Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Irak: Eine Inspektion der Lage
Kai Rogusch:
Eine "Revolution im verteidigungspolitischen
Denken"
Mick Hume:
Krieg der Hasenfüße
Brendan O'Neill:
Nordkorea: vom Niemandsland zum Kriegstreiber?
[Heft S.18]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Michael Miersch:
Angst wollen Seele essen?
Oliver Rautenberg:
Bt-Baumwolle: Hoffnung für Indiens Landwirte
Kamesware Rao:
Transgene Baumwolle ist pflegeleichter, resistenter,
ökonomischer
Michael Breu:
Die aufgeklebten Motten
[Heft S.31]
POLITIK &
GESELLSCHAFT
Sebastian Anders:
Therapie auf Teufel komm raus
Jennie Bistrow:
Ächten, was nicht stattfand
[Heft S.35]
Michael Fitzpatrick:
Die therapeutische Gesellschaft
Elisabeth Lasch-Quinn:
Das Zeitalter der Manipulation
[Heft S.39]
Matthias Heitmann:
Der Blick durch den Bauchnabel
MEDIEN &
KULTUR
Hanko Uphoff:
Steht die Revolution bevor?
[Heft S.43]
Wolfgang Müller-El Abd:
Invasion der Bilder
[Heft S.44]
Bernd Herrmann:
Killerbienen in Kanada?
Stefan Chatrath:
Fußballprofis wie Erwachsene behandeln
Christoph Bausenwein:
Lasst sie das später beim Bierchen regeln
[Heft S.49]
RUBRIKEN
STICHWORT
Deutschlands durchschlagende Weltpolitik
von Sabine Reul
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.7]
OBACHT
von Thomas L. Friedman: Oh, diese erhabenen Europäers
[Heft S.17]
BÜCHER
[Heft S.24]
MITTE
Die Zukunft ist möglich! Das Zukunftsmanifest von Matthias Horx
[Heft S.26]
EINSPRUCH
von Walter Krämer:
Studiengebühren sind sozial
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann: Kruzitürken, äh, Schotten
[Heft S.49]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.50]
|
Therapie auf Teufel komm raus
Seit einigen Monaten schwappt das Thema satanischer Missbrauch und Kannibalismus
durch die deutsche Medienlandschaft. Immer mehr Menschen berichten von
schlimmen Kindheitserinnerungen und outen sich als Opfer rituellen Missbrauchs.
Sind ihre Erinnerungen real? Sebastian Anders erläutert
die Hintergründe.
Im Dezember letzten Jahres erschütterte der Fall des "Kannibalen
von Rotenburg" die deutsche Öffentlichkeit. Der unauffällig
lebende und als freundlich geltende Mann hatte gestanden, einen 42-Jährigen
über eine Anzeige kennen gelernt, ihn mit dessen Einverständnis
getötet und teilweise gegessen zu haben. Angesichts der breiten Berichterstattung
verfestigte sich der Eindruck, Ereignisse dieser Art seien keine Einzelfälle,
sondern weiter verbreitet. Das Thema dominierte nicht nur die Schlagzeilen
der Boulevardpresse. Auch das ZDF widmete sich der Thematik. Am 15. Januar
2003 berichtete das Fernsehmagazin ZDF.reporter über Kannibalismus
in Deutschland. In der Reportage von Rainer Fromm wurde von zwei Frauen
und einem kleinen Mädchen berichtet, die von Vergewaltigungen, Folter,
Mord und Kannibalismus in satanischen Kulten sprachen.1 Das
Mädchen erzählte unter Weinkrämpfen, wie "ein Kind
verspeist wurde, so dass nur noch Knochenteile und die Augen übrig
blieben".
Satanismus, Kannibalismus und Missbrauch - spätestens bei dieser
Reportage wird klar, dass auch öffentlich-rechtliche Sender auf derart
reißerische Themen setzen, ohne stichhaltige und nachvollziehbare
Erklärungen zu liefern und ohne damit einen journalistischen Zweck
zu erfüllen. Zwar betonte Rainer Fromm stets die "absolute Seriosität"
seiner Recherchen. Auch sprach er korrekt von Indizien, Anhaltspunkten
und Hinweisen. Konkrete Beweise für die Wahrheit der berichteten
Schilderungen legte er indes nicht vor. Wie sind Schilderungen dieser
Art einzuschätzen? Wie ist die Häufung solcher Berichte zu erklären?
Ein Blick über den Atlantik hilft, denn: in den USA haben sich ähnliche
Fälle bereits vor einigen Jahren ereignet. Die Parallelen sind auffällig
und vielsagend.
Unterdrückte
Erinnerungen
Gemeint sind die Vorfälle, die in den 80er- und 90er-Jahren die amerikanische
Öffentlichkeit schockierten und die später den Begriff "False
Memory Syndrom" (zu deutsch: Syndrom der falschen Erinnerungen) bekannt
machten. Ausgangspunkt war eine Häufung von Berichten, denen zufolge
Psychotherapie-Patienten - vornehmlich Frauen - plötzlich Kindheitserinnerungen
an sexuellen Missbrauch mit zum Teil rituellem und satanischem Hintergrund
wiedererlangt hatten. Dieses Phänomen trat fast ausschließlich
bei Behandlungen durch Therapeuten auf, die so genannte Aufdeckungstechniken
anwandten. Sie basieren auf der Theorie der unterdrückten Erinnerungen:
Ihr zufolge werden im Falle traumatischer Erlebnisse - vor allem in der
frühen Kindheit - Erinnerungen automatisch in das Unterbewusstsein
abgeschoben, wo sie zwar nicht erinnerbar sind, aber dennoch zu psychischen
Problemen und Störungen führen können. Sehr häufig
treten als Konsequenz solcher Störungen Persönlichkeitsspaltungen
auf.2 Ziel der Aufdeckungstechniken ist es nun, diese unterdrückten
Erinnerungen wieder erinnerbar zu machen, damit der Patient sie durch
erneutes Durchleben verarbeiten kann und so die Ursache der Störungen
behoben wird. Diese Theorie ist allerdings nicht zu verwechseln mit dem
Verdrängungskonzept der Psychoanalyse. Denn in der Psychoanalyse
sind die Erinnerungen stets präsent und werden wegen der mit ihnen
verbundenen unangenehmen Gefühle wieder verdrängt.
Die
Theorie der unterdrückten Erinnerungen wurden von Pressure Groups
wie der "International Society for the Study of Dissociation"
(ISSD) verbreitet. Therapeuten und Psychologen wurden in Aufdeckungstechniken
geschult und mit Symptomlisten und Informationen über die Häufigkeit
des sexuellen Missbrauchs ausgestattet. Die Listen enthielten derart breit
gefächerte Symptome, dass kaum ein psychisch gesunder Mensch - geschweige
denn eine Patientin, die mit psychischen Problemen einen Therapeuten aufsuchte
- durch das so aufgestellte Raster fallen konnte. Hinzu kam, dass gleichzeitig
Symptome wie "übersteigertes Selbstwertgefühl" oder
"zu geringes Selbstwertgefühl" aufgeführt wurden.
Die den Therapeuten auf Basis dieser Symptome vorgelegten Zahlen über
die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs entbehrten jeglicher sachlichen
Grundlage. In den USA wurden Zahlen von jährlich 50.000 rituell missbrauchten
und ermordeten Kindern verbreitet. In Deutschland geistert heute noch
die nachweislich falsche Zahl von 300.000 missbrauchten Kindern pro Jahr
durch die Medienlandschaft.3 Mit solchen Zahlen und Informationen
ausstaffiert, begaben sich überzeugte Therapeuten auf die Suche nach
unterdrückten Erinnerungen an Missbrauchserlebnisse in der Kindheit
ihrer Patientinnen - und wurden fündig: Selbst vom Vorhandensein
solcher unterdrückter Erinnerungen überzeugt, merkten sie nicht,
wie sie ihre Patientinnen während der Therapie auf das Thema Missbrauch
lenkten. Die Patientinnen wurden ausdrücklich aufgefordert, ihren
Erinnerungen freien Lauf zu lassen. In den meisten Fällen wurden
hypnotische und autohypnotische Techniken sowie Psychopharmaka angewandt.
Oft steigerten sich dabei die Erinnerungen in ihrer Brutalität und
im Ausmaß, und es kam zu heftigen Reaktionen von Patientinnen. Einige
Frauen wurden dabei zum Schutz in so genannten "abreaction rooms"
auf Liegen geschnallt, weil sie heftige Anfälle bekamen oder um sich
schlugen.
Das
False Memory Syndrom
Die so ermittelten Aussagen von Patientinnen führten zu zahlreichen
Verurteilungen vermeintlicher Täter. Daraufhin begannen einige Wissenschaftler,
die Theorie der unterdrückten Erinnerungen kritisch zu überprüfen.
Sie entlarvten die Theorie als Vermengung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse
mit pseudowissenschaftlichen Interpretationen. Es ist vor allem Elizabeth
Loftus, Richard Ofshe und der "False Memory Syndrome Foundation"
zu verdanken, dass über die Theorie der unterdrückten Erinnerungen
aufgeklärt wurde. Loftus zeigte mit Experimenten auf, wie leicht
Menschen durch Suggestion von Erinnerungen an Geschehnisse glauben können,
die so niemals stattgefunden haben.4 Die Theorie der unterdrückten
Erinnerungen wies mehr Züge einer Ideologie denn einer Wissenschaft
auf. Sie bestand aus einem System gegenseitigen Zitierens und Bekräftigens
eigener Forschungsergebnisse, während kritische Studien immer mehr
ignoriert wurden. Richard Ofshe brachte es auf den Punkt: "Die Fehler,
die in dieser Therapie gemacht werden, leiden nicht am Mangel an zuverlässigen
Informationen, sondern sind größtenteils das Ergebnis des Ignorierens
zuverlässiger Informationen."5
Eine
besondere Rolle spielen Erinnerungen an rituellen satanischen Missbrauch,
da hierzu eine Vielzahl von Untersuchungen bekannt sind. Laut vorsichtigen
Schätzungen der "False Memory Syndrome Foundation" wiesen
bis zu 18 Prozent der Fälle von aufgedeckten Erinnerungen Verbindungen
zu rituellem Missbrauch durch satanische Gruppen auf. Die Patientinnen
mit solchen Erinnerungen berichteten von unvorstellbaren Folterungen,
grausamen Ritualen, Menschen- und Tieropfern, Kannibalismus sowie von
Missbrauch durch Außerirdische. Eine Patientin berichtete sogar,
dass sie zur Hohen Priesterin geweiht wurde und der Kult jedes Jahr 2000
Säuglinge opferte und teilweise verspeiste. Es folgten Anzeigen und
polizeiliche Ermittlungen, die aber zu keinen Verurteilungen führten.
So kam dann die Theorie auf, diese Kulte bestünden bereits seit Jahrhunderten
und hätten die Gesellschaft bis in hohe Positionen hinein unterwandert.
Dabei bedienten sie sich "Mind-Control Techniken", welche die
CIA entwickelt hätte, um die Opfer zu programmieren. Auch die NASA
und die Mafia seien laut dieser Theorie in die satanische Verschwörung
verwickelt gewesen.6
Diese
Mutmaßungen entpuppten sich als pure Hysterie. Alarmiert durch die
sich häufenden Anschuldigungen wurden in den Niederlanden, Deutschland,
Großbritannien und in den USA Studien über rituellen satanischen
Missbrauch durchgeführt. In Deutschland liegt eine Sonderauswertung
des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen vor, in der es heißt:
"Ob es hingegen überhaupt oder in der Häufigkeit zu den
geschilderten schwersten Straftaten kommt, ist zu bezweifeln."7
Eine Anfrage an das Bundeskriminalamt zur Existenz rituellen satanischen
Missbrauchs ergab im Mai 2002 folgende Stellungnahme: "Nach Erkenntnissen
des BKA konnte dieser Verdacht zum Teil definitiv ausgeräumt werden."
In einer von der britischen Regierung beauftragten Studie wurden 86 Fälle
von Berichten über rituellen satanischen Missbrauch untersucht. 1994
wurden die Ergebnisse veröffentlicht: Die Existenz rituellen satanischen
Missbrauchs konnte nicht nachgewiesen werden.8 Eine Untersuchung
im Auftrag des niederländischen Justizministeriums ging 500 ähnlichen
Berichten nach. Es kam lediglich zu einer Verurteilung, die jedoch nicht
auf einen Kult hinwies. Das Justizministerium erließ daraufhin eine
Polizeirichtlinie, nach der bei Anschuldigungen wegen rituellen und satanischen
Missbrauchs erst dann Verhaftungen vorgenommen werden dürfen, nachdem
zuvor der Therapeut des Opfers einer Überprüfung unterzogen
wurde und sich zusätzliche, den Verdacht erhärtende Beweise
ergeben haben.9
Die ausführlichste Untersuchung stammt aus den USA. Die Studie des
"National Center on Child Abuse and Neglect" über rituellen
satanischen Missbrauch, in der in fünf Jahren 11.000 Personen - überwiegend
Therapeuten - befragt und über 12.000 Fälle untersucht wurden,
konnte keinen einzigen Verdachtsfall bestätigten. Auffallend dabei
war, dass über 80 Prozent der gemeldeten Fälle auf nur 1,4 Prozent
der Befragten zurückgingen.10
Diesen
beruhigenden Erkenntnissen folgten in den 90er-Jahren Hunderte Schadenersatzklagen
gegen amerikanische Therapeuten, die auf Basis der nun als pseudowissenschaftlich
entlarvten Theorie der unterdrückten Erinnerungen angebliche Missbrauchserinnerungen
provoziert hatten. Die Klagen führten fast ausnahmslos zum Erfolg.
Der größte Schadenersatzanspruch belief sich auf 10,6 Millionen
US-Dollar, ein selbst für amerikanische Verhältnisse hoher Betrag.
Selbst führende Vertreter der Pressure Groups distanzierten sich
von ihren früheren Aussagen, und die Theorie um die unterdrückten
Erinnerungen wurde als "der Psycho-Hit der frühen 90er-Jahre"
entlarvt.11
Der
"Psycho-Hit" schwappt nach Deutschland
Mit zehnjähriger Verspätung ist das Thema "unterdrückte
Erinnerungen" auch in Deutschland angekommen. Dies geht einher mit
der Ausbreitung einschlägiger Pressure Groups, die sich dieses Themas
annehmen und es in die Öffentlichkeit tragen. Eine dieser Gruppen
ist der deutsche Ableger der "International Society for the Study
of Dissociation" (ISSD).12 In diesen Zusammenhängen
sind auch Ulla Fröhling und Michaela Huber aktiv, zwei der wichtigsten
Verfechterinnen der Theorie der unterdrückten Erinnerungen. In der
Szene zählen ihre Bücher zu den einflussreichsten Werken. In
Fröhlings Roman Vater unser in der Hölle wird die Geschichte
einer Frau erzählt, die sich in Therapie an rituellen satanischen
Missbrauch in ihrer Kindheit zu erinnern beginnt. Im Nachwort des Romans
wird Sympathie für die in den USA längst verworfene Therapieform
zum Ausdruck gebracht. Sie zweifelt darin sogar bedeutende Freisprüche
in Missbrauchs-Verfahren in Deutschland an. Diese Prozesse von Nordhorn,
Coesfeld, Flachslanden und Worms sind als Skandale in die deutsche Justizgeschichte
eingegangen: In den Jahren 1991 bis 1997 redeten "Aufdeckerinnen"
Kindern mittels suggestiver Befragung nachweislich Erinnerungen an Missbrauch
ein. Es kam zu einer Missbrauchspanik und Massenanschuldigungen. Alle
Angeschuldigten wurden - zum Teil wegen erwiesener Unschuld - freigesprochen,
und es kam massive Kritik an den Methoden der an der Aufklärung beteiligten
feministischen Kinderschutzvereine wie "Wildwasser" oder "Zartbitter"
auf. So stellte Richter Hans Lorenz im dritten Wormser Prozess fest, "die
Kinder konnten sagen, was sie wollten. Alles trug zur Festigung des Verdachts
bei, sie seien sexuell missbraucht worden"13 und die
"ideologische oder feministische Voreingenommenheit lasse befürchten,
dass es noch ähnliche Verfahren geben werde".14
"Kannibalismus
in Deutschland"?
Vor diesem Hintergrund scheint auch die eingangs erwähnte ZDF-Reportage
in einem anderem Licht. So kommen Zweifel auf an den Erklärungen,
die in "Kannibalismus in Deutschland" von Fromm für die
Ursachen der Missbrauchs- und Foltererinnerungen gegeben werden - vor
allem, wenn man sich anschaut, welche Experten darin zu Wort kommen: So
wurde die Therapeutin des in der Reportage gezeigten Mädchens, Dagmar
Eckers, als anerkannte Expertin interviewt. Sie ist als Ansprechpartnerin
der deutschen Arbeitsgruppe Kinder der ISSD aufgeführt und bereits
öfters vor die Kamera getreten, um vermeintlich wissenschaftlich
fundierte Ansichten zu vertreten - z.B. in einer ähnlichen Reportage
des ZDF von Rainer Fromm, die am 25. Juni 2002 ausgestrahlt wurde: Sie
ist darin mit einem aufgelösten Kind vor der Kamera zu sehen.15
In der Folge traten Renate Rennebach und Solveig Prass an die Öffentlichkeit.16
Rennebach, ehemalige Bundestagsabgeordnete der SPD, rief die Enquetekommission
des Bundestages zu Sekten und Psychogruppen ins Leben. Solveig Prass,
Geschäftsführerin der sächsischen Eltern- und Betroffeneninitiative
(EBI), berichtete gegenüber der Nachrichtenagentur ddp, dass sie
derzeit fünf Opfer ritueller Gewalt betreue, die teilweise von Gehirnwäsche
und Menschenopfern berichteten.17 Rennebach und Prass hielten
2002 auf der Veranstaltung "Satanismus und Rechtsextremismus: Brüder
in Wort und Tat?" Vorträge, zusammen mit Ulla Fröhling,
Rainer Fromm und Ingolf Christiansen.18 Hieraus ergibt sich
das Bild, dass die Recherchen von Fromm sehr stark auf Informationen dieser
Pressure Groups beruhen, wobei er seine Recherchen auffällig oft
als "absolut seriös" bezeichnet. Ebenso auffällig
ist aber auch, dass er in seiner Reportage das Syndrom der falschen Erinnerungen
mit keinem Wort erwähnte.
Doch
auch in Deutschland bildet sich eine Sensibilität für die problematische
Erzeugung falscher Erinnerungen und multipler Persönlichkeitsstörungen
durch moderne Therapieansätze heraus. In einer Dokumentation der
Sendereihe die story in der ARD berichtet der Filmemacher Felix Kuballa
von der angeblich multiplen Persönlichkeit Elisabeth Reuter, die
neun Jahre lang zu Unrecht glaubte, von ihrem Vater missbraucht worden
zu sein, und in der sich 32 Persönlichkeiten herausbildeten. Gegen
ihren Therapeuten hat sie mittlerweile Klage eingereicht. Dies dürfte
der erste Fall in Deutschland sein, in der sich ein Therapeut wegen der
Induktion falscher Erinnerungen vor Gericht verantworten muss. "Es
ist die story' vom Aufstieg und Niedergang des Psychohits der letzten
Jahrzehnte", heißt es in der Vorankündigung des Westdeutschen
Rundfunks.19
Es bleibt zu hoffen, dass die "Theorie der unterdrückten Erinnerungen"
auch hierzulande schnell wieder verworfen wird - schneller als in den
USA, denn schließlich liegen die Beweise bereits auf dem Tisch.
Die Leidtragenden solcher pseudowissenschaftlichen Experimente sind die
echten Missbrauchsopfer, deren Schilderungen man künftig mit größerer
Skepsis begegnen wird, und solche, die sich zu Unrecht einreden lassen,
sie seien missbraucht worden. Denn aus so mancher Winterdepression ist
durch Therapie eine Missbrauchserinnerung geworden.

Sebastian Anders ist freier Journalist. Mehr Informationen zum
Thema finden sich auf seiner Website unter www.sebastian-anders.net.
FERNSEHTIPP
die
story: "Multiple Persönlichkeiten - Wahn der Therapeuten?"
Ein Film von Felix Kuballa, ARD, 19.3.03, 23.30 Uhr.
WEBTIPPS
Thilo Spahl:
"Invasion der Opfermacher" (Novo41): www.novo-magazin.de/41/novo4134.htm
Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen":
www.sekten.at/enquete/enquete.htm
Dokumentation von Einzelfällen über Missbrauchsverdächtigungen,
Kindesentzug sowie über die Justizskandale von Nordhorn, Worms
und Coesfeld: www.pappa.com
und www.skifas.de
False Memory Syndrome Foundation: www.fmsfonline.org
Dokumentation der Veranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion "Satanismus
und Rechtsextremismus: Brüder in Wort und Tat?" am 19.6.02:
www.spd-berlin.de/renate.rennebach/Veranstaltungen.html.
LITERATURTIPPS
Elizabeth
Loftus / Katherine Ketcham: Vom Mythos der Verdrängung bei Anklagen
wegen sexuellen Missbrauchs, Ingrid Klein Verlag, Hamburg 1995
Elizabeth Loftus: "Falsche Erinnerungen", Spektrum der
Wissenschaft Digest, 3/2002
Katharina Rutschky / Reinhart Wolff (Hg.): Handbuch sexueller Missbrauch,
Rowohlt Verlag 1999, EUR 10
Ulla Fröhling: Vater unser in der Hölle, Kallmeyer
1996, 384 S., EUR 22,50
Ursula Enders: Zart war ich, bitter war's. Handbuch gegen sexuellen
Missbrauch, Kiepenheuer & Witsch, 2001, 511 S., EUR 10.
ANMERKUNGEN
1
ZDF.reporter: "Kannibalismus in Deutschland", im Internet
unter www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0,1872,2030026,00.html.
2 Bekannt unter der Diagnose Multiple Persönlichkeitsstörung
(MPS), die aber wegen der Skandale in Dissoziative Identitätsstörung
(DIS) umbenannt wurde. Obwohl MPS sehr eng mit dem False Memory Syndrom
verknüpft ist, wird in diesem Artikel aus Platzgründen nicht
näher darauf eingegangen.
3 ZDF Frontal21: "Das schmutzige Geschäft
mit Kinderpornos", im Internet unter www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0,1872,2000592,00.html.
4 Elizabeth Loftus: "Falsche Erinnerungen",
Spektrum der Wissenschaft Digest, 3/2002.
5 Richard Ofshe / Ethan Watters: Making Monsters:
False Memories, Psychotherapy, and Sexual Hysteria, University of California
Press 1996, 360 S., $ 19,95 (bei www.amazon.com).
6 Elizabeth Loftus / Katherine Ketcham: Vom Mythos
der Verdrängung bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs, Ingrid
Klein Verlag, Hamburg 1995.
7 Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen: Sonderauswertung
"Okkultismus/Satanismus", 1995.
8 Prof. J.S. Lafontaine, Department of Health: "Extent
& Nature of Organized Ritual Abuse".
9 Ellen de Visser: "Hervonden incest' is onbewijsbaar",
De Volkskrant (Amsterdam), 6.10.97.
10 Daniel Goleman: "Characteristics and Sources
of Allegations of Ritualistic Child Abuse", 1994.
11 "Multiple Persönlichkeitsstörungen",
Der Spiegel, 44/1998.
12 Die deutschen Seiten der ISSD: www.dissoc.de.
13 Stuttgarter Zeitung, 18.6.97.
14 Süddeutsche Zeitung, 18.6.97.
15 ZDF Frontal21: "Das schmutzige Geschäft
mit Kinderpornos", im Internet unter www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0,1872,2000592,00.html.
16 "Satans perverse Diener", Berliner
Zeitung, 19.1.03.
17 "Satanisches Pädophilen-Netzwerk?",
Rhein Zeitung, 18.1.03.
18 www.spd-berlin.de/renate.rennebach/Veranstaltungen.html.
19 Pressetext des WDR vom 30.1.2003.
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