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"Kein Blut für Öl!" und ähnliches skandierte die internationale Friedensbewegung. Für Brendan O'Neill sind das einfältige und weltfremde Sprechblasen.
Der Slogan "Kein Blut für Öl" wird in vielen Teilen der Friedensbewegung gebetsmühlenartig wiederholt. Viele Kriegsgegner sehen das Interesse an den im arabischen Raum lagernden weltweit größten und einfach zu fördernden Ölreserven als Hauptursache für die amerikanische Aggression. Doch ist Amerika wirklich in den Krieg gezogen, weil die Bush-Familie ihre schmierigen Finger nach noch mehr Öl ausstreckte? Zweifellos ist die Frage, was nach dem Ende des Krieges mit dem irakischen Öl passiert, für die Bush-Regierung von großer Bedeutung. Aber das Krieg-für-Öl-Argument ist alles andere als das Produkt einer tief gehenden Analyse der ökonomischen Dimension der Irak-Krise. Im Gegenteil: Die Popularität solcher Theorien zeigt vielmehr, wie sehr die Antikriegs-Haltung heute zu einer leeren und zynischen Position verkommen ist. "Kein Blut für Öl" ist als griffiger Slogan ausgezeichnet dazu geeignet, die eigene Unzufriedenheit und Skepsis gegenüber allem, was man nicht mag, zum Ausdruck zu bringen - gegen Politiker und Institutionen, gegen den Kapitalismus, gegen Öl-Barone und Autofahrer. Zwar
ist es richtig, dass der Irak einer der wichtigen "Öl-Staaten"
ist. Er besitzt geschätzte 11 Prozent der weltweit nachgewiesenen
Ölreserven und steht damit gleich auf dem zweiten Platz nach Saudi
Arabien, das 25 Prozent besitzt. Es wird davon ausgegangen, dass in irakischer
Erde zwischen 120 und 200 Milliarden Barrel Öl lagern - genug, um
den amerikanischen Öl-Bedarf für 20 Jahre zu decken. Die Antikriegs-Demonstranten wiesen immer wieder darauf hin, dass Präsident Bush enge Beziehungen zur Öl-Industrie unterhalte. Tatsächlich stammt er aus einer langen Tradition von Öl-Baronen; sein Vize-Präsident Dick Cheney war führendes Mitglied der Ölfirma Halliburton; und nach seiner Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice wurde sogar ein Öltanker benannt. Aber die "Enthüllung", dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Unterstützung durch Kapitalisten hat, kann nur die Naivsten unter uns schockieren. Von Franklin D. Roosevelts Beziehungen zur Eisenbahn bis hin zu Ronald Reagans Werbung für die amerikanischen Wirtschaftsinteressen in Übersee - amerikanische Präsidenten haben schon immer die Unterstützung der Wirtschaft gesucht. Der Wirtschaftsjournalist Michael Hirsh machte in einem Artikel in der amerikanischen Wochenzeitung Newsweek deutlich, dass ein Krieg für Öl keinen Cent bringt: "Die Ausgaben für einen amerikanischen Krieg und der späteren Besetzung übertreffen den Nutzen des irakischen Förderungsvolumens von 2,5 Millionen Barrel Öl pro Tag bei weitem. Selbst eine zweite Legislaturperiode von Bush wäre lange vorbei, bevor die zerstörte irakische Wirtschaft wieder in der Lage wäre, ihr volles Potenzial von 6 Millionen Barrel oder mehr zu realisieren."1 Warum
ist trotz allem die Sichtweise, dass es im Golfkrieg ums Öl ging,
so populär? Das Argument hat Tradition! Schon immer hat die alte
Linke versucht, eine direkte ökonomische Erklärung für
westliche Kriege zu finden, anstatt die unterschiedlichen Facetten militärischer
Interventionen zu verstehen. Sehr häufig wurde daher Kriegen eine
mitunter seltsam klingende ökonomische Dimension angedichtet, um
somit der eigenen plumpen Weltsicht Legitimation zu verschaffen. Doch diese humanitären Aktionen waren weder humanistisch motiviert, noch geschahen sie aus moralischer Selbstlosigkeit: Sie wurden vor allem aus innenpolitischen Motiven in Szene gesetzt. Nach dem Ende des Kalten Krieges versuchten westliche Eliten, über "gerechte" und humanitär motivierte militärische Aktivitäten die moralische Unterstützung und das Selbstvertrauen zurückzugewinnen, die sie in der Innenpolitik verloren hatten. Diese "humanitären Kriege" führten zu großer Verwirrung unter den Kriegsgegnern, da ihre ökonomisch orientierten Argumente zunehmend realitätsfremder wurden. In
den 90er-Jahren gingen in der Konsequenz viele Liberale und Linke, die
früher ausgesprochene Gegner von westlicher Intervention gewesen
waren, dazu über, humanitäre Interventionen zu befürworten.
Sie konnten dem Argument, dass etwas gegen die Verletzung der Menschenrechte
vor Ort getan werden müsse, nichts entgegensetzen. In der breiten Öffentlichkeit fand die Theorie, dass Kriege wegen des Öls geführt werden, indes nur wenig Unterstützung. Zu unglaubwürdig schien es, dass hinter dem Kosovo-Konflikt oder der Intervention in Somalia wirklich die Öl-Lobbyisten stecken sollten. Stattdessen machte sich Zynismus gegenüber der amerikanischen Außenpolitik breit: Viele glaubten, dass der damalige US-Präsident Bill Clinton in anderen Ländern Krieg führte, um von den innenpolitischen Problemen abzulenken. So habe Clinton 1998 den Irak und 1999 das Kosovo bombardiert, um von seinem Sex-Skandal abzulenken. Heute
regiert George W. Bush die Vereinigten Staaten, und die Krieg-für-Öl-Theorie
ist nicht nur rehabilitiert, sondern erlebt eine neue Hochphase. Natürlich
gibt die Person Bushs Anlass, dieser Idee zu neuem Leben zu verhelfen:
schließlich ist er der Prototyp des texanischen republikanischen
Ölbarons. Sogar
während des Afghanistankrieges wurde diese Theorie hervorgekramt.
Viele Demonstranten argumentierten damals, im "Krieg gegen den Terror"
gehe es in Wirklichkeit darum, ein US-freundliches Regime an die Macht
zu bringen, um den Zugang zu den Öl-Reserven am Kaspischen Meer zu
garantieren. Die Krieg-für-Öl-Theorie wurde zur Alternativerklärung
des "Krieges gegen den Terror", der offensichtlich in dieser
Form nicht glaubwürdig war und nicht akzeptiert wurde. Gegen
den Krieg zu sein, bedeutet heute nicht, dass man sich deutlich und grundsätzlich
gegen westliche Interventionen ausspricht, sondern es zeigt nur, dass
man politischen Führern und Institutionen nicht mehr glaubt und frustriert
und misstrauisch ist. Die Friedensbewegung missversteht nicht nur moderne Konflikte - sie liefert auch keine überzeugenden Argumente gegen den Krieg. Anstatt die innenpolitische Krise der Bush-Regierung unter die Lupe zu nehmen, suggeriert die Demonstration von Greenpeace bei Esso, das eigentliche Problem sei Bushs "Abhängigkeit" vom Öl. Diesem narrenhaften Verständnis internationaler Politik zufolge müssten wir einfach nur aufhören, Erdöl zu nutzen, um den Weltfrieden herzustellen. Es bleibt zu hoffen, dass die Antikriegs-Bewegung endlich ihre eigene Abhängigkeit vom Öl überwindet und möglichst bald im 21. Jahrhundert ankommt.
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