Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Jennie Bristow:
Vom 11. September zum Irakkrieg
Phil Mullan:
Bomben auf Bagdad - Alarm an der Börse
[Heft S.12]
Brendan O'Neill:
Die erfundene Welt der Öl-Fetischisten
Josie Appleton:
NGOs als Kriegsgewinnler
[Heft S.16]
Klaus Bittermann:
Alte und neue Kriege
[Heft S.19]
Jennie Bristow:
Die verschwundenen Millionen oder Sprachlosigkeit verbindet
[Heft S.20]
WELLNESS &
KÖRPERKULT
Matthias Heitmann und Eva Balzer:
Leben zwischen Yin und Yang
Erland Erdmann:
Fischgalle gegen Gelbsucht?
[Heft S.25]
Tillmann Prüfer:
Tanz der Therapeuten
Peter Marsh:
Schlechte Angewohnheiten, sie leben hoch!
Hans-Joachim Maes:
Einheit mit dem Kosmos - all inclusive
[Heft S.32]
Michael Breu:
Quanten-Kügelchen?
[Heft S.35]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Peter Treue:
Party mit dem Tod
Ulrike Gonder:
Lieber fit und fett als schlapp und schlank
Hubert Markl:
Ist der Mensch biotechnisch optimierbar?
[Heft S.44]
Stuart Derbyshire:
Ansteckende Ängste
Helene Guldberg:
Björn Lomborg - Opfer der Öko-Inquisition
[Heft S.53]
Alexander Gourevitch:
Länger leben mit Chemie
Dan Goodman:
Wählerfang mit Walen
Timandra Harkness:
Tiefe Einblicke
[Heft S.61]
Norman E. Borlaug:
Nicht die Wissenschaft, der Hunger ist der Feind
Edgar Gärtner:
Lieber verbrannt als vergiftet?
[Heft S.64]
POLITIK &
GESELLSCHAFT
Jim Butcher:
Ökotourismus - Elend als (Urlaubs-)Ziel
Matthias Heitmann:
Weise aus dem "Morgen-Land"?
[Heft S.70]
Sabine Rothemann:
Das Konzept Ich-AG
[Heft S.76]
MEDIEN &
KULTUR
Vicky Richardson:
Libeskind: Das Trauma als Bauwerk
Stefan Ehrhardt:
Fußball made in USA: Im Abseits oder mittendrin?
[Heft S.78]
Bernd Herrmann:
100 Jahre Tour de France
RUBRIKEN
STICHWORT
Krieg der Impressionen
von Sabine Reul
EINSPRUCH
von Thomas Deichmann:
Schon wieder die UNO?
UPDATES
von Matthias Heitmann
[Heft S.21]
MITTE
Michael Najjar
[Heft S.42]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.66]
SCHÖNE NEUE WELT
von James Woudhuysen
[Heft S.73]
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann: Vom Becken- zum Ökobauer
[Heft S.81]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.82]
|
Vom 11. September bis zum Irakkrieg: Was ist geschehen?
Was haben Osama bin Laden, die Taliban und der Irak gemeinsam? In der
Realität nichts, aber in den Angstträumen des Westens spielen
sie die Hauptrollen. Von Jennie Bristow.
Aus der täglichen Flut der Nachrichten und Analysen aus dem Irak
werden wir nicht unbedingt klüger. Das gilt für die aktuellen
Ereignisse auf dem (Nach-)Kriegsschauplatz und erst recht für die
Ursachen und möglichen Folgen der US-geführten Intervention
am Golf. Und während wir staunend und verwirrt dem Gang der Dinge
folgen, wird eine entscheidende Frage nicht gestellt: Wie sind wir eigentlich
vom 11. September dahin geraten, wo wir nun sind? Warum folgte auf die
großen Terroranschläge in New York und Washington ein Krieg
gegen den Irak? Wie wurde aus dem reaktiven Krieg gegen den Terror des
obskuren staatenlosen Al Quaida-Netzes Osama bin Ladens ein gezielter
Feldzug gegen den Staat an Euphrat und Tigris? Wieso hat sich unsere um
multilaterale Institutionen wie Nato, Europäische Union und Vereinte
Nationen fest strukturierte Welt in eine verwandelt, in der die Vereinigten
Staaten und Großbritannien alleine Krieg führen mussten?
Dazu
gibt es verschiedene Hypothesen. Besonders gängig ist die Vorstellung
einer Verschwörung der "Falken" im Weißen Haus. Seit
dem 11. September 2001 hätten bestimmte Mitglieder der Bush-Regierung
gezielt den insgeheim schon lange geplanten Krieg gegen Saddam Hussein
vorbereitet. Doch was wir seither erleben, ist alles andere als eine konzertierte
weltpolitische Strategie Amerikas. Der Eindruck ist eher, dass alles zunehmend
ungewollt und unkontrolliert aus dem Ruder gelaufen ist.
Um diese Entwicklung zu begreifen, muss man zunächst die Zeit vor
dem 11. September betrachten. Der 11. September wurde zum Katalysator
politischer Entwicklungen, die ohnehin bereits im Gange waren. Es ist
in diesem Sinne durchaus passend, dass die Vereinigten Staaten sich heute
genau dort befinden, wo sie schon vor einem Jahrzehnt waren: in einem
nicht enden wollenden Konflikt mit dem Irak.
Kultur
der Angst
Von Anfang an lag die wirkliche Brisanz des 11. September weniger im Terrorakt
als solchem - so barbarisch und erschreckend er auch war -, sondern in
den Reaktionen, die er im Westen auslöste. Die Anschläge auf
New York und Washington waren nicht der Beginn einer großen Welle
des Terrorismus, wie viele seinerzeit befürchteten. Es gab seither
nur einen vergleichbaren Anschlag, nämlich am 12. Oktober 2002 auf
Bali, und vergleichbar mit den Ereignissen vom 11. September war er wohl
nur, was die Sinnlosigkeit des Terrorakts betraf, der sich dieses Mal
nicht einmal gegen ein politisch bedeutsames Ziel richtete, sondern gegen
junge westliche Touristen in einer Diskothek.
Der 11. September wurde zum Katalysator der bestehenden Verunsicherung
und Angst im Westen und rückte sie zugleich in den Mittelpunkt des
politischen Geschehens. In den Vereinigten Staaten wich die Empörung
über den brutalen Angriff auf eines der wichtigsten Symbole amerikanischer
Macht der Erschütterung, als die Nation sich in der Trauer um die
Toten vereinte. An die Stelle des Vertrauens in die Fähigkeit des
mächtigen Amerika, den nihilistischen Akten einer kleinen Gruppe
von Attentätern die Stirn bieten zu können, trat die Furcht
vor möglichen weiteren Angriffen. Auch der Patriotismus gewann vor
diesem Hintergrund den Charakter einer Art nationaler Gemeinschaft der
Verwundbaren, in der die Nation unter ihrer Fahne eher kauerte als hinter
ihr stand. Innerhalb weniger Tage wurde die Kultur der Angst zum prägenden
Motiv der Reaktionen auf die Anschläge - nicht nur in Amerika, sondern
weltweit. Und als manche Kommentare in Europa und in den Vereinigten Staaten
selbst die Frage aufwarfen, ob Amerika diesen Angriff nicht "verdient"
habe, war absehbar, worauf diese Debatte hinauslaufen würde.
Der
11. September wurde nicht als Affront gegen die Errungenschaften der entwickelten
Welt und deren Werte betrachtet, sondern als schreckliche, aber unausweichliche
Folge einer unsicheren Welt. Der Westen habe die Welt nach seinen Vorstellungen
geformt und müsse dafür nun mit der Angst leben, war die Lehre,
die aus dem Terrorakt gezogen wurde. Die Frage ist, warum die Gesellschaft
für diese Interpretation der Ereignisse so empfänglich war.
Die
Politik der Risikoangst
Die Kultur der Angst ist keine spontane Reaktion auf reale Gefährdungen.
Der weltweiten Panik über mögliche Anschläge mit Milzbranderregern
entsprach beispielsweise keine ernsthafte Bedrohung. Unsere Neigung zu
Angst vor allen möglichen Dingen - von Kindesentführungen über
Nahrungsmittel bis hin zu Mobiltelefonen - rührt nicht daher, dass
das Leben riskanter geworden sei. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der
Fall.
Die Kultur der Angst ist ein Reflex auf die Schwäche der politischen
Eliten und ihre Unfähigkeit, die Gesellschaft zu führen. Diese
haben im vergangenen Jahrzehnt eine tiefgreifende Desorientierung erlebt.
Der alte Gegensatz zwischen Links und Rechts, der sowohl die Innenpolitik
als auch die internationale Ordnung prägte, besteht schon lange nicht
mehr. Stattdessen haben wir eine Elite, die moderne kapitalistische Gesellschaften
mit all ihren Problemen und Widersprüchen verwalten muss, ohne eine
eigene Vision der Zukunft oder einen Gegner zu haben, für oder gegen
den man sich organisieren könnte. Die politischen Eliten sind sich
der Probleme der Gesellschaft schmerzlich bewusst, haben aber keine Konzepte
für Lösungen. Das ist der Ausgangspunkt des Risikobewusstseins.
Risiko
als soziale Kategorie repräsentiert Anpassung an eine problembeladene
Welt. Sie impliziert, dass die Gesellschaft unlösbare Probleme aufweist,
die sich nur verwalten lassen. Politiker betrachten sich in diesem Rahmen
nicht mehr als Träger einer sozialen Vision, sondern als Verwalter
des Risikos. Das Ziel ist nicht mehr die Lösung sozialer Probleme,
sondern deren Eindämmung - oft durch immer weitreichendere Regulation
individuellen Verhaltens.
Diese Perspektive mag als Antwort auf eine angeblich endemisch krisenhafte
Welt plausibel erscheinen, ist aber als Strategie problematisch. Es handelt
sich hier um eine durchweg passive, negative Philosophie. Statt Menschen
durch eine Vision oder ein Anliegen zu motivieren, beeinflusst man sie
durch Verängstigung und erinnert sie ständig an ihre persönliche
Verletzlichkeit. Doch sobald man die Risikovermeidung zur genuinen Aufgabe
politischer Führung bestimmt hat, wird die Unfähigkeit der Politik,
eine gänzlich sichere Welt zu schaffen, zum Gegenstand von Unmut.
Das war eine harte Lehre aus dem Anti-Terror-Krieg.
Die
amerikanische Regierung reagierte auf den 11. September mit dem Versuch,
die Nation und die ganze westliche Welt um eine angemessene Antwort auf
die Terrorangriffe zu vereinen. In Ermangelung positiver Empfindungen,
auf die sie bauen konnten, spielten die Regierungen der Vereinigten Staaten
und anderer westlicher Länder mit der Ängstlichkeit der Gesellschaft.
Von neuen Sicherheitsvorkehrungen und -gesetzen bis zu großspurigen
Verlautbarungen über den Kampf gegen die "Achse des Bösen"
manifestierte sich das Bestreben, die Menschen in der Furcht vor dem Terror
zu vereinen und Schutzmaßnahmen zur Stärkung der eigenen Legitimation
zu nutzen.
Doch das funktionierte nicht besonders gut. Statt Menschen einander näher
zu bringen, verstärkte die Kampagne gegen den Terror nur gegenseitiges
Misstrauen und vertiefte das Empfinden von Ohnmacht und Vereinzelung.
Statt westlichen Politikern als Beschützer in einer verängstigten
Welt neue Kraft und Legitimation zu verleihen, verstärkte diese Strategie
nur die schon bestehenden Zweifel an der Legitimation der politischen
Eliten.
Legitimationskrise
Dass sich die Kluft zwischen Bürgern und Politikern ständig
erweitert, ist ein zentrales Phänomen unserer Zeit. Ohne gesellschaftliche
Alternativen oder greifbare Zukunftsvisionen führte das vergangene
Jahrzehnt in den westlichen Gesellschaften zu einer ständig fortschreitenden
Entfremdung zwischen Bürgern und politischen Parteien.
In den USA wurde mit den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 und
ihren Sonderbarkeiten bei der Stimmenauszählung die Korruption des
politischen Systems zum zentralen Thema. Selbst heute gilt die Präsidentschaft
von George W. Bush in manchen Kreisen als illegitimer historischer Zufall,
der mit besserer Technologie gar nicht erst eingetreten wäre. Doch
da die Demokraten weder überzeugende Themen noch Personen vorweisen
können, bestehen für Bush-Gegner wenig Möglichkeiten der
politischen Artikulation.
Auch
in England folgte auf den spektakulären Wahlsieg Tony Blairs 1997
vier Jahre später ein dramatischer Einbruch und die niedrigste Wahlbeteiligung
seit Jahrzehnten. Mangels überzeugender Alternativen blieb Blair
mit seiner New Labour Party 2001 im Amt, doch noch nie waren die britischen
Wähler so wenig begeistert an die Urnen gezogen. Im übrigen
Europa ging zu gleicher Zeit die Sorge um, dass rechtsextreme Parteien
aus der Entfremdung der Bürger vom politischen System profitieren
könnten, während in Deutschland das Ende der ersten Amtszeit
der rot-grünen Koalition von politischer Lähmung und ausgeprägter
Unzufriedenheit der Wähler gekennzeichnet war.
Die Legitimation der politischen Eliten steht heute in der ganzen westlichen
Welt auf dem Prüfstand. Da ihnen Konzepte oder Visionen fehlen, ist
die Stimmabgabe für den einen oder anderen Parteienvertreter inzwischen
ein arbiträrer Akt, dem keine wirkliche Identifikation mit Personen
oder Programmen mehr innewohnt. Die Politiker wissen das und fürchten
sich vor den Folgen. Gesellschaften, die von der "Nicht-in-meinem-Namen"-Haltung
geprägt sind, wie sie in den Antikriegsprotesten zum Ausdruck kam,
lassen sich schlecht führen. Zugleich macht jeder Versuch, Kohärenz
durch Appelle an Angst und Unsicherheit zu stiften, die Lage nur schlimmer,
weil das die Schwäche der Politik hervorhebt und letzten Endes auf
sie selbst zurückschlägt. Die innenpolitische Botschaft im Krieg
gegen den Terror lautete zusammengefasst: "Schützt Euch."
Solche Botschaften können den Eindruck, dass die Politik unfähig
ist, die Lage unter Kontrolle zu bringen, nur bestätigen.
Dieses
Misstrauen ist einer der Gründe, weshalb die Kultur der Angst die
Gesellschaft heute so nachhaltig prägen kann. Da denen "oben"
nicht zu trauen ist, sind die Individuen in ihrer Isolation für jede
neue Panik - ob offiziell oder von Medien und selbsternannten Experten
verkündet - empfänglich. Da auch die Politik inzwischen von
Selbstzweifel und Zynismus durchzogen ist, besteht keine Instanz, die
diesem Trend Einhalt gebieten könnte. Eine Gesellschaft, die sich
fürchtet, dürstet zwar nach offiziellem Rat und Beistand, doch
gleichzeitig traut man auch diesem nicht mehr.
Angst macht politische Führer nicht legitimer, sondern steigert nur
das Misstrauen und die Unsicherheit der Öffentlichkeit. Vor diesem
Hintergrund erklärt sich, wieso amerikanische und europäische
Politiker die Antwort auf den 11. September 2001 schließlich auf
der internationalen Bühne suchten.
Nationales
Interesse
Innerhalb weniger Wochen begann die US-Regierung mit der Bombardierung
Afghanistans. Die Begründung war wenig stichhaltig, denn nach allem,
was über die Urheber der Angriffe vom 11. September bekannt war,
handelte es sich um im Westen ausgebildete Muslime ohne bedeutende Verbindung
zu Afghanistan, und keine Organisation bekannte sich jemals zu den Anschlägen.
Doch da eine angemessene Antwort auf den 11. September im eigenen Land
sich nicht anzubieten schien, wurde eine Militärintervention am Hindukusch
eingeleitet.
Der Krieg in Afghanistan war eine seltsame Sache. Seit Beginn der 90er-Jahre
kompensieren westliche Regierungen mangelnde innenpolitische Legitimation
durch die Projektion von Macht und moralischer Überlegenheit in anderen
Regionen der Welt. Der erste Golfkrieg, die Intervention in Bosnien und
schließlich der Kosovo-Krieg waren die Wegmarken dieser Politik
der moralisch legitimen Intervention zum Schutz von Minderheiten vor vermeintlichen
Tyrannen und Völkermorden. Triebkraft dieser militärischen Abenteuer
war zwar nicht das Ringen um die Gunst der Wähler, aber auch kein
offenkundiges strategisches oder politisches Interesse. Westliche Staaten
nutzten die Welt eher als Bühne für die Bestätigung ihrer
Legitimation - gegenüber der eigenen Bevölkerung, der Welt und
in ihren Beziehungen untereinander.
Doch
der Krieg in Afghanistan war komplexer. Die Welt stand hinter Präsident
Bush im Krieg gegen den Terror, doch wo er stattfinden sollte, war nicht
ohne weiteres ersichtlich. Afghanistan - ein geeigneter Kandidat und ein
ungefährliches Ziel - bot sich als sinnvolles Terrain für die
Reaktion auf den 11. September und einen Test westlicher Entschlossenheit
an. Doch von Anfang an stand die bombastische Rhetorik in ausgeprägtem
Widerspruch zum verhaltenen Charakter der militärischen Kampagne.
Schon wenige Tage nach dem 11. September äußerten viele Beobachter
die Sorge, Amerika könne zu einem aggressiven Rachefeldzug ausholen,
und wunderten sich, als dies dann nicht eintrat. Bush baute umsichtig
internationale Unterstützung für die Intervention in Afghanistan
auf, die von ausgeprägter Zurückhaltung und politisch korrekten
Zielvorgaben gezeichnet war. Lebensmittelpakete regneten zeitgleich mit
den Bomben auf das Land; die Beseitigung der humanitären Missstände
unter dem Taliban-Regime wurde als zentrales Kriegsziel benannt; und man
versicherte ohne Unterlass, es handele sich keinesfalls um einen Krieg
gegen den Islam.
Zwar
wurde der Verlauf der Kampagne militärisch von vielen Beobachtern
als unbefriedigend eingestuft, doch unter PR-Gesichtspunkten präsentierte
sie sich als angemessene Reaktion auf den 11. September, da sie als Maßnahme
zur Eindämmung oder Beseitigung mörderischer Terroristen und
Warnung an deren potenzielle Nachahmer gedacht zu sein schien.
Doch der Krieg war in Wirklichkeit eine chaotische Blamage. Bin Laden
ließ sich nirgends auftreiben; die Taliban leisteten keinerlei Widerstand
gegen den Feind. Was als Kampf gegen staatenlose Terroristen begann, sah
daher wie ein westlicher Einsatz gegen ein wehrloses Land der Dritten
Welt aus, nur um im nächsten Schritt auf so unergründliche Weise
in eine humanitäre Mission zur Rettung der Afghanen zu mutieren.
Diese Neubestimmung des Kriegsziels musste wie eine nachträglich
beigebrachte PR-Aktion erscheinen.
Doch
selbst im Kampf gegen die erbärmliche Bauernarmee der Taliban gelang
es der US-Streitmacht, sich in sinnlose Scharmützel zu verstricken.
Zudem kam es zu bedauerlichen Zwischenfällen wie dem Artilleriebeschuss
von Hochzeitsgesellschaften. Achtzehn Monate später ist ein Ende
dieses Krieges noch immer nicht in Sicht und der Verbleib bin Ladens ein
Mysterium. Dabei wurden die ursprünglichen Kriegsziele so häufig
revidiert, dass sie inzwischen keiner mehr kennt. Der Afghanistan-Krieg
wurde somit sowohl praktisch als auch symbolisch zunehmend zum Problem.
Das wäre eventuell nicht weiter von Belang gewesen, wäre da
nicht auch noch der Irak.
Zurück
an den Golf
Seit mit dem Krieg gegen den Irak der wohl unpopulärste westliche
Krieg aller Zeiten begann, sind viele der Ansicht, die Vereinigten Staaten
wollten, ungeachtet der Ergebnisse der UN-Waffeninspektionen, schon lange
unbedingt diesen Krieg. Zweifellos gibt es in der US-Regierung Personen,
die von einer Art Saddam-Obsession geplagt zu sein schienen. Auch Äußerungen
Bushs dahingehend, man habe es "mit dem Typen zu tun, der meinen
Vater umbringen wollte", waren nicht gerade geeignet, den Eindruck
zu mildern, dass die USA auf diesen Krieg geradezu versessen schienen.
Doch eines sollte klar sein: Was immer die amerikanischen Pläne hinsichtlich
des Irak gewesen sein mögen, die US-Regierung hatte sicher zu keinem
Zeitpunkt die Absicht, sich in einen Krieg zu stürzen, der den UN-Sicherheitsrat
spalten, US-Gegnern weltweit Auftrieb geben, die Bevölkerung von
der politischen Elite entfremden und viele amerikanische Soldaten das
Leben kosten würde.
Der
Irak-Konflikt in seinen ganzen Weiterungen ist nicht das Ergebnis einer
strategischen Mission der amerikanischen Führung, sondern tiefgreifender
und vielschichtiger Spannungen in der westlichen Welt, die sich an einem
Punkt bündeln, der zufällig Irak heißt. Das hat weder
mit der Mentalität George Bushs, der Bedrohung durch den Terror,
noch mit den sanfteren Gefühlen der "alten" Europäer
für ihre arabischen Nachbarn oder den Prinzipien der neuen Friedensbewegung
ursächlich viel zu tun. Es geht um hausgemachte Spannungen und Widersprüche
im Westen selbst, die auf der internationalen Bühne ausgelebt werden.
Seit
zwölf Jahren nimmt der Irak die Rolle des Schurkenstaats sans pareil
ein. Schon 1991 war der erste Golfkrieg nach dem Zerfall der Sowjetunion
ein Fokus für westliche Gemeinsamkeit gegenüber einer neuen,
unsicheren Welt. Diese Einigkeit, die sich in Institutionen wie UN und
Nato verkörperte, half, die Spannungen im westlichen Bündnis
unter Verschluss zu halten und den internationalen Beziehungen eine gewisse
Ordnung und Struktur zu geben.
Heute wird oft die Frage gestellt, warum man Saddam Hussein nicht schon
damals erledigt habe. Diese Fragestellung verkennt, dass man Saddam Hussein,
hätte es ihn seit 1991 nicht mehr gegeben, neu hätte erfinden
müssen. Die zwölf Jahre lange Kampagne gegen Saddam Hussein
mit Bomben, Sanktionen, Inspektionen und Kontrollen aller Art half den
westlichen Regierungen, ihre Kohärenz zu wahren. Der Wunsch, Kontrolle
auf eine als zunehmend ungemütlich empfundene Weltordnung auszuüben,
milderte die Spannungen im westlichen Bündnis - und um Kontrolle
auszuüben, benötigt man nun einmal ein paar Schurkenstaaten.
Damit
haben auch die Dissidenten im UN-Sicherheitsrat kein Problem. Keine westliche
Nation hat Interesse daran, den Irak zu verteidigen, Amerika zu brüskieren
oder eine Spaltung im westlichen Bündnis auszulösen. Selbst
die Antikriegs-Lobby - von Jacques Chirac bis zu den Demonstranten auf
den Straßen der westlichen Welt - forderte lediglich mehr Zeit für
Kontrolle mittels Diplomatie statt Krieg. Dass der Westen den Irak kontrollieren
muss, ist also nach wie vor unhinterfragt. Doch viele andere Spannungen
sind inzwischen in den Vordergrund getreten, die dafür sorgen, dass
die Stabilität, für die das westliche Bündnis steht, erstmals
ernsthaft in Frage gestellt scheint.
Man
betrachte beispielsweise Frankreich. Was erhoffte sich Präsident
Chirac von einem Streit mit den Vereinigten Staaten über ein paar
Monate Waffeninspektionen mehr oder weniger? In der langfristigen Welt
sehr wenig, doch kurzfristig hat die fragile Chirac-Präsidentschaft
einen starken Ansehensschub für sich verbuchen können. Chirac
gilt nun nicht mehr als eine zweitrangige Figur, der ein Korruptionsverfahren
bevorsteht, die aber wenigstens besser ist als Le Pen, sondern als Held
mit politischen Grundsätzen, der sich für das kleine Frankreich
gegen die bösen USA stark macht. Die Haltung der deutschen Regierung
unter Gerhard Schröder zur Irakfrage hat zwar kein vergleichbares
Maß an patriotischer Begeisterung ausgelöst, dem deutschen
Kanzler aber ebenfalls neue Legitimation in weiten Teilen der Bevölkerung
verschafft.
Dass
das in dieser Form auftreten kann, liegt daran, dass die USA selbst Zweifel
an der Legitimität ihrer Dominanz in der unipolaren Welt hegen. Seit
Jahren hat sich Washington auf die Stützung der UN für seine
militärischen Abenteuer verlassen. Das Unbehagen gegenüber direkter
unilateraler Ausübung amerikanischer Macht in der internationalen
Arena war deutlich - deshalb auch der Aufstieg nicht-staatlicher Akteure
und multilateraler Institutionen, welche die Weltereignisse inzwischen
in ein undurchschaubares Netz nicht zurechenbarer Instanzen hüllen.
Deshalb auch hat Bush bis zuletzt die Vereinten Nationen mit Flehen, Drohgebärden
und Kompromissen für den Krieg gegen den Irak gewinnen wollen. Nachdem
die USA den Konflikt unter der Annahme, man werde die Verbündeten
schon mit ins Boot holen, einmal in Gang gesetzt hatten, hatte man wenig
Appetit auf einen Alleingang. Als es dann schließlich doch dazu
kam, war der Grund ein rein negativer: Da man schon so weit gegangen war,
gab es keinen Weg zurück.
Unter
dem Eindruck ihres Unvermögens, auf den 11. September entschieden
und erfolgreich zu reagieren, und nach der wenig beeindruckenden Intervention
in Afghanistan, besann sich die US-Elite auf den Irak. Die USA haben sich
zuerst nach außen gegen Afghanistan, dann wieder zurück in
den innenpolitischen Antiterrorkampf und schließlich wieder nach
außen gegen den Irak gerichtet, um gegen einen ausgemachten Schurkenstaat
doch noch einen Erfolg verbuchen zu können. Dabei wurde die Schwäche
und Substanzlosigkeit der amerikanischen Politik in einer Weise deutlich,
die andere Regierungen ermutigte, sich Amerikas Schwäche parasitär
für die eigenen kurzfristigen Ziele zunutze zu machen.
All das wird vor einer Öffentlichkeit ausgespielt, die von der Politik
desillusioniert und von der Kultur der Angst geprägt ist. Auf jeden
Versuch der Politik, so etwas wie Macht zu projizieren, reagiert diese
Öffentlichkeit ablehnend, furchtsam und zynisch. Und die Medien,
die viel für Gerüchte und Verschwörungstheorien, wenig
hingegen für Analyse sorgen, boten ein treues Abbild der tiefen Verwirrung
unserer Tage. So kamen wir vom 11. September dahin, wo wir nun sind.
Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Reul, Textbüro Reul
GmbH, Frankfurt a.M. (www.textbuero-reul.de).
Jennie Bristow ist Redakteurin beim britischen Novo-Partnermagazin
Sp!ked (www.spiked-online.com),
wo auch dieser Artikel erschienen ist. In Novo63 ist zuletzt von ihr erschienen
"Ächten, was nicht stattfand" über vermeintliche Klonbabys
und Ängste vor moderner Wissenschaft.
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