. und teilweise auch noch im 19. Jahrhundert das Wort "Polizei" nicht die moderne Bedeutung hatte, sondern "Regierung", "Verwaltung", "Ordnung" hieß beziehungsweise "die Sorge eines Staates oder eines Gemeindewesens für das Gemeinwohl mittels obrigkeitlichen Zwanges".
6 Paul Weindling: Health, Race and Politics Between National Unification and Nazism 1870-1945, Cambridge University Press, 1989.
7 David Seedhouse: "Well-being: health promotion's red herring", in: Health Promotion International, 10, 1995, S. 61-67.
8 Robert Downie et al: Health Promotion. Models and Values, Oxford University Press, 1990.
9 David Seedhouse: "Well-being: health promotion's red herring", in: Health Promotion International, 10, 1995, S. 61-67.
10 Charles Rosenberg: "The definition and control of a disease", in: Social Research, 55(3), 1988, S.329.
11 David Shaw: The Pleasure Police, Doubleday, 1996.
12 Desmond Morris: "A little bit of what you fancy", zu finden unter: www.sirc.org/articles/desmond.html.



 



   
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