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Inside Tanz der Therapeuten
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Sie möchten sich mal so richtig wohlfühlen? Tillmann Prüfer hat einen Tipp: Besuchen Sie keinen Wellness-Kongress!.
Verdammt, wie will ich liegen? Wie soll ich mit meinem Leben zurechtkommen, wenn ich denn nicht einmal weiß, was für mich die "allerbequemste" Liegeposition ist? Ich frage mich, ob es besser gewesen wäre, vor dem autogenen Training pinkeln zu gehen. Nun drückt es etwas unter meinen Sonnengeflecht, und ich renne innerlich der von dem Trainer auf dem Podium angemahnten Entspannung hinterher. Ich wusste nicht, dass autogenes Training auch Wellness ist, dachte, es ginge mehr um Schlammpackungen und Ölbäder. Aber der Trainer, der hier etwa 50 Frauen in fliederfarbenen Fitnessdresses und mich auf dem "Body-Life"-Wellness-Kongress in Neuss anweist, sagt, Wellness käme von innen. Also liege ich hier und mobilisiere meine innere Schönheit. Auf dem Boden der Stadthalle von Neuss. Ich sollte aber woanders sein, auf einer innerlichen Reise. Wir dürfen reisen, wohin wir wollen, sagt der Trainer. Leider hat er aber eine CD mit Meeresrauschen eingelegt. Damit ist klar, wo es hingeht. Die blondierten Damen um mich herum sind offenbar alle schon abgereist, treffen sich alle an demselben Strand derselben Karibikinsel wieder, winken einander zu und trinken Pina Colada. Ich aber liege in der Stadthalle von Neuss. Und meine Gedanken reiten in die Vergangenheit, ich versuche, mich ihnen entgegenzustellen, rufe in mein Inneres: "Hat nicht gestern jemand in einem Seminar gesagt, man solle nicht nach-denken, sondern vor-denken?" Doch sie galoppieren rücksichtslos über mich hinweg wie eine Banditenbande in einem Wildwestfilm. Wühlen den Staub unerfüllter Liebeshoffnungen auf und biegen dann ab in Richtung des Tals der komplizierten Kindheit, sie machen mir nicht mal den Gefallen, beim Hotel Lanserhof in Innsbruck anzuhalten. Das wäre jetzt ein super Reiseziel, denn dort hatte ich meine erste Begegnung mit Wellness. Es war ein unglücklicher Zusammenprall, wir waren nicht aufeinander vorbereitet, ich nicht auf die Wellness, die Wellness nicht auf mich. Ich hatte einen Termin bei Innsbruck und war dort einquartiert worden. Es war eine lausige Anreise, und als ich spätabends ankam, war ich ausgehungert wie ein Wolf nach einer Wüstendurchquerung. Mit hängenden Lefzen stand ich vor der Dame an der Rezeption, sagte etwas, bei dem das Wort "Essen" eine tragende Rolle spielte. Die Dame sah mich an und schwieg, ihre Augen forschten in meinen Augen nach Anzeichen von Demenz. Ich hob an und kredenzte einen neuen Satz, dessen Worte ich diesmal um den Begriff "Hunger" arrangierte. Da antwortete die Frau, so freundlich es eben ging: "Das hier ist ein Wellness-Hotel, unsere Gäste heilfasten, es gibt nichts zu essen." Ich wurde zunächst ohne Abendessen ins Bett geschickt, später brachte man mir etwas Avocadocreme und Graubrot. Am nächsten Morgen musste ich früh raus. Ich bestellte in der Lobby einen Kaffee, die Bedienung sagte: "Wir sind ein Wellness-Hotel, es gibt keinen..." Mit halbgeschlossenen Augen suchte ich meinen Weg nach draußen, mir half bei der Orientierung der Zigarettengeruch (ich wusste noch vom Vorabend, dass vor den Hotelpforten qualmende Männer standen). Mir persönlich genügte diese Erfahrung, ich bin nachtragend und kann lange von meinen Vorurteilen leben. Ich kann ausdauernd grimmig gucken, und wenn ich mich schlecht behandelt oder missverstanden fühlte, rufe ich schon mal im Pentagon an und bestelle bei Donald Rumsfeld eine Bombardierung (nur in Gedanken, ich kenne die Nummer nicht). Leider ist es so, dass der Grimm in meinem Gesicht mittlerweile eine solche Präsenz feiert, dass Zollbeamte mich nicht mehr auf meinem Passfoto erkennen, weil ich dort lächle. Es ist also Zeit für New Life Balance, Zeit für Power Performance, Zeit für Soma-Massage, Thallasso, Aromatherapie, Farbsauna, Ajurveda und Anti-Aging. Ich bin offenbar reif für alles, was auf diesem Kongress angeboten wird: Zeit für Wellness. Ich muss mich nur dafür öffnen. Wellness liegt immerhin so im Trend, dass der Wellness-Sektor als "der größte Nachfrageboom der Zukunft" und der medizinische Komplex in vielen Industrienationen als "größten Säule der Volkswirtschaft" gehandelt wird. Das Markforschungsinstitut Wefa beziffert das Jahresumsatzvolumen von 2002 mit 38,6 Milliarden Euro. Und manch darbende Industrie sieht darin die Rettung. So hofft Georg Schweiger, Verkaufschef der Textilfirma Wolff: "Wellness-Produkte könnten sicher einen Teil der rückläufigen Nachtwäscheumsätze im Markt kompensieren." Der Sockenhersteller Kuhn hat schon reagiert und brachte die "Wellness-Socke" auf dem Markt. Es ist, nun ja, eine Socke. Die Wellness-Welle ist so in Fahrt, dass es niemanden gibt, der nicht darauf reiten möchte. Stattete die Haarartikel-Firma Wella früher ihre Frisörsalons mit Haartrocknern aus, sind es nun "Haarsaunen". Der Lebensmittelkonzern Nestlé, der noch vor wenigen Jahren versuchte, Gen-Food auf dem Süßigkeitenmarkt zu etablieren, glänzt nun mit Wellness-Riegeln. Bei den Touristikveranstaltern haben die Wellness-Urlaube im vergangenen Jahr um 140 Prozent zugelegt. In Fitness-Häusern werden die Kraftmaschinen abgebaut und gegen Apparate ersetzt wie den "Whole-Body-Vibrator": eine Maschine, die den Körper Schwingungen aussetzt, als sitze man auf einer Waschmaschine im Schleudergang. Es rüttelt angenehm. Es soll sogar die Muskeln trainieren, sagt der Hersteller - aber glücklicherweise muss man sich kein bisschen anstrengen. Mittlerweile gibt es kein Hotel mehr, das die hauseigene Sauna als sicheren Beleg für einen "Wellness-Bereich" heranzieht. Es geht noch weiter. Fitness-Unternehmensberater Jörg Hidding findet, dass das "ganzheitliche Erlebnis des Duschens" noch gar nicht für den Markt entdeckt ist. Wer auch dem Stuhlgang etwas Ganzheitliches abgewinnen kann, darf sein Klo demnächst als Wellness-Zone labeln. Auf dem Body-Life-Kongress habe ich den Fehler gemacht, mich einem Body-Check zu unterziehen. Zuerst ein Collagentest; ein Ultraschallgerät horcht in meine Hautstruktur hinein und meldet: alles tipptopp. Mein Bindegewebe ist straffer als das von Claudia Schiffer. Ich schlendere weiter zur Körpergewichtsanalyse. Der Computer ermittelt einen Körperfettanteil von 6,3 Prozent. Das bedeutet, ein Schlachter würde mir wunderbar mageres Fleisch von den Schenkeln schälen. Bedeutet aber auch, dass ich in Begriff bin, fettmäßig komplett abzuschmieren, meint der Berater. Ich könnte leicht krankenhausreif werden, wenn ich nicht "was mache". Was genau ich machen soll, weiß er nicht, er sei nur für Übergewichtige zuständig, erklärt er mir. Irritiert gehe ich zum "Age-Scan": ein Maschinchen, das mein biologisches Alter schätzt. Nachdem ich verschiedene Sensoren betatscht, bepustet und gequetscht habe und der Computer (wegen Windows) einmal abgestürzt ist, findet der Apparat, mein biologisches Alter sei 58 (was mein "chronologisches Alter" um kühne 29 Jahre übertrifft). Dazu sagt die Maschine, ich habe einen Händedruck wie ein 90jähriger und puste, als sei ich 67. Der betreuende Arzt wird hektisch, sagt, das sei nicht so gemeint und das Ergebnis stark von der Tagesform abhängig, ich sähe auch ja ganz müde aus, habe ich vielleicht eine Allergie. "Nö, habe ich nicht", sage ich. "Aber es gibt auch Allergien, die merkt man gar nicht", sagt er Arzt, "die haben gar keine Symptome." Über seinem Kopf erscheint eine Denkblase, in der steht: "Wenn dieser Journalist schlechte Erfahrungen mit meinem Age-Scan-Apparat macht, wird er bestimmt kein gutes Wort über meine Anti-Aging-Klinik in der Schadowstraße 48/50 in 40212 Düsseldorf verlieren, für die er doch lieber Werbung machen soll." Ich lasse den Klinikchef, seine Denkblasen und seinen rüpelhaften Computer allein und schleppe mich weiter. Journalisten, so heißt es, erreichen ein Durchschnittsalter von 58 Jahren. Meine Bank kann den Kredit, den sie mir kürzlich gegeben hat, also abschreiben. Wir atmen weiter gaaaanz ruhig. Wir spüren unseren Kopf. In unserem Kopf erscheint ein Wort, ein Wunsch, der uns jetzt ganz erfüllt, alles in uns wird dieses Wort, dieser Wunsch wird alles in unserem Körper, wir sich nur noch dieser Wunsch. So
haucht der Autogen-Trainer, aber so tief ich auch in meinen Körper
hineinfühle, ich finde dort nur Krankheit. Ich bin einen Tag auf
einem Wohlfühl-Kongress und fühle mich wie ein lebender Toter. Das charmanteste Zeichen für den Krankheitskult ist, dass die Kultstätten des Siechtums wieder aufgemöbelt werden: die Kurkliniken. Vor wenigen Jahren waren die Kurorte in der Krise. Galten als Reiseziele von Menschen, die sich rasant auf den Termin beim Bestatter zubewegten. Heute freuen sie sich auf "ungeahnte Potenziale", wie Consultant Jörg Hidding bestätigt. Das Schönste dabei ist: Die Kurkliniken müssen nicht viel ändern, außer sich in Wellness-Kliniken umzubenennen, um Zulauf von 30-Jährigen zu bekommen. Wir sind ein Volk von gefühlten Rentnern geworden. Wir wachen jetzt auf, gaaaanz langsam. Holen tief Luft, schütteln jetzt ein bisschen die Hände, bewegen die Füße. Wir kehren von unserer Reise zurück. Wir sind jetzt wieder in der Stadthalle von Neuss. Neben mir rühren sich die fliederfarbenen Damen, lächeln, strecken sich. Ich liege da, starre auf die Holzvertäfelung und überlege, was man wohl im Pentagon meinen würde, wenn ich dort vorschlüge, die Schadowstraße in Düsseldorf zu bombardieren. Oder die Stadthalle von Neuss. Darf Rumsfeld sich aussuchen. Hat jemand seine Nummer?
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